Kita-Kinder lesen gemeinsam mit einer Erzieherin ein Buch (Quelle: imago/JOKER)
Video: Abendschau | 01.12.2017 | Ansgar Hocke | Bild: imago stock&people

Anwärter können sich Ausbildung nicht leisten - Auszubildende Erzieher in finanziellen Nöten

In Berliner Kitas fehlt es an Erziehern. Arbeitslose oder Berufswechsler, die eine Ausbildung angehen wollen, stehen bereit - doch haben es schwer: Ein Wirrwarr aus Zuständigkeiten macht, dass viele von ihnen sich die Ausbildung nicht leisten können. Von Ansgar Hocke

Plötzlich wird die Ausbildung zur finanziellen Falle: Arbeitslose oder Berufswechsler, die Erzieher werden wollen, besuchen eine Fachschule mit dreijähriger integrierter Praxisausbildung. Dabei können sie von der Arbeitsagentur gefördert werden - müssen aber nicht. Für Menschen, die mitten im Leben stehen, kann es aber mitunter schwierig sein, vom Ausbildungsgehalt leben zu müssen.  

So ging es Sarah Miller: Zehn Jahre lang war sie selbständig, ihr Restaurant lief gut, aber Mietprobleme zwangen sie zur Insolvenz. Sie meldete sich arbeitslos. Nach einem Praktikum in einer Kita entschied sie sich für den Beruf der Erzieherin. Im Mai klappte es mit dem Ausbildungsvertrag am Schöneberger Pestalozzi-Fröbel-Haus.

Mit dem Beginn der Ausbildung beendete das Jobcenter prompt die Zahlung der Grundsicherung für die alleinerziehende Mutter. Ein Härtefall liege nicht vor, erklärte das Amt. Laut Gesetz könnte die Arbeitsagentur die ersten zwei Ausbildungsjahre Jahre fördern. Einige Jobcenter in Berlin tun dies, andere nicht.

Schulden machen für die Ausbildung

Allein ist Sarah Miller mit ihrem Problem nicht. Sie berichtet: "An der Pestalozzi-Schule sind wir zwölf betroffene Auszubildende. Davon sind drei alleinerziehende Mütter, die von einem Tag auf den anderen ohne Finanzierung dastanden." Andere hätten sich verschuldet, obwohl ihnen das Amt eigentlich Unterstützung zugesagt hatte.

"Aufstiegs-BAföG" hilft nicht bei Praxissemestern

Ein anderer Fall ist Yanna Goerisch, denn sie hatte den sogenannten Aufstiegs-BAföG, kurz für Aufstiegsfortbildungsförderung, beantragt. Doch auch sie stand bald ohne Existenzgrundlage da und muss die Schule vermutlich bald aufgeben. Sie sagt: "Ich habe an der Erzieherschule angefangen, weil mir Aufstiegs-BAföG zugesichert wurde. Ab Januar habe ich kein Geld mehr bekommen, weil es Praxissemester gab."

Die Mitarbeiter des BAföG-Amts würden dann sagen: Gehen Sie zum Jobcenter. Dort aber hieße es dann aber: Auszubildenden an BAföG-geförderten Schulen bekommen keine Leistungen.

Die Schulleiterin Annegret Lauffer kann mit der schuleigenen Stiftung Notfällen helfen, das löse aber nicht das Problem. Sie sagt: "Die Arbeitsagenturen haben unseren Studierenden Zusagen gegeben und diese dann aus zum Teil nicht nachvollziehenden Gründen zurückgezogen." Deshalb hätten die Studierenden das Aufstiegs-BAföG, also das alte Meister-BAföG, beantragt. "Doch das Problem ist, dass es kein Geld für Praxissemester gibt. Seit 14 Jahren haben wir diese dreijährige praxisorientierte Ausbildung. Das müsste allen bekannt sein."
 

Auch das Alter spielt eine Rolle

Auch das Alter spielt eine Rolle: Mit dreißig wird es schwer, den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers zu ergreifen. Denn die normale Ausbildungsförderung BAföG fällt flach. Nur das sogenannte Aufstiegs-BAföG kann dann beantragt werden, inklusive der erwähnten Schwierigkeiten.

Die Zahl der Unterrichtsstunden in der Theorie und in der Praxis entspricht in Berlin nicht den bundesweiten Vorschriften. Da der Bund aber dieses Aufstiegs-BAföG finanziert, gehen Berlins Erzieherschüler leer aus. Wenn es hochkommt, werden zwei Jahre der dreijährigen Ausbildung gefördert, beziehungsweise als Darlehen vorgestreckt. Kein gutes Signal, meinen Kita-Betreiber: Die letzten Interessenten für diesen Beruf machten sich vom Acker.
 

Modellversuch soll Probleme lösen

Dem Wirrwarr aus Zuständigkeiten der Arbeitsagentur, der Studienverordnungen und der BAföG-Regeln etwas entgegenzusetzen, scheint unmöglich zu sein. In den über 50 Berliner Fachschulen für Erzieherinnen sind grob geschätzt 500 Schüler betroffen.

Um den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz zu gewährleisten, müssten bis 2020 zusätzlich rund 4.800 Vollzeitstellen hinzukommen. Dies sind die Zahlen der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Sie kann nicht verstehen, dass angesichts des Fachkräftemangels in den Kitas Frauen und Männern, die gerne Erzieherinnen und Erzieher werden wollen, solche Hindernisse in den Weg gestellt werden.

Gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Arbeit will sie das Problem lösen. Scheeres Vorbild für eine Lösung: ein Modellversuch in Friedrichshain-Kreuzberg.

Dort Arbeitssuchende erhalten eine dreijährige Erzieherausbildung. Während der ersten beiden Jahre gibt es Leistungen vom Jobcenter, im dritten Ausbildungsjahr muss ein Kita-Träger die Personalkosten aufbringen. Allerdings stehen nur 25 Plätze zur Verfügung. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Der Bedarf steigt

Je dunkler eine Bezirksregion auf der rbb|24-Karte markiert ist, desto größer ist dort der Bedarf an neuen Kitas (Stand: März 2017).

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Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Als Sarah Miller bereits Ihr Restaurant geschlossen hatte und ich noch Handwerkerarbeiten in Ihrem Restaurant mit Ihr abrechnen wollte erzählte Sie mir daß Geldentnahmen Ihres Ex von Ihrem Firmenkonto zur Insolvenz geführt haben und daß ich mich mit meiner Forderung an den Insolvenzverwalter wenden soll.

    Da war keine Rede vom bösen Vermieter der die Miete unerträglich ehöht hat !

    Schöne Grüße

  2. 11.

    Ich nehme an ihre Frau wurde von Ihnen finanziell unterstützt?
    Ich habe versucht Steuerfachangestellte zu werden.
    Bei einer Ausbildungsvergütung von knapp 400,- € und einer Miete von 453,- €, meinte das Amt das 50,- € Berufsausbildungsbeihilfe ja sicher genug seien, mehr gäbe es eben nicht, das Arbeitsamt wollte dann nicht aufstocken.
    Auch ich war zu dem Zeitpunkt über 30 Jahre alt.
    Mietzuschuss habe ich dann nach einem halben Jahr und mehrfachem Einreichen aller Unterlagen zwar bekommen aber gereicht hat es vorne und hinten nicht.
    Die Ausbildung habe ich auch deswegen aufgeben müssen.

  3. 10.

    Fakt ist, dass die Träger, die berufsbegleitende Ausbildungen anbieten, nicht gerne junge, unerfahrene Menschen ausbilden, die gerade mit der Schule fertig sind. Außerdem ist es auch oft so, dass die Auszubildenden als Vollzeitkräfte gezählt werden, obwohl sie nur 4 Tage die Woche da sind. Wenn man also als junger Mensch Erzieher werden möchte, ist man auf die Schule angewiesen. Nicht alle jungen Menschen haben Eltern, die sie unterstützen können. Zwar hat man eigentlich das Recht auf Schüler-BAFöG (ist jedes Jahr neu zu beantragen), aber auch diese Ämter sind ausgesprochen zahlungsunwillig. Ich habe Bearbeitungszeiten von über einem halben Jahr erlebt. Auch die Sachbearbeiter bei den verschiedenen Ämtern sind oft alles andere als freundlich, zum Teil bekommt man Vorwürfe zu hören, warum man sich denn so eine Ausbildung ausgesucht hätte. Dann werden auch gerne Fantasieunterhalte nach völlig falschen Kategorien berechnet, so dass man nebenher noch Fachmann für Unterhalt werden muss.

  4. 9.

    Mit 38 Jahren habe ich mich entschlossen, die Ausbildung zur Erzieherin in einer schulischen Vollzeitausbildung mit Praktikazeiten zu absolvieren. Das es angesichts des Fachkräftemangels eine so schwierige und kräftezehrende Situation wird, hätte ich nicht gedacht. Agentur für Arbeit hat erst zugesagt, dann zurückgezogen, da die Schule Bafög gefördert ist. Bei mir als über 30 jährige, die übrigens seit 20 Jahren Steuern und in sämtliche Sozialkassen zahlt, wird nur Aufstiegsbafög gezahlt. Der Haken an der Sache: es fehlen Vorerfahrungen im sozialen Bereich.Eigene Kinder, Lebenserfahrung und die Überzeugung, trotz Einstiegsgehalt von 1300 Euro diesen Beruf ausüben zu wollen reichen nicht aus. Für alle, die diese Voraussetzungen erfüllen, kommt der nächste Haken : es werden nur 6 Monate pro Ausbildungsjahr bezahlt. Wovon dann Miete zahlen und ein Leben mit Kindern führen? Es geht um unsere Kinder. Da sollte nicht gespart werden.

  5. 8.

    Der Arbeitssuchende muss, aber das JobCenter kann. Kein faires Verhältnis zwischen Staat und Staatsbürger. Ihr Beispiel ist eins von vielen Brutalitäten der HartzIV-Maschinerie.

  6. 7.

    Sachlich gut beschrieben! Die Politik ist gefragt!
    Es geht eben nicht nur um die Absolventen mit Arbeitsvertrag, sondern um die anderen, die die Voraussetzung nicht erfüllen! Wir brauchen wieder das bezahlte Anerkennungsjahr und mehr Berichte über den Erzueherinnennotstand!

  7. 6.

    Hoffe das sich die Situation so schnell wie möglich ändert. Bin auch damit betroffen, wenn ich keine Unterstützung erhalte, dann wenigstens die neue Studenten.

  8. 5.

    Da machen die Leute wohl was falsch. Meine Frau schließt die Berufsbegleitende Ausbildung im Januar 2018 nach 3 Jahren ab.
    Bis auf ein geringes Entgelt für den Theorieteil ( der auch noch vom Träger bzw.ausbilder übernommen wurde ) vielen keine Kosten an. Im Gegenteil. Sie erhielt vom Träger der Kita ein ordentliches Gehalt von den Mann leben kann.
    Die Leute die in Ausbildung gehen, müssen von sich aus viel bei den unterschiedlichen Trägern nachfragen denn es gibt starke Unterschiede in den Entgelten.
    Auf eine vernünftige Beratung beim Jobcenter oder Arbeitsagentur sollte Mann aus unserer Erfahrung nicht hoffen.
    Zu guter Letzt meine Frau war bei Beginn smarte 40 Jahre jung

  9. 4.

    Super das darüber endlich auch mal berichtet wird. Ich hatte exakt das selbe Problem bei meiner berufsbegleitenden Ausbildung zum Erzieher. Hier wurden Verantwortlichkeiten einfach von A nach B bewegt. Das JobCenter berief sich darauf das ich im Grunde Bafög bekommen muss und das Bafög Amt berief sich auf das Alter (über 31) und zahlte nichts.
    Ich habe 3 Jahre lang meine Ausbildung selber finanziert, nebenbei mich mit Nebenjobs über Wasser gehalten... nach der Arbeit / Schule um mitunter das zusätzliche Schulgeld und die Monatskarte finanzieren zu können.

    Ich habe relativ schnell zu Beginn der Ausbildug einen Anwalt eingeschaltet und durfte die komplette Ausbildungszeit (also drei Jahre lang) gegen das JobCenter kämpfen. Am Ende habe ich gewonnen und es ging sogar bis vor das Sozialgericht. Aber was es an Nerven gekostet hat und all die Engpässe die ich in dieser Zeit hatte finanziell... Das gibt keiner zurück.

  10. 3.

    Ich verstehe als Schulleiter einer Fachschule für die Ausbildung von ErzieherInnen in Branden urg das Problem nicht. Wir haben seit fast 15 Jahen eine berufsbegleitende Ausbildung wo die SchülerInnen bei einer Kita oder einer anderen Einrichtung angestellt sind und dann bei uns die Ausbildung absolvieren. Famit sind die SchülerInnen finanziell abgesichert und schließen im Regelfall die Ausbildung mit guten Ergebnissen ab. Die Lohnkosten trägt das Land und die Jugendämter teilweise über die Anrechnung auf die Fachkräftequote sowie in Differenz die Kommunen bzw. Träger. Die SchülerInnen investieren ca. 18 Stunden Wöchentlich Zeit. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen. Es muss aber politisch gewollt sein.

  11. 2.

    Unfassbar! Diese Menschen, die sich eine gute Berufsperspektive schaffen und die von der Gesellschaft dringend gebraucht werden, sollten die Insitutionen doch gerade fördern und nicht bestrafen! Modellversuch ist schön und gut, dann sollte es mehr davon geben, denn eine Lösung wird jetzt gebraucht. Irgendwie seltsam, dass ein Rechtsanspruch auf Kitaplätze geschaffen werden kann, aber kein Rechtsanspruch auf finanzielle Unterstützung während der Ausbildungszeit.

  12. 1.

    Und wieder grüßt der Hauptmann von Köpenick!

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