Zossener Straße 48 (Quelle: rbb)
Video: Abendschau | 13.12.2017 | Ute Barthel | Bild: rbb

Unverkäufliches Muster: Zossener 48 - Wie Kreuzberger Mieter einem Investor das Haus wegschnappten

Ein schöneres Weihnachtsgeschenk kann es für die Mieter der Zossener Straße 48 kaum geben: Der Vorkauf ihres Hauses durch eine Stiftung ist rechtskräftig. Bald können die Mieter das Haus übernehmen und sind vor Verdrängung aus dem Kiez erstmal sicher. Von Ute Barthel

Noch können sie ihr Glück kaum glauben. Die Mieter aus der Zossener Straße 48 haben sich spontan zu einer kleinen Party zusammengefunden. "Wir feiern, dass wir das Haus für uns gewonnen haben", erklärt Arno Heitland, "und sehen erstmal optimistisch in die Zukunft, weil wir nicht zu befürchten haben, dass hier irgendwer raus fliegt." Yvonne von Langsdorff lässt die Sektkorken knallen und ruft: "Vor genau einem Jahr saßen wir hier erstmals zusammen und waren alle in großer Sorge. Aber jetzt haben wir es geschafft: Wir können bleiben!"

Der Kampf um ihr Haus begann im Dezember 2016. Da erhielten sie Post von einem Investor. Der Name auf dem Briefkopf machte sie misstrauisch: Trusthouse Group. In dem Schreiben hieß es, das Haus sei an die Zossener Straße 48 GmbH verkauft worden. "Eine GmbH zum Zwecke des Hauskaufes zu gründen, die auch Zossener Straße 48 heißt, bedeutet, der Investor möchte das Haus weiter verkaufen. Es war also klar, da war niemand an den Mietern interessiert oder an den Mietsverhältnissen", befürchtete Yvonne von Langsdorff.

Sie trommelte alle Nachbarn zusammen. So wie heute saßen sie in ihrem Wohnzimmer und überlegten, was sie unternehmen konnten. "Zufällig hatte mir eine Schülerin gerade vom kommunalen Vorkaufsrecht erzählt," berichtet Fabian Schmiedel, der Schlagzeuglehrer ist. "Wir alle hatten davon bisher noch nie etwas gehört, aber das erschien uns als eine Chance, unser Haus zu retten."

Bezirk konnte das Haus nicht bezahlen – zu teuer

Sie fingen an zu recherchieren. Schnell nahmen sie Kontakt zum Bezirksamt auf. Denn die Kommune kann ihr Vorkaufsrecht geltend machen, wenn das Haus in einem Milieuschutzgebiet liegt und die Verdrängung von Bewohnern droht. Aus dem Rathaus hieß es, dass man den Fall bereits prüfe. Allerdings konnte der Bezirk nicht selbst kaufen, denn der Preis von 2,8 Millionen Euro war zu hoch. Doch er kann das Vorkaufsrecht zu Gunsten Dritter ausüben, einer Wohnungsbaugesellschaft oder einer Genossenschaft, die sich dann den Zielen des Milieuschutzes verpflichten.

Zwei Monate hatten die Mieter Zeit, einen finanzkräftigen Partner zu finden. Yvonne von Langsdorff gab für diese Zeit ihren Job als Designerin auf, denn sie saß jeden Tag drei Stunden am Telefon und schrieb insgesamt 800 Emails. Dann fanden sie die gemeinnützige Stiftung Nord-Süd-Brücken, die ihr Stiftungskapital für einen guten Zweck nachhaltig anlegen wollte. Die Idee: Zuerst kauft die Stiftung das Grundstück und das Haus. Dann verkauft sie das Haus an die Mietergemeinschaft. Die Mieter gründen dafür einen Verein und pachten den Grund und Boden per Erbbauvertrag von der Stiftung.

Mieter des Wohnhauses in der Zossener Straße 48 (Bild: rbb/Ute Barthel)
| Bild: rbb/Barthel

Bezahlbare Mieten sind gesichert

Das Modell sei kompliziert, aber niemand kaufe so das Haus für sich privat, sondern der Mieterverein, erklärt Yvonne von Langsdorf. Zu dem Zweck gründe der Mieterverein gemeinsam mit dem Mietshäuser Syndikat - ein Verbund für selbstorganisierte Wohnprojekte - eine GmbH: "Wir zahlen das Haus mit den Mieten ab, verwalten es selbst und haben uns so die Mieten gesichert, die wir bezahlen können." Den Bezirk kostet das keinen Cent. Er muss lediglich als Kommune sein Vorkaufsrecht  geltend machen und es dann quasi auf einen Partner, also die Stiftung Nord-Süd-Brücken und die Mietergemeinschaft übertragen.

Im März 2017 übte der Bezirk sein Vorkaufsrecht aus. Denn es wurde bekannt, dass der Investor das Haus bereits schon wieder weiterverkauft hatte. Für einen 800.000 Euro höheren Kaufpreis. Aus Sicht des Bezirksstadtrats Florian Schmidt war der Fall klar: "Hier liegt quasi ein Spekulationssachverhalt vor, wie er deutlicher nicht sein könnte," erklärte er. Doch der Investor und auch der Verkäufer klagten vor dem Verwaltungsgericht gegen den Vorkauf. Es drohte ein jahrelanger Rechtsstreit. Und vor allem Ungewissheit für die Mieter.

Zossener Straße 48 (Quelle: rbb)
| Bild: rbb

Rechtsstreit führt zu glücklichem Ende

"Es war nie vollkommen klar, ob es so laufen würde, wie wir denken, weil es immer die Gegenseite gibt und es ja gewissermaßen ein Präzedenzfall ist", meint Mieter Hinnerk Dreppenstedt. Doch dann zogen Investor und Verkäufer plötzlich die Klagen zurück. Der Weg war frei. Die Stiftung Nord-Süd-Brücken konnte in den Kaufvertrag eintreten.

"Als ich die Nachricht per E-Mail erhalten habe, habe ich erstmal vor Freude so laut geschrien, dass man es im ganzen Haus gehört hat" erzählt Yvonne von Langsdorff und lacht dabei. Die Mieter waren inzwischen zu einer echten Gemeinschaft zusammengewachsen und hatten sich auch immer wieder Mut gemacht, berichtet Fabian Schmiedel. "Ich finde es Wahnsinn, dass man das als gute Gemeinschaft schaffen kann und im Endeffekt wirklich auch Sieger hervorgeht. Wir haben ein Haus, das wir verwalten und wir haben uns alle kennengelernt. Das ist Gold wert."

Doch nun beginnt die eigentliche Arbeit. "Wir suchen noch 300 Leute, die uns mit Direktkrediten von jeweils circa 1.000 Euro finanziell unterstützen," sagt Konrad Kerpa. So wollen sie das Eigenkapital aufbringen, um das Haus dann als Verein kaufen zu können.  Sie hoffen, dass auch andere Häuser ihrem Beispiel folgen. An die Fassade ihres Hauses haben sie ein großes Transparent gehängt. Darauf steht: "Unverkäufliches Muster. 99 Jahre bezahlbare Miete. Mach mit. Zossener48.de".

Beitrag von Ute Barthel

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Sehr geehrter Herr Klunker,

    Weder der Investor noch der Mieter hatte und hat das Geld. Investoren leihen sich meistens auch nur die Gelder. In unserem Fall hatte der Investor einen cleveren Vertrag zu Lasten des Verkäufers ausgehandelt und fast gar nichts eingesetzt, aber sehr viel raus geholt. Wir Mieter schaffen die Finanzierung auch nur durch eine Bank und Direktkredite , die wir für eine Eigenkapitalanlage sammeln. Seit dem RBB Bericht haben wir schon über 40 Angebote bekommen, ohne zu "betteln",-) In unserer Welt muß man nicht unbedingt betteln, aber attraktiv sein. Niemand wird hier Privateigentümer, alle bleiben Mieter und wenn man auszieht, profitiert der nächste Mieter, der einzieht und in einer Welt wie dieser , ist das sehr entspannend und befreiend, das das geht,-)

  2. 9.

    Viel Spaß beim Geld erbetteln... Der eine hat es (Investor), der andere nicht (Mieter).
    Daran ändert auch diese komische Mietergemeinschaft nichts.

  3. 8.

    Hallo Andrea,
    entweder haben Sie den Bericht nicht richtig gelesen,sich angeschaut(Abendschau)oder Sie verstehen die Beweggründe der Mietergemeinschaft nicht.Klar gehören jetzt auch Verantwortung für das Haus u.die anstehenden Reparaturmaßnahmen mit dazu.

  4. 7.

    Schade um das schoene Haus. Wenn ich mir das Haus so ansehen, muss da bestimmt bald mal etwas gemacht werden. Wer bezahlt denn die anfallenden Reparaturen und Modernisierungsmassnahmen? Was wenn das Dach kaputt ist oder die Heizung erneuert werden muss?

  5. 6.

    Tolle Sache! Leider habe ich gerade keine 1000 Euro übrig um das Projekt zu unterstützen. Ich hoffe jedoch es finden sich viele, die mitmachen können und wollen!

  6. 5.

    Phantastisch!
    Ermutigt hoffentlich andere Mietergemeinschaften dies auch zu tun bzw. sich rechtlich sachkundig zu machen ob diese Möglichkeit auch für sie besteht.
    Bitte weiter über solche Angelegenheiten ausführlich berichten.

  7. 4.

    Der böse deutsche Kapitalismus... früher oder später kommt sowieso der nächste Investor oder Eigentümer.

  8. 3.

    Hut ab an die Mieterinnen und Mieter!

    Ich finde es großartig, dass Sie Gemeinschaftsgeist gezeigt, nicht aufgegeben und das Kapital in ihre Schranken gewiesen haben!
    Es würde mich ungemein freuen, in ein paar Jahren zu hören, dass Sie nach wie vor glücklich in ihrem Haus wohnen.

    Die Investoren sollen ihre fragwürdigen Praktiken doch dort treiben, wo sie nur Ihresgleichen damit schädigen! Man sollte sie schnellstens für das Spekulieren mit den Grundbedürfnissen der Menschen zur Rechenschaft ziehen!

  9. 2.

    Das Syndikats-Modell ist keineswegs kompliziert. Zunächst widersprüchlich ist allein die Rechtsform GMBH. Das liegt aber daran, dass im Vertrag einer GMBH -es lebe die Privatwirtschaft!- freier die Ziele formuliert werden können. Im Genossenschaftsrecht geht nicht, was die Syndikats-Idee will: Niemand kann je Eigentum am Haus, an einer Wohnung erwerben. In Freiburg /Breisgau zum ersten Mal als Idee ins Leben gerufen, ist das erklärte Ziel Wohnraum dem sogenannten "freien Markt" - der ja für Wohnungssuchende ziemlich unfrei ist - dauerhaft zu entziehen. Sind Kaufpreis, Instandsetzung /Sanierung bezahlt, passiert nämlich was eigentlich logisch ist: Die Mieten werden nach Ablösung der notwendigen Kredite immer billiger. Denn es müssen nur Rücklagen für die Instandhaltung und Sanierungen in gut kalkulierbaren Abständen gebildet werden. Gebraucht werden Banken die dieses Modell unterstützen. Die inzwischen reichhaltige Erfahrung mit Syndikaten beweist: Die gehen nicht Pleite!

  10. 1.

    Coole Sache.Respekt!

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