Besucher im ehemaligen KZ Sachsenhausen (Quelle: dpa/Ronchini)
Bild: dpa/Ronchini

Vorschlag von Staatsekretärin Chebli - Zentralrat der Juden für Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten

Mögliche Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten für Deutsche und für Asylbewerber hält der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, "prinzipiell für gut". Bei einer entsprechenden Vorbereitung sollten alle Schüler höherer Schulklassen eine solche Gedenkstätte besuchen, sagte Schuster am Mittwoch im Deutschlandfunk. Dies gelte auch für Migranten, die nach Deutschland kämen. Jeder, der dauerhaft hier leben wolle, müsse sich mit der Geschichte des Landes identifizieren.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Frankfurt am Main 2014; Foto: © dpa-Bildfunk
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef SchusterBild: dpa-Bildfunk

Schuster hob zugleich hervor, dass solche Besuche kein "Allheilmittel" gegen Antisemitismus sein könnten. Er sei ein Punkt in einem "Mosaik". Man dürfe nicht übersehen, "dass viele der Menschen, die tagsüber in die Integrationskurse gehen, die auch zum Teil wirklich gut gemacht sind, dann aber abends wieder im Fernsehen Al-Dschasira sehen und mit den Vorurteilen, mit denen sie aufgewachsen sind, dann auch bei uns indirekt konfrontiert werden".

Antisemitismus könne durchaus ein Ausweisungsgrund für einen Asylbewerber sein, sagte Schuster. Er halte ein entsprechendes Papier, das im Berliner Abgeordnetenhaus in den nächsten Tagen zur Diskussion gestellt werden soll, "für ein probates Mittel". Er hoffe und denke, "dass damit auch ein gewisser Abschreckungseffekt ausgelöst werden kann", so Schuster.

Gedenkstättenleiter: Kein Antisemitismus-Problem mit Migranten

Brandenburgs Gedenkstättendirektor Günter Morsch warnte indes vor Pauschalisierungen in der Debatte über Antisemitismus von Zuwanderern. Die Orte des NS-Terrors wie die KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen in Oranienburg würden auch von vielen Schulklassen mit einem hohen Migrantenanteil besucht, sagte Morsch der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" (Mittwoch). Mit diesen Schülern habe die Gedenkstättenstiftung "keinerlei negative Erfahrungen gemacht, etwa mit Ausfällen gegen Juden oder Ähnlichem".

Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch (Quelle: dpa / Ralf Hirschberger)
Der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Günter Morsch | Bild: dpa-Zentralbild

Probleme gebe es eher mit deutschen Schülern, sagte Morsch: "Deshalb halte ich es für problematisch, wenn sich die Debatte wieder auf Migranten beziehungsweise Flüchtlinge konzentriert und nicht gesehen wird, dass wir in der Mehrheitsgesellschaft auch solche Konflikte haben."

Zwangsbesuche könnten auch das Gegenteil bewirken

Zwar kämen außerhalb von Schulbesuchen nur wenige Migranten in die Gedenkstätten, sagte Morsch: "2016 und 2017 bewegte sich die Zahl im einstelligen Bereich." Den Vorschlag der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli (SPD) zu Pflichtbesuchen unter anderem von Integrationsklassen lehnte der Historiker dennoch erneut ab. Pflichtbesuche seien ein "Zwangskorsett" und könnten auch das Gegenteil der erhofften aufklärenden Wirkung zur Folge haben, sagte Morsch: "Gedenkstätten sind keine antifaschistischen Durchlauferhitzer, sie sind nur ein Mosaikstein eines umfassenden Bildungsprogramms."

Die Besucherzahlen in Sachsenhausen sind seinen Angaben zufolge in den vergangenen 25 Jahren stark gestiegen - von 170.000 im Jahr 1993 auf inzwischen mehr als 700.000 Menschen pro Jahr.

Gedenkstätten-Besuche als Bestandteil von Integrationskursen

Staatssekretärin Chebli hatte sich dafür ausgesprochen, dass auch Asylbewerber verpflichtend ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen sollten. Sie halte es für sinnvoll, "wenn jeder, der in diesem Land lebt, verpflichtet würde, mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besucht zu haben". Das gelte "auch für jene, die neu zu uns gekommen sind". Besuche in einer Gedenkstätte sollten zum Bestandteil von Integrationskursen werden.

Sendung: Kulturradio, 10.01.2018, 10:16 Uhr

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Ich ging auch in der DDR zur Schule und kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie Schule und FDJ Druck machten, damit auch ja 100% Klassenteilnehmer erreicht wurden. Natürlich waren diese Besuche freiwillig. Aber jede Schülerin und jeder Schüler wusste, was passiert, wenn man schwänzt.

  2. 10.

    Ich bin in der DDR zur Schule gegangen und habe meinen Beruf erlernt. Ich bin nie gezwungen worden, an einem Besuch eines KZ teilzunehmen. Die Schule oder die FDJ hat es organisiert und ich bin freiwillig mitgegangen. Später auch mit der eigenen Familie. Ich war im KZ Sachsenhausen, Kz Lichtenburg, KZ Buchenwald und kenne die Orte hier im Emsland, wo es bekanntlich die meisten Lager der Nazis gab. Heute sollte sich der Zentralrat der Juden fragen, warum es die meißten KZ-Gedenkstätten in den neuen Bundesländern gibt?
    Ich bin gegen eine Verpflichtung oder einen Zwang zum Besuch von KZ-Gedenkstätten. Aber warum organisieren und bezuschussen die Bundestagsabgeordneten mehr Besuche zum Gefängnis Hohenschönhausen als in KZ?

  3. 9.

    Als Kind v.8 Jahren habe ich mir selber einen Einblick verschafft ü.die Greueltaten des NS Regime,indem ich jeden Sonntagvormittag Fox tönende Wochenschau sah im TV.Ich saß jedesmal wie gebannt da u.nicht eine Person im persönlichen Umfeld wollte mit mir darüber reden.Das hat meine Neugierde erst recht geweckt.Zwangsbesuche bringen hier wenig.

  4. 8.

    Zu meiner Schulzeit wurde die ganze Thematik eher "durchgehechelt". Eine Auseinandersetzung fand nicht statt.

    Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit...alles in einem Schulhalbjahr abgehandelt. Wenn so Integrationskurse aussehen dann hilft auch kein Zwangsbesuch.

  5. 7.

    Es ist eine Frage der Einbettung und da halte ich die Reaktionen für viel zu schnell und für zu überhastet.

    Nochmals: Nach den Maßstäben derjenigen, die sich jetzt schon gegen einen derartigen "Zwang" aussprechen, bestünde unsere Welt ausschließlich aus Zwängen:
    Zwang, mit dem Kfz an der roten Ampel anzuhalten (, als nach eigenem Gusto und auf eigene Gefahr weiterzufahren)
    Zwang, bei Zurückbleiben bitte doch irgendwo im Schritt langsamer statt schneller zu werden,
    Zwang, bei Regen den Schirm aufzuspannen, ansonsten da ein ausgemachter Feind da oben für das eigene Nasswerden verantwortlich gemacht werden müsste,
    Zwang, mit der eigenen Lohn- und Gehaltsabrechnung Steuern zu bezahlen, anstatt das verdiente Brutto gemäß eigenen Gustos auszugeben,
    zu guter Letzt: Zwang, nur aufgrund eines blöden Entgelts morgens oder bei anderer Schicht mittags oder abends irgendwo pünktlich nach Vertrag zu erscheinen ...

  6. 6.

    Da haben Sie sich ja was Feines rausgesucht, um eine sehr eigenartige Herleitung darbieten zu können.
    Identifizieren bedeutet doch wohl eher "erkennen" bzw. "hineinversetzen". In diesem Sinne ist auch das Synonym "gleichsetzen" zu verstehen. Sie sollen sich also nicht der kranke Ideologie der Nazis schämen sondern diese erkennen, um sich mit Ursachen und Wirkungen derselben auseinanderzusetzen. Auf dass niemals wieder ähnliche Verbrechen geschehen mögen. Leider hält man dies in vielen Teilen der Welt immer noch nicht für notwendig, wie man gerade in Afrika oder dem Nahen Osten bzw. am Hindukusch beobachten kann.

  7. 5.

    Identifikation bedeutet wörtlich übersetzt „gleichsetzen“. Der Begriff bezeichnet in der Psychologie einen innerseelischen Vorgang, der identitätsstiftend ist. Quelle: Wikipedia. Der barbarische germanische Schwachsinn und Völkermord soll also Teil meiner Identität sein oder werden?

  8. 4.

    Ich bin ganz Ihrer Meinung. Außerdem rufen Pflicht und Zwang eher Abwehr hervor denn Verständnis. Ich denke, nein, ich bin mir sicher, dass das der falsche Weg ist.

  9. 3.

    Pflicht und Zwang sind kein probates Mittel, Herr Schuster. Herr Morsch, als Direktor der Stiftung Gedenkstätten, sieht das mit seiner Erfahrung schon richtig.
    Seit Jahren fällt dem Zentralrat der Juden nichts weiter ein, als Forderungen zu stellen und immer den Zeigerfinger zu heben. Das Sie, Herr Schuster, auf den Zug von Frau Chebli aufspringen, ist wieder das alte Muster. In unserem Jahrhundert sollte der Rat andere Wege und Mittel gegen den Antisemitismus suchen und finden.

  10. 2.

    Schon alleine das Wort"angenehm" gehört nicht zu diesen Bericht.Denken Sie es ist einfach so ein Spaziergang mit der ganzen Klasse?

  11. 1.

    Zu meiner Schulzeit gab es diese Pflichtbesuche noch. Angenehm war es natürlich nicht, aber es gehörte dazu.

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