Archiv - Berlins Generalstaatsanwalt Ralf Rother spricht am 20.12.2016 in Berlin. (Quelle: imago/Metodi Popow)
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Audio: Inforadio | 19.03.2018 | Nina Siegers | Bild: imago/Metodi Popow

Interview | Berlins langjähriger Chefankläger Rother - "Das kann man nicht mit der Jacke ablegen"

Ralf Rother war zwölf Jahre lang Berlins Chefankläger. Dreimal wurde er gebeten, seinen Ruhestand zu verschieben. Ein Interview über eine Neuköllner Karriere, seine Nachfolgerin Koppers und einen besonders grausamen Doppelmord.

rbb: Herr Rother, seit ungefähr drei Wochen sind Sie Pensionär. Auf welcher Uhrzeit stand ihr Wecker am 1. März?

Ralf Rother: Der Wecker war überhaupt nicht gestellt. Ich habe ihn bewusst ausgelassen, weil das der erste Tag war, an dem ich nicht mehr die Notwendigkeit hatte, geweckt zu werden. Aber wie das so kommt über die Jahre: Man wacht trotzdem auf - mit dem inneren Wecker zur gewohnten Zeit.

Was war das für ein Gefühl, als Sie abends auf den Aus-Knopf am Wecker gedrückt haben? Erleichterung?

Ein sehr gemischtes Gefühl. Da kommen ganz viele Facetten und Aspekte zusammen. Ich habe das Glück, körperlich und geistig gesund zu sein, sodass ich den Ruhestand nicht zwingend herbeigesehnt habe. Und ich habe diese Aufgabe sehr gern gemacht. Aber es gibt auch diesen Punkt, an dem man versteht, dass man jetzt nicht sofort die Nachrichten hören oder die Zeitung lesen muss. Auch das Handy muss nicht permanent auf Bereitschaft stehen, um unterrichtet zu werden. Also: eine Mischung aus Beruhigung, Entlastung und auch Wehmut.

Sie sind als Generalstaatsanwalt im Hintergrund geblieben, das bringt der Job mit sich. Deswegen kennen wir Sie kaum in Berlin. Sie sind in Neukölln geboren, haben an der Freien Universität Jura studiert, aber das Juristische ist Ihnen nicht von der Familie in die Wiege gelegt worden?

Nein, wenn man das mal ein bisschen von außen betrachtet, würde ich mich als sozialen Aufsteiger bezeichnen. Meine Mutter war Angestellte, mein Vater war technischer Zeichner. Ich erinnere mich, dass es finanziell wirklich knapp bestellt war in unserer Familie. Mein Vater arbeitete in Ost Berlin, wir lebten in West Berlin und da wurden die Gehälter halb-halb ausgezahlt, also halb in West- und halb in Ostmark. Meine Mutter hat es dann ermöglicht, dass sowohl mein Bruder als auch ich eine universitäre Ausbildung erhalten haben.

Mein Weg war nicht der typische, also Vater Jurist, Opa Jurist und wie viele Generationen noch davor. Ich bin sehr bodenständig aufgewachsen und habe den Kontakt nie verloren: Ich bin in Neukölln groß geworden, habe Jugendarbeit gemacht und schon damals viele Erfahrungen gesammelt, wie man mit Menschen umgeht, auf Menschen zugeht und Verständnis für Situationen entwickelt.

Sie waren 40 Jahre in der Strafjustiz tätig hier in Berlin. Auch als Richter in einer Schwurgerichtskammer, die Kapitalverbrechen anklagt. Welche Fälle haben Sie mit nach Hause genommen?

Aus diesen Jahren sind einem natürlich all die herausgehobenen Verfahren in Erinnerung. Ich erinnere mich an die Tötung zweier hochbetagter Eltern, beide Juweliere. Die Beiden saßen zuhause nebeneinander vor dem Fernseher und wurden gleichzeitig von oben durch den Kopf mit zwei verschiedenen Waffen erschossen - von ihrem eigenen Sohn, der meinte, dass es nun an der Zeit wäre, in den Besitz der Eltern zu gelangen. So etwas schüttelt man nicht einfach ab, das kann man nicht mit der Jacke ablegen, wenn man nach Hause kommt.

Der Tiefpunkt ihrer Karriere war wahrscheinlich die Verfolgungsgeschichte des Attentäters vom Breitscheidplatz, Anis Amri. Das LKA hatte damals die Observierung eingestellt. Als Generalstaatsanwalt mussten Sie das LKA im Blick behalten?

Das ist in der Tat so. Wenn ich meine Dienstzeit nicht verlängert hätte, hätte ich mit diesem Fall auch gar nichts mehr zu tun gehabt. Aber man stellt sich dieser Situation und ich muss ganz ehrlich sagen, es sind Dinge danach bekannt geworden, die ich mir vorher nicht hätte vorstellen können. Wenn Staatsanwälte im Rahmen ihrer Leitungsbefugnis entsprechende Anweisungen an die Polizei geben, dann werden die bitteschön auch umgesetzt und ausgeführt. Das ist ein Kardinalgrundsatz. Wenn sie das für falsch halten, können wir darüber reden und debattieren. Aber es kann nicht sein, dass einfach nichts passiert.

Konkret in diesem Fall sind sogar mehrere Verlängerungsanträge beim Ermittlungsrichter bezüglich der Observation gestellt worden. Doch wie wir nachher erfahren haben, ist gar nicht mehr observiert worden. Das hat schon ein Stück meines Grundvertrauens in die Polizei erschüttert. Ich möchte ja nicht sagen, dass die Polizei daran schuld ist. Fakt ist, über allem steht eine Fehleinschätzung durch die damals beteiligten Beamten, wie gefährlich dieser Mann war. Und die Frage ist, hätte man anders entscheiden können und müssen und welche Anhaltspunkte hatte man dafür. Das treibt mich tatsächlich um, denn ich muss auch immer wieder an die Opfer denken, und an die Hinterbliebenen. Das ist eine belastende Situation.

Grafik: Berliner Gerichtszweige (Quelle: rbb|24 mit Unterstützung der Pressestellen der Berliner Gerichte)

Sie kennen als Generalstaatsanwalt bestimmt fast alle Gerichtsgebäude in Berlin. Wenn Sie Besuch hätten, welches würden Sie zeigen?

Das Kammergericht ist ein unglaublich historisches Gebäude, wenn man an die Zeit von Freisler denkt im Schwurgerichtssaal oder an die Alliierten, an die Luftsicherheitszentrale, die dort eingerichtet war. Im Kriminalgericht in Moabit ist mehr Leben drin, würde ich mal sagen. Wenn man in die große Halle reinkommt, zieht man unwillkürlich den Kopf ein. Das ist vom Architekten des Gebäudes auch so gewollt. Leider begnügt sich die Justiz heute auch mit Zweckbauten und nicht mehr mit diesen hervorragenden Gerichtsgebäuden. Es wäre schön, wenn die Justiz ein höheres Budget hätte und einen höheren Stellenwert. Ich bin aber überzeugt davon, dass das Ansehen der Staatsanwälte in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Unser Ruf ist besser als er zum Beispiel in den 1968er Jahren war, nach dem Motto Staatsanwälte sind nur Feinde. Nein, wir haben eine ganz spezielle Aufgabe im Rechtssystem, und dieses ist ein sehr gutes.

Einen Tag nach ihrer Entlassung hat Margarete Koppers Ihr Amt angetreten, sie wurde die erste Frau in Berlin als Generalstaatsanwältin. Wie haben Sie die Übergabe gestaltet?

Am 28. Februar waren meine engsten Vertrauten und meine Familie im Büro, um mich abzuholen und ich hab die Schlüssel übergeben. Und am nächsten Tag war Frau Koppers da und hat meine Schlüssel erhalten. Das ist so üblich.

Die nüchterne Realität.

Genau, man fährt dann einfach vom Hof.

Herr Rother hinterlässt schwimmbadgroße Fußstapfen für seine Nachfolgerin, hieß es aus Ihrer Behörde. Was sind die größten Aufgaben für Frau Koppers in den folgenden Jahren?

Frau Koppers muss selber entscheiden, was ihre Aufgaben sind. Ich finde es nicht gut, wenn der Ehemalige der Nachfolgerin vorschreibt, was sie alles machen muss.  Dann kommt die Frage auf, 'warum hat er es denn nicht selber gemacht?' und jetzt muss sie alles machen. Ein großer Bereich wird aber z.B. die IT sein, nicht nur die weitere Ausstattung des Hauses. Es geht auch um Fragen der Verbrechensbekämpfung, um das Darknet, um Sabotage von Computeranlagen. Die Angriffe auf die Infrastruktur per Computer werden wahrscheinlich größer sein, als man sich das heute vorstellt.

Das Gespräch mit Ralf Rother führte Nina Siegers für Inforadio. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das komplette Interview können Sie oben im Beitrag im Interview hören.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Herrn Generalstaatsanwalt a. D. Rother muss man für seine beständige Dauer der Pflichterfüllung danken, denn der jahrzehntelange Beitrag als hochrangiger Entscheidungsträger zur Verbrechensaufarbeitung war gewiss enorm belastend.

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