Demonstration nach dem Attentat auf Rudi Dutschke 1968 (Quelle: rbb/ Abendschau)
Bild: Quelle: rbb/ Abendschau

Die 68er-Bewegung in Videos - Die Hauptstadt der Revolte

Vom Kurfürstendamm zur Kochstraße, von der Freien Universität zur Deutschen Oper: West-Berlin war ein Brennpunkt der Studentenbewegung der 1968er. Wir zeigen die wichtigsten neun Schauplätze und Ereignisse in Original-Videos. Von Daniela Sting

2. Juni 1967, Deutsche Oper: Benno Ohnesorg wird erschossen

Benno Ohnesorg, bereits tödlich verwundet (Quelle: rbb)
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Archivmaterial: 03.06.1967 (Video: Abendschau | 02.06.2013)

Der Tod von Benno Ohnesorg gehört zu den einschneidensten Ereignissen in der Studentenbewegung. Der 26-jährige Student der Romanistik und Germanistik hatte an einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des Schahs von Persien vor der Deutschen Oper teilgenommen. Während sich das Kaiserpaar Mozarts "Zauberflöte" ansah, begannen etwa 4.000 Polizisten, die Proteste in der Bismarckstraße mit Knüppeln und Wasserwerfern aufzulösen. Beamte in Uniform und Zivil verfolgten fliehende Demonstranten, auch in die nahe gelegene Krumme Straße. Während eines Gerangels in einem Hinterhof schoss Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung in den Kopf. Ohnesorg starb wenige Stunden später. Kurras wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, aber freigesprochen. Warum er geschossen hatte, wurde nie zweifelsfrei geklärt. Der Beamte galt als Waffennarr, 2009 wurde zudem bekannt, dass er von 1955 bis mindestens 1967 Stasi-Spitzel war. 

Für die Studentenbewegung war der Tod Ohnesorgs ein Schlüsselmoment. Nach der Erschießung fand die Bewegung starken Zulauf und radikalisierte sich in Teilen. Die später gegründeten Terrorgruppen RAF und "Bewegung 2. Juni" bezogen sich stets auf die Tat. Letztere wurde nach dem Todesdatum Ohnesorgs benannt.

27. November 1967, Kriminalgericht Moabit: Prozess gegen Fritz Teufel

Archivbild: Der West-Berliner Fritz Teufel nach seiner Freilassung. (Quelle: rbb/Abendschau)
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Archivmaterial: Abendschau | 01.12.1967  

Bei den Protesten gegen den Schahbesuch vor der Deutschen Oper wurde auch der West-Berliner Kommunarde Fritz Teufel festgenommen, weil er einen Stein geworfen haben soll. Bis zum Prozessbeginn im November 1967 saß er in Untersuchungshaft. Zum Auftakt des Verfahrens organisierten Studentenverbände eine Demonstration vor dem Gerichtsgebäude unter dem Motto "Treibt Moabit den Teufel aus". Etwa 2.500 Studenten folgten dem Aufruf, es kam zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Einige Studenten, unter ihnen Rudi Dutschke, versuchten, Absperrungen zu durchbrechen. Am Tag danach veröffentlichten die Zeitungen des Springer-Verlags Fotos der Aktion und bezeichneten Dutschke als "Rädelsführer der Krawallmacher".

Vor Gericht wurde Teufel seiner Rolle als Provokateur und Enfant terrible gerecht. So wurde Teufel, als er eine längere Stellungnahme abgeben wollte, vom Richter ermahnt, nur Aspekte zu nennen, die der Wahrheitsfindung dienen. Am zweiten Verhandlungstag erhob sich Teufel beim Hereinkommen des Richters zunächst nicht, kam dann aber der Aufforderung mit folgenden Worten nach: "Wenn es der Wahrheitsfindung dient." Ein Satz, der zum geflügelten Wort wurde. Im Dezember 1967 wurde Teufel freigesprochen.

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17. und 18. Februar 1968, Technische Universität Berlin: Vietnam-Kongress

Vietnam Kongress 1968 (Quelle: rbb)
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Archivmaterial: 19.02.1968 (Video: Abendschau | 11.04.2008)

Der Widerstand gegen den von den USA geführten Vietnamkrieg und den westlichen Imperialismus war das Thema des Internationalen Vietnam-Kongresses im Audimax der TU Berlin. Mit etwa 5.000 Teilnehmern und Delegationen aus 14 Staaten war die Versammlung ein wichtiges Großereignis der Studentenbewegung. Organisiert wurde der Kongress vom "Internationalismus-Arbeitskreis" des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) um Rudi Dutschke und Gaston Salvatore. Auf einer Riesenflagge im Audimax stand das Motto der Tagung: "Für den Sieg der vietnamesischen Revolution". Darunter der Che-Guevara-Satz: "Die Pflicht jedes Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen."

Der Kongress hatte zahlreiche prominente Unterstützer. Herbert Marcuse, Ingeborg Bachmann, Peter Weiss, Erich Fried, Ernst Bloch, Noam Chomsky, Hans Magnus Enzensberger, Hellmut Gollwitzer, Jean-Paul Sartre, Martin Walser und Günter Eich erklärten in einem Aufruf anlässlich des Kongresses: "Vietnam ist das Spanien unserer Generation. Wir dürfen nicht durch Schweigen oder Neutralität gegenüber dem revolutionären Kampf des vietnamesischen Volkes Schuld auf uns laden."

Zum Abschluss des Kongresses beteiligten sich am 18. Februar 1968 in West-Berlin mehr als 12.000 Menschen an einer Demonstration gegen den Vietnam-Krieg. Drei Tage später folgten fast 80.000 Menschen einem Aufruf des Berliner Senats und demonstrierten für die USA und gegen die revoltierenden Studenten.

11. April 1968, SDS-Zentrum am Kurfürstendamm: Attentat auf Rudi Dutschke

Kreideumriss am Tatort des Attentats auf Rudi Dutschke (Quelle: rbb)
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 Archivmaterial: 11.04.1968 (Video: Abendschau | 03.06.2017)

Rudi Dutschke war die zentrale Figur der Studentenbewegung und ihr politischer Vordenker. Zugleich wurde Dutschke durch seine exponierte Stellung als Wortführer der Bewegung zum Feindbild Nummer Eins für viele Rechte und Konservative. Am 11. April 1968, dem Gründonnerstag, wurde ihm dies zum Verhängnis: Der 23 Jahre alte Hilfsarbeiter Josef Bachmann griff Dutschke auf dem West-Berliner Kurfürstendamm vor dem Büro des "Sozialistischen Deutschen Studentenbunds" (SDS) an und verletzte ihn mit drei Kugeln lebensgefährlich.  Bachmann galt lang als Einzeltäter, der von rechtsextremen Publikationen aufgehetzt worden war. Während des Attentats hatte er einen Zeitungsartikel aus der rechtsextremen "Deutschen Nationalzeitung" dabei. In einer Art Steckbrief waren fünf Fotos von Dutschke mit dem Aufruf verbunden: "Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg".  Erst später ergaben "Spiegel"-Recherchen, dass Bachmann bereits lange vor dem Mordversuch in Kontakt mit der Neonazi-Szene im niedersächsischen Peine hatte.

Dutschke überlebte das Attentat, brauchte aber lange, um sich von den schweren Kopfverletzungen zu erholten. Elf Jahre nach der Tat, an Heiligabend 1979, starb Dutschke im dänischen Aarhus an den Spätfolgen des Angriffs: Er ertrank bei einem epileptischen Anfall in der Badewanne.

11. - 15. April 1968, Springer-Hochhaus: Proteste nach dem Dutschke-Attentat

Archivbild: Proteste nach dem Dutschke-Attentat in West-Berlin. (Quelle: rbb/Abendschau)
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Archivmaterial: 13.04.1968 (Video: Abendschau | 11.04.2008)

Das Attentat auf Rudi Dutschke machte aus der bis dahin zumeist friedlichen Protestbewegung eine Studentenrevolte, die fast alle Universitätsstädte erfasste.  Die studentischen Aktivisten werteten die Tat als eine Konsequenz der "systematischen Hetze" des Springerkonzerns gegen die linke Bewegung.  In Berlin zogen noch am Abend nach der Tat etwa 2.500 APO-Aktivisten zum Springer-Hochhaus in der Kreuzberger Kochstraße. Dort eskalierte die Demonstration innerhalb kurzer Zeit in eine Straßenschlacht zwischen Studenten und Polizisten. Auch an den Ostertagen kam es zu gewaltsamen Auseinerandersetzungen in Berlin, unter anderem am Kurfürstendamm. Die Proteste weiteten sich auf viele andere westdeutsche Städte aus. Bis Ostermontag lieferten sich etwa 11.000 Demonstranten in Hamburg, Hannover, Frankfurt, Köln, Essen, Esslingen und München Straßenschlachten mit der Polizei. In München kamen ein Fotograf und ein Student durch Steinwürfe ums Leben, bundesweit wurden mehrere hundert Menschen verletzt. In Paris, Brüssel, Amsterdam, Rom, Mailand, Wien, Prag, Oslo und Stockholm gab es Protestaktionen vor den deutschen Botschaften und Konsulaten.

Vom Wasserwerfer durchnässter Demonstrant auf der Demo zum Attentat auf Rudi Dutschke (Quelle: rbb)
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Archivmaterial: Abendschau | 14.04.1968  

27. Mai 1968, Freie Universität Berlin: Germanisches Seminar wird besetzt

Besetzer des germanischen Seminars mit Knüppel (Quelle: rbb)
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Archivmaterial: Abendschau | 31.05.1968

Als eine von vielen Protestaktionen gegen die geplanten Notstandsgesetze besetzten etwa 100 Studierende im Mai 1968 das Germanische Seminar der FU Berlin. Sie verbarrikadierten sich im Gebäude, hissten die rote Fahne auf dem Dach und benannten das Seminar in "Rosa-Luxemburg-Institut" um. Die Besetzung dauerte mehrere Wochen. Trotz der massiven Proteste der „Außerparlamentarischen Opposition“ wurden die Notstandsgesetze am 30. Mai 1968 mit den Stimmen der Großen Koalition im Bundestag  verabschiedet. Die Neuregelung sollte die Handlungsfähigkeit des Staates in Krisenzeiten sichern – sie erlaubte unter anderem den Einsatz der Bundeswehr bei politischen Unruhen und die Einschränkung von Grundrechten wie der Freizügigkeit.

4. November 1968, Landgericht Berlin: Schlacht am Tegeler Weg

Horst Mahler auf dem Weg zu seinem Prozess (Quelle: rbb)
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Archivmaterial: 04.11.1968 (Video: Abendschau | 05.09.1998)

Im November 1968 stand der Rechtsanwalt und APO-Aktivist Horst Mahler selbst vor dem Landgericht Berlin. Das Ehrengericht der Rechtsanwaltskammer sollte prüfen, ob Mahler mit einem Berufsverbot belegt wird, weil er sich nach dem Attentat auf Rudi Dutschke am Marsch auf das Springer-Hochhaus beteiligt hatte. Am Tag des Verfahrens kamen etwa 1.000 Menschen dem Demonstrationsaufruf des Studentenbundes SDS nach und versammelten sich in der Nähe des Landgerichts am Tegeler Weg in Charlottenburg. Mahler, der später vom Links- zum Rechtsextremismus wechselte, verteidigte als Anwalt zahlreiche zum Beispiel wegen Demonstrationsdelikten angeklagte Studenten. Er vertrat auch Beate Klarsfeld, Fritz Teufel, Rainer Langhans, Rudi Dutschke und die Familie Ohnesorg vor Gericht.

Viele Aktivisten der Bewegung empfanden das Verfahren gegen Mahler daher als Angriff der Klassenjustiz. Die Demonstranten bewarfen die Polizisten am Tegeler Weg mit Pflastersteinen, die ein in der Nähe geparkter LKW geladen hatte. Sie versuchten mehrfach, in Gerichtsgebäude einzudringen. Der Polizei gelang es - überrascht von der Militanz des Angriffs - erst nach zwei Stunden, die Demonstranten mit Tränengas abzudrängen. Die Bilanz: 120 verletzte Beamte und 22 Demonstranten. Die Straßenschlacht am Tegeler Weg gilt als ein Wendepunkt: das Ende der der friedlichen APO-Bewegung und der Beginn der gewaltsamen Auseinandersetzung der radikalen politischen Linken.

7. November 1968, Kongresshalle: Beate Klarsfeld ohrfeigt Kanzler Kurt Georg Kiesinger

Die aus Berlin stammende Französin Beate Klarsfeld beschimpft während einer Bundestagssitzung am 02.04.1968 von der Zuschauertribüne im Bundestag in Bonn Bundeskanzler Kiesinger als "Nazi" und "Verbrecher". (Quelle: dpa)
dpa

Video: Abendschau

Die 29-jährige deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld sorgte im November 1968 für einen Eklat, der die Nation entgeisterte: Beim CDU-Parteitag in der Berliner Kongresshalle verpasste sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine schallende Ohrfeige. Dazu schrie sie "Nazi, Nazi, Nazi". Kiesinger war 1933 in die NSDAP eingetreten, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs arbeitete er in der Rundfunkabteilung des Außenministeriums, dessen stellvertretender Leiter er wurde. Seit 1966 war der CDU-Politiker Kanzler und Regierungschef der großen Koalition. Klarsfeld erklärte dem "Spiegel", sie habe Kiesinger geohrfeigt, um zu beweisen, dass sich ein Teil des deutschen Volkes, insbesondere die Jugend, dagegen auflehne, dass ein Nazi Bundeskanzler sei.

Noch am Tag der Tat wurde Klarsfeld in einem beschleunigten Verfahren zu einem Jahr Haft ohne Bewährung verurteilt. Weil sie neben der deutschen auch die die französische Staatsangehörigkeit hatte, musste sie die Strafe aber nie antreten. Gemeinsam mit ihrem Mann Serge spürte Beate Klarsfeld später zahlreiche unbehelligt lebende Nazi-Verbrecher auf.

14. Mai 1970, Bibliothek des Zentralinstituts für soziale Fragen: Befreiung von Andreas Baader

Nach der Baader Befreiung (Quelle: rbb)
rbb

Video: Abendschau | 14.05.2010

Die gewaltsame Befreiung von Andreas Baader gilt als die Geburtsstunde der RAF. Baader saß wegen seiner Beteiligung an den Kaufhaus-Brandstiftungen in Frankfurt am Main in Haft. Geplant wurde die Aktion von einer Gruppe um Baaders Lebensgefährtin Gudrun Ensslin und Horst Mahler. Die Journalistin Ulrike Meinhof organisierte unter dem Vorwand, an einem Buchprojekt zu arbeiten, ein Treffen mit Baader in der Bibliothek des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in der Miquelstraße in Berlin-Dahlem. An der Befreiungsaktion waren neben Meinhof und Ensslin, Irene Goergens, Ingrid Schubert, Astrid Proll sowie ein Unbekannter beteiligt. Ein Mitarbeiter des Instituts wurde dabei angeschossen und schwer verletzt. Die Gruppe entkam durch ein Fenster, Ulrike Meinhof ging danach in den Untergrund. Anfang Juni veröffentlichte die Beteiligten in der anarchistischen Zeitschrift "Agit 883" den Text "Die Rote Armee aufbauen!", in dem die Gründung der Gruppe verkündet wurde.   

Beitrag von Daniela Sting

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Die 68er wollten die Befreiung der Völker, nicht aber unbedingt, dass die alle hierherkommen. Ich bezweifle nicht, dass die AfD komplett irre ist. Trotzdem gibt es Probleme im Rahmen der Masseneinwanderung, dem sich die politische Klasse nicht annehmen will und für die sie wenn dann nur zaghafte Lösungen hat.

    Zum Thema: Die 68er haben sich erst zu dem Zeitpunkt radikalisiert und bewaffnet, nachdem der Staat mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten vorgegangen ist und Rechtsradikale auf Dutschke schossen. Der Staat und die Bild haben also genau das erreicht, was sie wollten. Die Linken sollten als gewalttätige Flegel, später als Terroristen dargestellt werden, damit ihre politischen Vorstellungen in der Gesellschaft inakzeptabel wurden. Auch das brutale Vorgehen der USA im Vietnamkrieg tat sein übriges.

    Immerhin haben die meisten Linken nun Gewalt als politisches Mittel aufgegeben. Es ist weitaus effektiver durch die Institutionen zu marschieren. Damals wie heute.

  2. 1.

    Wenn ich mir den Bundestag anschaue und dort die Rassisten, Revisionisten und Ewiggestrigen brauchen wir wieder eine Beate Klarsfeld.

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