Ercan Karakoyun, Leiter der Stiftung Dialog und Bildung (Quelle: AP/Michael Sohn)
Audio: Kulturradio, 15.12.2017, Ursula Voßhenrich | Bild: AP/Michael Sohn

Gülen-Bewegung nach Türkei-Putsch - Beweisen, dass Islam und Demokratie vereinbar sind

Seit dem Putschversuch gegen Erdogan ist die Hizmet-Bewegung des Predigers Fetullah Gülen immer wieder Angriffen ausgesetzt. Aushängeschild in Deutschland ist die Stiftung "Dialog und Bildung". Ihr zufolge hat sich die Lage etwas beruhigt. Von Ursula Voßhenrich

Die Stimmung in der türkischen Community in Berlin sei nicht mehr so aufgeheizt wie vor einem Jahr, sagt Ercan Karakoyun, Leiter der Stiftung "Dialog und Bildung", der zentralen Institution der Hizmet-Bewegung in Deutschland. Doch die Bedrohungen hätten nicht aufgehört, im Gegenteil. Sie seien jetzt quasi institutionalisiert und kämen systematisch von Erdogan-nahen Vereinen und Verbänden in Deutschland.

Nach dem Putsch 15 Prozent Schüler verloren

"Bestimmte Einrichtungen, Verbände oder Vereine verfolgen uns auch hier", so Karakoyun. Sie riefen zum Boykott auf oder teilten Namen von Hizmet-Leuten den türksichen Behörden mit, so dass es zu Festnahmen in der Türkei komme. Auch Eigentum und Pässe würden beschlagnahmt, so Karakoyun weiter.

Das habe große Auswirkungen auf die Arbeit der Bewegung in Deutschland. Aus Angst hätten viele Mitglieder die Hizmet-Einrichtungen verlassen und hielten sich von vermeintlichen Gülen-Anhängern fern. Allein in Berlin gab es früher acht Nachhilfeschulen mit 800 Kindern, jetzt sind alle geschlossen.

Auch die Gülen-nahen Wilhelmstadtschulen in Spandau bekamen die politische Situation zunächst empfindlich zu spüren, sagt der Vorsitzende des Schulträgervereins, Irfan Kumru. "Nach dem Putsch haben sich cirka 15 Prozent unserer Schüler verabschiedet", so Kumru. Vor allem die Eltern seinen die treibende Kraft gewesen. Die Familien hätten Angst, in der Türkei  irgendwelchen Repressalien ausgesetzt zu sein, sei es von der Verwandtschaft oder auch von der türkischen Regierung. Deshalb hätten sie ihre Kinder abgemeldet.

Etwa 4.000 Asylanträge von Hizmet-Anhängern

Doch die Schulen haben aus der Not eine Tugend gemacht. Mit anspruchsvollen Robotik-Workshops und Technikkursen für Kinder haben sie eine erfolgreiche Werbekampagne in ganz Berlin gestartet, erzählt Irfan Kumru mit gewissem Stolz. "Wir haben innerhalb eines Jahres die Lücke von cirka 75 Kindern aufgefüllt." Die Schülerzahlen seien jetzt wie vor dem Putsch.

Die Hizmet-Bewegung ist bekannt für ihren hohen Bildungsanspruch, die Schulen haben einen guten Ruf. Mittelfristig können sie mit weiterem Zuwachs rechnen, etwa mit den Kindern türkischer Exilanten, die in Deutschland politisches Asyl beantragt haben. Ungefähr 8.000 Asylanträge soll es deutschlandweit geben, davon etwa 4.000 Anhänger der Hizmet-Bewegung, schätzt Ercan Karakoyun: "Das sind hochqualifizierte Leute, Akademiker, Ärzte. Wir versuchen, ihnen zu helfen, dass sie so schnell wie möglich zurechtkommen". Dazu gehöre die Vermittlung von Deutschkursen, die Eröffnung von Konten oder das Netzwerken - etwa für Ärzte oder Ingenieure.

In der Krise steckt eine Chance

In Sachen Vernetzung ist der Vorsitzende der Stiftung "Dialog und Bildung" Profi - und so hat die politische Situation für die Bewegung sogar positive Seiten. Laut Karakoyun steckt in der Krise eine Chance: Durch die Menschen, die kommen, gewinne die Hizmet-Bewegung eine neue Dynamik, sagt er. Die Leute, die nach Deutschland kämen, würden beweisen, dass der Islam mit der Demokratie und dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland vereinbar sei.

Nach Karakoyuns Angaben ist das Netzwerk in Deutschland bereits aktiv, etwa beim House of One, dem interreligiösen Sakralbau, der in Berlin entstehen soll, oder auch bei der Ausbildungsinitiative, der Kulturolympiade und dem Schülerkongress. Stand die Hizmet-Bewegung früher vor allem für einen streng ausgelegten Islam und undurchsichtige Strukturen, so nutzt sie nun den politischen Wind, um sich in Deutschland ein neues Image aufzubauen.

Beitrag von Ursula Voßhenrich

Kommentar

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23 Kommentare

  1. 23.

    Wenn nicht wüsste, dass die Bewegung selbst jahrelang die AKP gestärkt hat, dann würde ich fast Mitleid bekommen.

    Die Architektur der heutigen türkischen Regierung hat allein die ach so „arme Bewegung“ entworfen und mit gebaut. Jetzt müssen sie auch die Konsequenzen tragen!

  2. 22.

    Mit Entsetzen verfolge ich die Tragödie in der Türkei. Wer sich gegen einem Despoten nicht beugt und deshalb riskiert, alles zu verlieren, ist gern bei uns Willkommen.

  3. 21.

    Mann sollte nicht viel rumherum reden es ist an der Zeit offener miteinander umzugehen und lösungsorientiert zu sein. Immer rechthaberisch kommentieren ist keine Lösung. Sondern offen miteinander Reden gegenseitig Fragen beantworten und Gemeinsamkeiten finden ist Demokratie . Es wäre schön, wenn viele die Reife zeigen könnten einen Schritt zur friedlichen Welt...

  4. 20.

    Am besten Sie erkundigen sich, wie die Hizmet bzw Gülen Schulen in Deutschland. Denn soviel ich weiss, sind alle Rektorinnen oder Rektore deutsche. Und die meisten Lehrerinnen oder Lehrer sind auch deutsche. Bisjetzt habe ich nur gutes über die Schulen und Schüler erfahren. Ich wünsche mir, dass es noch mehr solche Schulen gibt, damit auch die Schülerinnen und Schüler ohne Vorurteile und mit viel Toleranz aufwachsen

  5. 19.

    Selbstverständlich geht das. Vielmehr ist es "nur" eine Angelegenheit von Wahrscheinlichkeiten.

    Immer dann, wenn eine Doktrin, eine Religion oder eine Staatsideologie als alleinige Maßgabe verkündet wird, werden dazu "nicht gehörige" Meinungen missachtet. Immer dann, wenn es Doktrinen und Religionen als Teil von Gesellschaften gibt und Ideologien mehr als literarische Angelegenheiten vertreten sind, dann werden Meinungen und verschiedene Ansätze gleichermaßen geachtet.

    Mithin kein Sonderproblem des Islam. Vielmehr auch des Christentums, bspw. in Ostpolen, in bayerischen Bergdörfern wie auch ein Problem eines staatlich verkündeten Atheismus, bspw. der DDR-Zeit. Das alles nicht so offenkundig wie dasjenige, was uns sowieso schon fremd erscheint, weil Viele hier das wegen völlig anderer "Koordinaten" nicht verstehen.

  6. 17.

    Man sollte schon wahrheitsgemäß schreiben!
    Oder einfach nichts!
    Ich verstehe nicht wie man auf solche Lügen kommt!!
    Erdogan hat den Putsch als gottes Geschenk dargestellt!
    Wie kann man auf den Rücken von toten Politik machen?
    Noch immer wurde nichts veröffentlich das die Bewehrungen dahinter steht.
    Also Trollen Sie bitte wo anders!!!

  7. 15.

    Mmm es hört sich so an, als ob Sie nicht gut informiert sind. Es wird nichts gezwungen. Es wird viel gelesen ja, aber dass wissen ja alle. Haben Sie denn auch einen Buch über Said Nursi oder Fethullah Gülen gelesen. Ich habe ein wenig gelesen und glauben Sie mir diese Bücher sind sehr gute Bücher. Es geht dabei sehr stark um Sufismus. Und Sufismus trägt zum Frieden bei. Ich empfehle vom ganzen Herzen wenigsten ein wenig zu lesen, um urteilen zu können. Gezwungen wird allerdings keinesfalls.

  8. 14.

    Ich bin der Ansicht, dass nachdem soviele Asylanten eingereist sind, es sehr viel an Unruhe und Besorgnis herrscht. Deutschland ist ein multi kulti Land geworden. Man sollte offen damit umgehen können. Ja, es sind hauptsächlich Muslime, aber man sollte nicht alle in einen Topf werfen, sondern die Muslime, die sich in einem demokratischen Land wohlfühlen, akzeptieren und praktizieren wollen, sollten ein Beispiel für alle anderen Muslime sein. Ich habe über diese Bewegung recherchiert und bin der Ansicht, dass Sie in sehr vielen Ländern mit allen Menschen, egal welcher Religion sie angehören friedlich und demokratisch zusammen leben. Sie sind aufkeinen Fall radikal, sondern eher modern. Man sollte Ihnen eine Chance geben. Ausnahmsweise gibt es anscheinend auch einige Muslime, welche die Demokratie und das Zusammenleben aller Religionen friedlich einsehen. Meiner Meinung nach, sollte man Ihnen eine Chance geben. Man hat heutzutage nichts zu verlieren.

  9. 13.

    Da muss ich Ihnen vollkommen zustimmen. Ich muss aber auch dazu sagen dass dies auf beiden Seiten zu beachten ist, denn keiner darf den anderen verurteilen. Wir sollten versuchen einander zu verstehen. Es gibt viele Menschen die nicht anzusprechen sind aber es gibt genug Menschen seien es Moslems, Christen, Juden oder Atheisten die offen sind und die sich für den Frieden einsetzen. Genau hier sollte man weiter machen.

  10. 12.

    Da muss gesagt werden, dass Sie falsch informiert sind, weil genau das erreicht werden will. Das heißt ein Miteinander, egal wer, welche Religion, welcher Herkunft ein friedliches zusammen möchte erreicht werden. Ich denke, dass die Hizmet Bewegung sehr offen ist und dass Sie immer bereit sind ihre Fragen zu beantworten.

  11. 11.

    Das stimmt doch gar nicht.
    Es kann jeder in den Einrichtungen mitwirken.
    In unserer Schule in Wuppertal ist die Rektorien eine Deutsche Lehrerin.
    Der Klassenlehrer ist ein Deutscher Lehrer.
    Es sind genug Nicht Türkischstämmige Schüler auf der Schule.
    Es ist überall in den Einrichtungen der Fall.
    Jeder ist willkommen.
    Also wenn man nicht Bescheid weiß.
    Sollte man nichts dazu schreiben

  12. 10.

    Keine, wirklich keine Religion ist mit Demokratie vereinbar.

  13. 9.

    Zweihundert Millionen Christen werden weltweit verfolgt und zwar hauptsächlich in muslimischen Ländern.
    Und gerade eben kam in den Nachrichten, daß es wieder ein Anschlag auf eine christliche Kirche mit Toten in Pakistan gegeben hat. Wenn Christen in allen muslimischen Staaten volle Religionsfreiheit haben, kann man ja wieder darüber sprechen, daß Islam und Demokratie miteinander vereinbar ist. Ansonsten sehe ich dies als Märchenerzählerei an.

  14. 8.

    Das hier Beschriebene erscheint mir sehr fragwürdig und keineswegs wie im Bericht dargestellt positiv. Im Gegenteil wird hier versucht, eine Integration in unsere Gesellschaft zu verhindern. Wenn wirklich ein aufgeschlossenes, tolerantes und weltoffenes demokratisches Miteinander gewollt wäre, müssten diese Einrichtungen für alle Schüler, egal welcher Religion oder Herkunft offen sein. Aber das ist offensichtlich nicht gewollt. Meiner Meinung nach nach muss unser Staat offensiver gegen diese Parallelstrukturen vorgehen.

  15. 7.

    Hallo Nachbarn!.Um es mal deutlich zu sagen.Wer Christen als Ungläubige bezeichnet und Sie im eigenen Land verfolgt,hat in Deutschland und anderen Christlichen Ländern nichts zu suchen.Schönen3.Advent noch.MfG

  16. 6.

    Unfassbar, wem hier eine Bühne geboten wird. Wie der rbb ohne die Beweggründe der "Hizmet"-Bewegung (auch bekannt als weltweit agierende islamische Sekte mit Anführer Gülen) auch nur im Ansatz klarzustellen, diesen Leuten eine Plattform geben kann, erschließt sich mir nicht.
    Die vielen Toten und Festgenommenen, die auf das Konto dieser Sekte gehen, werden hier leider völlig vergessen; es geht einzig und allein darum die Situation in der Türkei als allein durch Erdogan verursacht darzustellen. Leider stimmt dies nicht ganz, diese Bewegung ist dafür genauso verantwortlich und gilt nun anscheinend in öffentlich-rechtlichen Kreisen hierzulande als Musterbeispiel für eine demokratisch organisierte islamische Vereinigung.

    Selbst SPIEGEL-online berichtete letztens ausgewogener über diese überaus gefährliche Sekte, die in der Türkei Armee, Justiz und Bildungssystem unterwanderte und von der Politik jahrelang hofiert wurde.

    Journalistisch eigentlich nicht zu vertreten dieser Bericht.

  17. 5.

    In Wahrheit sind das richtige Fundementalisten. Ihre Schritte sind wie folgt: 1.) Die Kinder die Schulisausbildung auf dem hohen Niveau zu vermitteln bis hin zum Studium. Das ist schön und gut. Aber die Kehrtseite ist, aus den SchülerInnen, werden diejenigen ausgesiebt, wo man denkt der würde zu unserer Bewegung passen. Diese SchülerInnen ladet man ins Lichthäuser (zu türk. Isikevler) ein, man beginnt mit Tee u. was zu knabern mit Smalltalks an. Nachdem das geschehen ist, zieht der Verantwortliche einen Buch hervor (zu türk.: Risale-Nur, der von einem fundementalisten (in Atatürk Zeit) Said-Nursi verfasst worden ist)und liest aus dem Buch heraus. Nach jeder Seite, wird darüber gesprochen was der Herr Said-Nursi geschrieben hat. Noch dazu zwingt man ganz heimlich, dieses Buch zu kaufen u. man wird ungewollt dazu gezwungen Ihre Zeitung (zu türk.: Zaman zu deutsch: die Zeit bzw. Zeitalter)zu abonnieren. In den Gesprächen wird der jetzige Prediger Fetullah Gülen immer hochgespriesen.

  18. 4.

    das funktioniert nie und hat es nirgend woanders auf der Welt je funktioniert... dieses Experiment kann in islamisch geprägten Ländern gerne geprobt werden. Noch ist Europa christlich, abendländisch und aufgeklärt ...

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