Leere Warteplätze in fast menschenleerem Flur im Bezirksamt-Mitte in Berlin (Quelle: dpa/Franziska Gabbert)
Bild: dpa/Franziska Gabbert

Personalmangel in Berlins Jugendämtern - Warum es so schwer ist, Stellen im Sozialen Dienst zu besetzen

Im Sozialen Dienst der Berliner Jugendämter sind in keinem Bezirk die finanzierten Planstellen besetzt. Und neues Personal ist schwer zu kriegen. Die Gründe sind vielfältig - und Lösungsansätze deuten auf Fehler im System. Von Bettina Rehmann

Im Regionalen Sozialen Dienst der Jugendämter in den Bezirken sind 15 Prozent der Stellen unbesetzt. Das zeigen aktuelle Zahlen der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, die dem rbb vorliegen. Demnach sind 133 von rund 886 finanzierten Stellen vakant. Die Zahlen wurden zum Stichtag 1.1.2018 erhoben.

In keinem Berliner Bezirk sind alle vom Land finanzierten Planstellen besetzt. Vor allem der Personalmangel hat im vergangenen Jahr dazu geführt, dass viele Jugendämter in ihrem Regionalen Sozialen Dienst Schließzeiten einrichten mussten.

In Tempelhof-Schöneberg ist die Situation etwa besonders gravierend: 2017 mussten die Sprechstunden des Sozialen Dienstes aller drei Regionen jeweils eine Woche pro Monat ausfallen. Diese Schließzeit gilt auch im ersten Quartal 2018 weiter. Bezirksstadtrat Oliver Schworck sieht den anhaltenden Personalmangel und im vergangenen Jahr auch die Einführung einer neuen Software als Grund an. Eine Lösung des Problems sei nicht in Sicht, bei den letzten Bewerbungsverfahren hätten sich stets weniger Kandidaten beworben als Stellen ausgeschrieben waren.

Karte der Berliner Bezirke mit den besetzten und unbesetzten Stellen im RSD (Quelle: rbb/Caroline Winkler)

Hohe Fluktuation der Sozialarbeiter

Die Besetzungsquote im Sozialen Dienst leidet regelmäßig unter hoher Fluktuation. Mitarbeiter wechseln in andere Bezirke, andere Bundesländer, gehen in Ruhestand oder in Elternzeit.

Am Beispiel Treptow-Köpenick lässt sich das gut nachvollziehen. Zum Stichtag 1. Februar sind von 50 Stellen sechs nicht besetzt. Dabei habe es im vergangenen Jahr zwölf Neueinstellungen im RSD gegeben, teilt Bezirksbürgermeister Oliver Igel mit. Gleichzeitig hätten aber sechs Personen den RSD verlassen. Und "da nicht alle neu Eingestellten in Vollzeit arbeiten, sind weitere Einstellungen erforderlich."

Auch 2018 hat es bereits sechs Neueinstellungen gegeben. Dass auch das nicht reicht, ist abzusehen: "Drei RSD Mitarbeiter/innen werden in den nächsten drei Monaten in andere Bereiche unseres Jugendamtes (2) bzw. in einen anderen Bezirk (1) wechseln. Auch diese Stellen müssen nachbesetzt werden, sind jedoch derzeit noch nicht vakant. Eine Mitarbeiterin befindet sich derzeit im Mutterschutz."

Für das Jugendamt des Bezirks läuft eine Dauerausschreibung. Leiterin Iris Hölling muss eingestehen: "Ich bin seit einem Jahr und neun Monaten hier und wir haben bestimmt schon zehn Verfahren im RSD gemacht und es immer noch nicht geschafft, all unsere Stellen zu besetzen." Hölling führt das zum einen darauf zurück, dass die Arbeit im RSD eine "tolle, abwechslungsreiche, aber verantwortungsvolle" Arbeit sei, man müsse sie "machen wollen". Aber das ist nicht der einzige Grund, auch die schlechte Bezahlung schreckt Mitarbeiter offenbar ab. In Treptow-Köpenick schöpfe man alle Möglichkeiten aus, die der Tarifvertrag biete, aber das reiche nicht.

Sozialer Dienst in Berlin deutlich schlechter bezahlt

"Manche Leute kommen gar nicht erst zum Bewerbungsgespräch und sagen ab, die nächsten sagen zu und sagen dann einen Tag, bevor sie anfangen sollen, sie hätten nun etwas anderes gefunden", erzählt Hölling. Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke Pflichtet bei: "Es wird schwieriger, Leute zu finden. Zu den Konditionen finden wir nur Berufsanfänger", so Liecke, und die müssten erst angelernt werden und selbst das sei zum Teil umsonst, weil einige Sozialarbeiter danach wieder absprängen.

Die Einstufung in eine höhere Entgeltgruppe wäre gut, meint er, wie in Hamburg. Dort gelte im Sozialen Dienst die Entgeltgruppe 10 des TV-L, nicht wie hier die Entgeltgruppe 9, erklärt Iris Hölling. "Da sind wir uns als Jugendamtsleitungen einig, mit der Forderung sind wir bei der Finanzverwaltung aber bisher nicht durchgekommen." Auch in Brandenburg seien die Sozialarbeiter bei den Jugendämtern besser bezahlt als in Berlin. Hier mache das Nachbarland dem Land Berlin Konkurrenz.

Ausführungsvorschrift zum RSD zwischen Land und Bezirken nicht umgesetzt

Es gäbe neben besserer Bezahlung eine weitere Option, die Personalsituation im RSD zu verbessern: Man könnte die Fallzahlrelation auf Landesebene festschreiben, so müsste den Bezirken die entsprechende Anzahl an Stellen auch zugeordnet werden.

Jugendamtsleiterin Hölling sieht etwa eine Fallzahl von 1:65 – also ein Sozialarbeiter auf 65 Fälle, die von Familienberatung bis zur Begleitung familiengerichtlicher Verfahren reichen – als geeignet an. Auch aus Sicht der Senatsverwaltung sei diese Relation sinnvoll, sagt Iris Brennberger, Pressesprecherin für den Bereich Jugend und Familie. Doch politisch festgelegt ist das noch nicht: "Eine entsprechende Ausführungsvorschrift liegt bereits im Entwurf vor und wird von uns mit der Finanzverwaltung abgestimmt", so Brennberger. Das sei "ein komplizierter Aushandlungsprozess zwischen Senat, Bezirken und Finanzverwaltung", sagt Hölling.

Schon die Grundgesamtheit von 50 Stellen für den RSD in Treptow-Köpenick sei zu wenig, beklagt die Jugendamtsleiterin. In dem Zusammenhang verweist die Familienverwaltung darauf, dass die Anzahl der Stellen pro Bezirk variiere, zuletzt seien über die AG Ressourcensteuerung, die aus Vertretern der Finanzverwaltung und den Bezirken besteht, 78 zusätzliche Stellen für die Jugendämter bereit gestellt worden. Es sei aber immer auch die Frage, betont Brennberger, ob alle Stellen im RSD besetzt sind.

Zusammengefasst heißt das also: Die Zahl der RSD-Stellen reicht nicht, zudem sind in keinem Bezirk die Planstellen alle besetzt. Die Jugendämter finden nicht genug Personal, auch und vor allem wegen schlechter Bezahlung. An der Festschreibung einer konkreten Fallzahlrelation, die auch Bezirken wie Treptow-Köpenick mehr Planstellen bescheren könnte, scheitert es, ebenso wie an dem politischen Willen einer besseren Bezahlung. Möglicherweise hakt es im System.

Beitrag von Bettina Rehmann, unter Mitarbeit von Friederike Steinberg (Recherche), Caroline Winkler (Grafik) und Götz Gringmuth-Dallmer (Daten)

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

7 Kommentare

  1. 7.

    TV-L Entgeltgruppe 9????? Und dann wundern weil keiner kommt? Bin ich der Einzige dem da was komisch vorkommt?
    Naja, schmeißt mal lieber an anderer Stelle das Geld zum Fenster raus anstatt richtige Gehälter zu zahlen......

  2. 5.

    65 Fälle pro Sozialarbeiter im RSD sind vielleicht angedacht?! Kein Wunder dass die Abstimmung darauf schwierig ist, würde dafür schlicht das Personal fehlen.
    Unsere Sozialarbeiterin in Pankow betreut über 120 Fälle!!! Wie soll da eine sorgfältige Arbeit und Aufsicht der Familien möglich sein?
    In Pankow gibt es für den RSD sogar ein Ausgehverbot. Der RSD darf wegen Personalmangel keine Hausbesuche mehr machen! Wie soll so die häusliche Situation von den Kindern bewertet werden?

  3. 4.

    Könntet Ihr die Grafik vielleicht so einstellen, dass sie vollständig angezeigt wird? Bei mir fehlen oben und unten die Kreise.... Danke.

  4. 3.

    Leider entspricht das nicht alles der Wahrheit. Alle Berliner Bezirksämter schreiben zwar aus stellen aber nur in Vollzeit ein. Wer Teilzeit ( ab 20 h) sucht ist leider nese. Die Arroganz im Einstellungsverfahren ist Ekelhaft. Es werden unglaubliche Anforderungen gestellt aber die Bezahlung ist auch für Berufserfahrene nur E9 Stufe 1. Lieber RBB die Ämter lügen Euch was vor, besonders die Ostbezirke stellen nur in Vollzeit ein. Außerdem sind die Einstellungsverfahren so kompliziert und langwierig....

  5. 2.

    Wenn die soziale Schieflage,Lodderladen und Lodderleben
    davon laufen
    ist freilich mit Personal,das
    ja auch nur an den Symptomen herum doktern kann
    nicht hinterher zu kommen.
    Und System-Fehler ist gemessen an der Wirklich zwar putzig formuliert,
    geht aber in die richtige Richtung.

  6. 1.

    Solange alle Stellen (sachgrundlos...) befristet sind, ein Studium mit Abschluss verlangt wird und bezahlt wird wie beim Friseur muss man sich nicht wundern, dass keiner kommt...

Das könnte Sie auch interessieren