Der Berliner Stadtführer Matthias Rau (Quelle: rbb/Sebastian Schneider)
Video: rbb|24 | 05.02.2018 | Sebastian Schneider | Bild: rbb/Sebastian Schneider

Zirkeltag | Zeitzeuge Matthias Rau - "Die Mauer hat mir Perspektiven genommen - und neue gegeben"

In der DDR durfte er nicht studieren, die deutsch-deutsche Grenze trennte ihn von seinem Kind: Die Mauer hat Matthias Rau immer wieder ausgebremst und beschnitten. Der Mauerfall vor 28 Jahren bedeutet ihm heute noch viel. Von Friederike Steinberg

"Als er das erste Mal vor mir stand, wusste ich sofort: Das ist mein Sohn", sagt Matthias Rau. "Das ist unglaublich, wie ähnlich der mir ist: trotz Mauer." In einem Café am Pariser Platz legt er ein altes Schwarzweiß-Foto neben seine Cappuccino-Tasse: Auf dem Bild ist er selbst zu sehen, 1977, als junger Mann, mit Hippie-Frisur, Vollbart und Ethno-Kette. Auf seinem Schoß sitzt sein damals zwei Jahre alter Junge. "Das war das Bild, das ich von ihm all die Jahre im Kopf hatte", blickt der 65-Jährige zurück.

Rau führt Touristen durch das vereinte Berlin

Über viele Jahre kann Rau sein Kind nicht treffen. Er lebt bis zum Mauerfall in der DDR, die Kindsmutter aber reist in den Westen aus - und damit verschwindet auch das Kind hinter dem Eisernen Vorhang. Erst nach dem Mauerfall sehen sich Vater und Sohn wieder.

"Die Mauer hat mir Perspektiven genommen", stellt Rau fest. Doch dann lacht er und sagt: "Aber sie hat mir auch, dadurch dass sie nicht mehr da ist, unglaubliche neue Perspektiven eröffnet. Und die finde ich, bis auf den heutigen Tag, ganz großartig."

Mit der Mauer und dem, was davon übrig geblieben ist, kann er jetzt seit fast drei Jahrzehnten seinen Lebensunterhalt bestreiten. Seit 1990 ist Rau Stadtführer in Berlin. Und Mauertouren sind beliebt bei den Touristen - ob zu Fuß oder mit dem Rad.

Matthias Rau mit seinem Sohn, fotografiert in den 70er Jahren (Quelle: rbb/Maria Kindling)Matthias Rau mit seinem Sohn 1977

"Toll da jetzt lang zu fahren, wo die Mauer war"

Auch heute zeigt Rau, wo die Vorderlandmauer stand, also die Mauer zum Westen hin. Auf der Straße nieselt es, Wind bringt Raus graue Haare ins Flattern - er scheint es gar nicht zu merken. In gefütterter Jacke und warmen Cordhosen stapft er durchs Brandenburger Tor und über den Platz des 18. März, deutet dort auf die im Boden eingelassene Linie und das Schild mit der Aufschrift "Berliner Mauerweg". "Einfach toll da jetzt lang zu fahren, wo die Mauer war", schwärmt er. "Wunderbar!" Und durchs Brandenburger Tor zu gehen, sei für ihn ohnehin, auch nach 28 Jahren, noch eine Freude. "18 Jahre hab ich mir immer gewünscht, auch hier mal durchzugehen."

Denn nach Berlin kommt Rau 18 Jahre vor dem Mauerfall, im Jahr 1971. Eigentlich will er in der DDR Medizin studieren. Doch er stammt aus einer kirchlichen Familie - sein Vater ist Diakon auf dem Waldhof Templin - und Matthias tritt auch keiner DDR-Jugendorganisationen bei. Als "nicht gefestigte sozialistische Persönlichkeit" bekommt er keinen Studienplatz.

Ausbildung an der Charité unmittelbar an der Mauer

Daher versucht er, über eine Ausbildung zum Krankenpfleger den Fuß in die Tür kriegen. Er kommt an die Berliner Charité - und damit zum ersten Mal direkt an die Berliner Mauer.

Doch seine Hoffnung auf ein Medizinstudium zerschlägt sich. Nach zwei Jahren Charité heißt  es: "Jetzt sind Sie Krankenpfleger, die brauchen wir dringend." Eine Sackgasse. Aber das ist so eine Art Leitmotiv in Raus Leben: Wo immer ihm die Mauer den Weg verbaut, er bahnt sich einen neuen.

Sechs Semester Theologie folgen - mit der Erkenntnis, nicht religiös zu sein. Rau schmeißt das Studium - und startet ("sehr zum Leidwesen meiner Eltern") als Aktmodell. Ganz offiziell, als "Werktätiger mit Lohnnachweis für unständig Beschäftigte", posiert er nackt in Abendkursen oder an Hochschulen. Hier trifft er auf Kreative, Querdenker, Regimekritiker, wie beispielsweise die Grafikerin und Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. "Das war für mich natürlich auch spannend, in dieses Künstlermilieu reinzukommen", sagt Rau und seine Augen leuchten. Illegale Ausstellungen, heimlich Konzerte im Prenzlauer Berg, Biermann und sehr viel Gitarrenspiel. "Wir haben versucht, uns so weit wie es möglich ist, dem Alltag der DDR zu entziehen. Uns vom Alltag der DDR nicht klein kriegen zu lassen."

"Ich habe auf meine Rechte als Vater verzichtet"

1975 wird Rau Vater eines Sohnes. Die Beziehung zur Mutter geht bald in die Brüche. "Aus verschiedenen Gründen. Aber ein Grund war auch, dass sie unbedingt ausreisen wollte", blickt Rau zurück. Nicht jeder kann das System hinter der Mauer so nehmen wie er. "Sie wollte nicht, dass unser Sohn ins sozialistische Bildungssystem geht. Das konnte ich sehr gut verstehen." Denn auch er habe unter diesem System gelitten.

Daher willigt er ein, dass Mutter und Kind die DDR verlassen können. "Ich habe auf meine Rechte als Vater verzichtet - das war die Voraussetzung dafür, dass sie in den Westen ausreisen durfte." Eine schwierige Entscheidung.

Von 1977 trennt die Berliner Mauer Vater und Sohn. Allerdings, sagt Rau, habe er immer gewusst, wo sein Kind wohnt, weil er Unterhalt zahlte. Während das Grenzregime Eltern und Kinder auseinanderdividiert, kann es in puncto Geld plötzlich doch durchlässig sein: Das Westberliner Jugendamt hat Raus Einkommensverhältnisse immer im Blick. Das Geld zahlt er über ein Devisenkonto bei der Staatsbank der DDR.

Matthias Rau bei seiner Arbeit als Ausstellungstechniker in der Akademie der Künste (Quelle: rbb/Maria Kindling)Matthias Rau bei seiner Arbeit als Ausstellungstechniker in der Akademie der Künste

Fluchtpläne schmieden als Sport

Rau hat inzwischen auch geregelte Einkünfte: Über seine Kontakte in die Kunstszene ist er bei der Akademie der Künste reingerutscht, als Ausstellungstechniker. Sein neuer Arbeitsort: Pariser Platz 4, wo noch einige Ateliers der Preußischen Akademie der Künste stehen geblieben sind - unmittelbar an der Mauer. Verrückt, meint Rau heute. Vielleicht sei das mit der Mauer so eine Art Bestimmung.

Aus den oberen Stockwerken der Akademie können die Mitarbeiter rüber in den Westen schauen - das regt Fluchtfantasien an. "Wir haben uns oft darüber unterhalten und Fluchtpläne ausgedacht", erinnert sich Rau. "Aber das war mehr ein Sport." Denn von der Akademie aus sind auch der Todesstreifen, die Wachtürme und die Patrouillen bestens zu sehen. Eine Flucht, ist sich Rau noch heute sicher, wäre viel zu gefährlich gewesen.

Rau besitzt auch noch ein Foto von den Grenzanlagen aus dem Jahr 1988 - eine Rarität. Denn das Fotografieren von DDR-Seite ist untersagt. "Wenn sie uns dabei erwischt hätten, hätten sie uns die Hände abgehackt. Das war strengstens verboten und galt als Spionage."

Mauerstreifen 1988, fotografiert von Matthias Rau 1988 (Quelle: Maria Kindling/rbb)Mauerstreifen fotografiert von Matthias Rau aus der Akademie der Künste

Froh darüber, geblieben zu sein

Wenn er da rüber gewollt hätte, sagt Rau und zeigt Richtung Tiergarten, hätte er einen Ausreiseantrag gestellt. Aber er will nicht: "Ich hätte meine Familie - Eltern, Geschwister -hinter mir lassen müssen." Dazu die Freunde im Prenzlauer Berg. Und, nicht zu vergessen, seine uckermärkische Heimat: "Die hätte ich im Westen sehr vermisst. Und irgendein Baggersee in Nordrhein-Westfalen wär für mich kein Ersatz gewesen." Er habe auch nicht gewusst, ob er "im Westen auf die Beine falle", sagt Rau. Aber der wichtigste Grund für ihn zu bleiben: "Ich wollte was verändern in der DDR."

Im Nachhinein sei er "sehr, sehr froh", geblieben zu sein. "Sonst hätte ich das Jahr '89 nur aus der Ferne miterlebt - und das wäre sehr schade." Die Demos, die Solidarität, die ganze Stimmung. "Eine Spannung, die nicht auszuhalten war. Da musste was passieren." Bis hin zu jener Pressekonferenz am 9. November, sagt Rau und grinst, die "mit dem Missgeschick".

Und der Westen habe ja auch so seine Schattenseiten - da habe er sich von Anfang an keine Illusionen gemacht. "Ich hab gewusst, wie der Westen tickt“, sagt Rau. Dass er nicht ganz falsch lag, habe sich schon bei seinem ersten Besuch in Westberlin am 9. November 1989 gezeigt: Da sei er, auf der Suche nach einem Kreuzberger Club, in die Görlitzer Straße geraten, und dort in eine stadtbekannte, besonders abgeratzte Unterführung. Rau lacht: "Da war ich instinktiv nicht im Goldenen Westen gelandet, sondern in der 'Pissröhre'!"

Den Sohn hat er zurück, plus Enkeln und Schwiegertochter

Auch heute laufe in Berlin nicht alles rund. Die Stadt leide - und da kommt bei ihm der Stadtführer durch - zum Beispiel immer mehr unter einem Ballermann- und Drogen-Tourismus. Die Club- und Kulturszene werde verdrängt. Die Lage heute in Deutschland sei allgemein schwierig, der Konflikt zwischen Nord und Süd.

Trotz allem zieht Rau für die letzten 28 Jahre die Bilanz: "Supertoll!" Sein Hobby aus Studientagen, die Geschichte Berlins zu erforschen, hat er inzwischen zu seinem Beruf machen können. Zu DDR-Zeiten hatte er nur sporadisch den Guide geben können, illegal, nur für ganz kleine Gruppen.

Und auch seinen Sohn hat Rau wieder - plus Schwiegertochter und zwei Enkel. Beide leben mittlerweile in Lichtenberg, treffen sich oft. "Ich habe ihm 1989 zunächst einen Brief geschrieben, dass wir uns treffen können", erzählt Rau. "Zunächst wollte er nicht so - und dann stand er irgendwann vor der Tür."

Bilder aus 28 Jahren Berliner Mauer

Beitrag von Friederike Steinberg

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