Was wann geschah - Chronologie: Das Attentat vom Berliner Breitscheidplatz

Eine Schneise der Verwüstung ist am 20.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin zu sehen, nachdem der Attentäter Anis Amri mit einem Lastwagen über den Platz gerast war (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)
Audio: Inforadio | 19.12.2017 | Torsten Mandalka | Bild: dpa

Der Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz und die Fahndung nach dem Täter hielten im Dezember 2016 über Tage die Öffentlichkeit in Atem. Ein Überblick über die Ereignisse.   

Der knapp 24-jährige Tunesier Anis Amri verübte am 19. Dezember 2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz den bislang schwersten islamistischen Terroranschlag in Deutschland. In Berlin und Nordrhein-Westfalen war Amri zuvor zeitweise observiert worden. Er galt als "Gefährder", es war bekannt, dass er Kontakte zu Islamisten hatte und sich in der Drogen- und Kleinkriminellenszene bewegte. Belangt wurde er nicht. Seine Abschiebung misslang wegen fehlender Papiere und durch Behördenchaos.

Vier Tage nach dem Attentat wird Amri in Italien erschossen. Die Ereignisse dieser Tage im Überblick.

Polizisten stehen vor dem zerstörten LKW am Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin (Quelle: dpa/Michael Kappeler)
| Bild: dpa

Montag, 19.12.2016

Am Vormittag

Der Lkw-Fahrer Lukasz Urban (37) erreicht Berlin. Er lenkt einen Sattelschlepper, Modell Scania R 450, der mit 25 Tonnen Stahl beladen ist. U. will ihn in der Berliner Niederlassung von ThyssenKrupp-Schulte entladen lassen, wird jedoch auf den nächsten Tag vertröstet. Er parkt den Lkw am Moabiter Friedrich-Krause-Ufer. Gegen 13 Uhr telefoniert U. mit seinem Cousin in Polen, dem Besitzer der Spedition, für die Urban fährt. Gegen 15 Uhr spricht er noch kurz mit seiner Frau. Danach geht er nicht mehr ans Telefon.

18.38 bis 19.07 Uhr

Der Tunesier Anis Amri (knapp 24) besucht die als Treffpunkt radikaler Islamisten bekannte Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit. In dem Moscheeverein war er oft, er soll dort zeitweise sogar gewohnt haben. Er soll Mittelsmann zwischen der Moschee und führenden Köpfen des Netzwerks um den radikal-islamistischen Hassprediger Abu Walaa in Hildesheim gewesen sein. Die Gruppe soll Amri für den Anschlag rekrutiert haben.

Nach dem Moschee-Besuch geht Amri zu Fuß zum nahegelegenen Friedrich-Krause-Ufer und erschießt den polnischen LKW-Fahrer Lukasz Urban.

19.34 Uhr

Aus dem Führerhaus sendet Amri ein Handy-Foto, eine Text- und eine Audionachricht  an seinen IS-Instrukteur: "Ich bin jetzt in der Karre. Bete für mich, Bruder." Antwort: "So Gott will." Der Sattelschlepper verlässt seinen Parkplatz am Friedrich-Krause-Ufer.

20.02 Uhr

Amri fährt mit dem Lastwagen von der Hardenbergstraße kommend ungebremst in eine Budengasse des Weihnachtsmarkts an der Gedächtniskirche. Der Lkw zerstört Buden und überrollt zahlreiche Besucher. Die automatische Vollbremsung des LKW, die auf Hindernisse reagiert, verlangsamt das Fahrzeug, es durchbricht die Budengasse zur Linken und kommt halb auf der Budapester Straße zum Stehen.

Amri steigt aus dem Sattelschlepper und flüchtet.

Fahrtroute des LKWs (Quelle: rbb)
l | Bild: rbb

20.04 Uhr

Bei der Polizei und in der Feuerwache Rankestraße geht der erste Alarm ein. Krankenwagen fahren los. Es folgt ein Großeinsatz mit 130 Feuerwehrleuten. Notärzte und Sanitäter beginnen mit der Versorgung der Verletzten. Tote werden geborgen.

Die Polizei sperrt den Tatort weiträumig ab und beginnt mit den Ermittlungen.

Am nahe gelegenen Bahnhof Zoologischer Garten filmt eine Überwachungskamera Anis Amri mit erhobenem Zeigefinger - der Tauhid-Gruß, das Zeichen der Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates. Dann verschwindet Amri mit der Bahn.

Auf dem Beifahrersitz findet die Polizei die Leiche des polnischen LKW-Fahrers. Erste Vermutungen, er habe während der Todesfahrt ins Lenkrad des LKW gegriffen, um weitere Opfer zu verhindern, bestätigen sich später nicht.

20.25 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel hält ein kurzes Grußwort bei der Verleihung der Integrationsmedaille im Kanzleramt. Am Rande der Veranstaltung wird sie über den Vorfall am Breitscheidplatz informiert. Sie verlässt die Verleihung.

Rettungskräfte sind am 19.12.2016 auf einem Weihnachtsmarkt in der Nähe der Gedächtniskirche in Berlin im Einsatz. Die Polizei geht nach ersten Angaben von einem Anschlag mit mindestens einem Toten aus. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
| Bild: dpa

20.56 Uhr

Eine Polizeistreife nimmt an der Siegessäule einen Verdächtigen fest, auf den ein Zeuge hingewiesen hatte.

21.10 Uhr

Die Polizei bestätigt neun Tote und viele Verletzte.

21.45 Uhr

Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), trifft am Breitscheidplatz ein. Er spricht von einem "Schock", die Situation sei jedoch unter Kontrolle. Auch der Innensenator, der Polizeipräsident, weitere Politiker und zahlreiche Journalisten sind jetzt am Tatort.

Die Polizei teilt mit, eine verdächtige Person festgenommen zu haben. Es werde geprüft, ob es sich um den Lkw-Fahrer handle. Der Mann, ein Pakistaner, wird in den folgenden Stunden befragt, die Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Flughafen Tempelhof durchsucht.

23 Uhr

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) sagt, es werde geprüft, ob es sich um einen Anschlag oder einen Unfall handelt.

Polizisten am Breitscheidplatz nach dem Anschlag (Bild: imago/Christian Mang)
| Bild: imago stock&people

Nach 23 Uhr Die Berliner Polizei leitet jetzt, mehr als drei Stunden nach dem Attentat, wichtige Fahndungsmaßnahmen ein – viel später als Brandenburg, Thüringen, Bayern und die Bundespolizei. Zwar gehen Berliner LKA-Spezialisten frühzeitig von einem Terroranschlag aus. Doch der diensthabende Berliner Polizeiführer klassifiziert die Lage zunächst als "Verdachtsfall Amok". Zudem wird schon früh ein Verdächtiger ausgemacht. Deshalb suchen die Sicherheitskräfte nicht, wie für einen solchen Fall vorgesehen, alle islamistischen Gefährder in Berlin zu Hause auf. In einem internen Polizeibericht ist später die Rede von einer "ungeübten Führungsgruppe".

Anis Amri kann sich frei in der Stadt bewegen. Im Laster zurückgeblieben ist sein Portemonnaie mit Bargeld, die Duldungsbescheinigung und seine BVG-Umweltkarte. Daher tritt er die Flucht vom Tatort zu Fuß an: Nach rbb-Informationen läuft er fast anderthalb Stunden lang - mit der Waffe - quer durch die Stadt zu seiner Wohnung in die Freienwalderstraße. Dort zieht er sich um und packt seinen Rucksack. Dann begibt sich unbehelligt auf die Flucht.  

23.35 Uhr

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt im ARD-Nachtmagazin, er wolle das Wort "Anschlag" noch nicht in den Mund nehmen, obwohl viel dafür spreche.

Dienstag, 20.12.

Nach Mitternacht

Am Breitscheidplatz sind die Kripo und die Feuerwehr weiterhin im Einsatz.

1.49 Uhr

Die Polizei teilt mit, die Zahl der Todesopfer sei auf zwölf gestiegen. 48 Menschen seien verletzt.

3 Uhr

Die Polizei durchsucht mit 250 Einsatzkräften sowie SEK-Mitarbeitern die Flüchtlingsunterkunft im früheren Flughafen Tempelhof. Dort lebt der festgenommene Verdächtige. Um 8 Uhr wird der Einsatz beendet.

5.51 Uhr

Die Polizei geht davon aus, dass der Lkw vorsätzlich in die Menschenmenge gesteuert wurde.

7.30 Uhr

Als es hell wird, kommen zahlreiche Trauernde zum Breitscheidplatz, legen Blumen nieder und zünden Kerzen an.

Archiv - Blumen und Kerzen, die zum Gedenken an die Opfer vom Breitscheidplatz aufgestellt wurden, sind am 05.02.2017 auf den Stufen zur Gedächtniskirche in Berlin zu sehen. (dpa/Rainer Jensen)
| Bild: dpa/Rainer Jensen

8.15 Uhr

Der Generalbundesanwalt übernimmt den Fall. Die Abteilung Terrorismus ermittelt.

9 Uhr

Die Innenminister von Bund und Ländern kommen zu einer Telefonschaltkonferenz zusammen. Sie einigen sich darauf, dass die Weihnachtsmärkte in Deutschland bei verstärkten Sicherheitsvorkehrungen offen bleiben sollen. Nur in Berlin schließen sie für einen Tag - aus Respekt vor den Opfern.

9.30 Uhr

Die schwer beschädigte Zugmaschine des Sattelschleppers am Breitscheidplatz wird auf ein Kasernengelände abgeschleppt und dort untersucht. Die Windschutzscheibe ist stark zersplittert.

11 Uhr

Im Kanzleramt tritt Bundeskanzlerin Merkel vor die Presse. Die Deutschen seien "in tiefer Trauer vereint", sagt sie. Anschließend tagt das Sicherheitskabinett.

11.30 Uhr

In der Gedächtniskirche wird ein Kondolenzbuch ausgelegt. Auch Mitglieder der Berliner Landesregierung tragen sich ein.

12.35 Uhr

Bundesinnenminister Thomas de Maizière bestätigt vor der Presse: "Wir haben es mit einem brutalen Attentat zu tun."

gegen 13 Uhr

Der Verdächtige streitet die Tat ab. Auch den Ermittlern kommen Zweifel, wie Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt bestätigt. Generalbundesanwalt Peter Frank gibt bekannt: "Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass der festgenommene Pakistani nicht der Täter ist." Am Abend kommt der Mann wieder frei.

14.18 Uhr

Bundespräsident Joachim Gauck tritt vor die Presse. "Dies war ein Angriff auf unsere Mitte, auf unsere Art zu leben", erklärt er. Der Angriff werde die deutsche Gesellschaft aber nicht erschüttern. "Der Hass der Täter wird uns nicht zu Hass verführen."

15 Uhr

Merkel, de Maizière, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Bürgermeister Müller besuchen den Breitscheidplatz. Sie legen weiße Rosen nieder.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (3.v.vl, CDU) besucht zusammen mit (l-r) Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), Andreas Geisel (SPD), Berliner Innensenator, und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am 20.12.2016 den Anschlagsort auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)

15 - 16 Uhr

Im Fahrerhaus des Sattelschleppers finden die Ermittler eine Geldbörse und die Duldungsbescheinigung von "Ahmed Elmasri" aus Kleve. Sie liegen im Fußraum unter dem Fahrersitz. "Ahmed Elmasri" wird als der Tunesier Anis Amri identifiziert. Das Berliner LKA löst jedoch erst kurz nach Mitternacht, über acht Stunden später, per elektronischem Schreiben eine bundes- und europaweite Personenfahndung nach Amri aus. Bis dahin läuft zwar eine Fahndung - allerdings verdeckt. Diese verdeckten Maßnahmen, unter anderem im Umfeld des "Gefährders", gehen noch bis zum Abend des nächsten Tages weiter.

18 Uhr

In der Gedächtniskirche findet ein Gedenkgottesdienst statt. Hunderte Menschen besuchen ihn.

Das Brandenburger Tor wird in den Deutschlandfarben angestrahlt.

20.20 Uhr

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamiert den Anschlag für sich.

Das Brandenburger Tor leuchtet am 20.12.2016 in Berlin nach dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in den deutschen Nationalfarben «schwarz - rot - gold». (Quelle: dpa/Paul Zinken)

Mittwoch, 21.12.2016

Das Bundeskriminalamt (BKA) fahndet nach Amri. In das Schengener Informationssystem (SIS) geht ein europaweiter Personenfahndungsaufruf ein. Es wird bekannt, dass der gesuchte Anis Amri in Nordrhein-Westfalen als Gefährder galt und lange observiert worden war.

Amri selbst befindet sich zu dem Zeitpunkt derweil auf der Flucht, die ihn durch die Niederlande, Belgien, Frankreich und schließlich nach Italien führt.

Gegen 11 Uhr

Die ersten Medien berichten über die Fahndung nach dem neuen Verdächtigen.  

11.30 Uhr

Amri wird in Nijmegen (Niederlande) gefilmt.

12.30 Uhr

Im Bundestag kommt der Innenausschuss zu einer Sondersitzung zusammen. Innenminister de Maizière und die Chefs der Sicherheitsbehörden informieren die Abgeordneten über den Stand der Ermittlungen.

13 Uhr

Amri wird in Amsterdam gefilmt.

Der Fluchtweg des mutmaßlichen Attentäters Anis Amri (Quelle: Colourbox 9104569/Ruslan Olinchuk; rbb)Amris Fluchtweg durch Europa

14.40 Uhr

De Maizière gibt bekannt, dass ein Verdächtiger seit Mitternacht europaweit zur Fahndung ausgeschrieben ist. Es sei aber keine öffentliche Fahndung.  

Bei der Ausländerbehörde in Köln treffen die Passersatzpapiere für Amri aus Tunis ein, die das BKA acht Monate zuvor angefordert hatte. Damit hätte Anis Amri abgeschoben werden können. Mithilfe der Dokumente erstellen die Ermittler jetzt das Fahndungsfoto.

17.39 Uhr

Die Fahndung nach Anis Amri wird jetzt, zwei Tage nach der Tat, öffentlich gemacht. Das Bundeskriminalamt setzt eine Belohnung von bis zu 100.000 Euro für Hinweise aus, die zu seiner Ergreifung führen.

Ein Fahndungsplakat des BKA mit Angabe zum gesuchten Anis Amri. (Quelle: imago/ZUMA Press)

Donnerstag, 22.12.

Morgens: Die Polizei durchsucht ein Flüchtlingsheim im nordrhein-westfälischen Emmerich, wo Amri zeitweise lebte. Bundesinnenminister de Maizière bestätigt, dass in dem Lastwagen Fingerabdrücke von Amri gefunden wurden. Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz öffnet wieder.

Gegen 12 Uhr

Die "New York Times" berichtet, Amri sei den US-Behörden bekannt gewesen und auf einer Flugverbotsliste geführt worden.

Im Tagesverlauf

Amri wird im französischen Lyon gefilmt.

16 Uhr

Die Bundesregierung bestätigt, dass Amri "mit hoher Wahrscheinlichkeit" der Attentäter vom Breitscheidplatz sei.

Abends: Gegen Amri wird Haftbefehl erlassen.

Stationen der Flucht des Attentäters Anis Amri nach dem Anschlag auf dem Breitscheidtplatz in Berlin (Quelle: dpa)Station der Flucht von Anis Amri

Freitag, 23.12.2016

Gegen 3.30 Uhr

Amri wird nahe dem Bahnhof der norditalienischen Stadt Sesto San Giovanni im Großraum Mailand bei einer Kontrolle von Polizisten erschossen, einen Tag vor seinem 24. Geburtstag. Seine Flucht hatte ihn durch halb Europa geführt: von Berlin über Nijmegen und Amsterdam über Brüssel, Lyon und Chambéry nach Turin und schließlich Mailand. In seinem Rucksack finden die Ermittler einige Zugtickets.

Der IS-Kanal Amak veröffentlicht ein zweieinhalb Minuten langes Video, auf dem Amri im Herbst dem IS-Anführer Treue schwört.

Mit dem Anschlag hat Amri zwölf Menschen ermordet. 56 Opfer mussten mit teils schwersten Verletzungen in Kliniken gebracht werden. Insgesamt wurden über 100 Menschen verletzt.

Mit Material von tagesschau.de

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