Die Familie Krassuski aus Poratz (Quelle: rbb/Haase-Wendt)
Audio: Inforadio | 12.01.2018 | Björn Haase-Wendt | Bild: rbb/Haase-Wendt

Zukunft der ländlichen Regionen - Die Angst vor Spekulanten - in der Uckermark

Immer mehr Großstädter entdecken die Abgeschiedenheit der Uckermark. Angesichts der Landflucht eine gute Nachricht. Doch nicht alle sind glücklich über die Zugzügler - vor allen Dingen, wenn das Landleben für die Neuankömmlinge nur ein Wochenendvergnügen ist. Von Björn Haase-Wendt

Die Uckermark steht in den nächsten Jahrzehnten vor großen Herausforderungen: Behalten die Statistiker recht, wird die Region bis 2040 ein Viertel ihrer Einwohner verlieren. Nur noch 91.000 Menschen würden dann im Nordosten Brandenburgs leben - ein Aussterben der Dörfer droht.

Doch seit einigen Jahren gibt es aufkeimende Hoffnung. Kreative und Unternehmensgründer entdecken die Region für sich, sie sind sogenannte Raumpioniere. Eine der ersten ihrer Art war Bettina Krassuski. Sie kam mit ihrem Mann Martin Anfang der 1990er Jahre in die Uckermark, genauer gesagt nach Poratz (Gemeinde Temmen-Ringenwalde). Das ist ein kleines Kolonistendorf mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und liegt gut eine Autostunde nordöstlich von Berlin entfernt

Die Architektin, die ein Planungsbüro in Angermünde betreibt, steht heute stolz vor dem Vierseitenhof, den sie gekauft und in den vergangenen Jahrzehnten behutsam saniert hat. "Wir haben gezielt die Abgeschiedenheit gesucht", sagt Bettina Krassuski und fügt an: "Wir wollten uns aber einbringen und das Leben mit den Alteinwohnern gestalten." Gemeinsam wurde überlegt, wie das Dorf, in dem die Zeit etwas stehen geblieben schien, wieder neuen Schwung bekommen kann. Nachbarn ließen sich vom Engagement der ehemaligen Berliner anstecken und sanierten ebenfalls ihre Häuser.

Heute ist Poratz mit seinen historischen Fachwerkhäusern die dauerhafte Heimat von rund 30 Menschen. Bettina Krassuski und ihr Mann beendeten nach der Sanierung des Vierseitenhofes nicht ihr Engagement, sondern retteten 2006 ein altes Forsthaus im Dorf vor dem Abriss und bauten es zu einem Gästehaus um.

Das Dorf Poratz im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin (Quelle: rbb/Haase-Wendt )Der Ort Poratz im Landkreis Uckermark.

Schönheit sichtbar machen

"Durch unser Engagement von außen haben wir vielleicht auch für die anderen sichtbar machen können, wie schön der Ort ist und wie schön die alte Bausubstanz", sagt Bettina Krassuski rückblickend. Für sie ist das ein Alleinstellungsmerkmal der sogenannten Raumpioniere - auch wenn die Architektin den Begriff selbst für etwas unglücklich hält. Heute gibt sie ihre Erfahrungen an die Neuankömmlinge weiter, die zunehmend den Weg in die Uckermark finden.

Einer von ihnen ist Florian Fischer. Der 33-Jährige kommt ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen, lebte in Berlin und hat seit zwei Jahren seine neue Heimat in der Uckermark gefunden. Mit zwei Partnern betreibt er in Groß Fredenwalde die Feld-Wald- und Wiesen-Schule - ein Gäste- und Seminarhaus, in dem zugleich Naturpädagogikprojekte für Schüler angeboten werden.

Der Anwohner Florian F. (Quelle: rbb/Haase-Wendt)Florian Flscher lebt seit zwei Jahren in der Uckermark.

Große Offenheit, wenn Kinder mit dabei sind

Das Ankommen fiel ihm nicht schwer. Was vor allem an den zwei Kindern seiner Kollegen gelegen haben dürfte, mutmaßt der 33-Jährige. "Das hat auch eine ganze Menge Offenheit mitbefördert, denke ich." Die Menschen in den Dörfern würden sich freuen, wenn junge Menschen mit noch jüngeren Menschen kommen und das Dorf beleben. Zudem wollen sich viele Neu-Uckermärker in seinem Umfeld Existenzen vor Ort aufbauen. "Da sind junge Landwirte dabei, auch Leute, die in Anstellung arbeiten, aber auch Selbstständige", erklärt Florian Fischer. Das würden die Menschen wertschätzen.

Stärkere Förderung der Raumpioniere

Für den uckermärkischen CDU-Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann sind die Raumpioniere damit auch eine Zukunftschance für den ländlichen Raum. Auch wenn es hin und wieder Konflikte geben würde, wenn neue Menschen mit ihren Ideen in die Dörfer kommen. Trotzdem müssen Entwicklungsperspektiven für den Zuzug gegeben werden, mahnt Wichmann an, der zugleich stellvertretender Vorsitzender der Enquete-Kommission zur Zukunft der ländlichen Regionen des Brandenburger Landtages ist: "Wir brauchen dafür einen Landesentwicklungsplan, der es den Menschen auch erlaubt, dort ein Haus zu bauen, wo es schön ist."

Dies sei im Moment nicht ohne Weiteres möglich, da es zu viele Beschränkungen gebe. "Bevölkerungswachstum und Zuzug sind deshalb nur im Speckgürtel von Berlin vorgesehen und möglich und nicht dort, wo es schön ist", kritisiert der CDU-Landtagsabgeordnete. Das Land müsse deshalb seine Planungsziele verändern. Auch müsse geklärt werden, wie Menschen, die mit innovativen Ideen in die ländlichen Regionen Brandenburgs kommen, noch stärker gefördert werden können.

Die Angst vor Grundstücksspekulanten

Doch der Zuzug und die wachsende Attraktivität bringen auch Probleme mit sich. Der Bürgermeister von Temmen-Ringenwalde, Thomas Rommenhöller, warnt sogar vor Sylter Verhältnissen. "Ich habe richtig Angst davor, dass hier spekuliert wird. Dass Leute mit Geld kommen, an den Häusern klingeln und sagen 'Willst du fünf Millionen Euro, ich nehme dein Haus'." Denn bisher konnte Temmen-Ringenwalde die Einwohnerzahl stabilisieren, auch gebe es vielerorts Nachwuchs. Eine Entwicklung, dass die Häuser und Höfe nur noch am Wochenende genutzt werden, müsse deshalb verhindert werden - sonst drohe der Zusammenfall des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Das Bürgermeisterbüro in Temmen-Ringenwalde (Quelle: rbb/Haase-Wendt)Temmen-Ringenwalde konnte seine Einwohner stabilisieren. Die Gemeinde fürchtet sich aber vor Grundstücksspekulanten.

Auch die beiden Raumpioniere Bettina Krassuski und Florian Fischer fürchten diese Entwicklung, die bereits jetzt zu spüren sei. "Über die Schönheit der Region kommen natürlich auch zunehmend Zweitwohnsitzler, Berliner", sagt Bettina Krassuski. Das Preisgefüge für Häuser und Höfe würde durch zahlungskräftige Großstädter aus dem Rahmen geraten. "Das macht es für Neuankömmlinge, die sich in der Uckermark dauerhaft niederlassen möchten, schwierig", merkt die Architektin an. Florian Fischer aus Groß Fredenwalde wünscht sich von der Politik deshalb Steuerungselemente, um jungen Menschen ein Ankommen in der Region zu ermöglichen, auch wenn sie nicht viel Kapital haben.

Über das Erreichte und die Herausforderungen wollen die Raumpioniere am Freitag (12. Januar 2018) mit der Enquete-Kommission zur Zukunft der ländlichen Region diskutieren. Die Landtagspolitiker tagen in Temmen-Ringenwalde und wollen ab 15:30 Uhr auch mit Bürgern ins Gespräch kommen.

Die Dorfstraße in dem Ort Poratz (Quelle: rbb/Haase-Wendt)

Sendung: Antenne Brandenburg, 12.01.2018, 06:00 Uhr

Beitrag von Björn Haase-Wendt

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Die Gemeinden haben ein berechtigtes Interesse daran, dass Wochenendnutzung nicht Überhand nimmt. Sie sind dringend auf Schlüsselzuweisungen aus dem kommunalen Finanzausgleich angewiesen und die gibts nunmal nur für den Erstwohnsitz. Und wenn Dörfer weiter veröden, obwohl junge Familien dringend auf der Suche nach Wohnraum sind, dann läuft etwas schief!

  2. 1.

    Einerseits den Hauskauf für die Berliner unterbinden selber aber am Wochenend und Ferien Tourismus durch Vermietung eigener Ferienwohnung profitieren ,die Fördermittel von Steuern der Großstädter gerne akquiriert, das zunehmende Verkehrsaufkommen durch die werbeträchtige, schützenswerte Landschaft ignoriert. Hauptsache ich !

    Berliner, in den nächsten Jahren werden aufrund des demografischen Wandels zig Häuser zum Verkauf stehen, wann und wie oft ihr diese nutzt unterliegt, Gott sei Dank nicht der Planwirtschaft und steigende Grundstückspreise sind auch in der Uckermark kein Sündenfall, die Ängste des Bürgermeisters Temmen Ringenwalde bezüglich Sylter Verhältnissen sind allerdings gegenwärtig und in absehbarer Zukunft ebenso unrealistisch wie die Offerte von 5. 000.000 Euro des befürchteten Klinkenputzers .

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