Polizisten schützen Demonstration für gleichgeschlechtliche Ehe in Berlin. (Quelle: dpa/Ralf Mueller)
Audio: radio eins | 19.02.2018 | Interview mit Klaas-Wilhelm Brandenburg | Bild: dpa/Mueller

Vorläufige Zahlen der Berliner Polizei - Homo- und transfeindliche Straftaten weiter auf Rekordniveau

Die Berliner Polizei zählte im vergangenen Jahr 161 Straftaten gegen die sexuelle Orientierung – nur drei weniger als im Rekordjahr 2016. In Brandenburg wurden 2017 nur sechs Taten gemeldet - ein Paradies für Homosexuelle ist das Land deswegen aber nicht. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Freitagabend vor einer Woche: Ein 17- und ein 18-jähriger sitzen in der S-Bahn, der Zug hält an der Schönhauser Allee. Plötzlich attackieren drei Männer die Jugendlichen, stoßen sie aus dem Zug, treten und schlagen sie selbst dann noch, als sie schon am Boden liegen. Der Grund: Die beiden sind schwul.

Es ist ein besonders krasser Fall von vielen: 161 Straftaten gegen queere Menschen – also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und intergeschlechtliche Menschen – zählte die Polizei vergangenes Jahr in Berlin, nur sechs dagegen in Brandenburg. Dabei handelt es sich allerdings um vorläufige Zahlen – diese können noch steigen, wenn zum Beispiel ein Fall aus dem vergangenen Jahr erst jetzt zur Anzeige gebracht wird.

Sebastian Stipp und Anne Grießbach-Baerns (Quelle: Polizei Berlin)
Sebastian Stipp und Anne Grießbach-Baerns sind die Ansprechpartner bei der Berliner Polizei für LSBTI | Bild: Polizei Berlin

In Berlin liegt die Zahl nur knapp unter dem Wert des Rekordjahres 2016, als 164 Taten registriert wurden. "Wir wissen aber, dass es ein sehr hohes Dunkelfeld gibt", sagt Anne Grießbach-Baerns, eine von zwei Ansprechpersonen der Berliner Polizei für queere Menschen. "Wir schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Fälle nicht angezeigt werden." In Wahrheit geschehen also wohl deutlich mehr Taten.

Zahlen von Selbsthilfe-Vereinen sind deutlich höher

Über die möglichen Gründe für die fehlenden Anzeigen kann Grießbach-Baerns nur spekulieren: "Ich vermute, dass viele Opfer ihre Straftat zu gering finden oder möglicherweise denken, dass die Polizei nichts macht." Dabei könne etwa jede zweite Straftat aufgeklärt werden. "Vielleicht haben einige auch noch Vorurteile gegen die Polizei aus der Vergangenheit." Jahrzehntelang verfolgte die Polizei vor allem homosexuelle Männer wegen des früheren Paragraphen 175 Strafgesetzbuch, der erst 1994 abgeschafft wurde.

Neben der Polizei sammeln auch Selbsthilfe-Vereine für queere Menschen Zahlen zu Übergriffen – und diese sind deutlich höher. In Berlin wurden dem schwulen Anti-Gewalt-Projekt "Maneo" 2016 insgesamt 291 Taten gemeldet – etwa doppelt so viele wie der Polizei. "Maneo"-Leiter Bastian Finke erklärt sich diesen Unterschied so: "Wir sind mehr mit den Szenen vernetzt, vor allem aber eine unabhängige Stelle." Deshalb wenden sich nicht nur Opfer aus Berlin und Brandenburg an "Maneo":  "Uns werden jedes Jahr mehr als 700 Hinweise und Fälle gemeldet." Diese werden mit vielen ehrenamtlichen Helfern ausgewertet.

Jirka Witschak vom Selbsthilfeverein Katte e.V. (Quelle: dpa/Sophia Kembowski)
Jirka Witschak vom Selbsthilfeverein Katte e.V. | Bild: dpa/Sophia Kembowski

Queere Menschen in Brandenburg verstecken sich oft

In Brandenburg kümmert sich die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Tolerantes Brandenburg, kurz Katte, um das Sammeln eigener Zahlen. Für 2017 zählte sie 35 Fälle – fast sechsmal so viele wie die Polizei.

Marco Klingberg ist Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen im Polizeipräsidium Land Brandenburg - er kennt den Widerspruch bei den Zahlen, und er räumt entsprechende Defizite ein: "Viele der Kolleginnen und Kollegen sind einfach nicht genügend sensibilisiert, um einen homophoben Hintergrund zu erkennen." Und Jirka Witschak, Vorstand von Katte, kritisiert: "Bisher haben in Brandenburg kaum Fortbildungen zu dem Thema stattgefunden." Damit liegt er auf einer Linie mit Marco Klingberg: "Wir brauchen mehr Aus- und Fortbildung! An der Fachhochschule der Polizei in Oranienburg wird das Thema zum Beispiel schon angesprochen, allerdings noch nicht intensiv genug."

Außerdem seien in Brandenburg weniger Menschen geoutet – sie geben also nicht zu erkennen, dass sie schwul oder lesbisch sind. "Aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen trauen sich immer weniger, sich zu outen, denn sie sagen: Wer weiß, was noch kommt", so Witschak. In Berlin dagegen zeigen queere Menschen offener, wer sie sind und wen sie lieben, und werden deshalb eher zur Zielscheibe für Täter. Besonders in Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln ist die Zahl der Angriffe hoch – und damit dort, wo viele queere Clubs und Bars zu Hause sind oder queere Großveranstaltungen wie der CSD stattfinden.

Was tun?

  • Fälle melden bei der Polizei

  • Fälle melden bei Selbsthilfe-Vereinen

Gewalt in Flüchtlingsunterkünften bleibt oft ohne Anzeige

Die Bandbreite der Taten ist groß: "Die große Mehrzahl der Fälle sind Beleidigungen und Belästigungen auf der Straße", so Maneo-Chef Bastian Finke. "Das hört sich immer so harmlos an, aber Menschen, die das wieder und wieder  erfahren, verändern sich dadurch in ihrem Verhalten und ihrem Wesen." Die Opfer, aber auch die Täter bei homo- und transphoben Taten sind fast immer Männer. "Wir leben noch immer in einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der der öffentliche Raum ein männlich dominierter Raum ist", glaubt Finke. "Männer, die aus den Rollenbildern tanzen, bekommen die Folgen zu spüren – sie werden quasi sanktioniert."

Aufgrund der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen trauen sich immer weniger, sich zu outen, denn sie sagen: wer weiß, was noch kommt.

Jirka Witschak, Vorstand von Katte

Tatort homofeindlicher Straftaten sind meist der öffentliche Raum – und Flüchtlingsunterkünfte. "Wir betreuen gerade 30 Geflüchtete, die allein im letzten Jahr zu uns gekommen sind", erzählt Jirka Witschak von Katte. "Die Gefahr, dass sie in den Heimen auf die Fresse bekommen oder die Treppe runtergestoßen werden – was häufig passiert – ist groß." Die Polizei wird dann nur selten gerufen, weil Geflüchtete große Angst vor einem Coming Out haben – denn in ihren Heimatländern ist das oft mit negativen Konsequenzen verbunden. Auch Marco Klingberg von der Brandenburger Polizei verweist auf die schlechten Erfahrungen der Geflüchteten: "Sie kennen die Polizei aus ihren Herkunftsländern nur als Verfolgungsorgan – und dort steht Homosexualität oft genug unter Strafe." Deshalb hätten sie generell Angst vor der Polizei und wüssten nicht, "dass diese eigentlich da ist, um ihnen zu helfen."

Aber selbst wenn die Polizei gerufen wird, ist sie nicht immer besonders hilfreich: "In einem Fall hat die Polizei gesagt: ihr streitet Euch ja nur. Da war dem diensthabenden Polizisten das Thema ganz unangenehm", berichtet Jirka Witschak. Marco Klingberg will deshalb ein Konzept erarbeiten, "dass wir auch mal in die Flüchtlingsunterkünfte hineingehen."  Die Zusammenarbeit mit den Opferhilfsverbänden sei in den letzten Jahren ein bisschen schleppend gewesen, räumt er ein. Im Gegensatz zu seinen Berliner Kollegen mache er seinen Job als Ansprechpartner allerdings nur im Nebenamt.

Auch "schwule Sau" ist eine Straftat – wird aber kaum angezeigt

So gut wie nie in den Statistiken erfasst werden neben Geflüchteten auch die Opfer von Mobbing oder homophober Gewalt in Schulen. "Deshalb machen wir gerade eine Online-Umfrage, um erstmals belastbare Zahlen zu haben", so Witschak. "Fakt ist, dass schwule Menschen alle Mobbing-Erfahrungen in der Schule gemacht haben." Nicht umsonst sei "schwule Sau" noch immer eines der am meisten genutzten Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen.

Dabei ist bereits das eine Straftat: Wenn zum Beispiel "schwule Sau" an eine Wand geschrieben wird, zählt dies als Sachbeschädigung mit homophobem Hintergrund und fließt bei einer Anzeige in die Polizei-Statistik mit ein. Solche und andere "sonstige Delikte" wie Beleidigungen machen knapp zwei Drittel der Straftaten gegen queere Menschen in Berlin aus, Gewaltdelikte etwas mehr als ein Drittel. In Brandenburg wurde im vergangenen Jahr kein einziges Gewaltdelikt zur Anzeige gebracht.

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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38 Kommentare

  1. 38.

    Es geht nicht darum was im Regal steht, es geht darum was derzeitig geschieht und was Die Linke abtut/relativiert, nur darum der Verweis auf Marx und Engels.

  2. 37.

    Geben Sie doch einfach mal zum Thema im Bericht einen vernünftigen Kommentar ab. Wen interessiert es hier schon wer Marx,Engels oder gar Lenin zuhause im Regal zu stehen hat?! Hier geht es um Übergriffe auf Schwule und die werden nicht von den Linken Genossen verübt. Zum Thema geht es hier wohl eher um den Rechten Mob und Kriminelle Osteuropäische Banden. Das der Islam Homophob ist, steht außer Frage. Doch auch hier muß angeführt werden, auch Mosleme trieben gleichgeschlechtlichen Sex.Wird nur nicht öffentlich gemacht.

  3. 34.

    Ihre unmaßgebliche Meinung, die maßgeblich andersdenkende hier regelrecht köpft. Marx und Engels sind keine Blödelei. Auch ich bin Atheist und sitze hier nicht im eigenen Saft von Berlin. Einfach mal raus … geht doch z. B. raus mit Skandinaviern in den Görlitzer Park …

  4. 33.

    Die Meinung von queer.de hatte ich bereits selbst zur Kenntnis genommen.
    Aber beantworten Sie doch einfach meine Frage statt wieder nur rumzueieren.

  5. 32.

    Leider ist meine Antwort auf ihre Blödelei nicht freigegeben worden.

    Ich muß sie enttäuschen, ich bin Atheist.

    Und ich vertrete hier meine eigene, unmaßgebliche Meinung, ja.

  6. 31.

    Da die Frage sowieso nicht ernst gemeint war sondern eher ein rhetorischer Taschenspielertrick war mache ich mir die Antwort einfach:

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=26045

    Die AfD ist nicht stockkonservativ, diese "Partei" ist ein Sammelbecken für Antisemiten und Rassisten die gegen alles sind was deren widerlichen Ansicht nach "antideutsch" ist, was immer das auch sein soll. Siehe die letzen Entgleisungen der Weidel.

  7. 30.

    Hallo Lotte, ich sehe es trotzdem anders. Ja, die AfD ist stockkonservativ, insbesondere auch beim Thema Homosexualität. Das ist nicht verboten und bildet immer noch weite Teile unserer Bevölkerung ab. Ich darf Sie daran erinnern, dass große Teile der CDU/CSU und selbst im linken Parteienspektrum ihre "Probleme" mit der Ehe für alle haben. Ich persönlich vertrete diese Meinung nicht, ich finde gut, dass das endlich so ist. Aber es sei unvergessen, dass Frau Merkel dieses Thema aus wahltaktischen Gründen recht überraschend und erst kurz vor der Wahl in der eigenen Partei durchgedrückt hat. Da steht eine AfD beileibe mit ihrem "traditionellen" Familienbild nicht alleine. Es ist freilich leicht, es einer Partei in die Schuhe zu schieben, wird aber der Wirklichkeit nicht gerecht.
    Mit Homophobie hat deren Haltung aber recht wenig zu tun: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-und-homosexuelle-die-afd-ist-nicht-schwulenfeindlich-a-1077446.html
    Grüße, Steffen

  8. 29.

    Na jetzt kommen Sie doch, Sie wollten Butter bei die Fische. Ich suche mir nicht Ihre Argumente raus. Was ist am Parteiprogramm der AfD homophob? Man kann da sicherlich vieles dran kritisieren, aber homophob?

  9. 28.

    Sie sehen das zu einseitig.Sagen Sie das z.B. mal Rosa von Praunheim und vielen anderen,darunter leider schon verstorbene Deutsche Schwule Aktivisten. Filmemacher wie Reiner Werner Fassbinder und viele Publizisten. Das Gleichstellungsgesetz ist durch uns und dem immerwährende Kampf gegen Homophobie erfolgreich durchgesetzt worden u.u.u. Die Liste ist lang.

  10. 27.

    Wieder muß ich Sie leider enttäuschen. Wenn Sie Frau Weidel meinen, die ist so Stock Konservativ Lesbisch dass es nur so kracht. Überhaupt nicht die Vorzeige Schwule Frau und lebt obendrein in der Schweiz. Außerdem und da bin ich nicht der Einzige in der Gay Community, haben sich sehr viele Lesben nach dem Gleichstellungsgesetz gerne ins gemachte Nest gesetzt. Diskussionen hierzu sind immernoch im vollem Gange und wird auch noch lange anhalten. Die Schwulenbewegung in den USA zeigt deutlich,das es eben auch gemeinsam geht. Und das von Beginn an. Beide ziehen am gleichem Strang.

    Die AfD ist und bleibt für mich eine Rechte und gar schwulenfeindliche Partei. Hätte diese es damit ernst gemeint, dann wäre Frau Weidel beim Frauenmarsch vorneweg mitmarschiert,aber so wie geschehen war es nur eine blanke Provokation. Mehr nicht.

  11. 26.

    Ihr Kommentar zeigt mir, wie wenig Sie sich mit der Schwulenbewegung hier ernsthaft auseinandersetzen. Wann waren Sie“früher“ auf der CSD Demo? In den 80er Jahren wurde noch ernsthaft Demonstriert und zwar ALLE ZUSAMMEN. Sie ist und bleibt politisch UND steht für eine andere Lebensweise, was ja schon die Geschlechtertrennung in unserer heterogenen Gesellschaft sehr deutlich macht. Das Gleichstellungsgesetz wurde deshalb verabschiedet um der ständigen Diskriminierung Einhalt zu gebieten. Mit ärmlich habe ich den ewigen“Zwist“ in der Gay Community gemeint. 3 Demonstrationen haben das Hauptanliegen des ursprünglichen CSD ins lächerliche verbannt i.Berlin.Nun gleicht dieser eher einem Karnevalsumzug von Schwulen,Lesben und Transvestiten. Das finde ich sehr schade. Zum Frauenmarsch durch die Friedrichstraße habe i.mich deutlich geäußert und bleibe dabei. Provokant und inakzeptabel. Der Gegenprotest war richtig. Nun schicken die Rechten Männer schon Ihre Frauen vor. Peinlich.

  12. 24.

    Ich muß sie leider enttäuschen, ich bin Atheist.

    Und stimmt, ich vertrete hier nur meine unmaßgebliche, persönliche Meinung.

  13. 23.

    Aber nu mal Butter bei de Fische!
    Wie steht Ihr Islam zu Homophobie und der Ausgrenzung von Menschen die nicht der Familienpolitik dieser "Religion" entsprechen?

    Links: 200 Jahre Karl Marx und Sie schreiben nur Murx. Bald 200 Jahre Engels, nur Sie sind kein Engel. Sie vertreten nicht links!

  14. 22.

    Muss Sie mal wieder enttäuschen, ist nicht "meine" AfD. Ich wüsste aber ohnehin nicht, dass die ein Problem mit Homosexuell hat. Sie etwa?

  15. 21.

    Wie der VS definiert wissen wir alle. Siehe meinen vorherigen Beitrag. Aber nu mal Butter bei de Fische!

    Wie steht "ihre" AfD zu Homophobie und der Ausgrenzung von Menschen die nicht der Familienpolitik dieser "Partei" entsprechen?

    Und kommen sie mir nicht mit der Weidel. Kurzum, ich will wissen wie die Afd mit den zunehmenden Übergriffen umgeht.

  16. 20.

    Warum sollte man sich bei einem rechten Blogger wie Alexander Wendt "informieren"? Dann kann ich ja gleich versuchen mich über die politische Lage in D bei der Epoch Times zu (des-)informieren.

  17. 19.

    Der niederländische Homo-Aktivist Pim Fortuyn ist unvergessen. Er war seiner Zeit in Holland 10 Jahre voraus, d.h. er war der Entwicklung in Deutschland 30 Jahre voraus.

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