Mit Brot und Salz begrüßen Schüler des Schulzentrums "Dr. Albert Schweizer" am 10.01.2018 in Vetschau (Brandenburg) Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) (Quelle: dpa / Bernd Settnik).
Video: Brandenburg Aktuell | 19.01.2018 | Ismahan Alboga | Bild: dpa / Bernd Settnik

Brandenburgs Bildungsministerin ist 100 Tage im Amt - Ernst: "Brauchen jedes Jahr 1.000 neue Lehrer"

Unterrichtsausfall, ausbaufähige Kinderbetreuung und vor allem viel zu wenige Lehrer - Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst muss sich um mehr als genug Probleme kümmern. Am Freitag erklärte sie nach 100 Tagen im Amt, wie sie die Schwachstellen in den Schulen und Kitas beheben will.

Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hat eine Ausbildungsoffensive für Lehrer angekündigt. Diese gehört zu den Plänen, die Ernst am Freitag nach 100 Tagen im Amt vorstellte. An der Potsdamer Uni sollen deutlich mehr Plätze für Lehramtsstudenten entstehen. Momentan machen dort jährlich rund 450 Studenten ihren Abschluss - das reicht aber nur etwa für die Hälfte des Bedarfs.

Der sieht nach Aussage von Ernst so aus: Bis 2019 müssten etwa 2.000 neue Lehrer eingestellt werden. Auch danach seien es noch rund tausend neue Lehrer zu jedem neuen Schuljahr. "Erst in sechs Jahren wird der Bedarf dann langsam abflachen", sagte die Ministerin.

Ohne Quereinsteiger sei das auch in Zukunft nicht zu schaffen. Auf sie will die Brandenburger Regierung in den kommenden zwölf Jahren weiter bauen, sie sollen aber besser qualifiziert werden, als bisher. Der Brandenburger Pädagogen-Verband (BPV) fordert hier aber deutlich mehr Tempo. "Das wurde erstmal auf 2019 verdrängt. Das heißt, dass wir weiterhin Seiteneinsteiger an die Schulen bekommen, die gar keine Ahnung davon haben, welche Aufgaben ein Lehrer hat", sagte die BPV-Vizepräsidentin Christina Adler am Freitag dem rbb.

Digitales Lernen soll Schwerpunkt werden

Im rbb-Inforadio betonte Ernst, Brandenburgs Schüler schnitten im Vergleich gut ab. "Die Ergebnisse der Bildungsstudie sind vertretbar, aber kein Grund, sich auszuruhen. Bei den Leistungen der Schülerinnen und Schüler zum Beispiel in Rechtschreibung und Mathematik ist Luft nach oben - das merken ja auch viele Eltern", sagte Ernst.

Auch das gemeinsame Lernen von Schülern mit und ohne Handicap soll vertieft werden, indem es auch auf weiterführende Schulen ausgedehnt wird. Dafür sind in diesem Schuljahr bereits mehr als 400 zusätzliche Lehrer in knapp 130 Einrichtungen aktiv, erklärte Ernst. 

Außerdem kündigte sie an, das digitale Lernen an den Schulen auszubauen. Aus dem Nachtragshaushalt für das kommende Jahr sollen dafür zwei Millionen Euro eingesetzt werden - sofern der Landtag zustimmt. Schulen können sich um Investitionen in Höhe von mindestens 20.000 Euro bewerben. "Die Initiative muss aus den Schulen kommen, wo die Fachlehrer den notwendigen Bedarf am besten einschätzen und die Konzepte entwickeln können", betonte die Ministerin.

Der Lehrergewerkschaft GEW geht Ernsts Konzept in diesem Punkt nicht weit genug. Digitalisierung werde natürlich in den nächsten Jahren ein zentrales Thema an den Bildungseinrichtungen sein, sagte der GEW-Landesvorsitzende Günther Fuchs dem rbb. "Dazu brauchen wir einen Ausbau der Breitbandversorgung, technische Ausstattung aber vor allen Dingen Unterstützungssysteme für die Schulen, damit sie in der Lage sind, mit diesen Veränderungen Schritt halten zu können."

Klagen wegen vieler ausgefallener Unterrichtsstunden

Ernst sagte, sie wolle erreichen, dass die Kita-Betreuung künftig komplett ohne Elternbeiträge auskomme. "Dies benötigt allerdings Zeit, denn für die Erreichung aller Ziele bei der Kita-Betreuung sind nicht 200 Millionen Euro, sondern 1 Milliarde Euro notwendig", erklärte sie. Der Betreuungsschlüssel in den Kitas soll innerhalb der nächsten zehn Jahre auf eine Fachkraft für acht Kinder verbessert werden, in den Krippen auf eine Erzieherin oder einen Erzieher für drei Kinder.

Jan Redmann, Parlamentarischer Geschäftsführer der oppositionellen CDU im Brandenburger Landtag, bezeichnete die Pläne der Bildungsministerin am Freitag als insgesamt ambitionslos. "Sie sollte an sich selbst und ihre Arbeit einen höheren Anspruch haben", sagte Redmann dem rbb. Lehrer- und Elternverbände kritisieren nach wie vor, dass täglich Unterrichtsstunden wegen Krankmeldungen und Pensionierungen der Lehrer ausfallen. Im vergangenen Dezember war bekannt geworden, dass in Brandenburg im Schuljahr 2016/2017 rund 255.000 Unterrichtsstunden oder 2,1 Prozent des geplanten Unterrichts ersatzlos ausgefallen waren. Zehn Jahre zuvor hatte der Unterrichtsausfall ebenfalls bei 2,1 Prozent gelegen.

Nächste Aufgabe der Ministerin ist eine mögliche Schulstrukturreform. Bis 2019 sollen dafür Vorschläge vorliegen. Sie ist die Nachfolgerin von Günther Baaske (SPD), der im vergangenen Jahr wegen persönlicher Gründe sein Amt aufgegeben hatte.

Sendung: Inforadio, 19.01.18, 17.30 Uhr 

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels war von einer Zahl von 2.000 Lehrern die Rede, die pro Jahr angestellt werden müssen. Tatsächlich beträgt die Zahl aber 1.000 Lehrer. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Soso, das Digitales Lernen soll also Schwerpunkt werden.
    Ab wann denn? Es gibt Neuropsychologen, wie z.B. Prof. Spitzer aus Ulm, die Digitales Lernen frühestens ab Klasse 7 empfehlen.
    Was ist mit dem Erlernen und der Wertschätzung einer individuellen Handschrift? Oder reicht uns das Tastendaddeln oder Streichen auf dem Smartboard? Was ist mit dem verfuegbaren Grundwortschatz, der bei Grundschülern seit Jahren abnimmt? Ist Digitales Lernen für die vielen durch exzessiven Digitalgebrauch außerhalb der Schule hyperaktiven Schüler geeignet oder geht es erst einmal darum, den Kindern die analoge Welt "schmackhaft" zu machen?
    Ich habe nichts gegen Digitales Lernen, aber nicht als Allheilmittel!
    Haben unsere Bildungspolitiker die nötige Distanz gegenüber den Einfluesterern von Microsoft, Google oder Bertelsmann, die nur ihre Produkte in die Schulen drücken und zukünftige Konsumenten generieren wollen???

  2. 2.

    Also ich sehe das im Punkt Bildungsetat ganz ähnlich wie Sie, es sollte (in allen Bundesländern) mehr Geld in wirklich nötige Grundlagenbildung in die Hand genommen werden.

    Auch bei der Bezahlung von Lehrer*innen sollte sich ein höherer Bildungsetat widerspiegeln. Nur bin ich persönlich der Ansicht, dass es überhaupt keine verbeamteten Lehrer braucht. Es kann nicht sein, dass in manchen Bundesländern für die gleiche Arbeit bis zu 1.000€ Unterschied im Gehalt besteht, SV-Beträge nicht unerwähnt.

    In der Bildung kommt es immer zu Reformen. Wäre Stillstand besser?

    Die tradierte Vorstellung (18., 19. Jh.), Noten seien repräsentativ für Leistung oder Begabung, blendet schon immer den Schulkontext selbst aus. Noten sind konstruierte, nicht-objektive, uniforme Illusionen der Vergleichbarkeit von "Humankapital", den Lernenden, was im "Sitzenbleiben" kulminiert: Wettbewerb statt Lernen. Mehr gut ausgebildetes Personal braucht es und keine strengeren, subjektiven Bewertungen.

  3. 1.

    Keine Erwähnung findet hier eine klamm heimlich durchgeführte Oberstufenreform, die dazu führt, das Brandenburger Bildungsniveau noch weiter abzusenken: Abschaffung der 2. Fremdsprache als Pflichtfach, eine andere, schlechtere Bewertung der Noten (man kommt nun leichter zu guten Noten und wird leichter versetzt)usw. Ob die "Excelschubser" dies in der nächsten Statistik berücksichtigen? Die Verwaltung sorgt so weiter dafür, das Brandenburger Abschlüsse in der Wirtschaft und an den Uni´s weniger Wert sind, was zu einer Benachteiligung der wirklich Guten führt. Die hier erwähnte Statistik zum Unterrichtsausfall ist in Wirklichkeit viel, viel schlimmer, wenn man weiß, welcher Ausfall hier nicht mitgezählt wird: z.B. Stillarbeit oder Mathevertretung durch Religion u.Ä. Warum werden soviel altgediente Lehrer krank und erreichen das Pensionsalter nicht? Eine gerechtere wertschätzendere Behandlung wird den Ausfall minimieren können. Frau Ernst schaffen Sie einen höheren Etat für Bildung?

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