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Quelle: imago stock&people

Zum Internationalen Tag der Trans*-Sichtbarkeit

Wer ist eigentlich Trans*? Und was soll das Sternchen?

Alljährlich am 31. März ist der Internationale Tag der Sichtbarkeit von trans* Menschen. Über sie wird viel geredet und geschrieben, aber nur wenige wissen, was wirklich hinter den Begriffen steckt. Klaas-Wilhelm Brandenburg hat Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wenn ich bei Facebook mein Geschlecht auswählen will, gibt es mittlerweile 60 Optionen – warum?

Viele Menschen kennen nur zwei Geschlechter: Mann und Frau. Das ist kein Wunder, denn bei der Geburt wird uns allen eines dieser Geschlechter zugewiesen. "Passend zu dieser Logik denken die meisten: 'Trans*-Personen wollen immer vom einen Ufer zum anderen' – aber viele wollen auch baden gehen“, beschreibt es die systemische Therapeutin Mari Günther von der Beratungsstelle "Queer Leben". Das heißt: Nicht jeder Trans*-Mensch will einen Wechsel von Mann zu Frau oder umgekehrt – viele fühlen sich weder als Mann noch als Frau. Und nicht jede Trans*-Person möchte automatisch etwas an ihrem Körper verändern: "Viele wollen 'nur' einen anderen Namen oder ein anderes Pronomen", erklärt Mari Günther.

Deshalb sei es falsch, von Trans*-Menschen als "im falschen Körper geboren" zu sprechen: "Man macht es Trans*-Leuten nicht leichter, wenn man von falsch und richtig spricht." Darum auch die 60 Optionen fürs Geschlecht bei Facebook: ob androgyn, bigender oder geschlechtslos – zwischen Mann und Frau gibt es viel Platz.

Transsexuell, Transgeschlechtlich, Trans* – ist das alles dasselbe?

Die Begriffe transsexuell oder Transsexualität gelten als veraltet, denn sie suggerieren, trans* zu sein hätte etwas mit der Sexualität zu tun. Bei der Sexualität geht es aber darum, wen man liebt, und nicht darum, als was man sich fühlt. Außerdem sind die Begriffe problematisch, weil sie auf die veraltete medizinische Diagnose "Transsexualismus" zurückgehen.

Mediziner erklärten Transsexualismus Ende der 1970er-Jahre zur psychischen Krankheit. "Die Logik ist leider seitdem: Wer psychisch krank ist, kann nicht gut für sich Entscheidungen treffen; die Person muss vor sich selber geschützt werden", so Mari Günther. "Aber Trans*-Personen müssen nicht vor sich selbst geschützt werden, sie sind nicht krank, sie leiden nur unter dem Körper, der nicht zu ihrem gefühlten Geschlecht passt, oder unter der Umwelt, die das eigene gefühlte Geschlecht nicht akzeptiert." Deshalb brauchen Trans*-Menschen Hilfe und Unterstützung, obwohl das Trans*-Sein an sich keine Krankheit ist: "Ähnlich wie bei einer Schwangerschaft."

"Transsexualität" sollte also heute nicht mehr ungefragt als Bezeichnung benutzt werden. Transidentität und Transgeschlechtlichkeit sind die besseren Begriffe: "Damit macht man sehr wenig falsch", so Mari Günther. Am besten sei es jedoch immer, die Menschen zu fragen, ob sie für sich selbst ein gutes Wort haben. Dieses kann sich im Laufe der Zeit auch ändern; das bleibt allein die Entscheidung der Trans*-Person selbst. "Manche sagen dann auch: Ich will gar nicht mit diesem Trans*-Begriff etikettiert werden", berichtet Günther aus eigener Erfahrung. "Wenn Frau Müller eine schwarze Hautfarbe hat, möchte sie ja trotzdem Frau Müller genannt werden und nicht Frau Schwarze Müller."

Was soll das Sternchen bei Trans*?

Trans* ist eine kürzere Variante von Transgeschlechtlichkeit und Transidentität. Das Sternchen steht für das bewusste Offenlassen des Wortes: "Wir wollen alle Leute einladen, die sich mit geschlechtlicher Identität beschäftigen und merken, dass sie nicht ins klassische Schema von Mann und Frau passen, sich mitgemeint zu fühlen", erklärt Günther. Die vielen Enden des Sterns seien dafür ein gutes Symbol.

Sind intergeschlechtliche Menschen auch Trans*?

Kann sein, muss aber nicht. Inter* ist, wer genetisch – also aufgrund seiner Geschlechts-Chromosomen – oder wegen der Produktion von bestimmten Geschlechtshormonen oder aufgrund seiner inneren und äußeren Geschlechtsorgane – also körperlich – nicht den "Normen" für das weibliche oder männliche Geschlecht entspricht. Oder kurz: Jemand, der genetisch, körperlich oder hormonell weder eindeutig weiblich noch eindeutig männlich ist, kann sich als intergeschlechtlich bezeichnen. Wenn sich ein intergeschlechtlicher Mensch mit dem ihm bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht – also männlich oder weiblich – identifizieren kann, ist er oder sie also eher nicht trans*.

Warum halten immer noch so viele Menschen an der Zwei-Geschlechter-Theorie fest?

"Die Geschlechterfrage ist immer auch eine Machtfrage", sagt Mari Günther. "Wenn ich dafür sorgen will, dass Frauen 20 Prozent weniger verdienen, muss ich klare Kriterien haben, was eine Frau ist." Dabei sind selbst Biolog*innen heute der Meinung: Es gibt nicht nur zwei Geschlechter. Trotzdem gibt es auch bei vielen Minderheiten manchmal Vorbehalte gegen Trans*-Menschen. "Viele wollen unbedingt zur Mehrheit dazugehören und auf keinen Fall mit irgendwelchen 'Freaks' in einen Topf geschmissen werden", erklärt sich Mari Günther das Phänomen.

Allerdings würden immer mehr Menschen erkennen, dass es nicht nur männlich und weiblich gibt, sondern eine große geschlechtliche Vielfalt. "Und ähnlich wie in anderen Gebieten gilt auch hier: Vielfalt ist immer eine Bereicherung."

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

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