Auf dem Dach der Gerhart-Hauptmann-Schule hatten sich im Sommer Flüchtlinge auf dem Dach verschanzt (Quelle: dpa)
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Chronologie zur Gerhart-Hauptmann-Schule - "Wir sind in Sozialarbeiter-Mentalität herangegangen"

Fünf Jahre und am Ende viele Verlierer: Das ist die Geschichte der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg. Geflüchtete aus Afrika besetzen sie seit 2012. Am Donnerstag wurde das Gebäude endgültig geräumt. Eine Chronologie der Ereignisse. Von Vanessa Klüber

Mehr als fünf Jahre nach der Besetzung ist die Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg am Donnerstag ohne Widerstand oder größere Proteste geräumt worden.

Schon einmal sollte das Gebäude geräumt werden: am 31. Oktober 2014. Geflüchtete aus verschiedenen Nationen hatten damals das Gebäude besetzt. Da sie während der Räumung damit drohten, sich vom Dach zu stürzen, wurde die Aktion jedoch abgebrochen.  

Die Vorgeschichte: Am 8. Dezember 2012 besetzen mehr als 100 Geflüchtete vom Brandenburger Tor und vom Oranienplatz die leerstehende Schule. Einige kommen aus dem Sudan, Gambia oder dem Tschad. Sie rechnen mit einer Abschiebung in ihre Heimatländer.

Tödliche Messerstecherei

In der Folgezeit verschlechtert sich die Situation in der Schule jedoch stark - auch weil neben den Flüchtlingen zahlreiche weitere Menschen in das Gebäude einziehen, darunter Sinti und Roma oder Obdachlose. Die hygienischen Bedingungen sind miserabel, es kommt zu Gewaltausbrüchen unter den Bewohnern. Im April 2014 wird ein Mann bei einem Streit um die Dusche erstochen.

Auf der anderen Seite erhalten die Geflüchteten Unterstützung durch Nachbarschaftsbündnisse und Aktivisten. Diese demonstrieren für den Verbleib der Geflüchteten in der Schule und helfen mit Anwälten.

Aus Sicht der Bezirkspolitiker kostet die Besetzung der Schule enorm viel Geld - vor allem das Sicherheitspersonal vor dem Eingang: insgesamt mehr als eine Million Euro im Jahr.

Bezirksbürgermeisterin resigniert

Einer der Hauptakteure ist Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann von den Grünen, Nachfolgerin von Frank Schulz, der zu Beginn der Besetzung Bürgermeister war. Herrmann setzt lange Jahre auf Verhandlungen statt Härte - und resigniert zum Schluss. Die Räumung der Schule mit voraussichtlich hunderten Polizisten steht an, weil es keinen Kompromiss zwischen den in der Schule Verbliebenen und dem Bezirk gibt.

Hier eine Chronik dessen, was seit dem ersten Räumungsversuch bis zur bevorstehenden Räumung in dieser Woche geschehen ist:

22.02.2015

Der Bezirk fordert die verbliebenen 40 Besetzer der Gerhart-Hauptmann-Schule auf, bis zum 19. März 2015 auszuziehen. Dabei handele es sich um einen formalen Schritt. Bewohner hatten vor Gericht einstweilige Verfügungen erwirkt, die eine Räumung untersagen.

Die Geschichte einer Besetzung in Bildern

04.04.2015

Rund hundert Menschen demonstrieren dagegen, dass die Besetzer der Gerhart-Hauptmann-Schule das Gebäude verlassen müssen.

18.06.2015

Rund zwölf Bewohner sind noch in der Schule. Weil es bei der Gerhart-Hauptmann-Schule nicht weitergeht, kommen die Bezirksverordneten zu einer Sondersitzung zusammen. Die Linke wirft der Bezirksregierung vor, dass die Verhandlungen intransparent seien. Die verteidigt sich: Es würden den Geflüchteten Angebote gemacht, die aber bisher alle abgelehnt worden seien. Die Situation kostet den Bezirk im Jahr über eine Million Euro: vor allem der Wachdienst, der verhindert, dass weitere Menschen das Haus besetzen können, macht einen großen Teil der Kosten aus.

01.08.2017: Nach dem Urteil zur Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule äußern sich Vertreter und Geflüchtete. (Quelle: rbb)
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Video: Archiv, Abendschau | 01.08.2017: Nach dem Urteil zur Räumung der Gerhart-Hauptmann-Schule äußern sich Vertreter und Geflüchtete.

07.04.2016

Für das Flüchtlingsheim der Gerhart-Hauptmann-Schule in Kreuzberg wird ein Betreiber gefunden: die evangelische Hilfsorganisation Johanniter. Dafür war der Nordflügel des Gebäudes bereits saniert worden, im Südflügel halten sich weiterhin die Geflüchteten vom Oranienplatz auf.

03.08.2016

Das Bezirksamt reicht eine zivilrechtliche Räumungsklage gegen die Bewohner ein. Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann begründet dies damit, dass die Bewohner alle Angebote ausgeschlagen hätten.  

06.10.2015: Konsequenzen aus dem Urtiel zur Gerhart-Hauptmann-Schule: Diese kann vorerst nicht geräumt werden. (Quelle: rbb)
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Video: Archiv, Abendschau | 06.10.2015: Konsequenzen aus dem Urtiel zur Gerhart-Hauptmann-Schule: Diese kann vorerst nicht geräumt werden.

22.08.2016

50 Geflüchtete ziehen in den Nordflügel der Gehart-Hauptmann-Schule ein: vor allem Schwangere, Kinder und Menschen mit Behinderungen. Der Südflügel bleibt weiterhin besetzt.

29.01.2017

In der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin-Kreuzberg brennt es. Das Feuer sei im ersten Stock des Gebäudes ausgebrochen und habe sich dann bis auf die zweite Etage ausgedehnt, sagte ein Behördensprecher dem rbb. Die Flammen schlugen demnach durch die Decke in die zweite Etage. Der Brand wird gelöscht, die Bewohner bleiben unverletzt.

12.07.2017

Das Landgericht entscheidet, dass der Bezirk die Schule räumen lassen darf. Die oppositionelle CDU fordert, dass so schnell wie möglich ein Räumungstermin bekanntgegeben wird: "Wir fordern die Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg auf, die unrechtmäßige Besetzung der Gerhart-Hauptmann-Schule sofort zu beenden“, so Florian Graf und Kurt Wansner, beide im Abgeordnetenhaus, in einer gemeinsamen Presseerklärung.

19.09.2017

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg teilt mit: Das integrative Wohnbauprojekt "Campus Ohlauer" auf dem Gelände der besetzten Gerhart-Hauptmann-Grundschule in Kreuzberg soll ab Frühjahr 2018 entstehen. Eine Baugenehmigung für das Projekt der Wohnungsbaugesellschaft Howoge gibt es allerdings noch nicht. Insgesamt sollen laut Howoge 120 Wohnungen für Geflüchtete, Studenten und einkommensschwache Familien entstehen.

04.04.2015: Eine Demonstration vor der Gerhart-Hauptmann-Schule (Quelle: rbb)
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Video: Archiv, Abendschau | 04.04.2015: Eine Demonstration vor der Gerhart-Hauptmann-Schule

08.12.2017

Monika Herrmann zieht Bilanz zum politischen Handeln in Sachen Gerhart-Hauptmann-Schule: "Wir sind da, wie ich es nennen würde, in deutscher Sozialarbeiter-Mentalität rangegangen. Man macht ein Plenum, man fordert auf, dass Sprecher gewählt werden. Dann trifft man sich." Was völlig unterschätzt worden sei: "Dass das Gegenüber nicht nach unseren Regeln spielt, weil sie einfach andere Regeln kennen und andere Regeln mitgebracht haben. Und was auch unterschätzt worden ist: Dass sie ganz andere Überlebensstrategien für sich haben."

15.12.2017

Das Landgericht bestätigt, dass die Gerhart-Hauptmann-Schule am 11. Januar 2018 endgültig geräumt wird.  

11.01.2018

Die Berliner Polizei räumt das Gebäude der ehemaligen Schule. Bei der Besichtigung mit einer Gerichtsvollzieherin wurde im Haus niemand mehr angetroffen, sagte eine Polizeisprecherin. Vor dem Gebäude demonstrierten 100 bis 200 Menschen.

27.08.2014: Demonstration für den Verbleib der Geflüchteten in der Gerhart-Hauptmann-Schule (Quelle: rbb)
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Video: Archiv, Abendschau | 27.08.2014: Demonstration für den Verbleib der Geflüchteten in der Gerhart-Hauptmann-Schule

Beitrag von Vanessa Klüber

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9 Kommentare

  1. 9.

    Remember the Refugee Protest March from Würzburg to Berlin? Mit der Ankunft in Kreuzberg und einer Demo gegen die rassistische deutsche Flüchtlingspolitik mit Residenzpflicht etc. pp. durch Berlin ging es im Oktober 2012 los - erklärtermaßen mit open end - siehe Interview und Impressionen von der Demo:
    https://videogold.de/berlin-refugee-protest-march/
    Seitdem hat sich viel getan, doch schockierende Zustände in menschenunwürdigen Erstaufnahmestellen und Flüchtlingslagern sind leider noch immer Teil auch der Berliner Realität. Einfach mal die Einrichtungen besuchen, auf die der Flüchtlingsrat in seinen Presseerklärungen hinweist. Oder bei den zahlreichen Initiativen in Berliner Bezirken vorbeischauen - links hier: http://www.fluechtlingsrat-berlin.de/

  2. 8.

    Es ist ja nicht so, daß die Flüchtlinge aus Spaß hierher kommen, nein, es ist in ihrer Heimat einfach zu gefährlich.
    Da wird einem schon gern mal das Haus unterm Arsch weggebombt, ein grauslige Vorstellung.
    Daß auch krimminelle Elemente den Weg zu uns finden liegt in der Natur der Sache.
    Auch nicht alle Deutsche, die damals Asyl in anderen Ländern suchen mußten, waren ganz "hasenrein".
    Problematisch ist dagegen der Umgang der Berliner Politik mit einer solchen Situation.
    Die millionenschwere Steuergeldverschwendung aus sozialromantischer Attitüde kann einem schon sauer aufstoßen.
    Aber noch wurde kein Politikus wegen eines solchen Vergehens gegen das Volksvermögen abgestraft, leider.
    Das Leben ist, für Einige wenigstens, doch ein Boni-Hof.

  3. 7.

    Wenn es nicht ein Skandal wäre,wie hier mehrere Millionen Steuergelder verschwendet wurden, müsste man eigentlich lachen..........lachen über die Unfähigkeit Berliner Kommunalpolitiker. Es ist nur noch traurig.

  4. 6.

    Schon mal was gelesen dass unsere Politiker für etwas zur Rechenschaft gezogen wurden??
    Ich nicht, siehe BER, die können noch soviel Mist bauen wie sie wollen und es passiert nix, außer dass sie von der
    Bildfläche verschwinden und noch groß ihre Ruhestandsgehälter abkassieren.
    Scham kommt hier selten auf.

  5. 5.

    Ein sehr verklärender Bericht.
    Nachdem Millionen von Steuergeldern für kriminelle Drogendealer verschwendet wurden, hat Frau Herrmann kurzzeitig ihre rosa/rote Sozialromantiker Brille abgenommen. Sie sollte an dem von ihr geleisteten Amtseid erinnert werden, Schaden abzuwenden und für den entstandenen Schaden persönlich haftbar gemacht werden.

  6. 4.

    ist es nicht zu früh für eine solche Chronik? Dass die GHS tatsächlich morgen geräumt sein wird, ist amgesichts der Bezirkspolitiker und den dortigen Aktivisten noch nicht sicher.

    Ist der Polizeischutz für Frau Herrmann bereits in den 100 Polizisten enthalten oder kommt der noch oben drauf.

    Mal schauen, wie viele "Geflüchtete" tatsächlich noch in der Schule hausen und wie viele Wirtschaftsmigranten.

  7. 3.

    Wieso gibt es solche Situationen immer in links/rot/grünen Regionen?

    Wollen die WählerInnen solche Zustände wirklich?

    Dann ist doch alles bestens: weiter so!

  8. 2.

    Ihr Lebenswerk Frau Herrmann. Gratulation!!!

  9. 1.

    Das kommt davon, wenn jeder meint, er bekäme im "Rechtsstaat" sein Recht. Hinzukommt, daß den Wirtschaftsflüchtlingen aus Afrika immer noch vorgegaukelt wird, sie hätten irgendein Asyl-, Aufenthalts-,Bleibe- oder Duldungsrecht. Hier muß Tacheles geredet und dann konsequent und kompromißlos gehandelt werden. Das Motto, "seid nett zueinander " verfängt hier nicht. Wie gut, daß eine grüne Politikerin das nun auch erkannt hat. Bei manchem dauert etwas länger, bis der Groschen gerutscht ist.

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