Jugendamt des Bezirks Berlin-Mitte Grüntaler Straße 21 (Quelle: rbb/Mara Nolte)
Bild: rbb/Mara Nolte

Schließzeiten beim Regionalen Sozialen Dienst - "Hier ist das Jugendamt, hinterlassen Sie eine Nachricht..."

In allen Berliner Bezirken sind Stellen im Sozialen Dienst der Jugendämter unbesetzt. Das zeigt eine Recherche von rbb|24. Der Personalmangel hat Folgen: Schließzeiten in den Jugendämtern, die eigentlich Notmaßnahmen sein sollten, werden berlinweit immer häufiger.  Von Bettina Rehmann

Sie helfen, wo es brennt: Wenn Familien mit Kindern es nach der Trennung nicht allein schaffen, wenn Eltern bei der Erziehung unterstützt werden müssen, wenn es im Sorgerechtsstreit vor das Familiengericht geht. Die Sozialarbeiter des Regionalen Sozialen Dienstes (RSD) in den Jugendämtern der Bezirke haben einen harten Job. Noch dazu sind viele Stellen nicht besetzt, und die Arbeit ist mäßig bezahlt.

Im April vergangenen Jahres hatten freie Träger, die mit den Jugendämtern zusammenarbeiten, Alarm geschlagen: Der Soziale Dienst könne seinem gesetzlichen Auftrag nicht nachkommen, hieß es damals, sogar der Kinderschutz sei in Gefahr. Den Grund dafür sahen die Träger im Personalmangel beim RSD. Zum damaligen Zeitpunkt waren 125 von 851 Stellen nicht besetzt, ein Anteil von 14,75 Prozent – heute sieht es ganz ähnlich aus, auch wenn es mittlerweile mehr Stellen sind: Im RSD sind derzeit 15 Prozent der Stellen vakant.

Das zeigen aktuelle Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, die dem rbb vorliegen. Von 886 Stellen sind demnach 133 unbesetzt. Die Zahlen wurden zum Stichtag 1.1.2018 erhoben. In keinem Berliner Bezirk sind alle vom Land finanzierten Planstellen besetzt. Vor allem der Personalmangel hat im vergangenen Jahr dazu geführt, dass viele Jugendämter in ihrem Regionalen Sozialen Dienst Schließzeiten einrichten mussten.

Schließzeiten in vielen Bezirken - aus ganz unterschiedlichen Gründen

In allen anderen Bezirken gibt es Schließzeiten – mal aus strukturellen, mal aus organisatorischen Gründen, teilt die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie mit. In Mitte gab es im vergangenen Jahr Schließzeiten von insgesamt bis zu einem Monat, wegen einer neuen Software und eines Umzugs. Eine neue Software war 2017 auch in Charlottenburg-Wilmersdorf und Reinickendorf Grund für vorübergehende Schließzeiten, in Lichtenberg fielen aus demselben Grund Sprechzeiten aus.

In Steglitz-Zehlendorf habe es zwar im letzten Jahr keine außerplanmäßigen Schließzeiten gegeben, davor aber "zwei tiefe Jahre" mit Schließzeiten wegen Personalmangels, teilt die Jugendamtsleiterin Doris Lehmann auf Anfrage mit. "Zur Erledigung von Bearbeitungsrückständen" und der Einführung eines neuen Fachverfahrens beim RSD musste das Jugendamt in Friedrichshain-Kreuzberg 2017 Schließzeiten einrichten.

Entspannung des Personalmangels "nicht in Sicht"

Monatlich für eine Woche musste der RSD im Bezirk Tempelhof-Schöneberg im vergangenen Jahr aussetzen – in allen drei Regionen des Sozialen Dienstes. Diese Schließzeit gilt auch jetzt im ersten Quartal 2018: "Aufgrund des sich über das gesamte Jahr erstreckenden Personalmangels in den Sozialen und Verwaltungs-Diensten des Jugendamtes und im Zusammenhang mit der Einführung einer neuen Fachsoftware schloss der Regionale Sozialdienst im Rahmen eines Notarbeitsprogrammes", lässt Bezirksstadtrat Oliver Schworck mitteilen. Bei den Schließzeiten im RSD blieb es hier nicht, auch die wirtschaftliche Jugendhilfe, Kita-Gutscheinstelle und der Bereich Unterhaltsvorschuss mussten "zur Aufarbeitung von Arbeitsrückständen" mehrfach die Sprechstunden aussetzen.

Knapp 26 Stellen von insgesamt 90 finanzierten Planstellen sind in Tempelhof-Schöneberg nicht besetzt – eine Quote von knapp 29 Prozent. Damit hält der Bezirk einen traurigen Rekord. Zum Vergleich: In Neukölln, wo es im vergangenen Jahr auch keine außerplanmäßigen Schließzeiten zu vermelden gab, sind 4,6 von 84,9 Stellen nicht besetzt (5,42 Prozent). Eine Entspannung der Lage in Tempelhof-Schöneberg erwartet Bezirksstadtrat Schworck nicht. Schlimmer noch: Bei den letzten Bewerbungsverfahren hätten sich stets weniger Kandidaten beworben, als Stellen ausgeschrieben waren.

Karte der Berliner Bezirke mit den besetzten und unbesetzten Stellen im RSD (Quelle: rbb/Caroline Winkler)
Bild: rbb/Caroline Winkler

Auch in Steglitz-Zehlendorf ist der Anteil der nicht-besetzten Stellen im RSD mit derzeit rund 18 Prozent vergleichsweise hoch. Doch Jugendamtsleiterin Lehmann ist optimistisch, die Tendenz sei positiv, man habe gerade fünf neue Mitarbeiter gewonnen, die müssten allerdings noch eingestellt werden.

In keinem Berliner Bezirk sind alle Planstellen besetzt, bei den meisten laufen derzeit Bewerbungsverfahren oder sind geplant. Spandau warnt zudem: "bei anhaltendem Personalmangel" seien Schließzeiten und eingeschränkte Sprechzeiten nicht auszuschließen.

Treptow-Köpenick: Fünf Wochen lang keine Sprechstunde

In Treptow-Köpenick kommt zu der ohnehin hohen Arbeitsbelastung seit geraumer Zeit auch noch Baulärm hinzu. Eine "heiße Phase" von Baumaßnahmen, laut Jugendamtsleiterin Iris Hölling mit "erheblicher Staub- und Lärmbelästigung verbunden", ist der Grund dafür, dass eine Schließzeit eingerichtet wurde. Bereits seit dem 12. Januar finden keine Sprechstunden statt.

Wer sich in einer Problemsituation an seine Fallbetreuerin oder seinen Fallbetreuer wenden möchte, erreicht derzeit nur den Anrufbeantworter oder bekommt auf E-Mails eine Auto-Antwort. "Was wir weiterhin gewährleisten, ist der Kinderschutz. Wir gehen jeder Meldung von Kindeswohlgefährdung nach und überprüfen sie", versichert Hölling. Zudem sei es den Mitarbeitern freigestellt, trotz der Schließzeit Termine mit Familien zu vereinbaren. Doch sie sagt auch, dass die Schließzeit von den Mitarbeitern als Entlastung empfunden werde. Endlich ist Zeit, Angestautes abzuarbeiten und neue Mitarbeiter einzuarbeiten.

Sendung: Inforadio, 21.02.2018, 12.00 Uhr

Beitrag von Bettina Rehmann, unter Mitarbeit von Friederike Steinberg (Recherche), Caroline Winkler (Grafik) und Götz Gringmuth-Dallmer (Daten)

Kommentar

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24 Kommentare

  1. 24.

    Na dann bitte besetzen:
    https://www.rbb24.de/wirtschaft/beitrag/2018/08/berlins-wirtschaft-ueberdurchschnittlich-gewachsen.html

  2. 23.

    Es geht in dieser Stadt um die Selbstdarstellung kleinkarierter Politclowns und raffgieriger Spekulanten- es geht hier nicht um die Bedürftigkeit von Kindern, Eltern und eine professionelle Wahrnehmung ihrer Belange. Müller und co. haben doch garkein Interesse an den Bürgern oder gar daran, die emotionale Bindungsfähigkeit von Kindern zu fördern. Bitte schafft diese profitgeilen Polit-Kriminellen ab, die keine Sorge mehr für die Stadt tragen!

  3. 22.

    Bei Krebs würde auch keiner ein Pflaster verordnen. Strukturelle Probleme lassen sich nicht durch hilfloses "Gegensteuern" lösen! Seit Jahren sind die Sozialpädagogischen Dienste nicht so ausgestattet, wie es Kinderschutz, Prävention, wirkliche Hilfen zur Erziehung, Eingliederungshilfen sowie Beratungen von Familien in schwierigen Lebenslagen - denn dies alles gehört zu den gesetzlichen Aufgaben - erfordern. Gesetzliche Standards können nicht eingehalten werden. Es gehen durch Zuständigkeitswechsel - durch Krankheit und Abwanderung - Informationen über Familiensituationen verloren. Zudem brennen neue Kolleginnen sehr schnell aus, weil sie mangelnden Einarbeitungen und rasch steigenden Arbeitsbelastungen nicht gewachsen sind. Alle Versuche, die Situationen INTERN zu verändern, haben nicht gefruchtet. Es muss eine Fallzahlbegrenzung für die RSD gesetzlich festgeschrieben werden. POLITIK muss dafür sorgen, dass die RSD gesetzliche Anforderungen erfüllen können. Kinderschu

  4. 21.

    Es ist nicht sehr schön,aber in dieser Stadt ist alles nur noch Stückwerk.
    Hier läuft alles nur noch aus dem Ruder.
    Das ist mit Sicherheit der schlechteste Senat den wir je hatten.

  5. 20.

    Gutes Beispiel was Sie hier anführen. Gerade in einer solch großen Stadt wie Berlin dürfte es eigentlich so etwas nicht geben. Sollte doch alles besser strukturiert sein.Besonders in den Jugendämtern.Sieht wohl leider nicht so aus.Und dann wird immer wieder von verarmten Kindern gefaselt. Ich denke mal, das ist nur die Spitze des Eisberges. Als ich bitterarm aufwuchs hat sich das Jugendamt sich darüber einen Dreck gekümmert. Todkrank kam meine Mutter ins Krankenhaus und plötzlich war ich alleine zuhause.Wieder kein Jugendamt weit u.breit. Erst als eine 71 Jahre alte Nachbarin mich aufnahm,da kamen sie an, wollten wissen ob sie nicht überfordert sei mit mir. Diese Alte Frau hatte mehr Zivilcourage als damals das Jugendamt. Manchmal, wenn ich über all die Misstände, die das Jugendamt hier verbockt lese,frage ich mich ob die Zeit stehengeblieben ist.Wir immer noch die 50 er Jahre haben.

  6. 19.

    schreiben sie doch mal, was in dieser gefallenen stadt noch funktioniert.

  7. 18.

    Der Pflegekräftemarkt lockt immer mehr jetzt dubiose Arbeitgeber an, um ahnungslose abzuzocken. Habe neulich eine Arbeitsanzeige gesehen, wo zuerst steht: Pflegekräfte gesucht und gleichzeitig ein Pflegekräftekursus angeboten wird. Habe spaßeshalber mal eine Mail abgeschickt und nachgefragt ob der Kursus umsonst ist. Keine Antwort erhalten.Seriöse Arbeitgeber hätten mir eine ehrliche Antwort übermittelt. Nada ( Firma darf ich leider hier nicht benennen ).

  8. 17.

    Heike Petro, - um was geht es denn hier? Das ist wohl am Thema vorbei. Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Auch wenn Sie rechthaben, - darum geht HIER nicht.
    Was das Thema Jugendamt betrifft, kann ich mich erinnern, dass diese Behörde bereits in der 1960er Jahren bereits weitgehend überfordert war. Da wurden Kinder kurzerhand in irgendwelche Heime verschoben - und das Amt war zufrieden, das Problem gelöst zu haben - und so oder ähnlich wird es wieder kommen!, - da hat das ganze nur einen anderen Namen.

  9. 16.

    Zumal es auch keine Fachaufsicht gibt. Über die Beschwerde entscheidet derjenige über den die Beschwerde ist.

    Zustände wie in Drittweltländern ist die Folge. In Spandau hat sich ein Mann vor den Augen der Sachbearbeiterin erschossen weil er aufgrund der Schlampereien, bzw. systematischen Nichteinschreitens aufgrund von selbstverschuldeter Überarbeitung sein Kind nicht sehen durfte. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs.

    Ich möchte nicht wissen wieviele Opfer, Kinder und hauptsächlich Väter, dieses bewußte System der Schlamperei und Rechtsbeugung zu verantworten hat.

    Nach dem Tod des Mannes war man geschockt und ist danach so schnell wie möglich wieder zur Tages(un)ordnung übergegangen. Bis heute hat sich nichts an der Schlamperei und Rechtsbeugung geändert.

    https://www.bz-berlin.de/artikel-archiv/familienvater-erschiet-sich-im-jugendamt-in-spandau

  10. 15.

    Dafür gibt die Spandauer cDU das Geld lieber für äußerst zweifelhafte PR "Gags" aus statt das wenige Geld und Personal dort einzusetzen wo es dringend notwendig wäre. Fragen sie mal Hr. Hanke.

    Noch ist nicht ganz klar was die Provinzposse gekostet hat. Danke cDU!

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/01/die-zitadelle-in-berlin-spandau-heisst-jetzt-wieder-zitadelle-spandau.html

  11. 14.

    Eine Dienstaufsichtsbeschwerde bringt gar nichts, im Gegenteil: sie macht dem Kollegen / der Kollegin nur noch mehr Arbeit und diese Zeit könnte gut für wichtigere Dinge genutzt werden.

  12. 13.

    Rot-rot-grün hat viel versprochen. Hilfe für den RSD steht sogar im Koalitionsvertrag. Und? Keine Verbesserungen erkennbar, eher noch Verschlechterungen. Der FinNzsenator blockiert gezielt die monetäre Besserstellung für den unterbezahlten Dienst. Danke SPD

  13. 12.

    Hallo Bos, Sie meinen den verlinkten Text? Darin ist zu lesen: "Als Uta von Pirani sich im Bezirksamt als Direktorin des Jugendamtes verabschiedet, weil sie in den Ruhestand geht, redet sie Klartext über ihre Amtsjahre. Ihre Überschriften für die letzten Jahrzehnte lauten: "Mittelkürzungen an allen Ecken und Enden" und "Personalabbau ohne Zukunftsplanung."

  14. 11.

    Frau von Pirani ist seit dem letzten Jahr in Pension und somit nicht mehr Jugendamtsdirektorin in Charlottenburg-Wilmersdorf. Bitte besser recherchieren, ansonsten könnte man den Rest auch in Frage stellen.

  15. 10.

    Derzeit gibt es in der Pflege deutschlandweit nahezu 10.000 vakante Stellen. Das Problem: Die Pflegedienste finden keine Leute die ausgebildet und/oder arbeitswillig sind.

    Ähnliche Probleme hat der gesamte öffentliche Dienst und auch die Privatwirtschaft. Qualifizierte Bewerber fehlen an alle Ecken und Enden.

  16. 7.

    Die haben sich deutlich professionalisiert, müssen in Berlin und Brandenburg aber bis zu 120 Familien betreuen. Ich habe auch mal in einem Extremfall etwas von 200 gehört. Das kann gar nicht gut gehen. In Bayern 30-40 Fälle pro Mitarbeiter.

  17. 6.

    Die Folgen verfehlter Sozialpolitik werden in nichtöffentlichen Sitzungen vor dem Amtsgericht Berlin verhandelt. Wer meint, dass noch nichts Schlimmes passiert ist, befindet sich in einem unvorstellbaren Irrtum, denn die bei den Opfern angerichteten Schäden wirken teilweise lebenslang nach und der Zustand der Verurteilten reflektiert im Wesentlichen die Lebensumstände.

  18. 5.

    Ob im Berliner Senat oder in den Bezirken,überall sitzen Schlafmützrn und Ignoranten.Es ist einfach Beschämend.MfG

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