Seit einem Jahr dürfen Ärzte in Deutschland Cannabis auf Rezept an Patienten verschreiben. (imago/Blume)
Audio: Inforadio | 09.03.2018 | Leon Stebe | Bild: imago stock&people

Interview | Ein Jahr Cannabis auf Rezept - Berliner Arzt: "Cannabis ist immer noch medizinisches Neuland"

Seit einem Jahr gibt es in Deutschland Cannabis auf Rezept. Die Nachfrage ist sprunghaft angestiegen. Christian Kessler verordnet Patienten den Wirkstoff. Als Allheilmittel sieht er Cannabis aber nicht. Die Forschungslücke nach 80 Jahren Prohibition sei noch zu groß.

rbb: Christian Kessler, geht es Ihren Patienten besser, seitdem Sie Cannabis wesentlich leichter verordnen dürfen?

Christian Kessler: Man kann das nicht so pauschal sagen. Unter dem Strich würde ich sagen ja, also es gibt viele schwerkranke Patienten, wo man mit der Schulmedizin mit seinem Latein am Ende ist. Patienten, die eine lange Arzt-Odyssee hinter sich haben, die alle möglichen Therapien ausprobiert haben, wo wirklich nichts hilft. Das sind die Patienten bei denen möglicherweise ein Therapieversuch mit Cannabis sinnvoll ist. So habe ich einige Patienten, bei denen wir auch gute Erfolge erzielt haben.

Ist es jetzt nur so, dass Cannabis die Schmerzen nimmt, oder kann es auch Krankheiten heilen?

Es geht vor allem bei der Therapie mit Medizinalcannabis und Cannabinoiden, nicht nur um die Cannabisblüten, sondern auch um Fertigarzneimittel und Rezepturarzneimittel. Es ist in erster Linie einmal so, wie es am häufigsten angewendet wird, eigentlich eine symptomatische Behandlung. Zum Beispiel zur Behandlung von chronischen Schmerzerkrankungen oder Spastik bei Multipler Sklerose oder zur Appetitsteigerung bei Untergewicht oder bei Krebschemotherapie.

Das heißt, es ist zunächst erstmal eine unterstützende beziehungsweise symptomlindernde Therapie. Dafür gibt es bereits Hinweise in der Forschung. [...]Aber das muss man wirklich noch ganz vorsichtig formulieren, da lehnen sich doch einige schon zu weit aus dem Fenster. Wir müssen ganz klar sagen: Es gibt im Grunde eigentlich fast 80 Jahre Forschungslücke im Bereich Cannabis und Medizin, wegen der jahrzehntelangen Prohibition und Illegalisierung. Wir fangen deshalb zwar nicht ganz bei Null an, die wissenschaftliche Datenlage ist im Moment aber noch relativ überschaubar.

Wie viele Verordnungen haben sie denn getroffen, seit dieses neue Gesetz gilt? Kann man das auch hochrechnen?

Im Vergleich zu der Anzahl der Patienten, die ich vorher mit einer so genannten Ausnahmegenehmigung behandelt habe, sind es schon deutlich mehr Cannabispatienten geworden. Bis vor einem Jahr gab es bundesweit circa 1.000 Patienten, die das Medizinalcannabis aus der Apotheke erhalten haben. Mittlerweile haben Apotheken schon 44.000 Rezepte für Medizinalcannabis abgegeben. Das hat also sprunghaft zugenommen.

Lassen Sie uns nochmal darüber sprechen, was die Krankenkassen jetzt machen. Da muss man dann natürlich einen Antrag stellen, die Krankenkassen entscheiden, ob sie die Kosten übernehmen. Tun sie es denn in der Regel? Und was muss der Patient eventuell noch dazu zahlen?

Wenn ein Antrag gestellt wird und dieser Antrag von der Krankenkasse bewilligt wird, übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Cannabismedikamente in Gänze. Wenn die Krankenkasse sich dafür entscheidet, so einen Therapieversuch zu unterstützen, übernimmt sie also auch explizit die Kosten dafür. Das einzige, was noch dazu kommt, ist die Zuzahlungsgebühr aus der Apotheke. Das ist im Grunde genauso wie bei allen anderen Arzneimitteln, die rezeptpflichtig sind. Nur wenn man befreit ist - und sehr viele schwer chronisch kranke Patienten sind befreit - kann möglicherweise auch das wegfallen.

Wie ist es bei Ihnen? Sind alle Anträge, die Sie geschrieben haben, durchgegangen? Oder lehnen manche Kassen das auch ab?

Nicht alle. Die meisten meiner Anträge sind durchgegangen. Aber es gab auch schon ein paar Ablehnungen, die mich auch sehr überrascht haben und bei denen teilweise auch der Eindruck entsteht, dass viele Gutachter bei dem medizinischen Dienst bei den Krankenkassen immer noch nicht wirklich tief im Thema stecken.  Wir lernen hier alle mit dazu: Ärzte, Patienten, Krankenkassen, Politiker. Das ist einfach für uns alle medizinisches Neuland, auch rechtliches und formales Neuland.

Unterm Strich – nach einem Jahr Cannabisgesetz, was sagen Sie? Hat es Ihre Erwartungen erfüllt?

Ich hatte relativ wenige Erwartungen. Ich bin als Arzt dankbar dafür, dass wir jetzt eine neue Option haben. Aber mir ist auch wichtig, zu betonen, dass Cannabis kein Allheilmittel ist. Es ist mir wirklich ganz wichtig, das zu kommunizieren: dass wir hier eben auch vorsichtig sein müssen, dass wir mehr wissenschaftliche Studien brauchen, dass wir einen offenen und kritischen, aber auch selbstkritischen Diskurs brauchen im Umgang mit Medizinalcannabis in der Medizin. Wir müssen hier noch viel mehr Licht ins Dunkel bringen und erst einmal den Nebel lichten.  

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

Das könnte Sie auch interessieren