Lutherdenkmal in Wittenberg (Bild: Foto: Lutherstadt Wittenberg)
Bild: Lutherstadt Wittenberg

ARD-Text fragt 95 Wissenschaftler - Wir brauchen mehr Ehrlichkeit, Respekt - und Insekten

Martin Luther wollte Kritik üben am Zustand der Gesellschaft und neue Wege gehen. Zum 500. Geburtstag der Reformation hat der ARD-Text Wissenschaftler gebeten, Thesen für die heutige Zeit zu formulieren. Mit teils überraschenden Ergebnissen.

95 Thesen heftete der Mönch Martin Luther 1517 an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg -  Luther wollte Kritik üben am Zustand der Gesellschaft und in seinen Augen notwendige Reformen aufzeigen. Er begann seine Thesen mit einem Aufruf und lud die Menschen ein, mitzudiskutieren.

Am 31. Oktober jährt sich dieses Ereignis zum 500. Mal. Aus diesem Anlass hat der ARD-Text Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Innen gebeten, aus ihrer Perspektive Thesen für die heutige Zeit zu formulieren. Wir haben neun dieser Thesen aus ganz unterschiedlichen Bereichen für Sie eingesammelt.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) besucht am 17.08.2017 die Bandweberei F.J. Rammer GmbH in Ohorn (Quelle: dpa/ Arno Burgi)
Für Johanna Wanka muss vor allem heute die Freiheit des Andersdenkenden gelten | Bild: dpa/ Arno Burgi

Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung:

Die Freiheit des Denkens muss immer wieder neu erstritten werden – auch in Zeiten multimedialer Vernetzung.

Die Reformation war ein wichtiger Schritt für die europäische Aufklärung. Martin Luther war ein Wegbereiter unserer bürgerlichen Gesellschaft. Unsere Welt ist geprägt durch die Freiheit des Einzelnen, der für sich und diese Gesellschaft Verantwortung übernimmt. Heute stellt die Digitalisierung Wissen in nie gekannter Fülle und Geschwindigkeit nahezu weltweit zur Verfügung. Aber zugleich entwickeln sich gewaltige Echokammern und Verschwörungstheorien, die unsere freiheitliche Welt wieder bedrohen.

Die Freiheit des Denkens ist mehr als die Proklamation schneller Ideen. Sie beruht auf der Suche nach Fakten und dem Austausch mit anderen. Freiheit des Denkens setzt die Bereitschaft voraus, sich mit den Argumenten anderer zunächst einmal auseinanderzusetzen und erst dann ein Urteil zu fällen. Freiheit des Denkens verlangt Respekt vor der Meinung Andersdenkender. Dies setzt in Zeiten von Cyber-Mobbing genauso viel Zivilcourage voraus wie zu Zeiten des großen Reformators.

Hans Uszkoreit, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH (DFKI):

Religionen müssen immer wieder reformiert und der Entwicklung der Zivilisation angepasst werden.

Wenn das gelingt, befreien sie sich immer mehr vom unnötigen regionen- und epochenspezifischen Beiwerk und von verfälschenden Verkrustungen, wie absurden Vorschriften und Vorurteilen, die ihren spirituellen Kern verdecken. Eine wunschgetriebene Illusion ist, dass sich jede Religion gleichermaßen gut für Reformation eignet. Unsere Solidarität muss denen gelten, die auch heute reflektiert und couragiert reformieren, transformieren, konvertieren und nicht denen, die überholte religiöse Lehre und Praxis mit naturwidrigen Kleidungs- und Ernährungsregeln, Angsterzeugung und Martyriumsverehrung schönreden und verharmlosen.

Der wahre Kern der Religion, ihre ewige Essenz, liegt in dem Teil, der nicht in Widerspruch mit dem Wissen gerät. Unsere Informationstechnologie wird zur Wissenstechnologie und die Gesellschaft wird zur Wissensgesellschaft. Mit dem Wissen evolviert die Humanität. Religion kann jetzt nur noch überleben, wenn ihre Reformation mit der Evolution des Wissens Schritt hält.

Christoph Markschies (Quelle: dpa)
Christoph Markschies sagt: Fehler eingestehen macht alles einfacherBild: picture alliance

Christoph Markschies, Professor für Antikes Christentum an der Humboldt-Universität in Berlin:

Martin Luther hat gelernt, ehrlich mit seinen Fehlern und seiner Schuld umzugehen. Davon kann man noch heute lernen.

Viele wissen nicht, wie sie offen von eigenen Fehlern reden können und ihre Schuld loswerden können. Immer wieder treffen wir auf Menschen, die schwer an der Last ihrer Fehler wie Schuld tragen oder darüber zerbrechen. Bis heute vermögen es manche nicht, über Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in den deutschen Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts zu sprechen. Von Martin Luther kann man lernen, ehrlich vom Menschen als einem "Mängelwesen" zu sprechen und doch zu wissen, dass dieses fehlbare Wesen angenommen und geliebt ist.

Luther begründet solche Einsichten mit dem christlichen Glauben: Gott hat den Menschen geschaffen und nimmt sein Geschöpf allein aus Gnaden trotz aller seiner Fehler und Schuld an. Aber auch Menschen, die nicht wie Luther glauben, können erfahren, dass sie angenommen sind - von anderen Menschen beispielsweise. Wenn in einer Gesellschaft Fehler und Schuld ehrlich eingestanden werden, leben Menschen leichter und besser zusammen.

Gesche Joost, Professorin für Designforschung an der Universität der Künste in Berlin. Sie fördert digitale Bildungsprojekte, ist Mitglied der EKD und Internetbotschafterin der Bundesregierung:

Wir müssen unsere gemeinsamen Werte in der digitalen Welt stärken: Rücksichtnahme und Respekt in einer starken Gemeinschaft.

Die Digitalisierung hängt immer mehr Menschen ab: Ihnen fehlen technische Kenntnisse, sie haben Angst um ihren Job und fühlen sich überfordert. Gleichzeitig beobachten wir eine Verrohung in Online-Debatten und Radikalisierung im Netz. Ängste und Orientierungslosigkeit sind Ursachen für diese Enthemmung  - hier kann die Kirche zuhören, zum Nachdenken anregen und Orientierung bieten. Wir müssen gemeinsam das positive Engagement im Netz stärken, Teilhabe ermöglichen und Grenzen aufzeigen, wenn Hass und Gewalt propagiert werden. Als Kirche müssen wir Partner der Schwachen sein, in Debatten Gegenrede halten und füreinander einstehen. Die christliche Gemeinschaft sollte auch im Netz spürbar sein - gerade für die, die sich abgehängt fühlen. Die vernetzte Welt bietet Chancen für eine Erneuerung unserer Gemeinschaft - auch im Sinne der christlichen Werte.

Tourist isst Insekt in Thailand (Quelle: dpa/ Udo Weitz)
In Thailand gehören Insekten bereits zur gängigen Kost | Bild: dpa/Udo Weitz

Birgit Rumpold, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität Berlin. Die Lebensmitteltechnologin beschäftigt sich neben Insekten als alternative Proteinquelle u.a. mit der Ernährungsbildung und Beruflichen Bildung:

Insekten können einen Beitrag zur Welternährung leisten.

Aufgrund der steigenden Weltbevölkerung und dem damit steigenden Bedarf an Nahrung und Proteinen, sind Insekten als alternative Proteinquelle in den Fokus gelangt. Sie sind reich an Proteinen und liefern wichtige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe. Sie eignen sich als Lebens und Futtermittel, z.B. für Fische und Geflügel, und werden in vielen Teilen der Welt traditionell bei mehr als zwei Milliarden Menschen verzehrt. Auch in Europa gibt es immer mehr insektenhaltige Produkte im Handel, allerdings ist die Akzeptanz beim Verbraucher hierzulande noch gering. Dabei sind sie eine umweltfreundliche Alternative zum Schnitzel und schmecken auch noch lecker. Durch eine nachhaltige Zucht auf Reststoffen (Catering- und Restaurantabfälle, Obst- und Gemüsereste aus dem Supermarkt, Schalen und Reste aus der Lebensmittelproduktion) können Sie einen wichtigen Beitrag zur Welternährung beitragen.

Rabbiner Walter Homolka, Professor für Jüdische Religionsphilosophie der Neuzeit und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Jüdische Theologie der Universität Potsdam:

Deutschland muss kinderfreundlicher werden.

Unsere Gesellschaft überaltert gefährlich. Das Rentensystem wackelt. Bald gibt es nicht mehr genug junge Menschen, die den Solidarpakt mit denjenigen aufrechterhalten können, die dann aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind. Ein Grund dafür kann darin liegen, dass es heute eine große Belastung für Familien ist, Kinder großzuziehen. Das fängt beim Familienbudget an und hört beim Ruf nach Ganztagsbetreuung nicht auf. Die Herausforderungen im Arbeitsleben steigen und lassen auch wenig Zeit für Kinder. Vom Druck auf Alleinerziehende ganz zu sprechen. Hier besteht eine besonders hohe Gefahr für Armut nicht erst im Alter. Das Judentum gibt der Familie einen großen Wert. Kinderlosigkeit gilt sogar als Makel. Wir brauchen gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die besser auf die Bedürfnisse von Kindern und ihren Eltern ausgerichtet sind: von der Einkommenssteuer über die Bildungsangebote bis hin zum Verständnis bei Arbeitgebern und öffentlicher Hand.

Reinhold Leinfelder, Geologe am Institut für Geologische Wissenschaften der Freien Universität Berlin. Er forscht zu Korallenriffen, dem Anthropozän und schreibt unter anderem auch Wissenschaftscomics:

Menschheitserbe Erde - aber Eigentum verpflichtet.

Der Mensch hat die Erde dermaßen umgestaltet, dass Wissenschaftler dafür schon eine neue erdgeschichtliche Epoche ausrufen wollen – das Anthropozän, die Menschenzeit. Wir kappen Berge, schneiden neue Täler, schaffen neue Seen, züchten neue Tiere und Pflanzen, bringen andere zum Aussterben, heben den Meeresspiegel und ändern das Klima. Um allen zukünftigen Generationen gute Chancen zu geben, müssen wir alle die Erde wie eine gemeinnützige Stiftung behandeln. Von den Überschüssen eines gut gepflegten Stiftungskapitals kann man gut leben, aber wehe man geht an die Einlagen. Bislang verhalten wir uns wie Parasiten der Erdressourcen, dabei wäre eine Symbiose mit der Erde machbar, wenn wir Kreislaufwirtschaft vorantreiben, gerecht handeln, die planetarischen Grenzen des Erdsystems beachten und insgesamt unsere Werte neu definieren. Uns kann es nur dauerhaft gut gehen, wenn es der Erde gut geht.

 

Arbeitslose Weimarer Republik 1930 in Berlin (Quelle: dpa)
Arbeitslose in Berlin zu Zeiten der Weimarer Republik 1930 | Bild: dpa/ akg-images

René Schlott, Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam:

Berlin ist nicht Weimar.

Trump, Brexit, AfD und Terroranschläge lassen die alte Frage aufkommen: Wie stabil ist unsere Demokratie? Lassen sich aktuelle Entwicklungen mit dem Niedergang der Weimarer Republik vergleichen? Nein, denn im Gegensatz zu den instabilen politischen Verhältnissen der Jahre 1918 bis 1933 erweist sich das Parteiensystem der Bundesrepublik als im Kern stabil. In Parlamentsdebatten und nicht in Straßenkämpfen wird heute um die Zukunft unseres Landes gestritten. Aus den verheerenden Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929/30 haben Ökonomen und Politiker gelernt. In der Finanzkrise 2007/8 reagierten sie mit international abgestimmten Gegenmaßnahmen. Vielfalt, Freiheit und demokratische Werte unserer Gesellschaft werden nur von einer kleinen Minderheit in Frage gestellt; die große Mehrheit unterstützt und lebt sie. Dennoch gilt auch heute: Jede demokratische Errungenschaft ist nur so stark wie die Bereitschaft jeder und jedes Einzelnen notfalls für sie einzustehen.

Peter-André Alt, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Präsident der Freien Universität:

Unsere medizinische Forschung sorgt dafür, dass immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen. Aber sind wir darauf wirklich vorbereitet? Die Forschung sollte uns Wege zeigen, wie wir altern, ohne den Sinn unseres Lebens aus dem Blick zu verlieren.

Es ist eine merkwürdige Diskrepanz, die uns alle beherrscht: Ein großer Teil der Menschen erreicht inzwischen bei deutlich verbesserter Gesundheit ein hohes Lebensalter. Aber die Anzahl derjenigen, die sich als glücklich bezeichnen, nimmt ab. In Ländern außerhalb Europas, in denen der Wohlstand gestiegen ist, verringert sich zugleich die Zufriedenheit über die eigene Situation. Unser vermeintliches Unglück hat viel damit zu tun, dass wir uns mit Erreichtem nicht begnügen, dass wir, unruhig und getrieben, nach immer neuen Zielen, Erfolgen und Möglichkeiten streben.

Die Forschung, die unser Leben verlängert, wird uns in Zukunft auch zeigen müssen, wie wir uns in diesem Leben besser als zuvor einrichten. Dazu gehört, dass wir nicht nur narzisstisch nach Selbstoptimierung streben und uns weniger wichtig nehmen. Wir brauchen neue Erlebnisformen, die auch den Rückzug und die Einsamkeit einschließen. Die Medizin, die Psychologe und die Philosophie des 21. Jahrhunderts müssen uns Existenzlehren vermitteln, die den Menschen zum Sinn seiner selbst führen. Denn nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Gesundheit steht auf dem Spiel.

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7 Kommentare

  1. 7.

    >>Aus diesem Anlass hat der ARD-Text Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Innen ... <<
    ??? eine Bauchlandung der Verbalakrobatik um nur nicht anzuecken ??

    [ Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ]

  2. 6.

    " Wir brauchen mehr Ehrlichkeit, Respekt... "
    das Wort " mehr " suggeriert, dass überhaupt Ehrlichkeit u. Respekt vorhanden ist . Ich glaube das nicht Wo ist man denn ehrlich ? beim Finanzamt ? , in der nationalen oder gar internat. Politik etwa ? evtl.noch notgedrungen beim Arztbesuch .
    Und Respekt ? nur bei jenen von denen man etwas möchte oder wo die hohe Stellung ( z.B. Papst ) es einfach gebietet .
    Respekt vor der Polizei oder sonstigen Amtsträgern ? nur dann, wenn Nachteile zu befürchten sind. In der Schule vor der Lehrkraft oder vor der Instituion als solcher ?? lachhaft! Vor dem Arbeitgeber ? ja, ein notgedrungener Respekt um nicht sein Einkommen zu riskieren. Ehrlichkeit u. Respekt sind in weiten Teilen auf der Strecke geblieben.

  3. 5.

    Vielleicht wäre die Quintessenz, dass es nichts für alle Richtiges gibt, nur etwas anderes.

    In Bewusstheit dessen würden so manche Töne und Formeln etwas leiser ausgesprochen und auch etwas langsamer und mehr Zeit gegeben, sie würdigen zu können.

    Wenn ich eine These zu formulieren hätte, dann wäre es die, dass innerliches, gewollltes Lassen genauso wichtig ist wie Tun. Weil unsere Gesellschaft am getriebenen Tun leidet.

  4. 3.

    Ergänzung:ich wünsche mir sehr das auch bei Medien ein Umdenken stattfindet, nämlich mehr Achtsamkeit, für die Umwelt in Restaurants keine Wärmestrahler
    weniger Lärm überall

  5. 2.

    Ja wir brauchen mehr Respekt und Achtung ,auch Meinungsverschiedenheit, die kommt immer öfter zu kurz, schnell wird in eine Schublade geschoben
    es wäre auch dringlichst geboten, den Sonntagsverkauf zu streichen, mehr Besinnung ist dringend nötig mehr Achstamkeit, nicht ständig Wirtschaftliche Interessen und die arbeitende Bevölkerung fällt hinten runter.
    Die Ladenschlußzeiten auf maximal 20.30h begrenzen
    Die unsäglich unglückliche " Sommerzeit endlich beenden

  6. 1.

    Wir brauchen mehr Ehrlichkeit, das ist wohl wahr!

    Martin Luther war geistiger Brandstifter von Holocaust und mittelalterlicher Aufstandsbekämpfung, zudem theologischer Wegbereiter des Absolutismus, Frauenhasser, Befürworter des Mordens an Andersgläubigen und Gebrechlichen. 

    Was soll man aber auch von einer Kirche erwarten, die auf dem Kirchentag den Oberbefehlshaber der mit Abstand größten Kriegsarmee der Welt und die Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel, die durch ihre Politik die Kluft zwischen Arm und Reich sowie zukünftige millionenfache Altersarmut weiter zementiert, so unkritisch zelebriert hat.

    An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.
    (1. Johannes 2,1-6)

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