Der Zeuge Mohammed D. wird in den Konferenzsaal der JVA Moabit zur Vernehmung vor dem Amri-Untersuchungsausschuss geführt. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Abendschau | 16.03.2018 | Norbert Siegmund | Bild: dpa/Britta Pedersen

Befragung durch Untersuchungsausschuss - Bekannter von Anis Amri erhebt schwere Vorwürfe

Der Amri-Untersuchungsausschuss hat am Freitag einen ehemaligen Bekannten und Mitbewohner des späteren Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri befragt. Dafür begaben sich die Abgeordneten ins Gefängnis - und zeigten sich überrascht von dessen Angaben. Von Jo Goll

Weil der Termin im Parlament als zu gefährlich eingeschätzt wurde, kam der Amri-Untersuchungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses am Freitag in die Justizvollzugsanstalt Moabit. Dort befragten die Abgeordneten knapp drei Stunden lang den Häftling Mohamed Ali D., einen ehemaligen Mitbewohner und Freund von Anis Amri. Es ist die wohl letzte Gelegenheit, den Zeugen zu befragen, denn D. soll im Sommer in sein Heimatland Tunesien abgeschoben werden. Eine letzte Gelegenheit, das Ausmaß polizeilichen Versagens weiter aufzuklären.

Knapp sechs Monate vor dem Anschlag, im Juli 2016, hatte der 28-jährige Mohammed Ali D., der aus Amris tunesischer Heimatprovinz Kairouan stammt, Anis Amri und einen weiteren befreundeten Tunesier in eine Sisha-Bar in der Neuköllner Hertastraße begleitet. Es ging um einen Konflikt zwischen konkurrierenden Dealern.

"Amri zückte ein Messer"

Den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses erzählte Mohammed Ali D. von der anschließenden Auseinandersetzung. "Kurz nachdem wir die Bar betreten hatten, zückte Amri ein Messer. Einer von uns wollte ihm das Messer abnehmen, doch dann lag einer unserer Gegner mit einer Stichverletzung blutend auf dem Boden." Diese Schilderung ist neu, denn bislang war man davon ausgegangen, dass Amri zwar an der blutigen Schlägerei beteiligt, nicht aber der Haupttäter war.

Auch der Ausschussvorsitzende Burkard Dregger (CDU) zeigte sich von dieser Aussage überrascht. "Das ist eine Abweichung von dem, was wir aus den Akten und aus dem Strafverfahren gegen Mohamed D. wissen. Sollte Amri tatsächlich mit dem Messer eine Attacke verübt haben, hätte man wohl einen Haftbefehl gegen ihn erwirken müssen. Es gibt aber auch gegenteilige Aussagen in den Strafakten, deshalb müssen wir da noch vorsichtig sein und das weiter aufklären."

Gab es eine Hausdurchsuchung bei Amri?

Die Befragung von Mohammed Ali D. beförderte aber ein weiteres erstaunliches Detail ans Licht. D. hatte sich über Monate in Charlottenburg und in Neukölln eine Wohnung mit Amri und einem weiteren verdächtigen Drogendealer geteilt. Offenbar war das Trio im Visier der Polizei, denn in der Wohngemeinschaft soll es nach der Aussage von D. auch eine Hausdurchsuchung gegeben haben. Für den Innenexperten der Linken, Hakan Tas, wirft das Fragen auf. "Das zeigt, dass die Polizei vor dem Anschlag doch nahe dran war an Amri und seinen Mitbewohnern. Wenn es eine Hausdurchsuchung gegeben hat, müssen wir nun prüfen, was dabei herausgekommen ist." Folgen hatte diese Durchsuchung für Anis Amri jedenfalls nicht – er blieb auf freiem Fuß.

Der Zeuge Mohamed Ali D. zeigte sich am Freitag auch mehrfach darüber verwundert, dass Anis Amri zwar mehrfach festgenommen worden sei, doch immer wieder freigelassen wurde. Zum Beispiel als Amri wenige Tage nach der Messerstecherei versuchte, über die Schweiz auszureisen. Amri habe sich darüber selbst gewundert und dann daraus seine Schlüsse gezogen. "Die haben offenbar nichts in der Hand gegen mich, sonst wäre ich nicht hier", habe Amri wenige Tage später grinsend erzählt.

"Ich habe nicht gespürt, dass er hasserfüllt war"

Zugleich erklärte der Zeuge, er habe es für "unmöglich" gehalten, dass Amir das Attentat verübt. "Ich habe nicht gespürt, dass er hasserfüllt war", sagte er. Er habe davon vorher nichts gewusst. Der Häftling war nach einer Schlägerei im Drogenmilieu zu einem Jahr und acht Monaten Haft wegen gefährlicher Körperverletzung, Waffendiebstahls und Einbruchs verurteilt worden. Er sei im März 2017 festgenommen und dann noch etwas später erstmals zu Amri befragt worden, gab er an.

Der islamistische Attentäter Amri hatte am 19. Dezember 2016 einen gestohlenen Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gesteuert. Zwölf Menschen starben, mehr als 70 wurden verletzt. Amri hatte sich mit verschiedenen Identitäten als Asylbewerber in mehreren Bundesländern aufgehalten und sich so einem Zugriff der Behörden entzogen.

Beitrag von Jo Goll

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Das ist politisch "sinnvoll": Wenn er neue Aussagen tätigt, können die die Behörden vermeintlich bezüglich des offensichtlichen Behördenversagens "entlasten". Dann kann man dieses Neuigkeiten hochhalten, statt der über ihn jahrelang bekannten Informationen als Gefährder.

  2. 2.

    Das ist die immer absurde Zweiteilung der Welt: Hier die "Guten" und dort die defniert durchgängig "Bösen". Aus diesem simplen Erklärungsmuster heraus ist noch nie etwas Vernünftiges herausgekommen, geschweige denn etwas, was Aufschluss lieferte.

    Im Grunde genommen dient dieses Schwarz-Weiß-Muster nur dazu, sich auf der einzig denkbaren richtigen Seite zu wissen. Mithin eine übergroße Selbstgewissheit bis hin zur gedachten und empfundenen "Blindheit".

    Natürlich war Arnis Amri nicht tagein, tagsaus bis zur Halskrause von Hass erfüllt. Und wie es sich um als aufrecht geltende Soldaten im Krieg verhält, dazu denken wir einfach 50 Jahre zurück. Bevor der Gedanke "Was soll ich überhaupt hier?" übergroß wird, wird dann das Zerrbild des vermeintlichen Gegners an die Wand gestellt.

  3. 1.

    Wie naiv sind diese Leute eigentlich? Glauben sie denn tatsächlich, von diesem Honk echte und ehrliche Auskünfte zu bekommen?
    Das wäre genauso bekloppt, wie wenn man Hells Angels fragen würde, ob sie wirklich so böse sind, wie sie aussehen, oder ob sie nicht doch die mitfühlenden und fürsorglichen Frauenversteher sind und mit Drogen doch nun wirklich nichts zu tun hätten.

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