Luise-und-Wilhelm-Teske-Schule in Berlin. (Quelle: rbb/Kirstenbuchmann)
Audio: Inforadio | 02.03.2018 | Kirsten Buchmann | Bild: rbb/Kirstenbuchmann

Ehemalige Teske-Schule - Berliner Schule für Flüchtlinge verteidigt ihr Sondermodell

Für viele Flüchtlingskinder wird die Schule zur Sackgasse. Besonders dort, wo viele Flüchtlinge in einer Regelklasse sind. Das belegt eine neue Studie. Die Berliner Teske-Schule macht es ganz anders. Hier werden nur Geflüchtete unterrichtet. Von Kirsten Buchmann

Derzeit wird kontrovers diskutiert, wie junge Flüchtlinge am besten lernen können. Nach Expertenmeinung sollten sie ausgewogener als bisher auf die Schulen verteilt werden. Diesen Hinweis gab der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) in einer Studie. Er lobte Hamburg, wo höchstens vier Geflüchtete oder anderweitig neu zugewanderte Jugendliche gemeinsam in einer Regelklasse lernen dürfen. Es gibt aber auch ganz andere Modelle - wie in Berlin an der ehemaligen Teske-Schule in Tempelhof-Schöneberg. In den vier Klassen dort lernen fast ausschließlich junge Geflüchtete.

Welche Rechte gibt es in Deutschland?

Es ist 9.45 Uhr. Im Gesellschaftswissenschafts-Unterricht in der Klasse A2 nehmen sechs Jungen und vier Mädchen mit ihrer Lehrerin Marlene Müller-Rytlewski das Grundgesetz durch. "Wir reden heute über das Recht auf Freiheit", sagt die Lehrerin. "Mohammed fängt an zu lesen."

"Artikel 2: Jeder hat das Recht auf die freie Enthaltung seiner Persönlichkeit." Lehrerin Müller-Rytlewski korrigiert: "Entfaltung."  Die Jugendlichen, meist aus Syrien und Afghanistan, lernen seit fünf Monaten an der ehemaligen Teske-Schule. Das Wort Entfaltung kennen viele nicht. Die Klasse überlegt. Es kommt von falten, eine Schülerin faltet ein Blatt Papier zusammen und auseinander.

Weiter geht es: Was sind Rechte, auf die wir Anspruch haben? "Meinungsfreiheit", schreibt ein Schüler als erstes an das Whiteboard. "Gibt es weitere Rechte?", fragt die Lehrerin. Ein Mädchen antwortet: "Eine Schülerin kann sich frei für eine Ausbildung entscheiden." Die Lehrerin konkretisiert: "Das ist die freie Berufswahl."

Einige Schüler haben schon Berufswünsche

Die 15 bis 18 Jahre alten Schüler arbeiten konzentriert mit. An die ehemaligen Teske-Schule sind sie gekommen, weil sie wegen der Flucht aus ihren Heimatländern oft eine lange Zeit ohne Schule hinter sich haben und außer Deutsch teilweise auch noch Lesen und Schreiben lernen müssen. Nun kümmern sich speziell dafür ausgebildete Lehrer um sie. Die Schüler hoffen, in Berlin einen Schulabschluss machen zu können, wie den MSA oder Abitur. Einige haben schon konkrete Berufswünsche. Einer möchte Programmierer werden, ein anderer Polizist. "Na, dann los. Dann musst du gute Noten haben", sagt Müller-Rytlewski.

In der Schule geht es aber nicht nur ums Lernen und um Berufsorientierung. Die Klassen werden, wenn nötig, auch von Schulpsychologen unterstützt. Denn manche der Jugendlichen ziehen sich in eine Ecke zurück oder ritzen sich. Wegen ihrer Fluchterfahrungen sind sie traumatisiert.

Aus diesen und aus anderen Gründen sieht Winrich Widera, der ebenfalls die Schüler der "A2" unterrichtet, die Klassen an der ehemaligen Teske-Schule als Schutzraum. "Wenn jemand kein Deutsch kann, braucht er einfach einen Schutzraum, um sich mit der Kultur und der Sprache auseinander zu setzen. Hier werden sie aufgenommen und hier wird ihnen auch das Rüstzeug gegeben, um dann auch – möglichst schnell natürlich – integriert werden zu können".

Wahlpflichtfächer finden in der Regelschule statt

Den Vorwurf, den etwa der Flüchtlingsrat oder die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schon zum Start der Schule erhoben hatten, die Schüler würden dort isoliert, will der Lehrer nicht stehen lassen. Denn ihr Wahlpflichtfach, wie zum Beispiel Kunst oder Sport, und die AGs haben sie an der Hugo-Gaudig-Schule im selben Bezirk. Dort lernen sie den Schulalltag mit Gleichaltrigen kennen.

Der Lehrer an der Teske-Schule ist von diesem Weg überzeugt. Und viele der Klasse A2, die an der Schule die fortgeschrittenste ist, sollen schon im Sommer an eine Sekundarschule oder ein Oberstufenzentrum wechseln können.

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 3.

    Das ist doch ganz logisch, wenn die Kinder kein Wort Deutsch sprechen oder lesen können, kann das doch für sie nicht gut sein.
    In der Schule war es schon leider schon immer so. Wer nicht mitkommt fällt durchs Rost.
    Der Lehrer kann es nicht schaffen sich genügend
    um sie zu bemühen.
    Und genau das ist der Grund für die extra Förderung.
    Spätester gehen sie dann alle zusammen in eine Klasse.
    Ausserdem verbittert ich mir das Wort rassistisch.
    Scheint Mode zu sein gleich jemand in diese Ecke zu stellen, nur weil er anderer Ansicht ist.
    Sehr einfach.
    Vielleicht lesen Sie mal nach was Rassismus ist.

  2. 2.

    Was ist denn normal; die "Norm"? Nichts. Unterschiede im Lernverhalten sind alltäglich und an allen Schultypen zu finden. Aber Sie deuten hier an, die 'Leistungsstarken' mögen nicht durch die 'Leistungsschwachen' gehemmt oder gehindert werden - eine Denkweise der Leistungsgesellschaft, in der aber gerade konstruierte Ungleichbehandlungen in Bezug auf Leistung nicht berücksichtigt werden. Schule ist zu einem Ort der Selektion verkommen und sozialisiert mit Klassismus. Beide Aspekte sind nicht ohne Zufall besonders nützlich aus Sicht des Neoliberalismus.

    Obligatorisch subjektive Benotung und Dogmatismus um "Begabung" tun ihr Übriges. Der Schulkontext selbst bleibt unbeleuchtet.

    Das einzig Gute bei diesem Modell ist, dass ein*e Lehrer*in zuständig ist für nur wenige Schüler*innen (hier wohl zehn). Aber die soziale Segregation ist einer rassistischen Denkweise entsprungen, die eben nahtlos kompatibel ist mit Leistungs- und Klassenkonstruktionen sowie Sozialdarwinismus.

  3. 1.

    Ich finde, das ist eine gute Sache, dann kann der Lehrer den besonderen Problemen vielmehr auf den Grund gehen.
    Wenn Kinder ganz von vorne anfangen müssen
    hat es keinen Sinn sie mit den Kindern die schon auf dem normalen Stand sind zusammen zu unterrichten
    Das nützt Keinem.
    Die Einen sind frustriert und die Anderen gelangweilt.

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