Blick am 01.03.2017 auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Bild: dpa/Christophe Gateau

Engagement gegen Rechts - 15-jährige Schülerin erhält Berliner Zivilcourage-Preis

Die junge Dresdnerin Emilia wehrte sich gegen rechte Hetze in ihrer Klasse. Hitlergruß und "Jude" als Schimpfwort wollte sie nicht akzeptieren – dafür wird sie jetzt geehrt. Ihr Preisgeld will sie mit einem Berliner Schüler teilen, der selbst Opfer wurde.

Plötzlich galt es unter ihren Mitschülern als cool, wenn der Handyakku zu genau 88 Prozent geladen war - Neonazi-Code für die Buchstaben "HH", kurz für "Heil Hitler". In der Schulklasse der 15-jährigen Emilia S. aus Dresden wurde "Heilung" gerufen, wenn jemand niesen musste. Wer provozierte, konnte punkten. "Ganz schnell war man "lustig", wenn man seinen Mitschülern den "Hitlergruß" zeigte, erzählt Emilia, und: "Es wurde noch schlimmer. 'Jude' war plötzlich eine Beleidigung."

Aus pubertärem Gehabe wurden Holocaust-Witze und möglicherweise Straftaten - Emilia wehrte sich und zeigte schließlich einen Mitschüler wegen Volksverhetzung an. Für ihren Einsatz erhielt die Schülerin am Dienstagabend den Preis für Zivilcourage gegen Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Rassismus des Förderkreises "Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V." und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.  

Krasse Anfeindungen gegen Emilia

Anfangs habe sie nichts getan, weil sie Angst hatte, alleine dazustehen, berichtete die 15-Jährige vor der Preisverleihung. Irgendwann tauchten im Handychat der Klasse antisemitische Bilder als Scherze auf. "Das Schrecklichste war ein Foto einer Rauchwolke mit der Bildunterschrift "jüdisches Familienfoto" - da wehrte ich mich und schrieb, sie sollen mit dem Nazigetue aufhören", erzählt Emilia.

Ihre Klassenkameraden lachten sie aus, Anfeindungen folgten. "Die Quelle der Bilder reagierte mit Nachrichten wie "ich möge doch nach Polen auswandern" und habe "wohl zu viel tote Juden eingeatmet", sagt Emilia. Sie zeigte den Mitschüler wegen Volksverhetzung an.

Verein würdigt aufrechte Haltung der Schülerin

Mit ihrer aufrechten Haltung habe die 15-Jährige in besonderem Maße Zivilcourage gezeigt, begründete der Förderkreis "Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V." die Würdigung der Schülerin. Der Verein, seinerzeit treibende Kraft hinter der Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin, vergibt den Preis gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde zum Berlin zum achten Mal.

Zu den früheren Preisträgern gehören eine Pegida-Gegnerin aus Freital, das Twitter-Projekt "Straßengezwitscher" gegen Fremdenfeindlichkeit aus Dresden sowie Bürgerinitiativen aus Berlin und Niedersachsen.

Teilt Preisgeld mit jüdischem Schüler aus Berlin

Mit der Auszeichnung erhält Emilia ein Preisgeld von 2.000 Euro. 500 Euro davon wollte die Schülerin noch am selben Abend einem jüdischen 14-Jährigen aus Berlin spenden. Sein Fall hatte im Frühjahr für großes Aufsehen gesorgt: Weil er Jude ist, war der Jugendliche an seiner Schule in Berlin-Friedenau von Klassenkameraden gemobbt, bedroht und angegriffen worden. Der Fall der Familie Michalski war Ende Oktober in einer Arte-Reportage über Antisemitismus beleuchtet worden.

Die Familie des 14-Jährigen wird das Preisgeld wiederum weiterspenden: Es geht an eine neue Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Gewalt. Sie wird vom "Kompetenzzentrum Prävention und Empowerment der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland" unterhalten. Familien in ähnlichen Situationen sollen dort Hilfe finden.

Sendung: Inforadio, 07.11.2017, 18:00 Uhr

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8 Kommentare

  1. 8.

    Was ich lieber sähe, ist hier weniger interessant, Hier geht es um die Verwendung des Begriffes "Zivilcourage", der nicht in den Kontext gehört, wenn 15-jährige andere 15-jährige wegen Fehlverhalten an die staatlichen Ermittlungsbehörden melden. Zivilcourage äußert sich eben in der persönlichen Autonomie und nicht in derWeiterleitung von Informationen an Strafverfolgungsbehörden. 15-jährige haben zudem zurecht noch keine volle Strafmündigkeit, insofern wird die Strafverfolgung eher im Sande verlaufen. Darum geht es aber in der Preisverleihung nicht, sondern über den Preis und die Konnotierung "Zivilicourage" soll ein solches an staatl. Normen angepasstes Verhalten als vorbildlich kommuniziert werden. Das mag systemkonform sein, hat aber gerade nichts mit Courage zu tun und ist gerade im Bildungsbereich problematisch, weil das Vertrauen im Klassenverband in Zeiten der Adoleszens zersetzt wird. Ich empfehle hierzu R. Dahrendorf: Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, 2008, S. 90

  2. 7.

    "Mal ganz von den geschmacklosen Äußerungen von 15-jährigen angesehen, hier wird der Begriff der "Zivilcourage" immer mehrausgehöhlt."

    Daran sieht man wie wichtig der Kampf gegen Nazis ist und wieviel Mut die junge Dame aufbringen mußte.

    Auch hier schlagen immer wieder Nazis und anderer rechter Pöbel auf die meinen sie vertreten die "Meinung der gesellschaftlichen Mitte".

    Der 15-jährigen Schülerin gilt unser aller Hochachtung!

  3. 6.

    Sie werfen der couragierten 15 jährigen Schülerin wirklich vor, sich der Polizei anvertraut zu haben und sähen lieber innere Autonomie gegenüber staatlich geforderten Normen? Mit den "staatlich geforderten Normen" meinen Sie dann so etwas wie die Strafbarkeit von Volksverhetzung oder der Leugnung des Holocaust? Auch ihr Dahrendorf meinte doch wohl eher die Abwehrrechte des Bürgers gegen einen autoritären Staat und nicht eine identitäre Abwehrhaltung gegen einen demokratischen, pluralistischen Rechtsstaat.

  4. 5.

    Mal ganz von den geschmacklosen Äußerungen von 15-jährigen angesehen, hier wird der Begriff der "Zivilcourage" immer mehrausgehöhlt. Denn die besteht keineswegs in der Information staatlicher Behörden, sondern verteidigt in klassischer Definition gerade die Autonomie des Einzelnen gegenüber staatlichem Zugriff und Bevormundung. Laut Dahrendorf erfordert Zivilcourage die innere Autonomie sich nicht von staatlichen Stellen vereinnahmenzu lassen. Zivilcourage ist eben daher keineswegs, wie weitgehend ungefiltert übernommen, die Überprüfung und fallweise Information, ob das Verhalten von Mitbürgern staatlich geforderten Normen entspricht. Das ist so ziemlich die Gegendefinition und dann wären viele autoritäre Systeme voller "Courage". Interessant wäre auch, welche Rolle Vetrauenslehrer und Schulleitung in diesem Falle spielten und ob sie überhaupt einbezogen wurden? Vermutlich eher nicht, denn in dem Fall wäre ihr Nichteingreifen verschärfend gewertet worden.

  5. 4.

    Nachtrag:
    Desweiteren möchte ich auf Reaktionen der AfD bzgl. dieses Themas aufmerksam machen.

    Das sind die Äußerungen zu der Schülerin und der Preisverleihung von dem AfD-Politiker Carsten Härle

    ***" Abgesehen davon, dass "der schlimmste Hund im ganzen Land der Denunziant bleibt",
    kann man George Orwell nur Recht geben:
    "Die Frauen, und vor allem die jungen, gaben immer die blind
    ergebenen Parteianhänger, die gedankenlosen Nachplapperer, die freiwilligen Spitzel ab, mit deren Hilfe man weniger Linientreue aushorchen konnte." - George Orwell in 1984
    Preise für Denunzianten gehören schon in die unterste Kategorie des sittlichen Verfalls.***

    Wer hier unter sittlichen Verfall leidet, lässt sich gut ablesen ...

  6. 3.

    Naja in Sachsen, wo Rechtsextremismus seit vielen Jahren nicht nur salonfähig sondern auch salonbehauptend ist, wundert das nicht. Das zieht sich durch Teile der Gesellschaft, des öffentl. Dienstes bis hin zur Landesregierung. In ihrer Umgebung wird sie jedenfalls nicht mehr glücklich, bestenfalls steht sie als Petze - schlimmstenfallls als sogenannte Volksverräterin da. Von anderen Beschimpfungen will ich gar nicht erst anfangen.
    Das ist real Life in Sächsenländle und nicht nur da, sondern in vielen ostdt. und sicher auch ein paar westdt. Gemeinden.

  7. 2.

    Wie mutig, das Emilia nicht geschwiegen hat. Rassismus kann sich nur ausbreiten, wenn er wieder gesellschaftsfähig werden kann. Die Erwachsenen sollten sich ein Beispiel an dieser Jugendlichen nehmen und für Menschlichkeit einstehen. Wir dürfen uns weder manipulieren, noch einschüchtern lassen. Emilia und alle anderen, die sich Rassisten in den Weg stellen, brauchen aber auch unser aller Schutz. Ich war entsetzt von Kommentaren und versteckten Drohungen gegen das Mädchen, die ich auf Facebook las. Was sind das für schreckliche Menschen?

  8. 1.

    Vollsten Respekt für die 15 jährige Schülerin Emilia aus Dresden. Ich frage mich nur, warum Lehrer und Schulleitung bei soviel Volksverhetzung im Klassenzimmer durch rechte Mitschüler augenscheinlich untätig bleiben konnten. Werden denn nun auch andere Klassenkameraden, die solch geschmacklose und unterirdisch dumme rechte Parolen witzig finden, angezeigt oder wenigstens schulisch diszipliert? Ich hoffe schon. Dieses kackbraune, rassistisch-dumpfe Gedankengut darf kein common-sense an den Schulen werden, auch nicht im Freistaat.

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