Imam Taha Sabri
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Wortlaut des Interviews mit Mohamed Sabri - "Die Muslimbruderschaft geht uns überhaupt nichts an"

Die rbb-Berichterstattung über die Neuköllner Begegnungsstätte wurde mehrfach öffentlich als antimuslimisch bezeichnet. Der Moscheeverein hat eine Veröffentlichung des im Juni 2017 geführten Interviews mit Imam Mohamed Sabri gefordert. Die Autoren stellen hier den Wortlaut zur Verfügung.

Wortlautinterview mit dem Imam der Neuköllner Begegnungsstätte, Mohamed Taha Sabri:

Die Berichterstattung der rbb-Reporter Sascha Adamek und Jo Goll über die Neuköllner Begegnungsstätte wurde in den vergangenen Wochen mehrfach öffentlich als antimuslimisch bezeichnet. Der Moscheeverein pocht darauf, das Interview mit dem Imam Mohamed Sabri, das Adamek und Goll bereits im Juni 2017 geführt hatten, müsse gänzlich veröffentlicht werden. Daher haben wir uns nun entschlossen, das gesamte Interview im Wortlaut online zu stellen. In dem Interview geht es um Sabris Verbindungen zu radikalen Islamisten im Ausland, um die Finanzierung der Moschee, ihre Verbindungen zur Muslimbruderschaft sowie die Nennung der NBS im Berliner Verfassungsschutzbericht.

rbb: Herr Sabri, wie zufrieden sind Sie denn mit der finanziellen Hilfe durch den Senat in Berlin?

Sabri: Finanziell bekommen wir keine Hilfe. Es gibt, finanziell gesehen, keine offizielle Unterstützung vom Senat. Nur einmal haben wir Unterstützung von der Landeszentrale für Politische Bildung erhalten, sonst gibt es keine Unterstützung finanzieller Art von der Seite des Staates an uns.

Sie machen ja hier sehr viele Aktivitäten, psychologische Seminare, Hilfestellungen für Familien - wie finanzieren Sie das alles, es ist ja ein großer Apparat? Es gibt ja auch sehr viele Flüchtlinge, die hier zum Freitags-Gebet kommen.

Sehr viel Geld haben wir nicht, das ist richtig. Aber jetzt im Ramadan haben wir 250 Leute mit Essen versorgt, täglich, die ganzen 29 Tage. Und das geht alles durch die Bereitschaft der Mitglieder und der Leute, die hierher kommen, um zu beten, zu spenden und Geld auszugeben. Und - Gott sei Dank - bis jetzt funktioniert das einigermaßen. Unsere Finanzierung ist ausschließlich von unseren Leuten, die hierher kommen oder von ein paar Geschäftsleuten, die Imbisse, Restaurants und Läden besitzen. Die geben ab und zu was dazu. Sonst haben wir keine Quelle.

Sie haben auch keine Quelle von ausländischen Geldgebern?

Nein.

Wie viel Geld geben Sie denn im Jahr aus?

Wie viel im Jahr? Unsere Arbeit basiert eigentlich zum größten Teil auf ehrenamtlichen Tätigkeiten. Wir haben nicht so einen großen Apparat der Administration. Zum Beispiel der Doktor, der ist Oberarzt und mein Stellvertreter. Der hat Zeit für unsere Moschee und viele solche Leute opfern ihre Zeit  für unsere Moschee. Zweitens gibt es eine große Bereitschaft zu spenden durch diese Freitagskollekte. Bis jetzt können wir unsere laufenden Kosten davon decken. Und das sind so um die 5000 monatlich.

5.000€ monatlich?

Ja das sind um die 60.000 jährlich. Eigentlich ist das ein winziger Betrag. Gott sei dank, wenn wir eine Initiative haben oder eine Veranstaltung oder eine Aktivität, dann rufen wir die Leute im Freitagsgebet auf, uns zu unterstützen und die Leute machen mit, die tragen das mit. Das freut uns natürlich und ich hoffe, dass die Bereitschaft steigt und nicht zurückgeht.

Das Spendenwesen gehört im Islam ja auch mehr zur Religion, als es im Christentum der Fall ist, oder?

Besonders in Ländern, wo der Islam neu ist. In arabischen Ländern ist die Finanzierung von Moscheen zum Beispiel eine Sache des Staates. Die meisten Moscheen gehören dem Staat. Hier haben wir so etwas nicht. Die Kirchen haben jahrhundertealte Verträge mit dem Staat, werden auch irgendwie vom Staat finanziert, aber wir als nicht anerkannte Religion und Körperschaft haben Probleme in dieser Sache.

Würden Sie sich das wünschen? So eine Art Kirchensteuer? Könnten Sie sich das vorstellen?

Die religiösen Institutionen spielen eine große Rolle in unseren Gesellschaften, egal ob wir in einer postmodernen Gesellschaft leben, die Religion spielt nach wie vor eine große Rolle. Und daher muss diese Institution irgendwie unterstützt werden und der Staat muss meiner Meinung nach eine Rolle spielen bei der Unterstützung.

Das Grundstück hat ja ein anderer Verein gekauft, der Verband Interkultureller Zentren (VIZ) – wie war das damals, als es gekauft wurde?

Wir haben einen Mietvertrag mit denen und zahlen monatlich Miete und betreiben das als Verein - als Moschee. Diese Immobilie wird durch einen Mietvertrag betrieben.

Sie haben gesagt, dass Sie nicht mehr im Verfassungsschutzbericht stehen möchten – was stört Sie genau daran?

Ehrlich gesagt bin ich immer wieder mit dieser Frage konfrontiert bei Gesprächen mit Journalisten, egal ob im In- oder Ausland. Wir versuchen unsere Arbeit zu machen, ganz effektiv im Sinne des Wohles der Gesellschaft. Wir fühlen uns als ein Teil der Gesellschaft, wir fühlen uns sehr loyal zu diesem Land und dieser Gesellschaft. Wir wissen ganz genau, dass der Verfassungsschutz einen enormen Job leistet, der garantiert oder versucht, unsere Sicherheit zu schützen und zu garantieren.  Aber meiner Meinung nach wird immer über uns geredet, keiner von den Leuten vom Verfassungsschutz ist zu uns gekommen und hat mit uns geredet. Also das sind Berichte, die gehen zum Verfassungsschutz  und am Ende kommt da ein Bericht über uns heraus. Wir würden gerne auch  mit den Leuten reden, dass sie uns besuchen hier und mit uns reden - wie Hegel sagt, es gibt einen gesamten Wald und der lässt dich nicht den einzelnen Baum sehen. Ich glaube die brauchen ein eigenes Bild von uns.

Die sind noch nie hergekommen und haben nach Antworten gefragt?

Noch nie. Von der Seite des Verfassungsschutzes.

Setzen Sie sich da zur Wehr, gegen diese Berichte über Sie im Verfassungsschutz?

Wir haben durch einen Anwalt Anfrage an den Verfassungsschutz geschickt, leider haben die das abgelehnt, nach dem Motto:  Wir antworten nicht auf Fragen von Vereinen. Die reagieren nur auf die Personenanfrage. Also ich muss das selbst machen. Dann bekomme ich eine Antwort. Also Vereine bekommen keine Antwort.

Was halten Sie von der Muslimbruderschaft?

Was heißt, was halte ich davon? Das ist eine Gruppierung, die ist außerhalb von Europa und Deutschland, das sind Parteien, das sind Gruppierungen, das sind Vereine überall in der arabischen Welt. Das geht uns überhaupt nichts an. Wir leben in einer anderen Realität, in einer anderen Gesellschaft - wir haben hier eine andere Situation, wir haben andere Probleme. Wir haben nicht diesen politischen Islam im Sinne. Wir leben in einem demokratischen Land. Wir sind zufrieden und froh hier. Wir haben andere alltägliche Probleme, die wir lösen müssen, zum Beispiel das Integrationsproblem. Es gibt etwas Anderes. Wir haben eine andere Realität. Es ist genau, als wenn man mich fragt, nach der Befreiungstheologie in Lateinamerika, das ist genau dasselbe.

Aber wenn Sie einen Katholiken fragen, wird er ihnen eine Meinung sagen: Finde ich toll, diese Strömung, oder die sind mir zu modern, die sind mir zu links.

Das ist eine politische Bewegung, die agiert in einer anderen Realität, in einem anderen System als wir hier.

Warum sagt der Verfassungsschutz dann, dass die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD) die wichtigste Organisation von Anhängern der Muslimbruderschaft ist?

Diese Frage sollten Sie den Verfassungsleuten stellen.

Trotzdem wurde das Grundstück ja auch im Namen einer Funktionärin der IGD  gekauft.

Unser Verein hat damit nichts zu tun - wenn ich von der CDU oder SPD etwas gekauft habe, dann vermiete ich oder arbeite ich, das heißt ja nicht, dass ich dann direkt auch zu denen gehöre. Wir müssen da genau differenzieren.

Frau Traji hat ja das Grundstück gekauft als Funktionärin der IGD. Damals war nur von Integration die Rede im Vereinsregister, nicht von einer Moschee.  Fünf Jahre später entsteht dann eine Moschee. Was hat es damit auf sich?

Es war von Anfang an eine Moschee, die Politik ist hergekommen und hat gesehen, es ist eine Moschee, genau so war es mit den Journalisten. Es war ja nicht so, dass wir nur ein Saal waren für kulturelle Veranstaltungen und dann ganz plötzlich: „Hallo, wir sind eine Moschee!“. Wir sind im Laufe der Jahre Mitglieder der „Islamischen Föderation Berlin“ geworden, davon ist die Mehrheit türkisch. Die Islamische Föderation  verhandelt mit dem Staat über die Anerkennung des Islam als Körperschaft. Dafür brauchten wir einen Verband, der mit vielen Vertretern auch die Muslime vertreten kann. Daher kam diese Religiosität. Von erstem Tag an war es die Moschee Dar-as-Salam (also die NBS, Anm. d. Red.). Aber als Moschee ist sie nicht anerkannt, weil der Islam selbst nicht anerkannt ist, es gibt nur Vereine.

Hatten Sie damals Angst, dass, wenn Sie direkt Moschee rein schreiben, es gleich Probleme geben würde?

Angst? Wir praktizieren unsere Religion hier. Die Verfassung von diesem Land erlaubt und schützt uns, dass wir unsere Religion leben und praktizieren können wie wir wollen. Da haben wir überhaupt keine Angst - wir leben nicht in einem diktatorischen Land oder einem islamfeindlichen Land. Wir leben in Deutschland. Von Anfang an ist es eine Moschee gewesen.

Es gab ja, vor allem im Tagesspiegel, die Berichte, dass Mohammed Arifi, ein bekannter Hassprediger, der gegen Juden und Schwule hetzt, hier war – wie kam das zustande? Sie haben ja schon ganz andere religiöse Ansichten als er.

Wir haben ihn nicht wirklich eingeladen – er ist hergekommen, um ein Krankenhaus zu besuchen. Der war hier in Berlin und er ist ein Star in der arabischen Welt. Die Leute kennen ihn überall, hier auch über Satellitensendungen. Dann haben die Leute gesagt, dass sie ihn gerne hier haben wollen, dann habe ich gesagt: Das ist kein Problem. Aber es muss einen gewissen Diskurs geben, es muss eine Rede gehalten werden, die nur theologisch und nicht politisch ist. Und er muss sich anpassen an die Werte, mit denen wir hier leben. Ich war überrascht, dass die Polizei hier war. Es gab keinen Zwischenfall und keine Äußerung, die problematisch ist. Nach zwei Wochen hat mich der Integrationsbeauftragte von Neukölln, Herrn Mengelkoch zu sich eingeladen, ins Bezirksamt Neukölln. Da haben wir die Sache geklärt und ich habe gesagt, dass es nicht wirklich geplant gewesen wäre. Das ist in unserer 10jährigen Geschichte, das erste Mal, dass so etwas passiert, so etwas kann passieren, aber es ist nicht unsere Linie.

Würden Sie ihn wieder reden lasssen?

Nein, auf keinen Fall. Ich mache keine Forschung, dass ich die Leute in der arabischen Welt beobachte, was die reden und was die nicht reden. Ich habe keine Zeit dafür - ich bin hier beschäftigt, mit meinen Leuten und es ist ein bisschen viel auch. Es ist passiert. Ich habe klar und deutlich gesagt, es ist ein Fehler. Von Fehlern kann man auch lernen. Ich schäme mich nicht, dass ich Fehler mache, ich bin ein Mensch und bin stark und mutig genug zu sagen, dass es ein Fehler war.

Ein Bildschirmfoto von Facebook, das den Account Fatwa-Ausschuss Deutschland zeigt (Quelle: Screenshot FB)
Bildschirmfoto des Facebook-Accounts Fatwa-Ausschuss Deutschland | Bild: Facebook

Im letzten Frühling ist hier, was kaum jemand mitbekommen hat, der europäische Fatwa-Ausschuss gegründet worden. Was ist das für eine Veranstaltung?

Hier bei uns gegründet? Nein! Das war eine Veranstaltung zur Einhaltung der Gebete in Deutschland. Also dass die Moscheen keine unterschiedlichen Gebetszeiten haben - der eine macht das Mittagsgebet um 10 nach eins, der andere um halb zwei. Dann das Nachtgebet bei den einen um elf, bei den anderen um halb zwölf. Das wir eine Linie zusammen finden. Da waren türkische, bosnische, albanische, arabische Muslime, da waren verschiedene Institutionen, die sich hier getroffen haben, um das möglich zu machen, hier einheitliche Gebetszeiten zu bestimmen. Was die theologischen Fragen betrifft - also das ist ein Spektrum, wo sich die Muslime kreuzen. Mit vielen Organisationen haben wir keine politische oder organisatorische Zusammenarbeit aber am Ende, was die Theologie betrifft, haben wir eine theologische Linie, wo wir uns kreuzen.

Auf der Facebookseite steht zur Gründung des deutschen Fatwa-Ausschusses, dass da auch hochrangige Leute aus Katar waren, der Herr Qaradaghi war da - das ist ja eine größere Veranstaltung als nur Gebetszeiten zu koordinieren…

Gäste aus dem In- und Ausland bei einer Veranstaltung in der NBS / Bildschirmfoto des Facebook-Accounts Fatwa-Ausschuss-Deutschland
Bildschirmfoto des Facebook-Accounts Fatwa-Ausschuss Deutschland | Bild: Facebook

Nein, nein, das waren nur Gebetszeiten!

Herr Qaradaghi reist an nur wegen der Gebetszeiten?

Das war eine Veranstaltung hier, das war auch die Ditib. Aus der Türkei eingereist, hier, das war ausschließlich für die Gebetszeitenkoordination. Wir versuchen, für alle europäischen Muslime eine gemeinsame Linie zu finden. Es gibt eine bestimmte Sache, die müssen wir zusammen machen. Das muss vielfältig bleiben, aber nicht zerstritten und gegeneinander, das wollen wir verhindern.

Warum heißt das dann Fatwa-Ausschuss? Gibt es den gar nicht?

Es gibt so etwas, aber das heißt nicht, dass wir zu denen gehören.

Es gibt ein Video, das zeigt Sie mit Mohammed Awadi. Awadi ist ein sehr bekannter kuwaitischer Prediger und berät den kuwaitischen Minister für islamische Angelegenheiten.  Mit Awadi singen Sie ein Naschid, ein islamisches Lied und machen Werbung für die NBS?

Nein, wir haben den eingeladen zu einer Veranstaltung und er ist nicht gekommen. Dann war ich da in Kuwait und habe ihn besucht. Das war ein Freund von mir, sein Sohn hat geheiratet. Das war eine familiäre oder gesellschaftliche Reise. Da war ich da. Das ist richtig.

Das war keine Werbung, um Spenden zu sammeln?

Das weiß ich, das war freundlich und freudig. Spenden?

Aber er hat Ihnen nie gespendet?

Ich weiß nicht, ob der ein reicher Mann ist oder nicht. Nein, nie. Keinen Cent. Von Awadi kein Cent. Kein Cent bekommen, überhaupt nie. Und wenn Sie eine Info haben, dass ich Geld von ihm bekomme…

Ich wollte ja nur wissen, wenn man da ein Video mit ihm zusammen macht…

Video heißt, dass ich da um Geld bettele? Ich bin nicht dahin gegangen, um zu betteln, das mache ich nicht. Falls ich Geld von irgendwem bekomme, dann wird man es sehen. Dann wird man sehen, dass es dieser Moschee prächtig geht. Aber wir sind eine bescheidene Moschee.

Sie geben nach außen ein sehr liberales Bild ab – zum Beispiel haben Sie auch schon Homosexuelle in die Moschee eingeladen, was ein sehr offenes Bild darstellt – andererseits treffen Sie sich auch mit Personen, die einen sehr konservativen und teilweise auch politischen Islam leben und Sie sagen, das passt eigentlich nicht zusammen. Das passt auch nicht nach Deutschland unbedingt. Ist das nicht schwierig, das alles unter einen Hut zu bekommen?

Ich kann mich nicht isolieren von den Muslimen. Also wie leben die Muslime, sind die hier begrenzt? Es gibt ja viele Unterschiede - auch in unserer Moschee gibt es traditionelle, konservative Tendenzen, es gibt liberale Tendenzen auch bei mir in der Moschee. Ich kann nicht sagen: Du kommst rein, der aber nicht. Ich bin Imam in einer Moschee, die irgendwie berühmt ist. Solange es kein Terrorismus da ist, solange es nicht gegen die Verfassung geht, ich kann mich auch mit anderen treffen, die andere Gedanken und Meinungen haben, kann mit denen in einen Dialog treten. Und so lange sich das im Rahmen hält, was meine Religion erlaubt und im Rahmen, was die Gesetze erlauben, dann habe ich eigentlich keine Angst und keine Bedenken.

Abd ar-Rahman Swar ad-Dahab und Mohamed Sabri (Quelle Instagram)
Abd ar-Rahman Swar ad-Dahab und Mohamed Sabri | Bild: Instagram

Sie haben sich mal getroffen mit Abd ar-Rahman Swar ad-Dahab – was hat es damit auf sich?

Der Sudanese. Ich war da in einer Veranstaltung. Er war da und da habe ich ein Foto mit ihm gemacht. Aber das ist kein Treffen im Sinne von Treffen. Der ist eine Persönlichkeit. Also habe ich das gepostet in meinem Facebook-Account.

Der ist ja Repräsentant der Union of Good, eine als Terrorfinanzierer der Hamas bekannte Organisation. Wussten Sie das?

Nein das wusste ich überhaupt nicht. Zum ersten Mal höre ich so etwas.

Also die wurden halt gegründet, um für die Hamas Geld zu sammeln, Union of Good…

Die  Saudis haben die Hamas als Terrororganisation erklärt, der ist eine Persönlichkeit, der viel Ansehen in der arabischen Welt hat, der hat einen Putsch gegen Numeri gemacht und hat sein Versprechen gehalten,  dass er die Demokratie in Sudan einführt, der erste, der freiwillig die Macht abgibt. Der kannte mich nicht und ich kannte ihn nur durch seine Fernsehauftritte und Fotos.

Bei der Gründung des Fatwa-Ausschusses Deutschland in Neukölln war auch Herr Qaradaghi von der "Internationalen Union Muslimischer Gelehrter" aus Katar anwesend. Vordenker dieser Organisation ist ein berühmter Gelehrter, Herr Yusuf al Qaradawi. Was halten Sie von dem?

Er ist ein großer Gelehrter, vom Wissen her. Aber er ist auch umstritten. Was die politische Einstellung betrifft und dass er aus Katar kommt, das ist eine andere Frage.

Der sagt ja wirklich furchtbare Sachen – so dass die Juden gesandt worden sind, um sie immer wieder zu bestrafen …die letzte Bestrafung hätte Hitler vollstreckt.

In einem Video?

Hat er das gesagt, ja. Er hat auch gesagt, dass es zulässig sei, sich in Israel das Kopftuch abzunehmen als Muslima, unter einer Bedingung, wenn man sich danach in der Menschenmenge in die Luft sprengt. Da gibt es eine Fatwa von Qaradawi.

Was ich genau von meinem Islam verstehe ist, sich in die Luft zu sprengen, das ist ein großes Verbot, das ist eine Art von Selbstmord und Selbstmord ist gegen die Bestimmung Gottes. Und unschuldige Menschen mit in den Tod zu reißen, das ist noch ein doppelter Schrecken. Das ist nicht nur haram, das ist eine große Sünde.

Er wurde dann auch von Geistlichen kritisiert und dann hat er gesagt: Es gibt in Israel keine Unschuldigen.

Ja, die Geistlichen haben vollkommen Recht, dass sie das so verurteilen.

Ja, aber wie erklärt sich das, dass da jemand so einen Judenhass entwickelt. Von Ihnen weiß man, dass Sie auf Juden zugehen, Sie haben Stolpersteine mit verlegt – was sagen Sie dazu? Denn Qaradawi ist ja ein ganz bekannter Gelehrter, der bekannteste Gelehrte der islamischen Welt.

Ehrlich gesagt: Ich bin überrascht, denn ich höre das so zum ersten Mal. Ich habe eigentlich Fotos von ihm gesehen mit Juden, ich verstehe nicht, was für einen riesigen Hass er auf Juden hat. Das kann ich nicht verstehen, ehrlich gesagt. Wäre nett, wenn sie mir das schicken, dann schreibe ich da was zu.

Er hat auch nochmal in einer Fatwa gesagt, wortwörtlich, dass die Frauen, die einen solchen Akt begehen, wenn nötig auch zur Täuschung des Feindes ihr Haar zeigen dürfen, weil sie es ja nicht tun, um ihre Schönheit zu zeigen, sondern um für Gott zu töten.

Das steht geschrieben? Da werde ich was schreiben dagegen, auf jeden Fall.

Imam Mohamed Sabri

Haben Sie selber schon mal mit der Muslimbruderschaft sympathisiert? Gibt es da Fotos von Ihnen mit Muslimbruder Aufkleber?

Ich hatte nie Muslimbruder Aufkleber. Das ist nicht das Zeichen von Muslimbruder, das ist Rabia, die Vier, das hat nichts mit Muslimbruder zu tun.

Was ist das für ein Zeichen?

Das ist für diese Maydan, Rabia ist eine Mystikerin, das ist eine Frau, die heißt Rabia und der Platz heißt Rabiaplatz, da ist eine Menschenmenge getötet worden und das ist das Zeichen von Rabia. Vier.

Also das ist nur ein Protest…

Sabri:…das ist ein Protest gegen den Schrecken, der da passiert ist, es sind Menschen, egal ob ich mit denen sympathisiere oder nicht, ob es Muslime, Christen, Juden, Buddhisten sind, es sind Menschen dort gestorben.

Ich habe nur gelesen, dass es ein Zeichen für die Muslimbruderschaft ist.

Nein, wenn einer so macht (zeigt das Victory-Zeichen) heißt es nicht automatisch, dass es das Victory-Zeichen ist. Oder wenn ein Terrorist (hebt dabei den rechten Zeigefinger) zeigt, heißt nicht, dass er die Idee verkörpert, die damit gemeint ist - die Einigkeit Gottes.

Sie haben sich zum Anschlag am Breitscheidplatz geäußert und gesagt, dass sie diesen Anschlag nicht als islamisch oder islamistisch bezeichnen wollen – können Sie nochmal sagen, was Sie damit gemeint haben?

Ich meinte damit, dass dieser Terrorismus kein von der Religion des Islam legitimierter Terror ist. Das heißt, dieser Terror hat keine Legitimation im Islam und man kann es somit auch nicht als islamisch bezeichnen.

Und mit islamistisch, was haben Sie damit gemeint? Alle Sicherheitsbehörden bezeichnen den Anschlag als islamistisch.

Vielleicht ist es islamistisch - ich meine damit keine Richtung oder eine Ideologie, ich meine die Religion selbst. Moslemisch vielleicht. Dann habe ich mich bei dieser Aussage falsch ausgedrückt. Ich meinte islamistisch nicht im Sinne einer Ideologie.

Geben Sie Ihre Finanzberichte auch öffentlich heraus von Ihrem Verein?

Ja, das machen wir, das ist kein Problem.

Super. Sind Sie der Meinung, dass Sie als Vorbild im europäischen Islam zukünftig vielleicht besser darauf achten, mit wem Sie sich zeigen?

Ich tue eigentlich mein Bestes, die Sachen, an die ich glaube, prinzipiell zu verteidigen und meine Linie beizubehalten, und noch aktiver sein. Das ist mein Glaube, meine Einstellung, meine Idee. Ich bin ein Mensch, es können Fehler passieren. Aber ich tue mein Bestes, meine Linie zu behalten. Diese Linie betrifft einen Islam, der mit der Gesellschaft in Einklang geht und nicht gegen die Gesellschaft.

Es gibt ja Leute, die die Scharia über das Grundgesetz stellen? Wie sehen Sie das?

Dann können die ihre Koffer packen und nach Saudi Arabien oder nach Sudan oder nach Tunesien gehen.

Also für Sie ist das ganz klar: Das Grundgesetz steht ganz deutlich über der Scharia?

Auf jeden Fall - wir sind nicht hier, um einen Gottesstaat  oder einen islamischen Staat zu bauen. Wir sind hier, um unsere Zukunft zu gestalten. Zu leben und dieses Land erlaubt uns, unsere Religion zu praktizieren. Das machen wir.

Aber Sie stehen auch ganz schön unter Druck mit Ihrer liberalen Position, oder?

Ja, von allen Seiten.

In Katar gibt es Vereinigungen, die geben viel Geld, aber die versuchen auch gleichzeitig, ihre Politik zu exportieren. Sie bekommen gar kein Geld aus dem Ausland, dann haben Sie einen harten Job hier, oder?

Ja, ich habe einen harten Job - die Öffentlichkeit glaubt mir oft nicht.

Unser Job ist, misstrauisch zu sein.

Auch von der Seite der Politik gibt es Druck, von meiner Community auch Druck, der ist manchmal enorm. Du machst, du machst, aber du bekommt nur was auf den Deckel und die Leute die dich kritisieren sagen, dass man es verdient hätte. Tust du was, öffnest du deine Türen weit auf, dann bekommt man was auf den Deckel, machst du die Türen zu, dann fragen die Leute: 'Ach, was passiert da? Die machen irgendwas hinter verschlossenen Türen'. Die Community sagt auch, warum müssen wir uns immer rechtfertigen? Wir können auch unsere Religion ganz leise praktizieren und wir machen keine gesellschaftlichen, politischen und wohltätigen Aktivitäten, dann haben wir unsere Ruhe, aber wir müssen auch hart kämpfen

Man sitzt also zwischen den Stühlen, weil man es allen recht machen will. Geht es Ihnen manchmal so?

Nicht nur manchmal, sondern immer.

Was ich nicht verstehen kann: Der Verfassungsschutz schreibt jedes Jahr das Gleiche in seine Berichte. Und die haben Sie noch nicht einmal gefragt, was Sie dazu meinen?

Wir sind seit zwei Jahren da drin, nicht schon immer. Wir versuchen durch unsere Arbeit die Leute zu überzeugen dass wir nicht so sind, wie sie gerade denken, dass wir sein würden. Und ich hoffe, dass wir das schaffen.

Herr Sabri, vielen Dank für das Interview.

 

Die wichtigsten Ergebnisse des Interviews in Kürze:

- In dem Gespräch bestritt Imam und NBS-Vereinsvorsitzender Sabri jegliche finanzielle Zuwendung aus dem Ausland zu erhalten. Das Interview fand am 27. Juni statt. Wenig später erfahren die Autoren, dass die NBS bereits am 23. Juni, also vier Tage vor dem Interview bei Senatskultur-Staatssekretär Gerry Woop wegen des geplanten Erweiterungsbaus der NBS vorstellig gewesen war und dort eine Spende aus Kuwait in Höhe von 2,2 Millionen Euro in Aussicht gestellt hatte. Die Spende ist bis heute allerdings nicht geflossen.  

- Während des Interviews sagt Sabri, der Hass-Prediger Mohamed al-Arifi sei 2013 auf Bitten von Moscheevereinsmitgliedern aufgetreten: „Dann haben die Leute gesagt, dass sie ihn gerne hier haben wollen.“ In ihrer jüngsten Stellungnahme zur rbb-Berichterstattung behauptet die NBS jetzt plötzlich: „2009 erlaubten wir ihm aufgrund der Bitte einiger Bekannte bei uns zu referieren. Im Jahr 2013 sprach er selbst den Wunsch aus bei uns zu predigen.“ Der Auftritt al-Arifis in der Neuköllner Begegnungsstätte im Jahr 2009 wurde von dem radikalen Islamisten Reda Seyam gefilmt, der inzwischen die Position des „Bildungsministers“ im so genannten Islamischen Staat  eingenommen hat.

- Am Ende des Interviews sagt Imam Sabri zu, den Autoren die Finanzberichte des gemeinnützigen Moscheevereins zu überlassen. Tatsächlich erhält der rbb nur einen einzigen Finanzbericht des Steuerberaters aus dem Jahr 2014. Dabei sind gemeinnützige Vereine zu jährlichen Rechenschaftsberichten beim Finanzamt für Körperschaften verpflichtet. Die Berichte 2015 – 2017 hat der Verein dem rbb bis zum 1.2. 2018 nicht übersandt.

Berichterstattung des rbb zu dem Thema (unter anderem)

Saudischer Hassprediger sprach 2009 in Neukölln

Reformthesen und eine heiße Debatte

 

Moscheeverein NBS klagt gegen Berliner Verfassungsschutz

Moscheeverein NBS erwartet Millionenspende aus Kuwait

Neuköllner Begegnungsstätte steht im Verfassungsschutzbericht

 

 

 

Beitrag von Sascha Adamek und Jo Goll

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