Werbung für weibliche Polizisten (Quelle:rbb/Daniela Reinsch)
Audio: Inforadio | 07.12.2017 | Martina Schrey | Bild: rbb/ Daniela Reinsch

Frauen bei der Polizei - Emanzipation lässt auf sich warten

Die Berliner Polizei braucht dringend Nachwuchs. Frauen und Mädchen sind explizit aufgefordert, sich zu bewerben. Doch nur ein Fünftel der Anwärter, die angenommen werden, sind weiblich. Und es werden nicht mehr, sondern weniger. Von Martina Schrey

Einbrüche, Verkehrsrowdys, Überfälle, Kindesmissbrauch, wilde Tiere, hohe Tiere und mitunter auch eine Leiche: Das ist Alltag für Anita Bär (Name von der Redaktion geändert). Die blonde Frau mit den kräftigen Schultern in der blauen Uniform lässt sich so schnell nicht unterkriegen. Sie ist mit ganzem Herzen Polizistin. Mit den Kollegen fährt sie gern zusammen Streife, erzählt sie. Einer ist ihr so lieb wie der andere - weil man sich gegenseitig vertraue. Sie brauche keinen, der für sie den Feuerlöscher schleppt. "Ich stehe hier genauso meinen Mann!", sagt sie. Und verbessert sich: "Meine Frau!"

Doch gerade Frauen finden den Dienst bei der Berliner Polizei offenbar immer weniger attraktiv. Noch 2006 war mehr als jeder dritte Anwärter für den mittleren Dienst der Polizei eine Frau. Heute ist es noch nicht einmal jeder Fünfte. Dabei möchte die Polizei gern mehr Anwärterinnen einstellen. Doch trotz aller Informationsveranstaltungen und Werbemaßnahmen gelingt es nicht, vermehrt Frauen für den Beruf zu interessieren.

Stattdessen werden es über die Jahre hinweg immer weniger Bewerberinnen statt mehr. "Im Bereich der Schutzpolizei, insbesondere im mittleren Dienst, bleibt der Anteil hinter den behördlichen Wünschen und Vorstellungen zurück", heißt es dazu aus der Behörde. Zwar ist die absolute Zahl der Polizeianwärterinnen in den letzten Jahren etwa gleich geblieben und liegt im Schnitt bei rund 80 pro Jahr - doch wurden im gleichen Zeitraum verstärkt Männer in den Polizeidienst aufgenommen. Ihr Anteil hat sich mehr als verdoppelt.

Micky Maus oder Püppchen – abschätzige Bemerkungen kommen vor

Anita Bär ist vor zwanzig Jahren zur Polizei gegangen, ihren richtigen Namen möchte die 45-jährige Polizistin nicht sagen. Aber als Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP) kann sie darüber berichten, wie ihr Alltag aussieht und wie sie das Verhältnis von Frauen und Männern in der Polizei erlebt. "Wenn man so als Micky Maus betitelt wird, so abfällige Bemerkungen- 'ach, die Mutti kommt wieder' oder 'ach, das Püppchen kommt wieder' - das braucht man nicht!"

Wie oft sowas vorkommt, käme ganz auf die Dienststelle an. In den Abschnitten, den so genannten Wachen, sei das sicher seltener der Fall als in den Einsatzhundertschaften auf der Straße, meint Bär: "Weil die Leute dort wesentlich jünger sind", da hätten die Männer oft noch das Gefühl, sie müssten sich was beweisen. Zu Beginn ihrer Ausbildung sei sie auch häufiger angemacht worden, aber "da hingen noch Plakate von nackten Mädels an der Wand" und es wurden "auch mal zwei Kisten Bier weggetrunken." Als dann auch Frauen eingestellt wurden, habe sich das nach und nach geändert, sagt sie und lacht: "Da musste man ja Rücksicht nehmen!"

Berliner Polizistin, die anonym bleiben möchte (Quelle:rbb/Martina Schrey)
"Anita Bär" möchte ihren richtigen Namen nicht nennen | Bild: rbb/ Martina Schrey

Frauen in Uniform sind mittlerweile alltäglich

Frauen werden erst seit 1980 bei der Berliner Schutzpolizei ausgebildet, vorher gab es weibliche Beamte nur bei der Kriminalpolizei. In der Folge kamen nicht nur mehr Frauen, sondern auch Frauenbeauftragte in die Behörde, um ihre Rechte und Bedürfnisse zu verteidigen. Jede Direktion hat mittlerweile eine. "Frauen haben eben gesagt, sie lassen sich nicht mehr alles bieten, sich an den Hintern fassen zu lassen oder was auch immer", erzählt Anita Bär. "Wenn eine Frau im Raum ist, muss man sich schon anders verhalten. Und sich vielleicht auch ein bisschen einschränken." Das habe nicht jedem gepasst.

Frauen in Uniform sind mittlerweile alltäglich. Anita Bär hat einen Vollzeit-Job, Schichtdienst, einen Dienstplan, der das Wort "Plan" nur selten verdient, weil er wegen Krankheit oder aus anderen organisatorischen Gründen immer wieder umgeschmissen wird. Ihre Überstundenzahl ist mittlerweile dreistellig. Und sie hat Kinder. Das ist ein Knackpunkt bei der Polizei und vermutlich nicht nur bei der in Berlin.

Karriere mit Kind ist für Polizistinnen schwierig

"Mit Kindern diesen normalen Schichtdienst zu vereinbaren, ist schon sehr, sehr schwer", sagt Anita Bär. "Wenn man da nicht einen guten Partner oder Familie hat, Oma, Opa, die unterstützen - dann ist das nicht machbar." Womöglich ist das einer der wesentlichen Gründe, warum Frauen zögern, sich bei der Polizei zu bewerben. Die Behörde selbst zitiert Studien, wonach "Mädchen bei ihrer Berufsorientierung, im Gegensatz zu Jungen, neben ihren Interessen und Neigungen auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf berücksichtigen."

Hier hat die Polizei offenbar nicht den besten Ruf. Nicht nur, weil die Arbeit mit Schichtdienst, Überstunden und gefährlichen Situationen verbunden ist. Da sei noch mehr, was Frauen das Leben bei der Polizei schwer mache, sagt Sabine Schumann, Bundesbeauftragte der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) und stellvertretende Frauenbeauftragte der Berliner Polizei. Sie hat die Beobachtung gemacht, dass Polizistinnen mit Kindern von Vorgesetzten plötzlich anders beurteilt werden. Weil sie nicht mehr ständig verfügbar sind, oder pünktlich gehen wollen. "Das wird man so in der Beurteilung niemals lesen", sagt Schumann. Da würden dann andere Parameter aufgeführt, die verhindern, dass die Polizistin befördert werde. Sie stelle nur immer wieder fest, "dass sich bestimmte Entwicklungen mit einem Kind verändern." Und das sei "sehr vorsichtig formuliert."

Frauen stehen nicht in der ersten Reihe

Beförderungen sind aber wichtig in so einer hierarchisch strukturierten Behörde wie der Berliner Polizei. Um voranzukommen im Beruf, ernst genommen zu werden und auch mehr Geld zu verdienen. Es fällt auf: Da sind es nicht die Frauen, die bei der Berliner Polizei in der ersten Reihe stehen. In der gesamten Behörde ist ein gutes Viertel des Personals weiblich, jede fünfte Leitungsposition ist von einer Frau besetzt. Aber fast immer sind das Positionen in den unteren Besoldungsgruppen.

Keine einzige Direktion der Berliner Schutzpolizei wird von einer Frau geführt, in den 37 Abschnitten der Stadt gibt es nur eine weibliche Leitung. Bei den Einsatzhundertschaften ist gar keine Chefin zu finden. Natürlich hat die Polizei einen Frauenförderplan. Es gibt Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen für Frauen. Aber Modelle für Führen in Teilzeit - was wie viele andere familienfreundlichen Arbeitsbedingungen auch Vätern bei der Polizei zugutekäme - existieren nicht. Und es gibt auch keine Quote für Führungspositionen.

Es gebe ja noch nicht mal spezielle Schutzwesten für Polizistinnen, erzählt Anita Bär. Stattdessen nur ein Einheitsmodell für Männer und Frauen in den Größen X, M, L und XL. "Je nachdem, wie die Kollegin so gebaut ist, kann das ganz sehr unangenehm werden", sagt Bär. "Das tut dann mitunter richtig weh!". Manche Kolleginnen ließen sich deshalb individuelle Schutzwesten anfertigen – in der Hoffnung, dass die Polizei die Kosten übernimmt.

Standbild: Benjamin Jendro, Vertreter der Gewerkschaft der Polizei Berlin, im Interview mit rbb aktuell (Quelle: rbbaktuell)
Benjamin Jendro vermisst eine klare Zielsetzung | Bild: rbbaktuell)

Kein klares Ziel zu erkennen

Bei der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP) ist eine Frau die Vorsitzende. Leider hat Kerstin Philipp keine Zeit zum Gespräch, genauso wenig wie die Vorsitzende der Landesfrauengruppe. Deshalb muss mal wieder ein Mann ran, wenn man die Haltung der GdP zur Frauenfrage bei der Berliner Polizei wissen will.

Natürlich wolle die Polizei den Anteil an Frauen erhöhen - auch in Führungspositionen, sagt der Pressesprecher der GdP, Benjamin Jendro. Aber er sehe die Maßnahmen dazu nicht: "Man sieht jetzt nicht ein klares Ziel, okay, bis 2030 wollen wir die Hälfte der Abschnitte von Frauen geführt haben."

Anteil der Kripobeamtinnen steigt

Bei der Berliner Kripo ist es um die Frauen übrigens etwas besser bestellt als bei der Schutzpolizei. Hier sind immerhin gut ein Drittel der Beamten weiblich, und ihr Anteil steigt. Allerdings sind auch sie eher selten in den höheren Besoldungsgruppen anzutreffen - da liegt ihr Anteil bei gerade 19,8 Prozent.

Anita Bär möchte ihren Beruf trotzdem mit keinem anderen tauschen: "Er ist einfach abwechslungsreich, man hat viel mit Leuten zu tun, arbeitet drinnen und draußen - wenn mir das keinen Spaß mehr machen würde, würde ich es nicht mehr machen!" Und: Trotz allem würde sie ihn jeder jungen Frau empfehlen, die Lust darauf habe. "Wir brauchen Polizisten und Polizistinnen, die mit Herz bei der Sache sind, keine Leute, die aufs Geld schielen." Was man ohnehin nicht im Übermaß verdient bei der Berliner Polizei.

Allerdings: Nach Angaben der Polizei glaubt selbst ein Fünftel aller Polizistinnen, dass ihr eigener Job nichts für Frauen wäre. Anita Bär gehört offenbar nicht dazu.

Sendung: Inforadio | 07.12.2017 | 15:00

Beitrag von Martina Schrey

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11 Kommentare

  1. 11.

    Ich hab meine Ausbildung mit gut abgeschlossen. War auf dem Funkwagen geachtet. Dann, als ich 30 war, kam unsere Sohn zur Welt. Ich war dann im Erziehungs"URLAUB" und danach in Teilzeit. Wie bei den meisten, kümmert sich der Elternteil mit dem geringeren Verdienst darum, den Spross zu erziehen. Nun, was bin ich? Mann oder Frau? Richtig, Frau. Als ich nach der Erziehungszeit bereits 1-2 Jahre in Teilzeit im Schichtdienst war, bekam ich eine hübsche Beurteilung. Ja, liebe P. ich kann Dir ja keine 2 geben. Das wäre ja den Kollegen gegenüber ungerecht, die die ganze Zeit im Dienst ware. Tja, sowas zieht sich wie ein roter Faden durch Deine Akte. Wie oft muss ich mich im 21. Jahrhundert noch dafür rechtfertigen, dass ich als Frau von Natur aus leider dazu verdonnert bin das Kind zu kriege? Ach, das hab ich selbst entschieden? Wir brauchen Kinder. Ja, wir fallen dann mal kurz dienstlich aus. Ist aber bei ALLEN Berufen so. Gleichberechtigung wird es hier erst geben, wenn Männer Kinder krie

  2. 10.

    Sind sie eine Frau ?
    Arbeiten Sie bei der Polizei ?
    Dann könnten Sie sich ein Urteil erlauben, ansonsten sind andere Aussagen Hörensagen.

    Ich kann nur sagen, ich erfülle die o.g. Kriterien, Frau und Vollzugsbeamtin der Berliner Polizei.
    Es gibt tolle Kollegen (den Großteil übrigens), die es genau so sehen wie es sein sollte, wir machen den gleichen Job. Ja im allgemeinen sind Männer größer und stärker, das ist naturgegeben, aber dafür verfügen Frauen meist über andere Kompetenzen, die auch bei der Polizei benötigt werden.
    Unfähige Kollegen gibt es übrigens überall und die können weiblich wie männlich sein.
    Und nur wenn sie eine Frau sind, wissen sie wie es sich anfühlt, blöde Sprüche an den Kopf geworfen zu bekommen. Wie es sich anfühlt, dass für die meisten Frauen irgendwann karrieretechnisch Schluß ist.
    Was übrigens für auch andere Unternehmen auch gilt.
    Von Gleichberechtigung sind wir weit entfernt.

  3. 9.

    Gleichberechtigung und Quoten werden nur dort gefordert, wo es nicht weh tut. Der Beruf als Polizist gehört nicht dazu. Ein angenehmer Schreibtischjob mit attraktiven Gleitzeiten im geheizten und trockenen Büro mit nicht zu viel Verantwortung wäre das schon interessanter.

  4. 8.

    "Wenn man so als Micky Maus betitelt wird, so abfällige Bemerkungen- 'ach, die Mutti kommt wieder' oder 'ach, das Püppchen kommt wieder' - das braucht man nicht!" Ich weiß nicht, was daran abfällig uist.

  5. 7.

    Micky Maus oder Püppchen – abschätzige Bemerkungen kommen vor.
    Ich bin dabei! Knackarsch und geiler Typ! Kommen vor!

  6. 6.

    Frauen in dieser Männerorganisation gehen möglicherweise Risiken ein (siehe Mucha 2012 Mobbing. Saarbrücken: SVH-Verlag.)

  7. 5.

    An der Geringschätzung durch die Kollegen sind viele Damen der Schöpfung selber schuld!
    (Es gibt natürlich gute und vorbildliche Frauen bei der Polizei soviel vorweg)
    Ich kenne einige Polizeibeamte aus meinem Umfeld und die Töne die ich da vernehme sind nicht schön.
    - Zugführer rät einer Beamtin wegen Unfähigkeit sich an Tagen mit Fußballspieleinsätzen krank schreiben zu lassen, weil er Nachteile befürchtet wenn er offen ihre Unfähigkeit anspricht.
    - Beamter ballt die Faust in der Tasche weil eine Kollegin sich weigert den schweren Waffenkoffer aus dem Regal zu heben. ( O-Ton "aber am Ende des Monats will sie das gleiche Gehalt haben")
    - Eine Beamtin der Bereitschaftspolizei sagt von sich selbst mit Stolz "bei der Demo bin ich Deko"
    Von mir selbst mehrfach beobachtet wurden Frauen bei der Berliner Polizei die sich hinter den Herren verstecken, wenn es mal rauer wird, oder nicht mal aus dem Einsatzwagen aussteigen wenn nachts ein Betrunkener stresst.
    Leistung zeigen Mädels!

  8. 4.

    Mädchen in den Kampf gegen Schwerverbrecher, Rocker und sonstige Schläger schicken? Ja macht Sinn! Vielmehr sollte man eine 50% Quote einführen! Für Polizisten und für die Verbrecher! Es lebe der Kampf gegen den Mann!

  9. 3.

    Im rbb gibt es heute einen Themenschwerpunkt Polizei. Den Bundestag hatten wir in piunkto Frauenanteil nicht analysiert, dafür das Berliner Abgeordnetenhaus: https://www.rbb24.de/politik/wahl/berlin/agh/berlin-abgeordnetenhaus-konstituierung.html

  10. 2.

    In der folgend genannten Grafik mit der entsprechenden Quelle
    "Die Grafik zeigt den Anteil von Frauen in Prozent. Quelle: Frauenförderplan (FFPl) der Berliner Polizei" Ihres Artikels sucht man vergebens die Polizeivizepräsidentin.
    Man darf aber sicherlich auch mal die Frage stellen warum momentan die Polizei so im Fokus der Berichterstattung steht.
    Was ist mit dem Frauenanteil bei der Berliner Feuerwehr oder der Dachdeckerinnung oder auch anderen Berufen ? Oder, um es mal auf die Spitze zu treiben ... im derzeitigen Bundestag.

  11. 1.

    Emanzipation hat nichts mit gleichen Zahlenverhältnissen zu tun, und ungleiche Zahlenverhältnisse sind kein Beleg für Benachteiligung. Wenn die Mädels sich aus freien Stücken nicht für den Beruf interessieren, ist das ihr gutes Recht und kein zu korrigierendes Problem. Wenn Jungs sich nicht für Germanistik interessieren und deswegen dort unterrepräsentiert sind, ist das ja auch keine Benachteiligung. Es ist an der Zeit, dass die Medien das verstehen und solche haltlosen Vorwürfe endlich beenden.

    "Frauen werden erst seit 1980 bei der Berliner Schutzpolizei ausgebildet, vorher gab es weibliche Beamte nur bei der Kriminalpolizei. "

    Das stimmt nicht, die Alliierten haben in der Nachkriegszeit gezielt weibliche Schutzpolizisten eingestellt, welche jahrzehntelang ihren Dienst versahen. Die letzten davon wurden in den 1980er Jahren pensioniert.

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