Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln (Quelle: picture alliance/Jüdisches Forum für Demokratie)
Bild: Jüdisches Forum für Demokratie

Interview | Studie zu Antisemitismus bei Flüchtlingen - "Viele zeigen sich schockiert, wenn sie vom Holocaust hören"

Eine neue Studie zeigt, wie wenig viele Asylbewerber über das Judentum in Deutschland wissen. Ihr Bild von Israel ist zudem durch Propaganda verzerrt. Der Historiker Günther Jikeli sieht darin einen gefährlichen Nährboden, den Radikale für sich nutzen könnten.

Welches Bild haben Menschen aus Syrien und dem Irak, die als Asylsuchende in Deutschland leben, vom Judentum und Israel? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine neue Studie, die vom American Jewish Committee Berlin in Auftrag gegeben wurde. Der Historiker und Antisemitismusforscher Günther Jikeli hat im Dezember 2016 dazu 16 Gruppeninterviews mit 68 Menschen durchgeführt, unter anderem in Berliner Gemeinschaftsunterkünften, Cafés und Restaurants. Unter ihnen waren Muslime, Christen und Jesiden, Araber, Kurden, Palästinenser, Männer und Frauen im Alter von 18 bis 52 Jahren. Die Studie ist nicht repräsentativ. Stattdessen hoffen die Macher, eine Diskussion anzustoßen, die zu einer Bestandsaufnahme führt. Im Interview mit rbb|24 erklärt Jikeli welche Einstellungen ihm in den Gesprächen begegnet sind.

rbb|24: Die Veröffentlichung Ihrer Studie fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der in Berlin Tücher mit Davidstern verbrannt wurden. Auch wenn diese Taten nicht von Geflüchteten begangen wurden, hat Sie das überrascht?

Günther Jikeli: Die Demonstrationen sind weder repräsentativ für Geflüchtete noch für Muslime. Sie wurden von Islamisten und radikalen palästinensischen Organisationen organisiert, die geschickt vorhandene Ressentiments ausnutzen für ihre Zwecke. Der mit dem Zentralrat der Muslime assoziierte Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland beispielsweise rief dazu auf, in den Freitagsgebeten zu betonen, dass Jerusalem allein "Besitz der Muslime" sei. Bei einer solchen Aufstachelung und einem weit verbreiteten Anti-Israelismus ist es nicht verwunderlich, wenn israelische Fahnen oder Fahnen mit Davidsternen verbrannt werden.

In Ihrer Studie schreiben Sie, dass in Syrien und Irak die Meinungen zu Israel und dem Judentum stark durch Propaganda beeinflusst werden. Wie sieht diese staatlich gelenkte Erzählung aus und wie wird sie den Menschen vermittelt?

In syrischen Geschichtsbüchern für die Oberstufe wird Hitler als starker Führer porträtiert, der sich gegen die Juden zur Wehr setzte, die sich angeblich während der Weltwirtschaftskrise 1929 in Deutschland bereichert hatten. Juden werden als ewige Feinde der Muslime und Araber sowie der gesamten Menschheit dargestellt. Zionismus und Israel werden in diesen Schulbüchern als imperialistisch und Ursache aller Probleme im Nahen Osten dämonisiert. Unter Hafez al Assad mussten Schülerinnen und Schüler jeden Morgen stramm mit ausgestrecktem Arm stehen und nicht nur auf das Regime und die arabische Einheit, sondern auch auf den Kampf gegen den "zionistischen Imperialismus" schwören. Im Irak unter Saddam Hussein sah das ganz ähnlich aus. Beide Länder sind bis heute stark von der faschistischen, panarabischen Baath-Partei beeinflusst. Das Zeichen der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei heute ähnelt übrigens stark dem Hakenkreuz.

Was wussten die Teilnehmer über das Judentum?

Das war sehr unterschiedlich und auch die Einstellungen zu Juden lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Über jüdische Bräuche war allerdings fast gar nichts bekannt, auch wenn einige annehmen, dass diese änhlich sind wie muslimische. Juden werden aber dennoch als Gefahr angesehen. Die Aussage von Inas, eine sehr weltoffene und von ihrem Mann emanzipierte junge Frau, war hier typisch. Sie sagte:
Was ich höre, ist, dass Juden wie wir sind. Sie sind sauber wie Muslime, […] aber du darfst nicht in ihrem Haus schlafen, weil du [dort] nicht sicher bist. Christen sind nicht sauber, aber du kannst in ihrem Haus schlafen. Aber Juden sind unsere Cousins, sie sind wie wir, was Alltagsgewohnheiten betrifft."
Inas ist schätzungsweise Mitte 20. Sie ist eine arabisch-muslimische Frau aus Damaskus in Syrien. Auffallend war, dass Juden nur als Religionsgemeinschaft wahrgenommen werden, nicht als Volk oder Nation. Das hört man allerdings in Deutschland auch von anderen Seiten immer wieder, meist mit dem Ziel, dem jüdischen Staat die Existenzberechtigung absprechen zu wollen. Ein von Verschwörungsfantasien geradezu strukturiertes Welt- und Geschichtsbild scheint in fast allen Interviews an einer Reihe von Themen auf, insbesondere hinsichtlich der Entwicklungen in der Region des Nahen und Mittleren Ostens. Die Position, die Welt würde von Juden oder Israel kontrolliert, wird oft als normal beziehungsweise legitim empfunden. Das wird auch oft mit dem Judentum in Verbindung gebracht, wenn man nachbohrt.

Wie haben die Gesprächsteilnehmer reagiert, wenn Sie die Verbrechen des NS-Regimes angesprochen oder wenn Sie Fragen zum Holocaust gestellt haben?

Auch hier gab es große Unterschiede. Diejenigen, die das Thema nicht im Integrationskurs behandelt hatten, wussten fast nichts darüber, außer einem vagen Wissen, dass Hitler Juden in Deutschland verfolgt hat. Dass Juden in ganz Europa von den Nationalsozialisten und ihren zahlreichen Helfern gezielt verfolgt und etwa sechs Millionen Juden ermordet wurden, ist nur aus Integrationskursen bekannt. Viele zeigen sich schockiert, wenn sie davon hören. Andere wollen das relativieren oder bestehen darauf, dass es nur etwa anderthalb Millionen oder weniger Juden waren, die ermordet wurden. Das ist eine Zahl, die oft auch von rechtsextremen Holocaustleugnern genannt wird. Ganz vereinzelt gab es leider auch Stimmen, die es gut fanden, dass Juden ermordet wurden.

Das Groß der Teilnehmer wird als „aufgeschlossen und tolerant“ beschrieben. Dennoch seien in den Gesprächen antisemitische Vorstellungen zutage gekommen, es wurden Verschwörungstheorien geäußert und es wurde kein Unterschied zwischen Israel und dem Judentum gemacht. Wie passt das zusammen?

Meine Erfahrung mit Antisemiten jeglicher Couleur und Hintergrunds ist, dass viele von Ihnen sehr nett und aufgeschlossen sein können, wenn man sie nicht gerade auf Juden, Zionisten, Freimaurer, oder Illuminati anspricht. Das ist bei Geflüchteten nicht anders.

Unter den Befragten gab es durchaus auch neutrale oder positive Meinungen zu Israel und dem Judentum, insbesondere bei Geflüchteten, die in ihrer Heimat selbst Teil einer Minderheit waren. Sie schreiben aber, dass dies auch problematisch sein kann?

Ja, es gab durchaus positive Stimmen und es wurde auch weniger direkter Hass geäußert als antisemitische Stereotype. Auch eine Bereitschaft, bestimmte Vorurteile zu überdenken, besteht bei vielen. Es ist also alles andere als hoffnungslos. Ich denke es ist für viele eine reale Chance, sich von Ressentiments und von Verschwörungstheorien zu befreien in einer Gesellschaft, in der das eben nicht normal ist. Es ist ja auch nicht gerade hilfreich für die eigene Lebensplanung, wenn man alles mit Verschwörungsfantasien erklärt. Unter Kurden, Christen und Jesiden lässt sich beobachten, dass sie sich häufiger kritisch zu judenfeindlichen Vorstellungen äußern, zumindest wenn arabisch-muslimische Landsleute nicht dabei sind. Einige Kurden sehen sogar das jüdische Volk und Israel als Vorbild in der Schaffung eines Staates für das eigene Volk, was von vielen Seiten angegriffen wird. Das heißt aber nicht, dass sie notwendigerweise frei sind von Vorstellungen, die Juden seien reich und mächtig.

Ihre Studie ist nicht repräsentativ. Sie sagen selbst, es wäre falsch pauschal über alle Geflüchteten aus diesen Ländern zu urteilen. Was können wir trotzdem aus dieser Studie lernen?

Genaue Prozentangaben, ob 20, 30, 50 oder 70 Prozent antisemitische Einstellungen haben, sind meines Erachtens nicht entscheidend für jetzt zu entwickelnde Handlungsansätze. Fest steht, dass zu viele an antisemitische Stereotype glauben, wie wir in den verschiedenen Gruppen, die sich gegenseitig nicht kannten, immer wieder feststellen konnten. Unter vielen von ihnen herrscht eine Norm in ihrem sozialen Umfeld vor, die man daran erkennt, dass antisemitische Einstellungen als selbstverständlich und legitim erachtet werden. Gerade diese Norm, die bei einigen zu beobachten ist, ist gefährlich, denn dann ist die Hemmschwelle zu antisemitischen Handlungen gering. Zu der Erkenntnis, dass Antisemitismus unter Geflüchteten aus Syrien und dem Irak weit verbreitet ist, kommen übrigens zwei weitere Studien. Zum einen die Studie, die von Sina Arnold und Jana König für den Bericht des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus für den Deutschen Bundestag erstellt wurde. Zum anderen die Studie von Sonja Haug für die Hanns Seidel Stiftung, in der knapp 800 Geflüchtete befragt wurden.

Sie wollten auch überprüfen, ob sich die Anschauungen der Geflüchteten verändern, wenn sie längere Zeit in Deutschland verbringen. Zu welchem Schluss kommen Sie dabei?

Das lässt sich mit unseren Interviews nur in Ansätzen beantworten. Fest steht, dass viele Bereitschaft zeigen, Einstellungen zu überdenken oder sogar direkt fordern, dass sie wissen möchten, welche Werte und Gepflogenheiten denn in dieser Gesellschaft herrschen, damit für sie die Integration einfacher, beziehungsweise überhaupt erst möglich wird. Es kommt meines Erachtens jetzt darauf an, wie das Miteinander gestaltet wird und wieweit anti-demokratische Gruppen wie Islamisten, die in vielen Moscheen und Islamverbänden den Ton angeben und staatliche Förderungen für Bildungsarbeit bekommen, Einfluss ausüben.

Das Interview führte Oliver Noffke.

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13 Kommentare

  1. 12.

    Die Ähnlichkeit zur Hakenkreuz-Flagge ist beim Logo der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei, nicht bei der Baath-Partei

  2. 11.

    Der Grund ist hier können sie sich frei betätigen, insbesondere religiös und politisch. Der Saudische Prinz zB hat schon ein Schloss in Frankreich gekauft und verbringt jeden Sommer an der französischen Küste.

  3. 9.

    Warum nur dieser Hass auf Andersgläubige? Diese Menschen machen sich Null Gedanken über ihr Handeln. Rennen einfach kopflos irgendwelcher extremistischen Propaganda hinterher. Ich frage mich ernsthaft was diese Leute dazu bewegt in einem Land zu leben, indem sie von Ungläubigen umgeben sind.

  4. 8.

    "Günther Jikeli: Die Demonstrationen sind weder repräsentativ für Geflüchtete noch für Muslime. "

    Ach ja? Und wo kommen die vorhandenen Ressentiments her, von denen anschl. die Rede ist?

    "Sie wurden von Islamisten und radikalen palästinensischen Organisationen organisiert, die geschickt vorhandene Ressentiments ausnutzen für ihre Zwecke. Der mit dem Zentralrat der Muslime assoziierte Rat der Imame und Gelehrten in Deutschland beispielsweise rief dazu auf, in den Freitagsgebeten zu betonen, dass Jerusalem allein "Besitz der Muslime" sei. Bei einer solchen Aufstachelung und einem weit verbreiteten Anti-Israelismus ist es nicht verwunderlich, wenn israelische Fahnen oder Fahnen mit Davidsternen verbrannt werden."

    Ich habe selten einen so widersprüchlichen Text gelesen? Es soll doch hoffentlich nichts beschönigt, werden?
    Auf jeden Fall berechtigt er sehr treffend die baffe Frage von ednew: Was soll das jetzt?

    Vielleicht wird Sie damit doch noch geholfen, werte Redaktion.

  5. 7.

    Sie schreiben: "Eine neue Studie zeigt, wie wenig viele Asylbewerber über das Judentum in Deutschland wissen." Ja was glauben Sie denn, wieviele Deutsche etwas über das Judentum in Deutschland wissen? Was wollen Sie denn mit diesem Artikel bezwecken? Und es waren immer noch zigtausende DEUTSCHE, die die Juden europaweit bestialisch ermordet haben, und die meisten dieser Mörder waren natürlich Nationalsozialisten, zudem Angehörige der deutschen Wehrmacht, der SS und Waffen-SS, der KZ-Schergen und sonstiges Mordgesindel. Nach 1945 und dem Sieg der Allierten über Deutschland haben die Deutschen von diesen Verbrechen, die nicht nur an Juden begangen wurden, nichts mehr wissen wollen. Aber alle haben es gewusst!! Wie hat Willy Brandt einmal gesagt? "Diese Verbrechen wurden nicht nur im Namen des deutschem Volkes begangen, sondern auch von Deutschen."

  6. 6.

    Samuel Salzborn muss Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung werden!

  7. 5.

    Wenn Migranten oder Asylanten in Deutschland , israelische Fahen auf Demos anzünden, wird mir übel.
    Undenkbar noch vor ein paar Jahren.

    Ist das jetzt alles noch Meinungsfreiheit?

    Da hat sich schon eine Sub Kultur gebildet. Mit gänzlich eigener Kultur und Geschichte.

    Im unserem Geschichts Unterricht haben wir noch KZs besucht.

    Jene neuen Personengruppen von Einwanderern definitiv nicht.



  8. 2.

    Was soll denn das jetzt?

  9. 1.

    Wenn man so einen Schwachsinn wie von INAS hört die angeblich emanzipiert ist "was ich höre, daß Juden wie wir sind. Sie sind sauber wie Muslime, (....) aber du darfst nicht in ihrem Haus schlafen, weil du (dort) nicht sicher bist. Christen sind nicht sauber, aber du kannst in ihrem Haus schlafen. .....", wird es mir echt übel.
    Das kann man doch alles im 21. Jahrhundert nicht mehr für voll nehmen.

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