Berliner Baukräne am nächtlichen Himmel (Quelle: dpa/Silas Stein)
Audio: 20.11.2017 | Inforadio | Thosten Gabriel | Bild: dpa

Wachstumsschmerz beim Wohnungsbau - Der Bau hinkt dem Berlin-Boom hinterher

Wohnungsbau in Berlin ist ein leidiges Thema: Gefühlt entsteht gerade an jeder Ecke ein neues Wohnhaus – trotzdem sagen die Statistik-Fachleute: Das ist nicht genug. Woran liegt es, dass weniger gebaut wird als benötigt? Von Thorsten Gabriel

Wohnungen bauen – das ist derzeit leichter gesagt als getan in Berlin. Auf der politischen Bühne ist die Schuldige dafür schnell gefunden. Aus Sicht der Opposition, ja, selbst aus Teilen des Regierungslagers, wird mit dem Finger auf die zuständige Fachkraft an der Spitze verwiesen: Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher. Die Oppositionsparteien CDU, FDP und AfD halten die Linken-Politikerin schon aus Prinzip für eine Bremserin beim Wohnungsbau.

Größtes Bauhemmnis: Fehlende Baukapazitäten

Aber selbst Sozialdemokraten flüstern hinter kaum vorgehaltener Hand, man könne ja an den Zahlen ablesen, dass es mit Rot-Rot-Grün einen parteipolitischen Wechsel im Stadtentwicklungsressort gegeben habe. So ganz hat man in SPD-Kreisen noch nicht verwunden, dass man in den Koalitionsverhandlungen das so große und vor allem wichtige Fachgebiet hat an die Linke abgeben müssen.

Doch die Schuldzuweiser im Politikbetrieb machen es sich – wie so oft und gern – dann doch zu einfach. Denn dass es beim Bauen derzeit an vielen Stellen knirscht, hat auch ganz praktische Gründe. Es ist nicht zuletzt die große Zahl an Bauprojekten, die gerade überall aus dem Boden schießen. Als der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) unlängst seine Mitglieder nach den größten Bauhemmnissen befragte, antworteten fast zwei Drittel: fehlende Baukapazitäten.

Es mangelt an Menschen, Maschinen und Material

"Viele Unternehmen, die Bauprojekte ausschreiben, bekommen gar keine Angebote mehr", stellt BBU-Sprecher David Eberhart fest. "Und wenn sie Angebote bekommen, dann sind es teilweise Abwehrangebote, die also sehr hoch bepreist sind, so dass die Suche nach Bauunternehmern sehr schwierig geworden ist." Mittlerweile mangelt es an Menschen, Maschinen und Material. Das ist nicht nur beim Wohnungsbau zu spüren. Auch wenn etwa Schulen saniert oder neu gebaut werden sollen, stockt es oft aus dem gleichen Grund.

Von "Wachstumsschmerzen" spricht Berlins Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher. Der Bau kommt dem Boom nicht hinterher. In den letzten fünf Jahren kamen 243.000 Menschen neu nach Berlin. "Also im Schnitt 50.000 pro Jahr", rechnet sie vor. "Das bedeutet, dass wir jährlich 20.000 zusätzliche Wohnungen benötigen."

Viel zu spät kam der Wohnungsneubau in Gang

Nicht, dass in den vergangenen Jahren nichts geschehen wäre. Der Wohnungsbau wurde angekurbelt. 2011 waren es keine 5.000 Wohnungen, die gebaut wurden – im vergangenen Jahr  dagegen fast 14.000. Das ist ein Plus von immerhin fast 200 Prozent. Aber auch 14.000 sind nun mal keine 20.000.

Es zeigt sich, dass die Schuld der Politik an der Wohnungskrise vor allem in ihrer Behäbigkeit zu suchen ist. Viel zu spät, erst 2011, mit dem Antritt der rot-schwarzen Koalition, kam der Wohnungsbau wieder in Gang. Davor, am Ende der rot-roten Ära, schlugen die Linken in der Koalition zwar Alarm, die Zeit des großen Wohnungsleerstands sei vorüber, doch vor allem die damalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer, SPD, bemühte ein ums andere Mal das Wort vom "entspannten Wohnungsmarkt".

Bauprojekte haben jahrelangen Vorlauf

Nun hat sich dieses Zögern längst gerächt. Die Politik kann heute teils nur noch Schadensbegrenzung betreiben. Bauprojekte haben eben einen jahrelangen Vorlauf. Darauf verweist man auch beim BfW, beim Verband der privaten Immobilienwirtschaft. Die Geschäftsführerin des Landesverbands, Susanne Klabe, ist deshalb zwar einerseits zufrieden, dass die Fertigstellungszahlen trotz der Engpässe am Bau weiterhin steigen.

Besorgt zeigt sie sich andererseits aber beim Blick auf eine andere Kennzahl. "Im vergangenen Jahr sind etwa 30 Prozent weniger Grundstücke verkauft worden, die für den Wohnungsneubau in Betracht kommen als im Vorjahr", sagt sie und prognostiziert: "Das bedeutet, dass Produktions- und Fertigstellungszahlen im Jahr 2021 entsprechend absinken werden."

Wohnungsbau? Ja, bitte – aber Widerstand, wenn's konkret wird

Fehlendes oder teures Bauland – das ist denn auch eine weitere Sorge, die die Bauwilligen in der Hauptstadt umtreibt, folgt man der BBU-Umfrage. Außerdem beklagen sie ein "schwieriges Neubauklima", wie es etwas nebulös formuliert ist. Dahinter steckt das alte Lied: Wohnungsbau? Ja, bitte – aber wenn es konkret wird, gibt es Widerstände. In den Bauämtern, in der Politik, bei Anwohnern, heißt es unisono von den Verbänden.

"Es gibt zwar das allgemeine Bekenntnis, dass Wohnungsneubau dringend benötigt wird. Woran es aber fehlt, ist die Umsetzung dieses Bekenntnisses in der täglichen Arbeit all derer, die von Seiten des Landes Berlin – ob auf Senats- oder Bezirksebene – für Wohnungsneubau Verantwortung tragen“, sagte BfW-Geschäftsführerin Klabe. Über Partikularinteressen gehe das Gesamtziel verloren, so dass Projekte ausgebremst würden. Dass die rot-rot-grüne Koalition sich auf die Fahnen geschrieben hat, zumindest bei landeseigenen Wohnungsbauprojekten zukünftig die Bürger stärker mitreden zu lassen, wird da mehr als zusätzliches Problem und weniger als Lösungsansatz gesehen.

Mieterbund: Teils wird am Bedarf vorbeigebaut

Die Berliner seien "in Teilen wachstumskritisch", konstatiert auch David Eberhart vom BBU. Er mahnt, der Senat müsse stärker die Vorteile des Wachstums bewerben. "Vom Wachstum haben alle was." Doch dahinter setzt der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild, ein Fragezeichen. Denn für die meisten Alt-Berliner sind die neuen Wohnungen schlicht zu teuer. Der Anteil neu gebauter Sozialwohnungen liegt bei kaum zehn Prozent. "Das ist aus unserer Sicht erschreckend, weil bei den Wohnungssuchenden auf der anderen Seite ja der Anteil der Haushalte mit mittlerem und unterem Einkommen überwiegt. Das heißt, ein Stück weit wird am Bedarf vorbeigebaut", resümiert Wild.

Mehr Sozialwohnungen sollen vor allem die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in den nächsten Jahren bauen. Dafür bekommen sie auch Grundstücke vom Land. Doch innerhalb des S-Bahn-Rings, wo so dringend neuer Wohnraum benötigt wird, gehört der öffentlichen Hand nur noch ein Bruchteil der Flächen. Allzu große Steuerungsmöglichkeiten, um günstige Wohnungen bauen zu lassen, hat die Politik also nicht. Und auch ansonsten lässt sich eines mit Sicherheit prognostizieren: Eine Entspannung des Wohnungsmarktes ist so schnell nicht zu erwarten.

Beitrag von Thorsten Gabriel

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Antwort auf [zippy] vom 20.11.2017 um 12:31
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3 Kommentare

  1. 3.

    "Allzu große Steuerungsmöglichkeiten ... hat die Politik also nicht." Der Staat hat alle Möglichkeiten, von der Enteignung bis zur Sozialisierung von Grund und Boden, vom Vorkaufsrecht bis zur Beschlagnahme von Wohnraum. Die Frage ist halt nur ob der Staat und die ihn tragenden Parteien denn das wollen. Also mal richtig durchzugreifen anstatt nur Kosmetikpolitk (Mietbremse, Zweckentfremdung) zu betreiben. Aber eine klare Haltung ist von denen nicht zu erwarten.

  2. 2.

    Warum muss eigentlich immer im Innenstadtring gebaut werden? Warum werden die Verkehrsverbindungen ins Umland nicht verbessert, so wie es bereits vor und direkt nach der Wende gewesen ist? Warum werden die Städte im Umland (z.B. Bernau, Eberswalde, Falkensee...) durch Kulturangebote, Kinderbetreuung...attraktiver gemacht? Falls das ein Problem der Steuern ist, warum können Berlin und Brandenburg sich dann nicht absprechen?

  3. 1.

    Die gleichen Alr-Berliner, die heute rumjammern, dass sie keine billigen Wohnungen mehr finden, hätten sich vor noch gar nicjt so länger Zeit mehrheitlich dagegen entschieden, dass das Land innerhalb des Ringes ein großes Wihnungsbauprojekt startet. Vor ein paar Wochen machten die Wohnungsbesitzenden erneut deutlich, dass denen der eigene Spaß wichtiger ist als Bauland. Auf Bezirksebene gibt es ähnliche Aussagen der Bürger z.B. bei der Bebauung von Kleingärten, die eigentlich als Baulandreserve dienen und deshalb für kleinstes Geld temporär verpachtet sind.

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