Blumen auf einem Stolperstein in Charlottenburg (Quelle: dpa/Zinken)
Bild: dpa

Serie in Berlin-Neukölln reißt nicht ab - Polizei bittet nach Stolperstein-Diebstählen um Hilfe

Seit Tagen werden in Berlin-Neukölln Stolpersteine gestohlen, mit denen an Opfer der Nazis erinnert wird. Die Diebstähle betreffen ein großes Gebiet in Neukölln - nicht nur das Problemviertel Hufeisensiedlung.

Die Berliner Polizei bittet die Bürger um Mithilfe, weil im Bezirk Neukölln seit Tagen immer wieder Stolpersteine gestohlen werden, mit denen an die Opfer der Nazi-Verbrechen erinnert wird.

Wie eine Polizeisprecherin rbb|24 mitteilte, wurden in Neukölln Flyer verteilt und in Briefkästen geworfen. Darauf informiert die Polizei die Anwohner über den Stolperstein-Diebstahl und bittet Zeugen, Auffälligkeiten in ihrer Straße oder verdächtigte Äußerungen zu melden.

Insgesamt wurden nach Polizeiangaben bislang 16 gestohlene Stolpersteine registriert. Vier weitere Steine seien gelockert worden, was darauf hindeuten könnte, dass ein Diebstahlversuch gescheitert sei, sagt Silvija Kavcic von der Koordinierungsstelle der Berliner Stolperstein-Initiativen. Bereits am Montagmorgen meldeten Passanten mehrere Steine als gestohlen, am Mittwoch gingen weitere Meldungen ein. In der Nacht zum Freitag wurde mindestens ein weiterer Gedenkstein in der Neuköllner Gretelstraße entfernt.

Die Berliner Polizei bittet mit einem Flyer um Hinweise bezüglich der entwendeten Stolpersteine in Neukölln. (Quelle: Polizei Berlin)
Ausschnitt aus dem Flyer, mit dem die Berliner Polizei um Mithilfe nach den "Stolperstein"-Diebstählen bittetnBild: Polizei Berlin

Staatsschutz ermittelt - noch kein dringender Tatverdacht

Der Staatschutz hat inzwischen die Ermittlungen übernommen. Es gebe noch keinen dringenden Tatverdacht, ein Bekennerschreiben liege nicht vor, so die Polizeisprecherin. Der Zeitpunkt der Diebstähle deutet allerdings auf eine gezielte Aktion von Rechtsextremen hin.

Auffällig ist, dass die Stolpersteine in den Tagen um den 9. November entwendet wurden, dem Gedenktag an die Pogromnacht von 1938. Ein Jahrestag, an dem bereits im vergangenen Jahr Berliner Neonazis den Staatschutz auf den Plan gerufen hatten. Sie hatten auf Facebook eine Berlin-Karte unter der Überschrift "Juden unter uns" gepostet, auf der Adressen von 70 jüdischen Einrichtungen aufgeführt waren. Wie die "Berliner Zeitung" berichtet, standen die Verfasser der Liste einer rechten Gruppe aus Neukölln nahe.

Dass es sich bei den Tätern um Metalldiebe handelt, ist extrem unwahrscheinlich: Die Steine werden nur von einer dünnen Messingplatte bedeckt und sind daher praktisch wertlos.

Großes Gebiet in Neukölln betroffen

Sieben Stolpersteine sind in dieser Woche allein in der Britzer Hufeisensiedlung verschwunden - in einem Viertel also, das als eines der Aktionsfelder der rechten Szene gilt. Hier kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Attacken gegen Gewerkschafter, Buchhändler, Politiker oder Menschen, die sich gegen Rechts engagieren. Zuletzt brannte im Juli das Auto einer SPD-Politikerin.

Allerdings ist das betroffene Gebiet in Neukölln viel größer, wie diese Karte zeigt:

Auch Steine von Widerstandskämpfern fehlen

Die unbekannten Täter haben nicht nur Gedenksteine von jüdischen Opfern der Nazis aus dem Pflaster gerissen, sondern auch die von Widerstandskämpfern und linken Politikern. 
In der Gielower Straße 32c wurde zum Beispiel der Stolperstein gestohlen, der an Rudolf Peter erinnert. Der Buchbinder gehörte zum Arbeiterwiderstand. Wegen seiner Beteiligung an der Verteilung illegaler Schriften und Flugblätter wurde er 1944 verhaftet und kam ein Jahr später im Zuchthaus Brandenburg-Görden ums Leben.  

Auch in der Jahnstraße 12 klafft eine Lücke im Pflaster. Hier fehlt der Stolperstein zum Gedächtnis an Karl Tybussek, der 1943 wegen "Anstiftung zur Feinbegünstigung, Brandstiftung und Wehrmittelzerstörung" angeklagt und zum Tode verurteilt worden war.

Der Gedenkstein für die Krankenschwester Gertrud Seele wurde in der Parchimer Allee 75 entwendet. Sie hatte offen Kritik am Krieg und an der nationalsozialistischen Regierung geäußert und wurde 1944 wegen "gehässiger und kriegshetzerischer Äußerungen, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung" zum Tode verurteilt. In derselben Straße vor der Hausnummer 94 wurde der Stolperstein für den KPD-Funktionär und Widerstandskämpfer Wienand Kaasch gestohlen. Er wurde 1936 zu zwölf Jahren im Zuchthaus Luckau verurteilt, wo er Jahre später starb.

Diebstahl in dieser massiven Form neu in Berlin

Für die Leiterin der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin, Kavcic, ist der massive Diebstahl der Gedenksteine in Berlin neu. "In dieser Form gab es das bislang nicht", sagte Kavcic. Beschmierungen und Schändungen der Steine kämen immer wieder vor, aber kein Diebstahl. Einen vergleichbaren Fall habe es 2012 in Greifswald gegeben, als vor dem 9. November alle Stolpersteine in der Hansestadt ausgegraben wurden.

Kavcic kündigte an, dass die gestohlenen Gedenksteine in Berlin zeitnah ersetzt werden. Es gebe eine große Spendenbereitschaft, sagte die Leiterin der Koordinierungsstelle.

Die Stolpersteine sind ein bundesweites Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Seit 1996 wurden in Berlin weit mehr als 7.000 Steine verlegt - für Juden, Sinti und Roma, Menschen aus dem politischen oder religiös motivierten Widerstand, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Opfer der "Euthanasie"-Morde und für Menschen, die als vermeintlich "Asoziale" verfolgt wurden.

Sendung: Inforadio, 10.11.2017, 11 Uhr

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