BND-Zentrale in Berlin, Chausseestraße
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Audio: Inforadio | 15.11.2017 | Michael Götschenberg | Bild: imago, Jürgen Ritter

rbb exklusiv | BND-Abteilung gegen Terrorismus - Anti-Terror-Kämpfer ziehen in BND-Neubau ein

Nach jahrelanger Bauzeit sind jetzt die ersten Mitarbeiter in die BND-Zentrale eingezogen. Von der Chausseestraße aus behält die Abteilung gegen Terrorismus den IS eng im Blick. Michael Götschenberg hat deren Leiter auf einem Rundgang begleitet.

Die Mitarbeiter der Abteilung Terrorismus und Organisierte Kriminalität des Bundesnachrichtendienstes (BND) haben ihren Arbeitsplatz seit dieser Woche in der Chausseestraße. Es ist der erste Bereich des BND, der in die neue Zentrale in Berlin-Mitte eingezogen ist, mit rund 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Der BND hat den Komplex damit in Betrieb genommen - sechs Jahre später als ursprünglich geplant. BND-Präsident Bruno Kahl ist zufrieden. Der Pilotumzug sei gelungen: "Das ist sowohl für das Thema Umzug, als auch für den Rest der Belegschaft, der sieht, dass es losgeht, ein wichtiges Signal."

Abteilung Terrorbekämpfung macht den Anfang

Der Umzug insgesamt sei ein "Meilenstein" für den Dienst, meint der BND-Präsident. Dass die Abteilung Terrorismus als erste umgezogen ist, hat vor allem praktische Gründe, ist aber auch ein Signal. Der BND präsentiert sich gerne als moderner Dienstleister in der deutschen Sicherheitsarchitektur und kein anderer Bereich untermauert diesen Anspruch besser als die Terrorismusbekämpfung.

Die Abteilung, intern kurz "TE" genannt, wird von Friedrich Grommes geleitet. Grommes ist seit 35 Jahren beim BND. Ein Mann mit weißen Haaren, moderner Brille und wachem Blick. Seine Abteilung sei nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entstanden, erklärt er: "Dieser Paukenschlag 9-11 hat ganz schnell dazu geführt, nicht nur beim BND, auch bei anderen Diensten, dass man die etwas stiefmütterlich behandelte Terrorismusarbeit zentralisiert hat".

Berlin Mitte, Zentrale Bundesnachrichtendienst BND Chausseestraße. (Quelle: imago/Jürgen Ritter)
Als erste Abteilung ist die Terrorismusbekämpfung des BND nach Berlin-Mitte gezogen. | Bild: imago/Jürgen Ritter

"Der IS ist an Wandlungsfähigkeit kaum zu übertreffen"

Seitdem wurde die Terrorbekämpfung immer wichtiger. Mit dem Aufkommen des sogenannten Islamischen Staats (IS) wurde sie schließlich vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Und daran wird sich absehbar wenig ändern. Zwar wird der IS seit geraumer Zeit militärisch erfolgreich bekämpft und der Terrororganisation konnte das von ihr kontrollierte Gebiet weitgehend wieder entrissen werden. Die Organisation sei jedoch unverändert gefährlich, meint BND-Mann Grommes: "Der IS hat einen Grad an Wandlungsfähigkeit erreicht, der kaum noch zu übertreffen ist. Wir sprechen ja inzwischen auch vom Cyberkalifat, von einem Kalifat, das in den Köpfen und im Internet existiert."

Seit geraumer Zeit schon setze der IS auf das Konzept des führerlosen Dschihads, mit wenig oder gar keinem unmittelbaren Kontakt zwischen Attentäter und Organisation: "Sein Modus Operandi wird weniger in den geführten Operationen sein, sondern in der inspirierten Anleitung und danach Bekennung." Nach diesem Prinzip wurden bereits zahlreiche Anschläge verübt, auch in Europa - überwiegend mit einfachen Mitteln, wie Messern oder Fahrzeugen.

Komplexe Anschläge sind weiterhin möglich

Allerdings: komplexe Anschlagsszenarien hält der BND auch in diesem Kontext weiter für möglich: Anschläge könnten statt durch gezielt eingereiste auch durch gut vernetzte Rückkehrer erfolgen, die in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien miteinander in Kontakt stünden. Diese könnten sich absprechen und sagen "wir machen jetzt einen gleichzeitigen Terrorakt, zur gleichen Stunde zünden wir eine Bombe in einem Kaufhaus in London, Paris und Berlin", so Grommes.

Letztlich sei jedoch nicht die Organisation IS das Gefährliche, meint Grommes, sondern die Idee: "Der IS als Idee wird fortleben. Er wird weiter die Plattform sein für diese verlorene Generation der jungen Männer, die Nicht-Akzeptanz von gefühlter Ungerechtigkeit, die sich unmittelbar in Gewalt entlädt."

Der IS wird weiter die Plattform sein für diese verlorene Generation der jungen Männer, die Nicht-Akzeptanz von gefühlter Ungerechtigkeit, die sich unmittelbar in Gewalt entlädt."

Friedrich Grommes, Leiter Terrorismusbekämpfung beim BND

Im Internet Competence Center des BND wird nach solchen Personen gesucht. Hier werden weitgehend frei zugängliche Quellen im Internet ausgewertet, wie IS-Propaganda oder Social Media Profile. Eine junge Frau mit arabischem Hintergrund und ein Auswerter arbeiten sich gerade durch die Timeline eines Facebook-Profils.

Sie sollen bewerten, wie potenziell gefährlich die Person ist. Die geposteten Videos und Fotos auf dem Profil fließen in die Bewertung ein, wie auch die Kommentare darunter: "Man muss lernen, solche Profile zu lesen", sagt der Auswerter, sein Name soll nicht genannt werden.

Der unschätzbare Vorteil des BND: Die Vernetzung

Die beiden stoßen in dem Profil auf das Foto eines Selbstmordattentäters, das gepostet wurde. Ein Verwandter, der dazu noch als Held glorifiziert wird. "Also das ist jetzt ein klassischer Fall, den wir entsprechend der TE melden und sagen, sitzt offensichtlich in Deutschland, weitere Maßnahmen müssen erfolgen."

Der Hinweis auf diesen Mann kam aus dem Ausland, von einem anderen Nachrichtendienst. Auch die Hinweise auf mutmaßlich geplante Anschläge in Deutschland kommen überwiegend von ausländischen Nachrichtendiensten. BND-Präsident Kahl sieht hierin das Alleinstellungsmerkmal des BND: "Hier sind wir halt das führende Scharnier im Sicherheitsverbund, weil wir eine lange Tradition und einen ausgeprägten Verkehr mit ich glaube über 400 Nachrichtendiensten weltweit haben. Und das ist ein unschätzbarer Vorteil, den niemand anders so mobilisieren kann wie der Bundesnachrichtendienst."

Die engen Grenzen des BND

In deutschen Sicherheitskreisen hingegen wird das auch kritisch gesehen: der BND sei eben vor allem Scharnier - der Dienst generiere zu wenig eigene Hinweise, müsse operativer werden. Richtig ist allerdings auch, dass dem BND im Vergleich zu anderen Nachrichtendiensten, etwa in den USA, oder auch in Großbritannien und Frankreich, deutlich engere Grenzen gesteckt sind - sowohl rechtlich als auch personell. Personell soll der BND wie alle Sicherheitsbehörden des Bundes deutlich aufgestockt werden, auch die Abteilung Terrorismus. Bereits jetzt ist klar, dass die neue Zentrale in der Chausseestraße in Berlin Mitte für das zusätzliche Personal zu klein ist.

Beitrag von Michael Götschenberg