Kippa-Flashmob am 22. April 2018 am Alexanderplatz in Berlin (Quelle: imago/Christian Mang)
Audio: Radioeins | 24.04.2018 | Josef Schuster im Gespräch mit Stefan Rupp und Christoph Azone | Bild: imago/Christian Mang

Zentralratspräsident Josef Schuster im Interview - Statt Kippa: "Lieber ein Basecap tragen"

Die jüngsten Übergriffe gegen jüdische Mitbürger haben auch den Zentralrat der Juden alarmiert. Sein Präsident, Josef Schuster, rät davon ab, im großstädtischen Milieu noch die Kippa zu tragen. Antisemitismus und Rassismus hätten sich weiter verschärft.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat vor dem Tragen der Kippa in deutschen Großstädten gewarnt. Er rate Einzelpersonen davon ab, "sich offen mit einer Kippa im großstädtischen Milieu in Deutschland zu zeigen", sagte Schuster am Dienstag dem rbb.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster (Quelle: imago/Uwe Steinert)
Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden | Bild: imago/Uwe Steinert

Schuster sieht Gefahren für die Demokratie

Im Prinzip wäre es zwar der richtige Weg, sich trotz aller Anfeindungen "trotzig zu bekennen", vernünftigerweise müsse man aber dazu raten, stattdessen lieber "eine Basecap oder irgendetwas als Kopfbedeckung zu tragen", sagte Schuster auf Radioeins. Wenn es nicht gelinge, offenem Antisemitismus entgegenzutreten, "dann stellt dies letztendlich auch eine Gefahr für unsere Demokratie dar", sagte der Präsident des Zentralrats der Juden auf Radioeins.

"Denn es geht nicht nur um Antisemitismus, damit einher geht auch Rassismus, damit einher geht auch Fremdenfeindlichkeit. Hier bedarf es eines klaren Stoppschildes." Er habe jedoch das Gefühl, dass "man im Großteil der Gesellschaft verstanden hat, dass wir auch an einem gewissen Wendepunkt angekommen sind", ergänzte der Zentralratspräsident.

Am vergangenen Dienstag waren auf einer Straße im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zwei Männer im Alter von 21 und 24 Jahren beleidigt und attackiert worden, wobei der Täter einen von ihnen mit einem Gürtel schlug und leicht verletzte. Die beiden Opfer trugen zum Zeitpunkt des Angriffs eine Kippa. Nach dem Übergriff stellte sich ein 19-jähriger Tatverdächtiger der Polizei. Der Angriff löste abermals eine Debatte über Antisemitismus in Deutschland aus.

Giffey: Sicherheit von Juden "ist nicht verhandelbar"

Auch Bundes-Familienministerin Franziska Giffey ist besorgt über ein Anwachsen von antisemitischen Tendenzen - "auch von Zuwanderern". Es könne nicht sein, dass Juden auf offener Straße wegen ihrer Kippa beschimpft werden, sagte Giffey am Dienstag in Berlin. "Jüdinnen und Juden müssen in Deutschland sicher leben können - das ist nicht verhandelbar", sagte die SPD-Politikerin, die bis zu ihrer Ernennung als Bundesministerin im März Bezirksbürgermeisterin von Neukölln war.

Zudem forderte Giffey eine zügige Bestrafung der Täter. "Wenn jemand auf dem Schulhof 'Du Jude, du Opfer' ruft, muss die Schule sofort reagieren", erklärte Giffey. Die Ministerin betonte, sie wolle mehr als 170 "Anti-Mobbing-Profis" an Schulen mit Problemen schicken. Die Kräfte sollten dann mit Schülern unter anderem über Respekt, Anerkennung, Religion und die sexuelle Orientierung sprechen, sagte Giffey bei einer Veranstaltung des American Jewish Comittee.

Solidaritätsaktionen in Berlin, Potsdam und anderen Städten

Nach dem Angriff auf die beiden Männer wollen auch christliche und jüdische Gemeinden in Potsdam ein Zeichen der Solidarität setzen. Unter dem Motto "Potsdam trägt Kippa" laden die evangelische Nagelkreuzgemeinde, die jüdische Gemeinde und die Synagogengemeinde für Mittwoch zu Friedensgebeten und einem feierlichen Umzug ein. Damit reiht sich Potsdam ein in die Solidaritätsaktionen in Berlin, Erfurt, Köln und Frankfurt am Main.

Die Veranstaltung in Potsdam soll um 18 Uhr in der Seelenbinderstraße vor dem Gemeindehaus der jüdischen Gemeinde starten. Auch die muslimische Gemeinde sei zur Teilnahme eingeladen worden, hieß es. Auch die Veranstaltung in Berlin beginnt um 18 Uhr. Treffpunkt dort ist das Gemeindehaus in der Fasanenstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf. Wie die Gemeinde auf Facebook schreibt, sind "alle Berlinerinnen und Berliner" zu einer Solidaritätskundgebung aufgerufen.

Kommentar

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16 Kommentare

  1. 16.

    Wir schreiben zwar für die meisten gleich die Jahreszahl 2018, das allerdings bedeutet rein garnichts. Die einen mögen in Zuständen sein, die wir aus dem 15. oder 16. Jh. kennen, andere ggf. in Zuständen, die wir in ein oder zwei Jahrhunderten womöglich erst erreichen werden. Wer wüsste darum, wo keinem Menschen die Hellseherei eigen ist?

    Keine Frage, dass die Angriffe übel sind und nicht hinzunehmen. Doch was eine Änderung dessen anbetrifft, wäre es gut, vom hohen Ross runterzusteigen: Noch vor 50 Jahren wurde dem "weiblichen Geschlecht" davon abgeraten, in den Bundestag zu ziehen, weil es die zuweilen auftretende Härte der verbalen Auseinandersetzungen dort nicht aushalte und noch vor 40 Jahren wurde auf offener Straße, heutzutage immer noch in Eckkneipen und Bauarbeiterbuden über die "175er" hergezogen und billige Witze gemacht.

    Wir brauchen 1. einen begleiteten Transformationsprozess und 2. einen wirksameren Schutz potenzieller Opfer.

  2. 15.

    Auch wenn es zunächst einmal gleich erscheinen mag: Da gibt es einen riesigen Unterschied, ob ein Vertreter der Menschen, die es betrifft, darüber sinniert, ob es nicht besser wäre, anstelle der Kippa-Kopfbedeckung eine Basescap-Kopfbedeckung zu tragen oder ein Mensch, der nichtbetroffen ist, dies als bewusste Zuspitzung gegen andere verwendet.

    Auch Medien haben da eine Verantwortung, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Kein einziger Übergriff wäre verhindert worden, auch der in Prenzlauer Berg nicht, durch ein Schüren von Konflikten.

  3. 14.

    Hallo Jens, danke für den link zum statement von Jürgen Domian. Dieser Mann ist als offen schwules SPD-Mitglied der rechten Demagogie unverdächtig und legt den Finger in die richtige Wunde: "Warum haben wir so lange die Arme geöffnet, ohne klare Bedingungen für ein Miteinander zu formulieren? – Quelle: https://www.ksta.de/30056554 ©2018" . Es darf für Antisemitismus, Schwulenhass und Unterdrückung von Frauen keinen Platz in unserer Gesellschaft geben. Schon gar nicht in den Teilen der Gesellschaft, die wir als Fremde hier willkommen geheißen haben, denen wir Arbeit gaben oder eine Zuflucht.

  4. 13.

    Ihr Kommentar ist sehr zutreffend ausgedrückt. Besonders Ihr Verweis auf die Kolumne von Jürgen Domian. Sehr klug und sehr anschaulich formuliert er sein Empfinden über unsere jetzige Gesellschaft. Kann ich nur unterstreichen. Danke für diesen sehr lehrreichen Tipp.

  5. 12.

    Damit liegen Sie vollkommen richtig. Besonders in Berlin schien mir das Kleidungsproblem nie eine große Rolle zu spielen. Lustig fand ich es damals, wenn die Bürger schick gekleidet in der U-Bahn saßen und zur Deutschen Oper oder die Komödie am Kurfürstendamm fuhren.

  6. 11.

    Also: Sie haben uns soeben wieder einen Kommentar geschickt, einen ganz guten, mit Kritik an uns. Mit der Freischaltung hätten wir wahrlich kein Problem. Aber Sie beleidigen uns dort in einer recht würdelosen Art und Weise. Vielleicht sollten Sie einfach Ihre pauschal-beleidigenden Adjektive unterlassen, dann wird's auch was mit dem Freigeben Ihrer Kommentare.

  7. 9.

    Die Solidaritätsbekundungen mit Kippa sollten in den Problemkietzen von Neukölln, Wedding und Kreuzberg stattfinden und nicht in sauber bürgerlich-christlichen Zonen. Vor allem sollten auch Nichtjuden dieses Symbol offen und solidarisch tragen. Müssen wir nicht auch die Frauen verachtenden Unterdrückungssymbole der anderen Seite tagtäglich dulden?

  8. 8.

    Auch ich habe hier hin und wieder mal einen Kommentar geschrieben. Viele gingen durch, einige nicht. Ich fragte mich immer, warum hats denn diesmal nicht geklappt. Die Gründe mögen unterschiedlich sein. Bis in mir dieses Gefühl der Schere im Kopf immer größer wurde. Als Ex-DDRler ist mir das sehr vertraut. Ich bin nun dazu übergegangen keine weitere Kommentare mehr zu verfassen. Ich denke mir meinen Teil oder diskutiere mit Freunden oder Familie über gesellschaftliche Probleme.
    Zu guter Letzt noch ein Lesetipp, gestern im Kölner Stadt-Anzeiger. Dort meldete sich Jürgen Domian zu Wort. Jedes Wort kann ich zu 100 % unterschreiben. Der Artikel passt hervorragend zum eigentlichen Thema Antisemitismus, sowie zum Zustand der Meinungsfreiheit in Deutschland.
    https://www.ksta.de/kultur/kolumne-von-juergen-domian-nicht-mehr-mein-land--meine-heimat-30056554
    Auf Wiedersehen!

  9. 7.

    Wir sollten wirklich eine Kippa tragen, andere Kopfbedeckung en haben nicht diese religiöse Aussagekraft.Auch die Priester tragen ihre Kleidung um sich für andere erkenntlich zu zeigen. Ich habe noch eine Kippa übrig und werde meine auch tragen. J. B.

  10. 6.

    WIESO
    kann nicht jeder Erdenmensch sich so geben wie er mag----
    es muss doch egal sein, wie ich aussehe oder anziehe---
    früher ging man in die Oper mit Frack und Zylinder--
    HEUTE: auch Jeans sind zugelassen---oder ähnliches
    Ob ick nu uffm Kopp ne Mütze, Kappy oder Hausschuhe anziehe ist doch meine Sache----

  11. 2.

    Von welch einem Wendepunkt spricht der Präsident des Zentralrats der Juden? Das Kreuz, die Kippa und die Schleiergewänder muslimischer Frauen sind ebenso wie Tätowierungen Ausdruck individueller Freiheit, die jedem hierzulande zusteht offen zu leben. Intolerante Menschen sollten dies als Motivation zur Gelassenheit betrachten anstatt sich darüber aufzuregen.

  12. 1.

    Mein Hinweis bei früheren Berichten, daß der Zentralrat der Juden davon abrät, in Berlin öffentlich Kippa zu tragen, führte in der Vergangenheit regelmäßig zur Zensur des Kommentars. Zum Glück bleiben der sogenannten Moderation ja genug "Kommentarrichtlinien" usw., gegen die ein Kommentator angeblich verstoßen hat und eine externe objektive Beurteilung der Zensurbehörde findet ja auch nicht statt (totalität, oder etwa nicht). Was daraus resultiert, wenn man Nachrichtenlagen einfach unterdrückt, zeigt u.a. dieser Vorfall. Wird halt so lange vertuscht, bis es nicht mehr geht.
    Wie wäre wohl die Reaktion des Staatsfernsehens, wenn man verkünden müßte, die Zentrale der Moslems rät vom öffentlichen Tragen von Kopftüchern und Palästinenserfeudeln ab?
    Und nun mal wieder viel Spaß beim Zensieren.

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