Aktivisten der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) protestieren am 13.09.2017 vor der nordkoreanischen Botschaft in Berlin mit Masken des nordkoreanischen Machthabers Jong-un (l) und des US-Präsidenten Trump gegen den Konflikt zwischen Nordkorea und den USA (Quelle: Britta Pedersen/dpa).
Bild: dpa-Zentralbild

Interview | Berliner ICAN-Aktivistin über den Friedensnobelpreis - "Die Geschichte kann sich plötzlich ändern"

Die Anti-Atomwaffen-Kampagne ICAN hat am Freitag den Friedensnobelpreis bekommen. Die Wahl-Berlinerin Xanthe Hall ist ICAN-Aktivistin und erzählt im Interview, was die Auszeichnung bei ihr auslöst und was ihr Hoffnung auf eine atomwaffenfreie Welt gibt.

rbb: Frau Hall, wie haben Sie erfahren, dass Ihre Initiative den Friedensnobelpreis gewonnen hat?

Xanthe Hall: Wir haben am Freitag zu acht in unserem Berliner Büro der IPPNW ("Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges", Halls Arbeitgeber, d.Red.) den Livestream von der Preisverleihung verfolgt. Als sie die ersten Teile unseres Namens gesagt haben, bin ich quasi explodiert (lacht). Ich habe mir schnell Infomaterialien für eine Pressekonferenz geschnappt und bin in ein Taxi gesprungen, das mich dann zur Heinrich-Böll-Stiftung gebracht hat.

Welche Auswirkungen, glauben Sie, hat diese Auszeichnung auf Ihre Arbeit?

Der größte Gewinn ist, dass wir Aufmerksamkeit bekommen. Viele Leute fragen uns jetzt, was wir tun, und wir können erklären, was wir mit dem Vertrag zum Verbot von Atomwaffen erreichen wollen. Am 20. September haben die ersten Staaten begonnen, ihn zu unterzeichnen, aber keiner weiß davon - und das ist das Problem. Deshalb müssen wir dieses Interesse durch den Nobelpreis jetzt nutzen, um auch der deutschen Regierung ein Signal zu senden: Ihr solltet auch dabei sein.

Die Bundesregierung sperrt sich gegen den Vertrag, sie äußerte die Befürchtung, dass Ihre Arbeit den Abrüstungsbemühungen "nachhaltigen Schaden" zufügt. Haben Sie Hoffnung, dass sich diese Position jetzt ändert?

Man muss bedenken, dass Deutschland zu einer kleinen Gruppe von 40 Staaten gehört, die noch an nukleare Abschreckung glaubt und denkt, dass ist der Weg,  unseren nationalen Sicherheitsinteressen zu dienen. Tatsache ist, dass die Mehrheit der Staaten weltweit keine Atomwaffen hat. Sie werden nur betroffen sein, wenn diese Waffen eingesetzt werden. Deswegen finde ich es super, dass das Nobelpreiskomitee diese Mehrheit erkannt hat. Dass es tatsächlich Zeit für einen Paradigmenwechsel ist.

Aber sämtliche Atommächte, die USA, Russland, Nordkorea, und die Nato-Mitglieder lehnen diesen Paradigmenwechsel ab. Wie könnten sie umgestimmt werden?

Wir geben mit diesem Vertrag ein Instrument an die Staaten, die dann mit den Atomwaffenstaaten verhandeln wollen - es ist ein Hebel. Wir denken nicht, dass jetzt alle Nuklearmächte sofort umfallen und sagen werden, sie rüsten jetzt sofort ab. Das ist illusorisch. Wir denken aber, dass wir das Völkerrecht ändern können. Damit kann man dann sehr gut argumentieren. Mit der Zeit wird es sicher passieren, dass der ein oder andere Staat auf nukleare Abschreckung verzichtet. Vor allem könnte das ein Bündnisstaat wie Deutschland sein - der dabei trotzdem in der Nato bleibt.

Hat der Streit zwischen Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-Un, der die Gefahr atomarer Abschreckung wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat, Ihr Thema auch zum Thema des Friedensnobelpreises gemacht?

Es ist das Schrecklichste, was ich mir vorstellen kann: Jemand droht vor den UN, einen anderen Staat auszulöschen und auf der anderen Seite macht Kim Jong-Un das Gleiche. Das darf nicht sein, und diese Androhung wäre nach dem neuen Vertrag auch verboten. Völkerrechtlich ist so etwas schon jetzt nicht gedeckt. Wir können an diesem Konflikt wieder sehen, wie schlimm es werden kann - die Leute fangen an, wieder Angst zu bekommen, wie sie sie auch in den 1980er Jahren hatten.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit in Berlin aus?

Für IPPNW arbeite ich hauptamtlich, für ICAN ehrenamtlich, wie alle hier - bei beiden bin ich für das Thema Abrüstung zuständig. Ich schreibe viel, ich gebe Interviews, mache politische Arbeit, Lobbyarbeit. Ich fahre auf internationale Konferenzen, halte Vorträge, spreche mit Botschaftern.

Wenn Sie mit direkt Beteiligten wie Botschaftern reden: Werden Sie dann ernüchtert von der tatsächlichen Machtpolitik? 

In den letzten Jahren ist mein Optimismus gewachsen, einfach weil ich mit vielen Botschaftern aus dem globalen Süden gesprochen habe. Früher war es so, dass wir mehr mit dem Atomwaffenstaaten selbst geredet hatten, weil wir dieselbe Meinung wie die Bundesregierung vertraten: Erstmal müssen wir die für unser Ziel gewinnen. Das war frustrierend, immer wieder mit Leuten zu reden, die nur an Abschreckung glauben und nicht bereit sind, sich vorzustellen, dass es andere Wege gibt.

Jetzt sind wir der Meinung, dass es andersherum sein muss. Botschafter von Ländern wie Südafrika, Brasilien, Irland verstehen das. Sie glauben an Abrüstung und das gibt uns Mut. Wissen Sie, ich habe damals hier in Berlin den Mauerfall mitbekommen und dabei gelernt: Die Geschichte läuft nicht linear, sondern kann sich ganz plötzlich ändern. Man muss eben fest daran glauben. Naja, vielleicht nicht nur dran glauben (lacht).

Das Gespräch führte Sebastian Schneider, rbb|24

Sendung: Inforadio, 06.10.17, 15 Uhr

Der Verein ICAN in Berlin

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

4 Kommentare

  1. 4.

    Ja Lotte, wer nicht gelernt hat, in Zusammenhängen zu denken, der muß meine Gedanken als wirres Zeug betrachten. Aber ich stimme Ihnen zu, den Menschen in der Eifel wünsche ich nicht, das sie mal von diesem Zeug geschädigt werden, zumal die Schuldigen jetzt hier in Berlin sitzen. Die Leute npredigen Wasser und trinken selbst Wein. So eine Heuchelei habe ich noch nicht erlebt.

  2. 3.

    Wie sind Sie denn drauf? Sie wünschen allen Ernstes das mal so eine Bombe hochgeht i.d.Eifel?Gehts noch? Setzen Sie gefälligst mal den Verstand ein.
    @Der von drüben schreibt auch nur wirres Zeug.Dann laßt es doch einfach sein.

  3. 2.

    Für mich ist es beschämend das die Bundesrepublik den entsprechenden Punkt bei der UNO nicht zu ratifizieren gedenkt.Ich hoffe sehr das eine der in der Eiffel gelagerten Atomwaffen mal hochgeht,nur durch solch ein Eeignis ähnlich wie in Fukushima wird der Druck auf unsere Bundesregierung so groß für ein wichtiges Umdenken.

  4. 1.

    Vereinsmeierei in Deutschland-Die Nobelpreisstiftung ist von Anfang an zwielichtig gewesen. Mit dem Friedensnobelpreis wurde da noch eins draufgesetzt.. Die Liste der Ausgezeichneten ist ein Spiegelbild der Aggressivität der NATO.

Das könnte Sie auch interessieren