Ein Verkäufer schiebt Kisten durch das Dong Xuan Center in Berlin-Lichtenberg (Quelle: imago/koall)
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Vom Geheimdienst entführter Geschäftsmann - Berliner Vietnamesen haben Angst, sich zu äußern

Im Sommer 2017 wird in Berlin ein Mann in ein Auto gezerrt und verschleppt. Wenig später taucht er in Vietnam auf - im Gefängnis. Jetzt steht er dort vor Gericht. Die Berliner Vietnamesen halten sich in dem Fall äußerst bedeckt. Von Nancy Fischer

Trinh Xuan Thanh heißt der Vietnamese, der in Deutschland Asyl beantragt hatte und dann mutmaßlich vom vietnamesischen Geheimdienst verschleppt wurde. Dem Geschäftsmann und ehemaligen Politiker wird in seiner Heimat Korruption im großen Stil vorgeworfen. Und was hierzulande zu einer diplomatischen Krise mit Vietnam geführt hat, endet in Hanoi nun vor Gericht: Ab Montag läuft der Prozess gegen den entführten Thanh - im schlimmsten Fall droht ihm die Todesstrafe.

rbb-Reporterin Nancy Fischer wollte mit Berliner Vietnamesen über den Fall sprechen und ist deshalb ins Dong Xuan Center in Lichtenberg gefahren, einem riesigen vietnamesischen Großmarkt. Doch dort wollte sich keiner zu dem Fall äußern. Auch die Vereinigung der Vietnamesen in Berlin und Brandenburg e.V. wollte das Thema nicht kommentieren.

Viele Vietnamesen haben Angst, sich öffentlich zu äußern

Für die Zurückhaltung gibt es triftige Gründe: Viele haben Angst davor, nicht mehr nach Vietnam zur Familie fliegen zu können, falls sie öffentlich etwas Falsches sagen.

My Lam Hoang hatte keine Angst zu sprechen. Die Rentnerin ist schon seit Jahren politisch aktiv beim Verband der vietnamesischen Flüchtlinge. Sie organisiert Demos, kritisiert die vietnamesische Regierung ganz offen und sagt deshalb auch: "Ich werde nie wieder einen Fuß auf vietnamesischen Boden setzen können."

Es gibt nicht die eine vietnamesische Community

Unter den circa 26.000 Vietnamesen in Berlin gibt es nicht die eine Community, die Vietnamesen in Berlin seien sehr gespalten, erklärt Hoang. Die meisten, die aus dem nördlichen Vietnam kommen, seien in den 1980er Jahren als Vertragsarbeiter in die DDR gezogen - von einem sozialistischen Bruderstaat in den anderen - und daher immer noch eng verbunden mit ihrem Heimatland.

Es gibt aber noch die andere Gruppe aus dem Süden des Landes. Die meisten seien kurz nach Ende des Vietnamkriegs in den 1970ern nach Deutschland gekommen als Boat People, also Flüchtlinge -so wie My Lam Hoang.

"Die Entführung war eine Menschenrechtsverletzung – eindeutig."

Die Entführung habe die Rentnerin überrascht. Sie hätte nicht gedacht, dass so etwas in Berlin passieren kann: "Von der Tätigkeit der vietnamesischen Geheimdienst-Agenten wussten wir schon lange. Dass wir verfolgt wurden, dass wir beobachtet wurden, was wir hier machen, das wird alles nach Vietnam berichtet. Wir hatten aber bislang keinen Beweis dafür", so Hoang.

Von der Regierung fühle sie sich sehr bedroht, "denn wenn der vietnamesischen Regierung eine Meinung nicht passt, dann lassen die einen entführen und in Vietnam bestrafen. Das geht doch gar nicht! Wir leben in Deutschland, wo Menschenrechte akzeptiert werden."

Durch die Entführung verliert das Vietnamesische Regime an Vertrauen

Aber Hoang habe auch gemerkt, dass sich seit der Entführung in  Deutschland etwas verändert hat. Gerade unter den noch linientreuen Vietnamesen sei ein Stück Vertrauen an das Regime verloren gegangen:

"Die haben jetzt die Tendenz, die politische Lage in Deutschland und die politische Lage in Vietnam zu vergleichen. Die merken schon den Unterschied. Und eindeutig merken sie das nach dem Fall von Trinh Xuan Thanh: Die Entführung war eine Menschenrechtsverletzung – eindeutig."

Trinh Xuan Thanh droht in Vietnam nun die Todesstrafe. Die meisten Vietnamesen in Berlin halten sich bei dem Thema jedoch lieber bedeckt - und schweigen.

Das Dong-Xuan-Center in Lichtenberg

Sendung: Radioeins, Der schöne Morgen, 08.01.2018.

Beitrag von Nancy Fischer

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