Ein Waschraum in der ehemaligen DDR-Jugendanstalt in Wriezen. (Quelle: rbb/Brandenburg Aktuell)
Video: Brandenburg Aktuell | 15.12.2017 | Markus Woller | Bild: rbb/Brandenburg Aktuell

Studie zu DDR-Unrecht - Stasi vertuschte Kindesmissbrauch in Erziehungsheimen

In bestimmten Berufsgruppen konnte es in der DDR unmöglich Pädophile geben. Um dieses Saubermann-Image aufrecht zu halten, wurden Akten und Statistiken manipuliert. Statt Täter zu verfolgen, wurde so erst der systematische Kindesmissbrauch möglich gemacht, wie eine neue Studie zeigt. Von Oliver Noffke

Tausende Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wurden in DDR-Erziehungsheimen Opfer von sexuellem Missbrauch durch Erzieher - Verbrechen, für die viele der Täter keine Strafverfolgung fürchten mussten. Zu dieser erschütternden Einschätzung kommt die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. In einer neuen Studie kommt die Kommission außerdem zu dem Schluss, dass Kindesmissbrauch in diesen Einrichtungen systematisch von den Strafverfolgungsbehörden vertuscht worden ist.

"Ich denke, dass diese Vertuschungen mit diesem Saubermann-Image zusammenhängen, das sich die DDR selbst gegeben hat", sagte der Politikwissenschaftler Christoph Sachse rbb|24 am Samstag. "Der Sozialismus sollte ja auch moralisch überlegen sein", sagte Sachse, der an der Studie mitgearbeitet hat. "Offiziell gab es nur wenige Verbrechen, bei der Ehe war alles in Ordnung, es gab offiziell weniger Scheidungen. Und so war eben auch bei der Sexualität alles in Ordnung."

Für die nun veröffentlichte Studie wurden über 100 Verfahrensakten detailliert ausgewertet. Sie spiegeln allerdings nur einen Bruchteil der tatsächlichen Verbrechen dar. Es gebe aber Tausende weiterer solcher Verfahrensakten, so Sachse.

Opfer mussten immer wieder aussagen, Täter entkamen

In der Studie werden auch extreme Beispiele von Kindesmissbrauch genannt. So hätten die Erzieher in einem sächsischen Kinderheim Mädchen geradezu wettbewerbsmäßig missbraucht. Die Studie spricht an dieser Stelle von einem "sexuellen Terrorregime". Um sich dem zu entziehen, hätten viele der Missbrauchsopfer Suizid begangen. Die Studie geht auch auf Vorgänge in einer Jugendstrafanstalt in Wriezen (Märkisch-Oderland) ein. Dort habe ein Machtsystem geherrscht, bei dem ältere Kinder Druck auf Schwächere ausübten. Statt einzugreifen, hätten die Erzieher diesen Zustand zum Kindesmissbrauch genutzt.

An anderer Stelle zeigen die Wissenschaftler auf, wie traumatisch die juristische Aufarbeitung für die Opfer sein konnte - so etwa am Beispiel eines elfjährigen Jungens, der von einem Erzieher vergewaltigt worden war. Über mehrere Jahre hinweg wurde das Kind immer wieder von Ermittlern zu den Vorgängen befragt, teilweise ohne das seine Erziehungsberechtigten anwesend waren. Der Täter, der an einer neurologischen Krankheit litt, wurde schlussendlich zwar zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, musste diese aber nicht antreten, nachdem er einen Antrag auf Strafaussetzung gestellt hatte.

Offenbar ignorierte die DDR-Justiz sogar, dass Pädagogen im Staatsdienst überhaupt Täter sein konnten. Der 3. Strafsenat des Obersten Gerichtes fertigte im Jahr 1984 eine Einschätzung zu Opfer-Täter-Verhältnissen bei Fällen von Kindesmissbrauch an. Auf Grundlage von 32 Fällen kamen die Beamten zu der Einschätzung, dass, wenn die Opfer ihre Täter kannten, es sich um Menschen "aus Verwandtschaft, Freundeskreis oder Bekanntenkreis" handelte. Erzieher oder Lehrer werden hingegen nicht genannt.

In manchen Berufsgruppen gab es überhaupt keine Täter

Zudem gab es in der DDR eine Reihe ausgeklügelter Verfahren, mit denen sichergestellt wurde, dass es in bestimmten Berufsgruppen offiziell überhaupt keine Täter gab. Wenn etwa Angehörige von Staatssicherheit, Armee oder Polizei in Missbrauchsvorwürfe verstrickt waren, übernahm oft die Stasi die Ermittlungen.

Die offiziellen Statistiken konnten auch auf andere Art rein gehalten werden, sagt Sachse: "So wurden Mitarbeiter von Polizei und MfS entlassen, bevor es zu einer Anklage kam. Wenn bei einem Gerichtsprozess gefragt wurde, welchen Beruf sie gelernt hatten, mussten sie dann sagen, Schlosser oder so etwas, aber eben nicht mehr Polizist."

Studienmitarbeiter beklagen Aufarbeitungsmüdigkeit

In Brandenburg Aktuell beklagte Sachse, dass es bei Themen über DDR-Unrecht eine regelrechte Aufarbeitungsmüdigkeit gebe. Sieben Jahre habe es gedauert, bis Geld zur Finanzierung der nun abgeschlossenen Pilotstudie bereitgestellt worden sei. Er sei konfrontiert worden mit Aussagen wie "Noch eine neue Opfergruppe" und "Jetzt kommt schon wieder jemand, der uns die DDR madig machen will", sagte Sachse. Und weiter: "Diese Müdigkeit, noch eine neue schreckliche Seite der Diktatur erfahren zu müssen, geht bis in die politische Kaste hinein."

Opfer von Missbrauch in DDR-Jugendeinrichtungen können sich auch heute noch an die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs wenden. Zwar sei es oft zu spät, um die Täter juristisch zur Rechenschaft zu ziehen, sagt Sachse. Dennoch sei es wichtig, das Unrecht zu dokumentieren.

Beitrag von Oliver Noffke

Kommentar

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17 Kommentare

  1. 17.

    @justice: "Dass sich Staatsbedienstete und Staatsführung der DDR nicht an eigene Gesetze hielten, steht außer Zweifel." In dieser Pauschalität ist diese Behauptung zumindest für die Staatsbediensteten mehr als zweifelhaft. Im Übrigen: Nennen Sie mir ein Land auf diesem Planeten, in dem sich die oberen Zehntausend nach den von ihnen erlassenen Gesetzen richten.

  2. 16.

    Ihr erster Satz ist eine inhaltliche Verdrehung meiner Sätze unten. Sie wollten rückwirkend die Gesamtbevölkerung in Sippenhaft nehmen, also müssten Sie solche Vorwürfe genauso an sich selbst wegen der Sippenhaft heute bei sex. Missbrauch richten, was sie natürich vermeiden. Wenn ich das so sage, kommen Sie nun plötzlich mit dem Staat. = ausweichen."Es oblag es jedem Staatsbürger der DDR in seinem eigenen Rahmen der Möglichkeiten zivilisierter Verhaltensnormen, bekannt gewordene Straftaten bei den zuständigen Stellen anzuzeigen oder Zivilcourage zu zeigen. "- Das gilt heute noch mehr(da vor einigen Jahren extra noch Änderung der Gesetzgebung), hat aber gerade nicht zu einem verantwortlichen Anzeigeverhalten geführt. Sie machen da eine merkwürdige Trennung, dass die Leute früher sippenhaftmäßig für den sex. Missbrauch verantwortlich gewesen wären, aber heute keine solche großartige Verantwortung getragen werden müsste, selbst wenn man wissentlich nichts anzeigt.

  3. 15.

    Mit "einfach mal erklären", wie das Volk der DDR den sexuellen Missbrauch in staatlichen Einrichtungen und von Staatsbediensteten hätte verhindern können, ist keine vernünftige Diskussion zu führen. Dass sich Staatsbedienstete und Staatsführung der DDR nicht an eigene Gesetze hielten, steht außer Zweifel. Es oblag es jedem Staatsbürger der DDR in seinem eigenen Rahmen der Möglichkeiten zivilisierter Verhaltensnormen, bekannt gewordene Straftaten bei den zuständigen Stellen anzuzeigen oder Zivilcourage zu zeigen. Siehe hierzu z.B. §§ 122, 148, 150, 244 StGB-DDR. http://www.verfassungen.de/de/ddr/strafgesetzbuch74.htm

  4. 14.

    Bezüglich der ziemlich wirkungslosen Aufarbeitungsrhetorik muss ich Ihnen Recht geben. Die ist aber hier weiterhin Mode, treibt auch lustige Blüten in staatlichen Einrichtungen. ("Bei uns wurde jetzt aufgearbeitet." - "Ja, wie denn?" - Ja es wurde gesagt, wir hätten das jetzt aufgearbeitet." - "Ja wie denn?" - Weiß auch nicht, das wurde uns gesagt." Usw.) Echte Aufarbeitung würde auch beinhalten, den Opfer zeitnah juristisch zu helfen und sie ebenfalls zeitnah zu entschädigen, was ja hier in allen möglichen Bereichen nicht der Fall ist. (S. auch früher staatlich verfolgte Homosexuelle, die Opfer vom Breitscheidplatz usw.) Wir müssen endlich aufhören so zu tun, als ob die Politik irgendwie "sozial" eingestellt wäre - ist sie nicht.

  5. 13.

    "Das Volk der DDR hat die Schutzbefohlenen nicht geschützt," - Schöner Pauschalvorwurf, der geht gleich noch mit an Rentner und Kleinkinder usw. Erklären Sie einfach mal, wie Sie gerade als "Volk" hier die Kinder vor sex. Missbrauch schützen, der auch weiterhin zigtausendfach passiert.

  6. 12.

    Da haben Sie leider recht. Die Heimerziehung hat sich allerdings seit dieser Zeit auch verändert und weiterentwickelt, was die Position der Heimkinder verbessert hat. Früher hatte das auch viel mit "Verwahrung" zu tun. Man darf nicht vergessen, dass sex. Missbrauch von Kindern in der BRD z. T. sogar systematisch gefördert wurde. In Berlin wurden sogar Jungen zur Betreung an pädophile Männer vermittelt usw. Im Parteiprogramm der Grünen wurde 1981 die Straffreiheit für Sex mit Kindern gefordert (was aktuell eine Ähnlichkeit zum Vorgehen Erdogans aufweist). Ideologien (auch das gewollte "Saubermann-Image" der DDR) standen einfach über dem Kindeswohl. Das hat sich auch bei der Diskussion um Kinderehen in Dt. wiederholt, bei der sich anfangs viele bemüht haben, die Kinderehen einfach als "Kultur" zu rechtfertigen. Inzwischen wurde dazu ein Gesetz erlassen, nur werden die Dunkelziffern in solchen Bereichen wohl nie erheblich abgebaut werden.

  7. 11.

    Wer heilt die zerstörten Kinderseelen, wer holt die Suizidopfer ins Leben zurück und wer bestraft das Verbrechergesindel? Niemand! Der Dokumentierungsvorgang reisst alte Narben auf und lässt die Opfer dann im Schmerz zurück. Ich halte die Aufarbeitungsrhetorik persönlich für ebenso wirkungslos und makulaturbehaftet wie eine gesetzliche Anhörung beim Jobcenter. Nur allein die Stasi hatte die Straftaten kaschiert? Das glaube ich nicht. Halbwahrheiten stehen Lügen gleich! Das Volk der DDR hat die Schutzbefohlenen nicht geschützt, als deren Welten zusammenbrachen. Nun ist es an der Zeit, die heile DDR-Welt der Machtmissbräuche niederzureißen. Im Sinne der Gerechtigkeit!

  8. 10.

    Ich habe nicht geschrieben, das der Staat nicht hilft. Man kommt leider nicht an Zahlen heran, wie viele Opfer die Hilfe verweigert wurde., bzw. wie viele Jahre es dauern bist die Hilfe gewehrt wird. Haben Sie Zahlen zur Verfügung ? Weil Sie ja beruflich damit zu tun haben !

    Sind die 100 Millionen € eingegangen in den Fonds Sexueller Missbrauch ? Nach meiner Kenntnis bei weitem nicht !!!!! Der Staat soll auch nicht pauschal auszahlen, sondern unbürokratisch und schnell und nicht, dass es 4,5 Jahre dauern und dann einen negativen Bescheid ausstellt.



  9. 9.

    Sie kennen ein Opfer und schließen deswegen auf alle?Sorry, aber das ist Käse. Ich habe Beruflich oft mit Opfern, sowohl aus Ost und West, zu tun. Das der Staat nicht hilft, stimmt so definitiv nicht. Das es sehr lange dauert, ist richtig. Und das der Staat nun auch nicht pauschal das Geld an jeden auszahlt der mal im Heim war, ist doch irgendwie auch verständlich.

  10. 8.

    Leider nicht nur die Bundesregierung, sonder, und insbesondere, die "christlichen" Vereine, wie der der Katholiken und Evangelien. Nächstenliebe dient hier wie eine Monstranz, die vor sich her geschleppt wird und bei jeder sich bietenden geschwenkt wird.
    Verlogenheit allenthalben.

  11. 7.

    Ja, wer weiß was heute noch in den Heimen passiert. Kindesmissbrauch hat es immer gegen und wird es leider auch immer geben, so traurig es ist.

    Wie aber mit den Opfer umgegangen wird, ist noch trauriger, weil bewusst den Opfer nicht die nötige Hilfe zukommt, die sie haben müssten um endlich das Schreckliche zu verarbeiten. Vergessen kann man es nie !!!!!

    Es wurde wohl ein " Fonds Sexueller Missbrauch " unter großen Medienwirksamkeit eingerichtet und sollte mit 100 Millionen € ausgestattet werden.

    Leider ist diese Summe bis heute nicht erbracht. Man spart lieber bei den Opfer und verweigert denen die Hilfe.

    Außer viel Bürokratie und Hinhaltetaktik ist nicht viel geschehen. Ich kennen ein Opfer, der vom ersten Mail, an die damals Beauftragte, Frau Dr. Bergmann bis zum negativen Bescheid, dass die Hilfe verweigert wird, fast 4,5 Jahre gedauert hat.

    So geht die Bundesregierung mit den Opfer unwürdig und schamlos. Es ist sehr traurig !!!!!!!

  12. 5.

    Damit ist wohl eins sicher: den Kindern in der DDR erging es in den Heimen nicht besser, als jenen in den katholischen Heimen in der BRD, wo die Aufklärung auch Jahre, Jahrzehnte dauert/dauerte.
    Wer weiß, was heute noch in den Heimen passiert.

  13. 4.

    Man braucht starke Nerven beim Video und lesens des Artikels. Worte der Abscheulichkeit kann keiner für diese Verbrechen an schutzbefohlenen Kindern finden. Ekel ist auch zu wenig, egal ob Ost oder West. Doch Aufarbeitung ist wichtig und gerade von der heutigen SED Partei. Ich harre der Dinge.

  14. 3.

    Aufarbeitungsmüdigkeit in Brandenburg? Ich meine: FEIGHEIT vor der umfassenden Wahrheit!

  15. 2.

    ja .... mein sogennannter Nickname ist falsch. Meine eMailAdresse auch.

    Ich war damals am Musik-Gymnasium Wernigerode "Gerhard Hauptmann". Ich lebte 2 Jahre während meiner "speziellen" Klavier- und Gesangsausbildung im zugehörigen Internat (13-14 Jahre alt). Auch hier erfuhr ich später von Ehemaligen auf "Ehemaligen-Treffen", dass gewisse Dinge passiert sind. Das Schlimme für mich daran - ich konnte mich an Jene erinnern.

  16. 1.

    Was sind denn
    Zitat: offiziellen Stastiken"?Zitat Ende

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