Neuköllner Begegnungsstätte, Moschee in der Flughafenstraße. Die Moschee ist freitags immer so voll, dass im Hof und auf dem Gehweg gebetet wird. (Quelle: dpa/Wolff)
Video: Abendschau | 15.12.2017 | S. Adamek / J. Goll | Bild: dpa/Wolff

rbb-Recherche - Saudischer Hassprediger sprach 2009 in Neukölln

Der Imam der Dar-as Salam-Moschee, Mohamed Taha Sabri, erhielt vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller 2015 den Landesverdienstorden. Dabei ist die Moschee umstritten. Recherchen des rbb zufolge hat der saudische Hassprediger Mohamed al-Arifi schon zweimal dort gepredigt. Von Sascha Adamek und Jo Goll

Der saudische Hassprediger Muhammed al-Arifi hat bereits im Jahr 2009 in der Berliner Dar-as-Salam-Moschee, auch bekannt als Neuköllner Begegnungsstätte (NBS), gepredigt. Bislang war nur ein Besuch 2013 bekannt. rbb-Recherchen zufolge hat diese Predigt 2009 der mittlerweile zum "Bildungsminister" des sogenannten "Islamischen Staates" aufgestiegene Berliner Salafist Reda Seyam als Kameramann gedreht. Bilder zeigen al-Arifi neben dem Imam der NBS, Mohammed Taha Sabri, im Hintergrund Seyam. Dieser war bereits zu diesem Zeitpunkt ein prominenter Salafist, der bereits 2007 in einer ARD-Dokumentation seine dschihadistische Auffassung kundgetan hatte. Die NBS schreibt in einer Antwort an den rbb, damals sei in der NBS nichts über deren problematischen Hintergrund Arifi und Seyams bekannt gewesen. Sie seien auch nicht "eingeladen" worden.

Der spätere "IS-Bildungsminister" filmte Hassprediger in der NBS

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden gehörte Reda Seyam 2008 zu den führenden Gründern der radikalen As-Sahaba-Moschee, nach Aussage des Berliner Verfassungsschutz damals ein Treffort von Salafisten und Dschihadisten. Er war bereits 2008 öffentlich als Islamist bekannt. Später nahm Sayan auch an der öffentlichen Koranverteilaktion des mittlerweile verbotenen Vereins "Die wahre Religion" teil. Häufig betätigte sich Seyam als Kameramann in salafistischen Kreisen. 2013 trat Seyam als Kameramann im syrischen Bürgerkriegsgebiet auf. Schließlich schloss er sich dem sogenannten "Islamischen Staat" an. Unter dem Kampfnamen "Dhu I-Qarnain" fungiert er als Leiter des IS-Bildungsbüros. Wegen einer möglichen Beteiligung an den Hotel-Anschlägen auf Bali 2002 war gegen ihn ermittelt worden, ohne dass ihm eine konkrete Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte.

Dass Seyam noch 2009 während des Auftritts des Hasspredigers Mohamed al-Arifi als Kameramann in der NBS gearbeitet habe, erklärt die NBS in einer Stellungnahme damit, dass Seyams Hintergrund der NBS "in diesem Ausmaße" "nicht bekannt" gewesen sei: "Wir hätten zu diesem Zeitpunkt Herrn Seyam nicht in der Masse der Besucher/innen als gefährlichen Salafisten enttarnen können und ihn des Hauses verweisen können." Seyam sei Teil der Entourage Arifis gewesen und habe in dessen Auftrag gefilmt.

Islamismusexperte Mansour übt scharfe Kritik am Regierenden Bürgermeister

Der Islamismusexperte Ahmad Mansour kritisierte diese Aussage gegenüber dem rbb. Seyam, der bereits seit 1996 als Islamist agierte und 2008 sehr bekannt in der Szene gewesen sei, da er in vielen Interviews seine dschihadistischen Ansichten kundgetan habe. Wenn Sabri Seyam in der Moschee agieren lasse, bedeute das "eine emotionale Nähe zu dieser Ideologie oder zumindest ein Problem mit der Distanzierung." Scharfe Kritik äußerte Mansour deshalb auch am Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), der Sabri nicht nur den Verdienstorden verliehen habe, sondern auch mit Sabri gemeinsam bei einer Veranstaltung auf dem Breitscheidplatz zum Gedenken an die Attentatsopfer teilgenommen habe: "Ich erwarte von einem Regierenden Bürgermeister, dass er in der Lage ist, seine Partner sorgfältig abzuklären, vor allem in so einem sensiblen Bereich." Sabri schaffe durch die Verbreitung des Islamverständnisses inklusive von "Angstpädagogik, Schaffung von Opfer und Feindbilder" in der muslimischen Community eine "Basis für Islamismus".

Auch die Islamismus-Analystin Sigrid Herrmann-Marschall kann sich die Antwort der NBS nicht erklären: Sowohl Arifi als auch Seyam seien zum Zeitpunkt der Video-Aufnahme 2009 als Personen mit extremistischen Haltungen und Kontakten öffentlich bekannt gewesen. Dass "keinerlei innere Distanz und Einsicht vorhanden" sei, zeige sich daran, dass diese Inhalte bis heute auf einem Video-Kanal aus dem Umfeld der NBS verfügbar seien. Sabri distanziere sich immer erst, wenn das öffentlich gefordert werde, so die Expertin: "Wer nur das Eigenmarketing der NBS hin sieht, verkennt grob die Realität", kritisierte sie den Berliner Senat.

Der Imam der NBS, Mohamed Sabri hatte in einem Interview mit dem rbb im Frühsommer den Auftritt al-Arifis von 2013 als "Fehler" bezeichnet und darauf hingewiesen, dass so etwas in der zehnjährigen Geschichte der Moschee "nur einmal passiert" sei. Dazu jetzt angefragt, dass al-Arifi ja bereits vier Jahre zuvor dort war, teilt die NBS mit, man habe "nie etwas verheimlicht." Der saudische Hassprediger al-Arifi wettert häufig gegen Homosexuelle oder Juden und propagiert den militärischen Dschihad, so 2012 in einer ägyptischen Fernsehsendung: "Es besteht kein Zweifel daran, dass die Hingabe an den Dschihad um Allahs Willen und um den eigenen Willen, Blut zu vergießen, Schädel zu zertrümmern und Körperteile abzuschlagen, um Allahs Willen und zur Verteidigung seiner Religion eine Ehre für den Gläubigen ist."

NBS-Imam trat auch bei Hamas-naher Organisation auf

Während Sabri stets zurückweist, im Sinne eines politischen Islam zu agieren, sprechen neue Belege eine andere Sprache: Ein Foto von der Facebook-Seite der PGD zeigt Sabri als Redner bei der "Palästinensischen Gemeinschaft Deutschlands" (PGD) – laut NRW-Verfassungsschutz die Vertretung der Terrororganisation Hamas in Deutschland. Der Eintrag stammt vom 17. Juni 2017.

Der ehemalige SPD-Abgeordnete und Islamismus-Experte Erol Özkaraca war unter anderem wegen eines gemeinsamen Auftritts Sabris mit Michael Müller bei einer von der NBS initiierten "Friedenskundgebung" aus seiner Partei ausgetreten. Özkaraca versteht auch nicht, was die Rede Sabris  bei der Hamas-nahen PGD mit Integrationsarbeit zu tun habe – für die Sabri ja den Landesverdienstorden erhielt: "Natürlich ist auch das wieder ein Zeichen dafür, dass er Politik machen will. Die Frage Palästina oder nicht Palästina spielt für die Frage der Integration überhaupt keine Rolle."

Sabri hielt selbst 2016 eine fragwürdige Predigt

Laut rbb-Recherchen hat Imam Sabri überdies am 16. Oktober 2016 im Beisein eines Kamerateams von Al Jazeera eine Predigt in der NBS gehalten, die seinem liberalen Image zu widersprechen scheint: "Jede Erneuerung ist Ketzerei, jede Ketzerei ist eine Irrleitung und jede Irrleitung endet im Höllenfeuer." Auch predigte er, der Koran erhöhe Völker über andere: "Bei den anderen, Christen, Juden, Zoroastriern, Buddhisten oder in irgendeiner anderen Umma, wirst du keinen finden, der sein Buch so auswendig kann wie Muhammads Umma das tut. Selbst der Papst kann die Bibel nicht auswendig. Selbst der höchste Rabbiner kann die Thora nicht auswendig. Nur in der Umma Muhammads findest du Vier-, Fünf-, Sechs-, Sieben- oder Achtjährige, die den Koran auswendig können."

Erol Özkaraca sieht sich durch diese Predigt in seiner Kritik an Sabri bestätigt. Die Predigt sei seiner Meinung nach wie eine "dogmatisch klassische, lehrbuchartige salafistische Predigt" zu bewerten. Ziel dieser Predigt sei es, den Menschen noch einmal einzuschärfen, dass sie in seinem Sinne agieren, dass sie im Sinne ihrer Religion agieren und "sich nicht der freien und offenen Gesellschaft gegenüber tolerant und vor allem auch offen zeigen sollen", so Sabri. Die NBS weist dagegen strikt zurück, salafistisch zu sein oder salafistische Lehren zu verbreiten.  Ahmad Mansour hält das konservative Agieren Sabris in seine Community und die gleichzeitigen Signale nach außen für eine "Doppelstrategie", die auf "PR ziele". Mansour, der selbst in seiner Jugend Muslimbruder war, sagte, das gehöre zu deren Strategie. Eine solche Strategie bestreiten die NBS und Imam Sabri allerdings.

Sendung: Abendschau, 15.12.2017, 19:30 Uhr

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Eine Diskussion hätte schon vor Jahren einsetzen müssen als Mazyek öffentlich verlautete die Shariah ist mit dem Grundgesetz vereinbar. Eine Umgestaltung der Gesellschaft hinsichtlich der Erkenntnisse der Epoche der Aufklärung ist eine Kriegserklärung an unsere Werte. Das Video ist hier verlinkt - die komplette Sendung ist ebenfalls auf Youtube zu finden. https://twitter.com/FriedemannWo/status/941887649853394944

  2. 9.

    Sehr geehrter Herr Dr. Schimmel,

    vielen Dank für Ihre kritischen Worte, die wir sofort nach ihrem Eingang auf rbb24.de online gestellt haben, um Ihre Kritik auch gegenüber unseren Userinnen und Usern transparent zu machen.

    Bitte hier weiterlesen: https://www.rbb24.de/politik/hintergrund/stellungnahme-saudischer-hassprediger.html

  3. 8.

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    mit einiger Verwunderung lese ich Ihren Artikel „Saudischer Hassprediger predigte 2009 in Neukölln“ auf Ihrer Internetseite. Dieser Artikel macht auf mich nicht den Eindruck, Beitrag einer sachlichen Berichterstattung, sondern scheint mir Teil einer Kampagne gegen die Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) und ihre Öffnung zur Gesellschaft hin zu sein. Sie berichten in Ihrem Beitrag sehr ausführlich über den Besuch eines salafistischen Predigers in der Dar Al-Salam -Moschee vor acht Jahren.
    Interessant ist der Zeitpunkt Ihrer Veröffentlichung und was Sie in Ihrem Artikel nicht erwähnen...bitte hier weiterlesen: http://nachtderreligionen.de/171220-2/

  4. 7.

    Die aus der Predigt übermittelten Sätze Sabris ist genau das übliche Einleitung jeder Predigt im Islam. SOll das jetzt bedeuten, dass alle Muslime Extremisten sind !! Diese Einleitung bedeutet nicht mehr als, dass die Erneuerungen in der Gottesdienst nicht erlaubt sind, d.h das Gebet, Fasten, Pilgerfahrt. Man keine Erneuerung in diesen festen Bestandteilen des privaten Lebens Muslime. Im Gegensatz dazu ist der Islam eine flexible und offene Religion, was die Erneuerungen in allen Bereichen des Lebens, die Geschichte des Islams Im neunten Jahrhundert nach Christus (Friede sei mit ihm) ist ein Beweis dafür.
    Mansour und Herrmann versuchen immer Sabri und andere gemäßigte Imame wie Ferid Heider keine Chance in der Öffentlichkeit zu geben, weil sie ihre Präsenz und Arbeit verlieren werden. Politische Hintergründe stehen immer dahinter und sie üben Druck auf Müller (SPD) und Giffey (SPD) und irgendwelcher Politiker, der mit den Muslimen in Kontakt und Dialog tritt.

  5. 6.

    Hm, ""Jede Erneuerung ist Ketzerei, jede Ketzerei ist Irrlehre und jede Irrlehre endet im Höllenfeuer. "", gibt es das nicht auch in den fundamentalistischen Gruppen anderer Religionen?
    Einfach mal bestimmte Beiträge auf bsw. Idea.de und die Userkommentare dazu lesen...

  6. 5.

    Da kann man mal sehen, wie lange in Berlin, der Umgang mit bestimmten Moscheen und Predigern schon schief läuft.
    Keiner hat und findet den Mut etwas grundlegendes dagegen zu tun.

  7. 4.

    Hass-Mail nicht direkt - aber verschwurbeltes Verschwörungsgeraune, das an keiner Stelle konkret wird. Bitte künftig sachlicher argumentieren!

  8. 3.

    "Der Imam der Dar-as Salam-Moschee, Mohamed Taha Sabri, erhielt vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller 2015 den Landesverdienstorden."
    Nun ja, man wird es inzwischen wohl sagen dürfen, die Sache stinkt zum Himmel.
    Müller warb vor einem Jahr auf einem Wahlplakat mit der großflächigen "Hintersicht" des Kopfes einer Muslima, zu der er über eine lange Achse vielsagend, also verständnisinnig aufblickte. Viele waren darüber verwundert.
    Er wurde gewählt!
    Was ich von mir nie erwartet hätte: Ich glaube inzwischen an Verschwörungen.

    Achtung: Dies ist keine Hass-Mail, darf also übermittelt werden.

  9. 2.

    +1

  10. 1.

    Wobei wir wieder beim Thema sind !
    Ich kann es nicht mehr hören, denn es bleibt alles beim Alten.

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