Luftaufnahme vom geplanten Bebauungsgebiet Blankenburg Süd, im Hintergrund der Fernsehturm. (Quelle: Senatsbauverwaltung/Dirk Laubner)
Audio: Inforadio | 27.03.2018 | Thorsten Gabriel | Bild: dpa/Senatsbauverwaltung/Dirk Laubner

Netz-Proteste gegen Blankenburger Süden - "Hier wird bezahlbarer Wohnraum vernichtet"

Erst waren in Blankenburg bis zu 6.000 neue Wohnungen geplant, nun könnten es bis zu 10.000 werden. Anwohner und Betroffene sind entsetzt. In einem Internet-Forum demontieren sie das Kommunikationsverhalten des Senats - samt Beteiligungsverfahren. Von Thorsten Gabriel

10.000 statt 6.000 Wohnungen - diesen 3. März wird Ines Landgraf nicht so schnell vergessen. "Bis 72 Stunden vorher ist davon nie eine Rede gewesen. Es ist nicht kommuniziert worden. Umso größer war der Schock", sagt die Vorsitzende der "Anlage Blankenburg", einem 84 Hektar großen Naherholungsareal mit fast 1.400 Grundstücken und rund 4.000 Bewohnern: Kleingärtner und Erholungssuchende, Sommer- und Winterbewohner, Eigentümer und Erbbauberechtigte. "Und da reden wir nicht nur über 72 Jahre alte Ehepärchen, sondern über junge, mitteljunge Menschen, die auch dort wohnen und sich erholen", sagt Landgraf.

Naherholungsgebiet wird plötzlich mit verplant

Auch wenn das Durchschnittsalter laut amtlicher Statistik dort durchaus höher ist als andernorts: Bis zu jenem 3. März hatten sie nach allem, was der Senat bis dahin verbreitet hatte, den Eindruck, dass ihr Gelände dem künftigen neuen Stadtquartier gegenüberliegen soll. Doch nun gehört das Areal plötzlich zur Planung dazu. Was bedeutet: Pachtverträge könnten gekündigt, Eigentümer enteignet werden. Das alles zwar kaum vor dem Jahr 2030, doch die Kommentare im eigens eingerichteten Online-Forum zeigen, dass die Menschen alarmiert sind:

"2030, also in zwölf Jahren, werde ich 93 Jahre jung sein, dann bekomme ich ein Ersatzgrundstück und darf neu bauen. Darauf freu ich mich jetzt schon."

Anwohner machen dem Senat schwere Vorwürfe

Wer die mehr als 500 Meinungsäußerungen liest, merkt - die Blankenburger fühlen sich ungerecht behandelt. In der Innenstadt würden angestammte Kreuzberger mit viel Geld vor Verdrängung geschützt, heißt es, hier sollen langjährige Blankenburger ihr angestammtes Milieu für Ein- und Mehrfamilienhäuser räumen. Dazu passend dieser Online-Kommentar:

"Der Senat spricht davon, vor allem bezahlbaren Wohnraum schaffen zu wollen. Genau diesen Wohnraum gibt es hier, und er soll vernichtet werden."

Eine Siedlung wehrt sich

Alternativen werden als Hohn empfunden

Da hilft auch wenig, dass der Senat drei Alternativen vorgestellt hat, wie das Areal in den nächsten Jahrzehnten entwickelt werden könnte. "Hier von 'Alternativen' zu sprechen, ist unverschämt. Das ist das gleiche, als würde ich jemanden fragen 'Soll ich Dir zuerst das linke oder zuerst das rechte Auge blau schlagen?'"

Dabei hatte sich der Beteiligungsprozess im vergangenen Jahr noch gut angelassen. Die Art der Bürgerbeteiligung hatte man im Senat als Vorzeigeprojekt deklariert. Auch Ines Landgraf bescheinigt: "Das war schon in unseren Augen ein guter Prozess zur Bürgerbeteiligung, der dort lief." Bis eben zu jenem Samstag.

Bausenatorin räumt "Kommunikationsfehler" ein

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) zeigt sich einsichtig. Es habe einen "Kommunikationsfehler" gegeben, sagt die Linken-Politikerin. Es sei nicht deutlich geworden, dass noch nichts entschieden sei. "Was bei der Auftaktveranstaltung an zusätzlichen Erfahrungen wieder neu gesammelt wurde, ist, dass man auch die Langfristigkeit und die Offenheit solcher Prozesse noch viel klarer kommunizieren muss."

Für die Anwohner aber bleibt das eigentliche Kommunikationsproblem die urplötzliche Verdopplung der Wohnungsbauzahlen und die damit in die Planung gerutschte Naherholungsanlage. "Wir fühlen uns da hochgradig in unserem Vertrauen missbraucht. Und so schnell wird es nicht leicht sein für den Senat dieses verloren gegangene Vertrauen wieder aufzubauen", sagt die Vorsitzendes Naherholungsareals, Landgraf.

Ein "Friedensgespräch" mit der Senatorin habe es zwar schon gegeben. Doch der Verdacht, dass die Bürgerbeteiligung am Ende doch nicht so ernst gemeint sein könnte, ist erstmal weiter in der Welt.

Entwicklungsanlternativen in Blankenburg (Grafik: rbb/Quelle:Berliner Senat)
Entwicklungsanlternativen in Blankenburg (Grafik: rbb/Quelle:Berliner Senat)
Entwicklungsanlternativen in Blankenburg (Grafik: rbb/Quelle:Berliner Senat)

Beitrag von Thorsten Gabriel

Kommentar

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27 Kommentare

  1. 27.

    Ich würde schon so ein kleines Häusschen nehmen, ist doch schön da.
    Ok, man kommt dann zur Verkehrszeit nicht mehr weg, aber schön ist es trotzdem, da will man dann vielleicht auch nicht mehr weg.
    Und die die da jetzt wohnen, können sich doch auch um Wohnungen bewerben und teuer einmieten, dann haben alle was davon...Dann müssen die auch gar nicht weg, und könnten von früher erzählen.
    Bei geplanten 10.000 Wohnungen ist bestimmt für jeden was dabei...

  2. 26.

    Dieser Kommentar ist nicht nur beleidigend, sondern auch den Menschen gegenüber die eventuell ihr Zuhause und viel mehr verlieren, eine Ohrfeige ins Gesicht. Denken Sie mal darüber nach!

  3. 25.

    Demokratie und Sozialstaat ade???
    Der Glaube an die Menschlichkeit verschwindet leider nach und nach.
    Zunehmend erleben wir Feigheit und Verlogenheit, wie es derzeit erneut bewiesen wurde.
    Der "Blankenburger Süden" soll zerstört und neu aufgebaut werden. Das ähnelt für mich einem Krieg. Den Menschen werden ihre Vergangenheiten und Zukünfte genommen, sie verlieren ihre Heimat und Existenzen. Kein Mensch, der all dies erlebt, geht unbeschadet aus dieser Situation heraus.
    Das geschieht denen, die hier seit Jahren oder Generationen leben und mit viel Liebe, Kraft und finanziellen Mitteln ihre Häuser und Gärten aufgebaut haben. Wir erwarten den Respekt uns gegenüber und den Erhalt unseres Eigentums und unserer Gesundheit!

  4. 24.

    Das ist - ehrlich gesagt - ein sehr unsachlicher Beitrag, der umfassende Unkenntnis zeigt. Schade. So trägt man nicht zur Lösungsfindung bei - im Gegenteil.
    Es gibt eine Vielzahl von "bebaubaren" Flächen in der Stadt (einige wurden hier in den Kommentaren genannt) die vorrangig genutzt werden könnten, wenn man wollte. Auch Freiflächen im Norden gehören dazu. Und man muss die Verkehrsanbindung nicht nur als "Blankenburger" Problem, sondern als (Nord-) Berliner Problem ansehen. 3 oder 4 Tram-Stationen mögen sinnvoll sein, lösen aber das Problem nicht. Die irgendwo geplante (?) S-Bahn Querverbindung, Verbesserung der Zugfolge , sinnvolle P+R-Parkplätze - all das vermisse ich.

  5. 23.

    Die Anlagen Familiengärten und Blankenburg sind historisch gewachsen und bilden eine grüne Oase zwischen Heinersdorf und Blankenburg. Sie werden zur Erholung und zum wohnen genutzt. Eigentum, Erbpacht und Pacht liegen direkt nebeneinander. Dass es keine Kleingartenanlage ist hat ein Gericht bestätigt. Wenn die Pläne des Senats so umgesetzt werden, haben wir auf einen Schlag viele zusätzliche Wohnungssuchende. Zu einem großen Teil auch ältere Mitbürger, denen ihr Lebenswerk genommen wird und die nicht mehr die Kraft haben, woanders bei Null neu anzufangen. Das ist assozial! Es ist nicht zu vermitteln, warum erst Wohnraum vernichtet wird, um dann wieder neuen zu schaffen. Dabei gibt es viel geeignetere Alternativen.

  6. 22.

    Einfach nur eine Horrorvision, die verharmlosend " Blankenburger Süden" genannt?
    Warum sollten hunderte Eigenheimen enteignet und mit der offenbar nicht schützenswerten Flora und Fauna plattgemacht werden, damit ein "NEUES GHETTO" zwischen die Ortsteile gequetscht werden kann. Wer will da leben?

  7. 21.

    Warum muss Wohnraum zerstört werden, um neuen Wohnraum zu schaffen? Andernorts gab es den sogenannten "Rückbau", warum? In Berlin gibt es genug Freiräume, wie z.B. - Wartenberger-/Rhinstraße - Landsberger Allee Höre Ikea, Globus - Kreuzung Weißenseer Weg/Oderbruchstraße/Konrad-Wolf-Straße - Granitzstraße - Elisabethaue

  8. 20.

    Wie will man +20000 Menschen mit Tram und S-Bahn -ausschließlich Blankenburg- bewerkstelligen? Warum wurde der S-Bahnhof Heinersdorf nirgends berücksichtigt? Das Deutschlands größte Erholungsanlage dafür weichen soll, kann nicht Sinn der Sache sein. Wieso kann die Anlage nicht fortbestehen und soll nun mit neuem Wohnraum bebaut werden? Dort ist vorhandener!!! Eine Zuerkennung von Wohnrechten würde noch mehr schaffen!!!

  9. 19.

    Der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen. Trifft jedoch in diesem Kontext nicht zu.
    1) Die Anlage Blankenburg war zu DDR-Zeiten eine echte Kleingartenanlage. D. b. dass dort garantiert nicht die privilegierte Ostelite gewohnt hat bzw. wohnt.
    2) Die politisch Verantwortlichen haben bis dato völlig anders gehandelt.
    3) Das Argument, etwas Altes stets durch etwas Neues zu ersetzen, müsste dann natürlich überall in Berlin angewendet werden.

  10. 18.

    Auch wenn es keiner hören will, aber ich bin der Meinung das solche kolchoseähnlichen Gebiete, zu denen auch der Blankenburger Süden gehört, eher der Vergangenheit angehören sollten. Die alte Lumpen-DDR-Zeit ist nun mal vorbei. Es wird Zeit das was dort etwas modernes städteplanerisches Neues entsteht. Etwas das vielen Leuten Platz bietet, nicht nur den Überbleibseln der ehemaligen preveligierten Ostelite.

  11. 17.

    an alle die der Meinung sind hier soll nicht so ein Gewese um die Kleingärten gemacht werden.
    Die Stadtteile Blankenburg und Heinersdorf sind seit Stadtbeginn Gartenstädte. Das bedeutet, es sind zum großen Teil eigene Grundstücke die entweder mit Einfamilienhäusern bzw. dauerbewohnbaren Gartenhäusern bebaut sind.
    Diese sollen nun den Eigentümern weg genommen werden damit dort Wohnblöcke gabaut werden können.
    Gerade Berlin ist dringend auf Grünfächen angewiesen. Wie jeder bereits gemerkt hat, kann Regenwasser auf versiegelten Flächen nicht ablaufen. Die Kanalisation schafft die Starkregen nicht und es kommt immer häufiger zu großen Überschwemmungen. Um so wichtiger ist es, solche bewohnten Grünfächen zu erhalten.
    Natürlich werden bezahlbare Wohnungen benötigt und die Fläche der ehemaligen Polizeischule incl. umgebendes Feld sowie der ehemalige Campus der HTW eignen sich hervorragend dafür, aber das sollte dann auch genügen.

  12. 16.

    "Hier wird bezahlbarer Wohnraum vernichtet"
    und das " Tempelhofer Feld " ist sowas von leer
    ---------------da hätte eine Kleinstadt Platz !!!!!!!!

  13. 15.

    Zitat von Alfred Neumann:
    "Bei Kleingärten kann ich die Aufregung kaum nachvollziehen. Die waren vielfach als Zwischennutzung bis zu einer späteren Bebauung angelegt worden. "

    So etwas schaffen nur Politiker, bei einer über 100 jährigen Anlage von "Zwischennutzung" zu sprechen.
    Ich würde vorschlagen, dass sich alle Zuwanderer (ob deutsch oder auch nicht) die in Berlin keinen Wohnraum finden, woanders eine Bleibe suchen. So wie es bereits seit Jahrtausenden geschieht. Aber das ist bestimmt auch nur einen Zwischenhandlung gewesen sein.

  14. 14.

    Der Senat ist offensichtlich gar nicht "RRG", denn sonst würden man doch niemals Siedlungsgebiete mit sinnvoller altmodischer Lebensqualität plattmachen. Berlin hat noch ganz andere Flächen und muss nicht an solche Siedlungen rangehen, Tempelhofer Feld usw. Einfamilienhäuser für quasi "Plattenbauten" zu enteigenen ist doch städteplanerisch "Quark". Lliegt daran, dass immer wieder "SUperkompetente" in Regierungskreise aufsteigen dürfen, weil die Berliner genauso wählen.
    Wieso gibt es für Siedlungen keinen Bestandsschutz?

  15. 13.

    Was reden sie denn für ein Mist? Ich bin hier aufgewachsen und habe hier ein Kind groß gezogen.So wie sie reden ist ihnen der Mensch der hier lebt und die Natur völlig egal.Ich kann nur hoffen sollte Berlin völlig zugebaut werden, das sie an ihren Abgasen ersticken. Im übrigen waren genug Wohnungen da,bis der Senat auf die Idee kahm Mehrstöckige Häuser abzureißen bzw.Stockwerke abgetragen wurden. Sie sind wahrscheinlich einer von den Neu Berlinern. Im übrigen gibt es diese Siedlung schon seit über hundert Jahren. Sie sind ja nicht betroffen, und verlieren alles was man über Jahrzehnte sich vom Munde abgesparrt hat. Vielleicht können Sie mir ja mein Einfamilienhaus nach Brandenburg tragen und auf ein anderes Grundstück stellen.

  16. 12.

    Warum sollen die Alteingesessenen ihre Wohnungen für irgendwelche Zuwanderer aufgeben müssen? Ausserdem gibt es das Tempelhofer Feld, den bald ehemaligen Fluhafen Tegel. Ansonsten ist Berlin schon gut zugebaut. Macht einfach keinen Sinn alle Menschen auf engsten Raum zu pferchen. Das macht vielleicht im 19. Jahrhundert Sinn aber jetzt nicht mehr.

  17. 11.

    Haben Sie Artikel und Kommentare wirklich gelesen? Es geht nicht um eine Kleingartenanlage. In der Siedlung gibt es ca. 400(!) Einfamilienhäuser auf privatem Boden, legal und offiziell. Diese Eigentümer/Bewohner müssten enteignet werden.

  18. 10.

    Dort stehen doch nur ein paar kleine Häuser und die meisten davon sind offiziell gartenlauben. Die neuen Häuser würden für mehr Menschen wo neues zu Hause bieten. Ich kann die Stimmung der Kleingärtner nachvollziehen, bin aber froh, wenn in Berlin endlich wohnungen gebaut werden...

  19. 8.

    1) Es handelt sich bei der Anlage Blankenburg nicht um Kleingärten. Es ist eine Siedlungs- und Erholungsanlage: Pachtgrundstücke zur Miete, Eigentum und Erbbauberechtigte.
    2) Viele Menschen wohnen hier bereits! Im Fall der Realisierung derartiger Pläne kommt es zu Kündigungen und Enteignungen. D. h. um Wohnraum zu schaffen (4000 Wohnungen), wird teilweise Wohnraum und Grün vernichtet.
    3) Im Flächennutzungsplan von Berlin ist bereits seit Anfang der 90iger Jahre eine Straße durch die Anlage vorgesehen.
    4) Die Verinsführung der Anlage ist mit den politisch Verantwortlichen seit vielen Jahren in persönlichen Kontakt und erfuhr am 03.03.2018 erstmalig von der Überplanung der Anlage.
    5) Neben der Anlage gibt es die ehemaligen Rieselfelder. Hier sollen 6000 Wohnungen entstehen.
    6) In der Anlage verdient sich Vattenfall gerade ein wenig Taschengeld, da das gesamte Energieverteilnetz derzeit zwangserneuert wird.

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