Miethaus in der Calvinstraße in Berlin-Moabit. (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 30.11.2017 | Ute Barthel | Bild: rbb

Leerstand in der Calvinstraße 21 - Keine Bewegung im Moabiter Geisterhaus

Seit sechs Jahren leben die Mieter in der Calvinstraße 21 in Berlin-Moabit auf einer Baustelle. Eine teure Luxusmodernisierung konnten sie verhindern, aber viele Wohnungen stehen leer - seit langer Zeit. Und die Behörden kommen nur langsam voran. Von Ute Barthel

Bereits am Nachmittag hüllt der November das Haus in der Calvinstraße in Moabit in Dunkelheit. Im Mauerwerk der Balkone klaffen Löcher. Mehrere Fensterscheiben sind zerbrochen. Eine provisorische Treppe führt zum Hauseingang. Es sieht nicht danach aus, als wäre das Haus noch bewohnt. Doch im dritten Stock brennt Licht. Hier leben Roman und Hanna Czapara. Sie gehören zu den wenigen verbliebenen Altmietern. Ihre Wohnung wirkt wie eine Insel auf einer Baustelle - gemütlich und blitzsauber.

"Nur noch sechs von ursprünglich 15 Mietparteien sind hier geblieben. Die anderen sind schon vor einigen Jahren ausgezogen, als unser Vermieter das Haus sanieren wollte. Da mussten wir jeden Tag 90 Dezibel Baulärm und Staub und Schmutz im ganzen Haus ertragen." erinnert sich Roman Czapara. "Nachdem die Nachbarn raus waren, wurden die Wohnungen entkernt und die Wände eingerissen."

Zugemauertes Fenster in der Calvinstraße in Berlin-Moabit (Quelle: rbb)
Zugemauertes Fenster in der Wohnung von Helga Brandenburger | Bild: rbb

Fenster zu Bad und Küche wurden zugemauert

Eines Tages wurden Helga Brandenburger, die im 1. Stock wohnt, die Fenster zu Küche und Bad zugemauert, weil nebenan ein schicker Neubau errichtet wurde. Die Geschichte machte bundesweit Schlagzeilen. Es folgten viele Gerichtsverfahren, in denen die Mieter sich gegen die Modernisierung des Hauses zur Wehr setzten. Zwar blieben die Fenster zugemauert, aber die teure Sanierung des Hauses und auch die Mieterhöhung konnten sie abwenden. Als ein Gericht die Modernisierung für unzulässig erklärte, zogen auch die Bauarbeiter ab und ließen die Wohnungen zurück, wie sie waren. Bis heute stehen sie leer.

Bezirk prüft mittlerweile seit einem Jahr

"Ich verstehe nicht, warum das Bauamt oder andere Behörden nicht reagieren", sagt Roman Czapara kopfschüttelnd. Schon vor einem Jahr wandte er sich an das Bezirksamt. Denn schließlich verstößt ein nicht genehmigter Leerstand gegen das Zweckentfremdungsverbot. Das Bezirksamt leitete ein Verfahren gegen den Vermieter, die "Terrial Stadtentwicklung GmbH" ein. Doch heute, ein Jahr später, ist die Situation unverändert. Denn noch immer wird die Genehmigung des Leerstandes geprüft. Die zuständige Stadträtin Sandra Obermeyer (parteilos) erklärt, warum: "Es war lange Zeit strittig, ob es sich bei den leerstehenden Wohnungen überhaupt noch um schützenswerten Wohnraum handelte. Das hat das Verfahren in die Länge gezogen."

Denn von der Seite der Terrial GmbH argumentierte man, die Wohnungen seien im derzeitigen Zustand gar nicht zu vermieten. Als dieser Streit zwischen Amt und Vermieter noch lief, beobachteten die Mieter, dass wieder Bauarbeiter ins Haus kamen.

Heizkörper wurden aus den Wohnungen gerissen

"Ende Juni haben wir mitbekommen, wie alle Heizkörper aus den leerstehenden Wohnungen herausgerissen wurden. Am nächsten Tag wurden sie abtransportiert. Wir haben uns gewundert, was soll das denn jetzt. Aber ich vermute, es hängt damit zusammen, dass die Wohnungen absichtlich unbewohnbar gemacht wurden", meint Roman Czapara.

Auf rbb-Nachfrage lehnte der Vermieter eine Stellungnahme ab.

Schon seit langem unterstützt auch die Bürgerinitiative "Wem gehört Moabit?" die Mieter der Calvinstraße. Susanne Torka von der Bürgerinitiative fragte immer wieder beim Bezirksamt nach, warum die Behörde nichts gegen den Leerstand unternimmt. Die Antworten fand sie teilweise absurd. "Zuerst hieß es vom Bezirksamt, man weiß es nicht ob die Wohnungen schützenswerter Wohnraum im Sinne des Gesetzes sind. Denn die seien ja so nicht vermietbar, weil da wurde alles rausgerissen", berichtet sie. "Aber das hat der Vermieter vermacht, denn er wollte doch das ganze Haus sanieren. Es kann doch nicht sein, dass ein Vermieter die Wohnungen demolieren kann und sie sind dann nicht mehr schützenswerter Wohnraum!", empört sie sich.

Wohnungen sollen jetzt saniert werden

Am Mittwochabend hatte die Bürgerinitiative zu einer Informationsveranstaltung zum Zweckentfremdungsverbot eingeladen. Auch die Stadträtin Sandra Obermeyer sollte Rede und Antwort stehen, warum die Behörde so langsam gegen Leerstand und Ferienwohnungen vorgehe. Roman Czapara und seine Nachbarn waren ebenfalls gekommen und wollten wissen, ob es Neuigkeiten in ihrem Fall gäbe. Die Stadträtin konnte ihnen immerhin eine leise Hoffnung machen: "Wir haben uns mit der Ansicht durchgesetzt, dass es sich um Wohnraum handelt. Der Verfügungsberechtigte hat uns nun dargelegt, dass er die Wohnungen sanieren und modernisieren wolle. Allerdings kann ich heute noch nicht sagen, wann die Wohnungen wieder vermietet werden."

Roman Czapara und seine Nachbarn sind skeptisch und vermuten eine weitere Verzögerungstaktik. Denn von Sanierungsmaßnahmen haben sie bisher noch nicht viel mitbekommen.

Sendung: Abendschau, 30.11.2017, 19:30 Uhr

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Antwort auf [wladimir] vom 30.11.2017 um 19:27
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3 Kommentare

  1. 3.

    In diesem Land verpflichtet Eigentum nicht. Es dient ganz und gar der Befriedigung des Geldbeutels von "Wohnungseigentümern". Der vorliegende Fall stellt ein Strafdelikt des Eigentümers dar! Meine Hochachtung gegenüber den geduldigen und beharrlichen Mietern.

  2. 2.

    Bisher war ich immer der Meinung: Eigentum verpflichtet.
    Wahrscheinlich ist das ein Irrglaube von mir.
    Da ja bekanntlich die Mühlen der Ämter langsam mahlen und hier in Berlin besonders ist es nicht verwunderlich,
    dass Jahrelang hier nichts passierte.

  3. 1.

    Ich frage mich, wenn das Haus schon vor 6 Jahren praktisch aufgegeben wurde, warum es dann heißt, dass das SCHON vor einem Jahr den Behörden angezeit wurde. Das bedeutet ja, dass die Bewohner 5 Jahre lang gewartet hätten, bis sie es melden?

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