Symbolbild: Ein Wohncontainer für Obdachlose, der bereits bewohnt wird. (Quelle: dpa/Georg Wendt)
Video: Abendschau | 10.01.2018 | Florian Eckardt | Bild: dpa/Georg Wendt

Caritas: "Historischer Fortschritt" - Berlin will Containerdörfer auch für Wohnungslose nutzen

Berlin will Obdachlosigkeit jetzt mit einer stadtweiten Strategie bekämpfen. Darüber haben Senat, Bezirke und Wohlfahrtsverbände beraten - die Caritas-Direktorin spricht von einem historischen Fortschritt. Für die Opposition bleibt ein wichtiges Problem ungelöst.

Die Direktorin des Berliner Caritasverbands, Ulrike Kostka, lobt die Ergebnisse der Strategiekonferenz zur Obdachlosigkeit in der Stadt. Im rbb sprach sie am Donnerstagmorgen von einem historischen Fortschritt.

Erstmals hätten sich alle beteiligten Senatsverwaltungen und Bezirke auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt, so Kostka. Bis September werde nun ein konkreter Arbeitsplan erarbeitet, der dann ab Herbst in die Tat umgesetzt werde. Es gebe hier einen gemeinsamen Willen, das habe sie noch nicht erlebt in Berlin, so Kostka.

Konkret würdigte Kostka die Einigung, dass Frauen und Kinder sowie ältere Menschen in Berlin nicht mehr aus Wohnungen zwangsgeräumt werden dürfen. Berlin solle auch den Bund zu Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit auffordern, gerade mit Blick auf Obdachlose aus EU-Staaten, so Kostka.   

Auch Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sprach im rbb von konkreten Ergebnissen der Konferenz. So sollten künftig verstärkt für Flüchtlinge errichtete Wohncontainer auch zur Unterbringung von Wohnungs- und Obdachlosen genutzt werden. Der Senat plane, in den kommenden Jahren weitere 30 modulare Unterkünfte mit rund 450 Plätzen zu errichten, sagte Breitenbach. Diese müssten nach geltendem Recht in den ersten drei Jahren von Flüchtlingen bewohnt werden. Danach wäre auch eine Umnutzung möglich.

Wie die Senatorin weiter sagte, sollen die Obdachlosen in der Stadt zudem statistisch erfasst und gezählt werden, weil es bislang keine verlässliche Zahlen dazu gibt. Mit einer ersten Zählung, die auch eine Straßenzählung beinhaltet, soll 2019 begonnen werden. Schätzungen gehen von bis zu 10.000 Wohnungslose in Berlin aus.

Ausgaben für Wohnungslosenhilfe soll verdoppelt werden

Für Projekte der Wohnungslosenhilfe will der Berliner Senat in diesem Jahr seine Ausgaben auf 8,13 Millionen Euro verdoppeln. Davon sollen unter anderem zusätzliche Plätze in Notübernachtungen für Frauen sowie für obdachlose Familien mit Kindern finanziert werde, sagte Breitenbach dem rbb. Nach Angaben der Arbeiterwohlfahrt sind 30 Prozent der Obdachlosen in Berlin Frauen, oft auch mit Kindern.

Außerdem sollen mehr Sozialarbeiter eingestellt werden, um Beratungsangebote und Unterstützungsleistungen umsetzen zu können, und mehr "Hygieneangebote" für Obdachlose geschaffen werden. Zusätzliche 1,5 Millionen Euro stünden für Modellprojekte zur Verfügung, hieß es.

Opposition: Keine Lösungen für Obdachlose aus Osteuropa

Die städtischen und freien Wohnungsunternehmen sollen stärker eingebunden werden, preisgünstigen Wohnraum zu schaffen oder zur Verfügung zu stellen. Es sei allerdings ein "Irrglaube", dass ausreichend Wohnraum zum Verschwinden der Obdachlosigkeit in der Stadt führen würde, warnte die Senatorin. Viele Obdachlose hätten sehr viele gesundheitliche und psychische Probleme und bräuchten deswegen neben einer festen Unterkunft ein funktionierendes Hilfenetzwerk.

Maik Penn, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, nannte die angekündigten Maßnahmen "planlos". Ein Beispiel sei die zunehmende Problematik osteuropäischer Obdachloser, wofür der Senat keine Lösungen parat hielte.

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 13.

    Tut mir leid, aber Ihre Argumentation empfinde ich als abwegig. Niemand denkt beim Begriff Containerdorf an Bauernhofidylle. Wieso sollte da Neid aufkommen? Es geht hier um temporäre Unterkünfte für eine gewisse Zeit. Also entweder, bis eine geeignete Wohnung zur Verfügung steht oder aber der Fluchtgrund entfallen ist und eine Rückkehr in die Heimat vorgesehen ist. Mich ko... diese ewigen Nörgeleien, dass nichts gut genug sei, einfach nur an. Man muss mal auf dem Teppich bleiben, unser Staat tut schon sein bestes. Alles auf einmal ist eben unmöglich!
    Übrigens Leben in den Niederlanden Studenten jahrelang in solchen Containerdörfern, ohne zu meckern.

  2. 12.

    Ein einheitliches Sozialwesen in Europa? Ist das Ihr Ernst? Vergleichen Sie doch mal die verschiedenen Sozialsystem der Mitgliedsländer. Dann kommen Sie sehr schnell dahinter, warum Deutschland so unfassbar beliebt ist. Wir haben über 250 verschiedene Sozialleistungen in einer Höhe, die sich kaum ein anderes Mitgliedsland leisten kann.

    Bsp Kindergeld: Deutschland Kind 1+2: 192.- / Kind 3: 198/ Kind 4: 223. Rumänien: 10.-/Kind Bulgarien Kind 1: 18.-, jedes weitere 25. Anders als in Deutschland sind beim Bezug von Sozialleistungen in diesen Ländern gemeinnützige Arbeiten verpflichtend. Weigert sich der Bezieher, wird das Geld gestrichen.

    Nicht umsonst haben die meisten Menschen nicht etwa Italien, Ungarn oder Portugal als Ziel, sondern eben Deutschland. Nirgendwo ist es so einfach und problemlos dauerhaft an Gelder zu kommen. Nirgendwo sind die Bezugshürden so niedrig gesetzt wie bei uns. Als Jobcentermitarbeiter erlebe ich das tagtäglich.

  3. 11.

    Es ist schon wichtig Dinge so zu benennen, was sie tatsächlich sind. Natürlich stellten die Container-Lager eine Verbesserung der Lebenssituation im Vergleich z.B. zu Kriegsgebieten dar. Sie sind aber trotzdem auch noch weit weg von dem, was wir unter würdevoll verstehen.
    Also eine Notlösung mit all ihren Verbesserungen aber auch Problemen.
    Der nächste Schritt sollte dann eine Lösung werden. Die schlichte Umbenennung beschönigt nur die Situatuion und lässt uns in unserer Wahrnehmung abstumpfen. Handeln wird dann gefühlt überflüssig.

    Wenn noch mehrere Tausend in "Dörfern" statt Lagern wohnen klingt das eher nach Luxusproblem, schürt den Sozialneid und trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei. Da muss gerade die Presse ihrer Verantwortung gerecht werden! Worte sind bekanntlich Waffen und in einer demokratischen Gesellschaft demnach überlegt und besonnen einzusetzen.

  4. 10.

    Leider gibt es seit dem Ausverkauf der kommunalen Wohnungsgenossenschaften durch die SPD/PDS immer weniger bezahlbare "Sozialwohnungen". Das ist Teil des Problems. Eine Sozialwohnung mit den ca. 12m2 Zweibettzimmern in den Containern vergleichen, o.k.: 4 Quadratmeter werden durch die nebeneinanderstehenden Betten beansprucht, 1 Quadratmeter durch die Schränke, 2 Quadratmeter durch einen Tisch und zwei Stühle. Dann bleiben ca. 5 Quadratmeter für die zwei Personen, um sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen - wenn die andere mal irgendwo ran will. Die Küche und Sanitären Anlagen sind ähnlich großzügig dimensioniert und werden mit mindestens 3 bis 5 weiteren Personen geteilt. Soviel zu ihrem Vergleich mit einer Sozialwohnung oder Privatsphäre. Zu Bedenken bleibt, dass viele Flüchtlinge traumatisiert sind und daher eine Rückzugsmöglichkeit mit Privatsphäre für die Genesung besonders wichtig ist.

  5. 9.

    "Und warum kümmern sich die osteuropäischen Botschaften nicht um ihre Obdachlosen?"
    Tun sie ja, aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Die osteuropäischen Regierungen haben zwei Möglichkeiten:
    1) Die Leute hier versorgen oder
    2) Die Menschen zurück nach Hause bringen (lassen).
    Beides ist teuer, besonders wenn man die Sozialkosten in den Heimatländern vergleicht.
    Bei Möglichkeit 1 kommt hinzu, dass man Anreize schafft, dass noch mehr Menschen herkommen, da die schlechte Versorgung hier oft noch besser ist als zuhause.
    Bei Variante zwei kann man nicht verhindern, dass die Menschen einfach wieder zurück kommen, um dem Elend dort zu entfliehen.
    Solange es besser ist, Obdachloser in Berlin zu sein als in Warschau oder Bukarest, werden die Menschen herkommen. Unser Sozialsystem können sich die Osteuropäer aber nicht leisten.
    Was wäre denn die Lösung? Inhaftieren kann man sie ja beim besten Willen auch nicht...

  6. 8.

    Ich begreife nicht, warum die Wohnungswesen drei Jahre warten müssen, wenn die Container leer stehen.
    Und warum kümmern sich die osteuropäischen
    Botschaften nicht um ihre Obdachlosen?

  7. 6.

    Mein Gott, dann nennen Sie es meinetwegen Container-Carrée oder Container-Viertel, wenn Sie sich am Begriff "Dorf" so sehr stören. Ich frage mich, was Sie eigentlich wollen. Für Menschen, die anderen Falls kein Obdach über dem Kopf hätten, die aus Krieg oder größtem Elend kommen, dürften diese Wohnmöglichkeiten bereits Luxus darstellen. Es ist warm, es ist trocken, schimmelfrei und vor allem: mit Privatsphäre! Ob jetzt eine Sozialwohnung in den Plattenbauten von Marzahn oder Hellersdorf so sehr davon differenziert, dass man sich dermaßen echauffieren muss, wage ich dann doch mal zu bezweifeln. Bleiben Sie mal auf dem Boden! Ich bin stolz darauf, was dieses Land in der Flüchtlingskrise für bedrohte Menschen geleistet hat, welche enormen Kosten ohnehin gestemmt wurden. Wenn daran dann auch noch rumgemeckert wird, weckt man nur Sozialneid und schürt letztlich Fremdenfeindlichkeit!

  8. 5.

    Hallo Mike,
    danke für Ihre Anmerkung. Wie Sie ja selbst auch sagen, ist der Begriff "Lager" behaftet.

    Viele Grüße aus der Redaktion!

  9. 4.

    @ rbb "Containerdörfer" (sic) "Containerlager" entspricht eher der Realität; es sei denn bestimmte Menschengruppen sollen jetzt dauerhaft so kaserniert und ausgesondert werden?!
    Bitte nicht die orwellsche Sprache der Pressemitteilungen übernehmen.
    "Als Dorf bezeichnet man eine zumeist kleine Gruppensiedlung mit geringer Arbeitsteilung, die ursprünglich durch eine landwirtschaftlich geprägte Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialstruktur gekennzeichnet ist. ...Traditionell stellte das Dorf als Gemeinde der Bauern eine politische Einheit dar."
    "Lager steht ... für einen Ort, an dem Menschen vorübergehend [!!!] untergebracht sind; siehe Lager (Camp) oder Flüchtlingslager;
    in der Geschichte für die Absonderung einer Menschengruppe; siehe Kriegsgefangenenlager, Konzentrationslager, Internierungslager, Arbeitslager..."
    Vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/Dorf und https://de.wikipedia.org/wiki/Lager

  10. 3.

    Was mich noch interessiert hätte: warum werden nicht gleich Bzw wurden schon früher Container für Obdachlose aufgestellt? Warum sollen sie 3 Jahre warten? Und wie lange sollen sie in dieser Zwischenlösung Bleiben?
    Wer gesehen hat, welche Slums in Osteuropa existieren, müsste damit rechnen, dass selbst Container-Wohnungen attraktiv für manche osteuropäische Bevölkerungsgruppen sind. Was geschieht in der EU hinsichtlich der Einführung eines einheitlichen Sozialwesens?

  11. 2.

    "Noch gibt es keine belastbaren Zahlen, wie viele Menschen auf der Straße oder ohne Wohnung in der Hauptstadt leben. Der Senat plant eine Wohnungslosenstatistik." Das sagt alles aus. Wenn ich morgens mit der BVG zur Arbeit fahre, begegne ich täglich mindestens 10 Obdachlose. Einige schlafen vor oder in U-Bahnhöfen. Andere laufen wie Zombies durch die Gegend. In den letzten zwei Jahren hat dieses Phänomen erheblich zugenommen. Das es noch nicht einmal offizielle Zahlen gibt, sagt eigentlich alles über den Zustand Berlins aus.

  12. 1.

    Dass die osteuropäischen Botschaften mit ins Boot geholt werden sollen, zeigt vor allem auf, dass es mit einer gesamtstädtischen Strategie nicht getan sein wird. Es muss in größeren Dimensionen gedacht werden. Kurzfristig würde es aber helfen, wenn die Botschafter sich um die Unterbringung ihren Landsleute kümmern würden.

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