Austauschschüler am Bertolt-Brecht-Gymnasium im brandenburgischen Bad Freienwalde im Jahr 1995.
Audio: Inforadio | 15.01.2018 | Interview mit Petra Striekert | Bild: dpa/Klaus Franke

Schüleraustausch zwischen Ost und West gefordert - Nach Fehrbellin statt nach Frankreich

Auch fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung wissen Ost und West zu wenig übereinander, findet Thüringens Kultusminister. Als Lösung schlägt Helmut Holter mehr Austausch zwischen Schülern vor. Ein umstrittener Vorstoß.

Deutsche Schüler fahren auf Klassenfahrt nach Frankreich oder Polen - aber beim Austausch zwischen Ost- und Westdeutschland hapert es. So sieht es Thüringens Kultusminister Helmut Holter (Linke), der seit Jahresbeginn auch Präsident der Kultusministerkonferenz ist. Er fordert nicht nur internationalen Austausch, sondern auch mehr Begegnungen zwischen Leipzig und Stuttgart.

"Völlig überflüssig"

Ist das 28 Jahre nach der Deutschen Einheit noch zeitgemäß? Aus Sachsen-Anhalt kommt Widerspruch. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) findet Holters Vorstoß "völlig überflüssig". Die Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), pflichtet Tullner bei: Ein Vierteljahrhundert nach der Einheit gehe es bei jungen Leuten nicht mehr um die geografische Herkunft, sagte Gleicke der "Berliner Zeitung" am Dienstag.

Auch Matti Karstedt, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen Brandenburgs, lehnt Holters Vorschlag ab: "Wer zehn Jahre nach dem Mauerfall geboren wurde, der mag zwar Unterschiede zwischen Brandenburg und Bayern erkennen - aber auch nicht mehr als zwischen Nordrhein-Westfalen und dem Saarland."

Demokratiedefizite - ein ostdeutsches Problem?

Holter hält dagegen: "Ich stelle immer wieder fest - sowohl bei Jugendlichen als auch bei
Erwachsenen - dass insgesamt zu wenig über die Geschichte in der alten Bundesrepublik und in der DDR bekannt ist." Demokratiedefizite würden oft als ostdeutsches Problem gesehen. "Das sehe ich eben nicht so." Mehr Austausch über Geschichte und Leben in Ost- und Westdeutschland solle mehr Verständnis fördern.

Es gehe ihm nicht um einen großen Aufwand, betonte Holter. "Sondern mir geht es darum, möglichst niederschwellig Begegnungen zu organisieren." Als Beispiel nannte er ein Projekt im Grenzlandmuseum Teistungen, wo sich im Herbst 2017 Schüler aus Niedersachsen und
Thüringen bei einer gemeinsamen Projektarbeit zur innerdeutschen Grenze getroffen hatten. "Begegnungen sind möglich, man kann Projektarbeit machen, man kann sich in Jugendcamps oder anderswo treffen und solche Dinge diskutieren", sagte Holter.

Von Fehrbellin nach Dülmen

Einen solchen Austausch pflegt die Johann-Heinrich-Bolte-Schule in Fehrbellin in der Ostprignitz schon seit 1990. Gemeinsam mit der Partnerschule in Dülmen in Nordrhein-Westfahlen organisiert Lehrerin Petra Striekert den Schüleraustausuch. Jedes Jahr fahren 30 Kinder aus Fehrbellin nach Dülmen, 30 Dülmener nach Fehrbellin, nach dem Prinzip "Austausch gegen Austausch", sagt Striekert im rbb-Interview.

Die Kinder werden in Gastfamilien untergebracht. "Wir fahren immer von Donnerstag bis Donnerstag, denn unsere Schüler gehen dann auch in Dülmen in die Schule." Um die jeweils andere Region kennenzulernen, gebe es auch immer einen Ausflugstag: "Im Westen fahren wir zum Beispiel nach Duisburg und schauen uns den Hafen an", sagt Striekert. "Wenn wir mit dem Dülmenern hier in der Region sind, geht es für einen Tag nach Potsdam oder Berlin."

"Da wurden Vorurteile abgebaut"

In den frühen Neunzigern sei es bei dem Austausch auch um materielle Fragen gegangen: "Da haben die Dülmener für unsere Schule in Fehrbellin Bücher oder Computer gesponsort", erinnerte sich Lehrerin Striekert. "Jetzt brauchen wir das nicht mehr so. Es geht heute darum, die andere Gegend, eine andere Mentalität kennenzulernen." Sie betont, dass der Austausch einen großen Mehrwert habe: "Es haben sich dadurch schon ganz feste Freundschaften entwickelt. Da wurden Vorurteile abgebaut", sagt Striekert.

Das Land Brandenburg fördere den Schüleraustausch nicht. Der Fehrbelliner Ortsvorsteher unterstütze die Schule aber mit 1.000 Euro. Das decke allerdings nicht alle Kosten: Die Eltern müssten einen Eigenanteil zahlen, so Riekert. Die Lehrerin würde es daher begrüßen, wenn das Land sich finanziell an der Ost-West-Begegnung beteiligen würde.

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Das scheitert schon daran weil man z.B. Schülern mit dunkler Hautfarbe oder bunten Haaren dringend davon abraten muß in die neuen Bundesländer zu reisen wenn man nicht um deren Gesundheit oder gar Leben fürchten will.

    Dagegen sollte man erst einmal was unternehmen bevor man überhaupt an sowas wie einen Schüleraustausch denkt.

  2. 4.

    Was Deutschland braucht :
    ein einheitliches Schulsystem in allen "Ländern"
    dann würden sich solche Dinge erledigen--------
    nat. wäre in ganz Deutschland Schüleraustausch wichtig
    z.B.: daß Schüler aus Schleswig-Holstein "DIE" Bayern kennen lernen usw.

  3. 3.

    Ausgerechnet ein ehemaliger Mitarbeiter der SED-Bezirksleitung Neubrandenburg fordert einen Schüleraustausch zwischen Ost und West! Dies hätte er und seine SED-Genossen mal zu DDR-Zeiten vorschlagen sollen! Ich stelle mir gerade vor, eine DDR Klassenlehrerin hätte bei der SED den Antrag gestellt, einen Schüleraustausch zwischen Klassen der BRD und DDR zu organisieren und durchzuführen zu wollen! Ich möchte nicht wissen, was mit Ihr dann passiert wäre?

  4. 1.

    Die Beauftragte er Bundesregierung hat Recht; junge Leute benötigen keine organisierte Begegnung.

    Handlungsbedarf gibt es bei den Rentnern in Ound West. Deshalb sollte die Bundesregierung Mittel zur Verfügung stellen, um Begnungen für diese vorurteilsbehaftete Gruppe zu ermöglichen.
    Es wäre gut wenn z. B. Rentner aus Reinickendorf auf Kosten der Bundesregierung jährlich 3 Wochen in Bad Schandau verbringen könnten, dort von Veteranen der DDR betreut werden und am Kamin ihre langjährig gewachsenen Vorurteile abbauen.
    Ich denke, das Ca. 8 Millioen Euro jährlich für den Fond "Deutsche Senioreneinheit" ausreichen.
    Die wechselseitigen organisierten Begenungen sollten praktiziert werden bis alle heutigen Rentner( Stichtag 1.1.18)
    verstorben sind, die vollen Bundeskassen können diese wichtige Aufgabe leisten.



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