Margot Friedlander, eine Überlebende der NS-Verfolgungen, steht am 07.11.2017 in Berlin vor ihrem Portrait des Künstlers Luigi Toscano (Quelle: dpa / Sophia Kembowski).
Video: rbb aktuell | 09.11.2017 | Bild: dpa

Mauerfall und Novemberpogrome - Grund zur Freude, Grund zum Innehalten

Der 9. November ist für die Deutschen mit ebenso schönen, wie auch schrecklichen Ereignissen verbunden: Vor 28 Jahren fiel die Berliner Mauer, vor 79 Jahren zerstörten die Nazis jüdische Einrichtungen. Am Donnerstag gedenken Berliner und Brandenburger dieses "Schicksalstages".

Schicksalstag haben Historiker den 9. November genannt, an keinem Tag des Jahres ballt sich die deutsche Geschichte derart - in all ihren Facetten. Es sind vor allem zwei Ereignisse, die den Schrecken und das Glück dieses Herbsttages verkörpern: Die Pogromnacht 1938, als Nazis jüdisches Leben im ganzen Land zerstörten - und der Fall der Berliner Mauer 1989. Am Donnerstag gedachten Menschen an vielen Orten in Berlin und Brandenburg dieser Geschehnisse.

Die Berliner Mauer ist nun 28 Jahre passé, genauso viele, wie sie die beiden deutschen Nationen getrennt hat. In der zentralen Gedenkstätte an der Bernauer Straße steckten am Donnerstag mehrere Hundert Menschen rote und gelbe Rosen in ein original erhaltenes Stück der Mauer. Sie entzündeten außerdem Kerzen. Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, waren gekommen.

In der Kapelle der Versöhnung auf dem früheren Todesstreifen gedachten Besucher der Menschen, die beim Versuch, die Mauer zu überwinden, getötet worden waren. Allein in Berlin starben nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen mindestens 140 Menschen durch das DDR-Grenzregime.

"Erst Hunderte, dann Tausende, dann Millionen"

An dem Gedenken nahmen auch rund 140 Jugendliche aus Deutschland, Norwegen und Frankreich teil. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier erinnerte an den historischen 9. November 1989 - und die friedliche Revolution zuvor. "Menschen gingen auf die Straße, erst Hunderte, dann Tausende, dann Millionen und feierten den Mauerfall", sagte Klier.

Am Donnerstagabend wollten sich an der Bösebrücke an der Bornholmer Straße Menschen zum gemeinsamen Singen und Erinnern treffen. Die Brücke, die Wedding und Prenzlauer Berg verbindet, war einer der ersten Übergänge, über die die Ost-Berliner vor 28 Jahren strömten.

"Geschenk, das uns durch den Mauerfall gemacht wurde"

Besonders vor dem Hintergrund der Reichsprogromnacht, die sich ebenfalls am 9. November ereignete, gelte es, "das Geschenk, das uns Deutschen durch den Mauerfall gemacht wurde, niemals als selbstverständlich anzusehen und uns stets in Demut und mit ganzer Kraft für das hohe Gut der Freiheit, der Toleranz und der Mitmenschlichkeit einzusetzen", sagte Florian Graf (CDU).

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) legte am Morgen einen Kranz an der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam nieder, an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Diese wurde erst am 10. November geöffnet - der Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) wird dort am Freitag daran erinnern.

Ich bitte euch, die Zeitzeugen zu sein, die wir bald nicht mehr sein können."

Die Berliner Holocaust-Überlebende Margot Friedlander (96).

"Antisemitismus und Rassismus haben in unserem Land keinen Platz"

Auch zur Pogromnacht gab es am Donnerstag in Berlin und Brandenburg Gedenkveranstaltungen. Der 9. November 1938 gilt als Beginn der systematischen Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland. Angeordnet von oben, zerstörten und plünderten Nazis Wohnhäuser, Geschäfte und Synagogen jüdischer Mitbürger im ganzen Land. Hunderte von ihnen wurden verschleppt und ermordet.

Michael Müller erklärte, das Vermächtnis der Opfer sei eine dauerhafte Verpflichtung für Deutschland: "Antisemitismus und Rassismus haben in unserem Land keinen Platz." Angesichts des erstarkenden Rechtsradikalismus und Populismus sei jeder zum Kampf gegen Fremdenhass und Intoleranz aufgerufen.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief in Berlin bei einem Gespräch mit Holocaust-Überlebenden zu Wachsamkeit gegenüber antisemitischen und rechtsextremen Strömungen auf. Die besondere historische Verantwortung Deutschlands müsse auch von Zuwandern akzeptiert werden, betonte er.

Große Porträts von Holocaust-Überlebenden

An der Auschwitz-Gedenkstätte am Wittenbergplatz legten KZ-Überlebende und jugendliche Helfer aus Deutschland und Polen einen Kranz nieder. Zahlreiche Berliner putzten die Stolpersteine vor ihren Häusern und legten Blumen nieder. Die kleinen, ins Pflaster eingelassenen Messingblöcke erinnern an verfolgte und ermordete jüdische Mitbürger, die einst in diesen Häusern lebten. 

Vor dem Gemeindehaus in der Fasanenstraße wurden die Namen der mehr als 55.000 ermordeten jüdischen Berliner verlesen. In Neukölln-Britz versammelten sich etwa 150 Menschen zu einer Gedenkkundgebung. Sie verlasen einen Bericht des Angriffs auf den jüdischen Apotheker Adolf Mockrauer am 9. November 1938. In Moabit kamen rund 300 Menschen zum Gedenken zusammen.

An der Sophienkirche in Berlin-Mitte werden bis zum 26. November großformatige Porträts von Überlebenden der NS-Verfolgung gezeigt. Das Projekt des deutsch-italienischen Künstlers Luigi Toscano soll ein Zeichen "Gegen das Vergessen" setzen. Toscano hatte dafür in den vergangenen beiden Jahren mehr als 200 Überlebende in Deutschland, Russland, der Ukraine, Israel und den USA getroffen. Die Berlinerin Margot Friedlander hielt bei der Eröffnung der Ausstellung am Abend eine berührende Rede. "Ich bitte euch, die Zeitzeugen zu sein, die wir bald nicht mehr sein können", sagte die 96-Jährige in der Kirche.

Gedenken in mehreren Brandenburger Städten und Gemeinden

Auch in Potsdam, Cottbus und Frankfurt (Oder) wurde den Opfern am Donnerstag gedacht. In Cottbus nahm die Kultusministerin Martina Münch (SPD) an der Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht teil. Sie mahnte daran, die Erinnerung an Leid, Unrecht und Verbrechen wachzuhalten.

"Der 9. November erinnert uns jedes Jahr erneut daran, dass wir niemals aufhören dürfen, für Freiheit, Rechts­staatlichkeit, ein friedliches Miteinander und den Schutz von Minderheiten einzutreten - für ein Leben ohne religiösen Hass, ohne nationalen Hochmut und ohne politische Verblendung", sagte Münch.

Bilder aus 28 Jahren Berliner Mauer

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Sehr guter Beitrag ,wäre lohnenswert mehr über diese Thematik zu diskutieren-wer u.warum haben diese Bürger die DDR verkauft usw.-einen Hr Knabe ,Gauck u.a.braucht man aus bekannten Gründen nicht zu fragen.Lieber rbb ,wie wärs ,mal über solch interessante Themen zur Aufarbeitung zu berichten.Wo diese Bürger arbeiten wurde im Beitrag auch erwähnt.

  2. 7.

    Nochmal: für mich ist dieser Tag kein Tag der Freude. Für mich war das 1989 der Tag des Verrats an einem ganzen Volk, unter dem ich noch heute zu leiden habe.

  3. 6.

    Aua, das tut weh, wie falsch Sie liegen und wie relativierend und oberflächlich Sie argumentieren.

    Dass Nazis an diesem Datum also endgültig übergingen von der Ausgrenzungs- hin zur Vernichtungspolitik von Jüd*innen, mit allen historischen Konsequenzen, das erscheint Ihnen also als zu "politisch korrekt"? Es kratzt verdammt nah an Volksverhetzung, was Sie hier aussagen! Man soll Leben nicht aufwiegen, aber mir fallen min. 6 Millionen gute Gründe ein, den 9.November nicht zum Feiertag zu erklären, nur weil Sie vermutlich biografisch, persönlich mit Mauerfall etc. mehr verbinden. Mit dieser Geringschätzung jüdischen Lebens in der Geschichte und nicht zuletzt in der Gegenwart begehen Sie symbolische Gewalt: Anliegen, Gedenken und Anerkennung der jüdischen Gemeinden seien also nicht so wichtig in Ihren Augen. Falsch bzw. gar nicht gedacht! Und für das biografische Hochhalten der Erinnerungen an den Mauerfall braucht eigentlich niemand einen Feiertag, aber hat ihn dennoch.

  4. 5.

    "Grund zur Freude-Grund zum Innehalten"! Für mich ist dieses Datum nur Anlass für den 2. Teil des Spruches. 1989 haben Menschen, die versprochen hatten, etwas zum positiven zu ändern, die Mehrheit getäuscht und sie an die Bundesrepublik verkauft und das war lange vorbereitet. Schon einen Tag nach dem Ereignis rollte die Bundeswehr durch Meklenburg. In den Tresoren der Landesregierungen lagen schon die Pläne für die Umgestaltung unserer Heimat(ich denke da konkret an Mecklenburg, was Landschaftsschutz und Tourismus betrifft. Da konnte Geld gemacht werden.)
    Müßig, hier alles aufzuzählen, bemerkenswert noch, das ich eigentlich von den Verrätern keinen lange in führenden Positionen nach 1990 gesehen habe, mal abgesehen von der Verfolgungsstelle von Staatsicherheitsmitarbeitern, die eigentlich auch nur Propagandacharakter hat. Gut ausgebildete Insider braucht man noch heute im System.

  5. 4.

    Gedenken an NS hin oder her, der 9. November wäre aber trotzdem DER passendere Nationalfeiertag-Tag gewesen,
    wäre nicht da die ewige Keule der Politischen Korrektheit. Wer weiß schon ausführlich was am 3. Oktober die NS gemacht haben?! Wäre dann nicht jeder Tag im Jahr reserviert?

  6. 2.

    Gerade im nächsten Jahr, 2018, würde es sinnvoll sein, auf alle fünf Daten hinzuweisen, die mit dem 9. Nov. in Verbindung stehen.

    Chronologisch rückwärts betrachtet:
    1. Der Mauerfall. Ausgelöst durch einen Versprecher Günther Schabowskis auf die Nachfrage Enrico Ehrmanns hin, wann denn mit der Passiermöglichkeit ohne Vorbedingungen zu rechnen sei.

    Damit UNzusammenhängend:
    2. Die Reichspogromnacht, die Zerstörung jüdischer Geschäfte und Einrichtungen 1938,
    3. 15 Jahre nach dem gescheiterten Marsch Hitlers und Ludendorffs auf die Feldherrnhalle 1923 bzw.
    20 Jahre nach
    4. der Ausrufung der Republik bzw. der sozialistischen Republik am 9. Nov. 1918. Auch der Abdankung des Kaisers.
    Dies wieder in Zusammenhang stehend mit
    5. der Erschießung Robert Blums, eines freigewählten Abg. der Frankf. Paulskirchenversammlung, vor den Toren Wiens, trotz parl. Immunität. Darauf bezog sich Karl LIebknecht 1918.

  7. 1.

    Und es wurde die sozialistische Räterepublik ausgerufen.

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