Babyfüsse und Kitaplatz (Quelle: rbb/Michael Handel, Signet: rbb|24/Winkler)
Audio: Inforadio | 22.05.2018 | Tina Handel | Bild: rbb/Michael Handel

Serie | Kitajagd – Berlin, der Platzkampf und ich - "Denken Sie schon mal über eine Klage nach!"

Sie sind auf Kitaplatzsuche? In Berlin? Das hier ist das schlimmste Jahr aller Zeiten, sagen die Erzieher und die Medien. Doch was heißt das für mich? Mein Sohn ist gerade geboren und ich lebe im Zentrum der Kampfzone. Ein Tagebuch aus der Kita-Krise. Von Tina Handel

Zwei Tage nach der Geburt von Junior*: Ich versuche gerade mal etwas zu schlafen zwischen Besuchern und der endlosen Stationsroutine aus Blutdruckmessen, Visite, Wäschetrupp, Putzkolonne und schließlich der Putzkontrollkolonne, die kontrolliert, ob das Putzen vorher ordnungsgemäß war. Ich bin gerade eingenickt, da drängt die Berliner Bürokratie direkt an mein Krankenhausbett: Eine nette Frau steht da, stellt sich als Sozialarbeiterin des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg vor und als es um das Thema Kitaplatz geht, sagt sie kurz danach den Satz: "Denken Sie schon mal über eine Klage nach!"

Ich denke eher darüber nach, wie viele Tassen Stilltee ich heute eigentlich schon getrunken habe oder ob die Krankenhaus-Strampler nicht viel zu warm für den Kleinen sind. Jetzt also knallhartes Erwachsenen-Business.

Einmal pro Woche: Mehr nicht!

Die Sozialarbeiterin weiß, was die Eltern hier beschäftigt: das leidige Kita-Thema. Wahrscheinlich sagt sie diesen Satz in jedem Zimmer den ganzen Klinikflur rauf und runter. Soll ich jetzt mit den Mamas auf der Station schon mal eine Sammelklage verabreden? Treffpunkt Stillzimmer, bitte jede mit Anwalt?

"Also wir haben angefangen zu suchen, als ich im fünften Monat war!", sage ich beherzt und sehe sie an. Das sei leider kein Rekord, antwortet die Sozialarbeiterin und versucht, irgendwie milde aus dem Gespräch herauszugehen: "Machen Sie sich nicht verrückt. Mein Tipp: Beschäftigen Sie sich einen Tag pro Woche mit dem Thema – mehr nicht! Sonst haben Sie nichts von Ihrer Elternzeit."

Kurzer Spoiler: Bisher hat das leider nicht geklappt.

Lange Listen der Warterei

Der Wahnsinn Kitaplatzsuche hat uns voll erwischt. Das Schlimme ist: Man hat jetzt –  Junior ist gerade sechs Wochen alt – auch sehr viel Zeit, Panik zu entwickeln. Wenn er ein Jahr alt ist, möchten wir ihn gerne in die Kita bringen. Und bis dahin schießen Tausend Fragen durch den Kopf: Wie soll das im Beruf mit Teilzeit funktionieren? Und wie wenig Teilzeit wird das sein? Wie viel Geld hat man dann noch pro Monat? Werden wir je wieder voll arbeiten? Wie kann ein Notfallplan aussehen? Müssen alle Verwandten, die in Berlin wohnen – Schwestern, Bruder, Oma, die 88-jährige Uroma – eine Art Ersatz-Kita bilden?

Ich habe gerade einmal durchgezählt: Wir haben bislang mit 31 Kitas Kontakt aufgenommen, bei vielen waren wir persönlich. Bei rund 20 stehen wir schon auf seltsamen Wartelisten, die in den nächsten Monaten mit weiteren Kindern gefüllt werden, die gerade noch fröhlich an ihrer Plazenta hängen. Es fällt schwer, durch unser sehr kinderreiches Wohngebiet an der Grenze von Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Lichtenberg zu laufen und nicht bei jeder Schwangeren zu denken: "Hoffentlich sind da keine Zwillinge drin!"

"In Berlin eskaliert der Kampf"

Das alles kommt natürlich nicht überraschend für uns, schließlich lesen wir überall Schlagzeilen wie "In Berlin eskaliert der Kampf". Oder: "Eltern werden es in diesem Jahr besonders schwer haben." Ein Experte warnt in einem Zeitungsinterview: "So eng war es lange nicht."

Aber ich lese natürlich nicht nur Zeitung. Was sonst noch passiert und wie wir versuchen, einen Platz zu ergattern – das will ich die nächsten Monate hier aufschreiben.
 

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet so macht, soll er später selbst entscheiden.

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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14 Kommentare

  1. 14.

    ...dann sollte es Eltern eben ermöglicht werden, sich auch nur mit einem Gehalt um ihren Nachwuchs kümmern zu können - zumindest solange die Kita-Situation nicht entschärft ist. Erziehungsgeld für diejenigen, die zu Hause bleiben und ja schließlich mit der Kindererziehung auch etwasfür die gesellschaft leisten, wäre angebracht.

  2. 13.

    Ich glaube Sie. leben nicht im hier und heute,wer kann denn heute mit einer Familie mit einem Gehalt über die Runden kommen.
    Von den Alleinerziehenden erst gar nicht zu reden.

  3. 12.

    Guten morgen MaMü
    Was war den in den 50ern soooo schlecht? - Wird heute gerne nachgemacht z.B,Mode ....
    und in die bayrischen Bergdörfer gehen AUCH viele Berliner gerne in den Urlaub .... usw, usw...
    Manchen, ich sage nicht allen, Ur-Berlinern kann man aber auch gar nichts recht machen !


  4. 11.

    a) Kitas sind für Kinder wichtig - wo kommen sie denn heute noch mit anderen Kindern in Kontakt? Wo lernen sie, mit anderen Menschen auszukommen, sich mit Spielpartnern zu einigen, ihre eigenen Interessen zu vertreten? Wo lernen sie, selbstständig zu werden? (Spoiler: zuhause eher nicht) Wir leben nicht in Bullerbü. Die Alternative - Mama beim Putzen im Weg zu sein, beim Einkaufen quengeln zu dürfen
    b) Kita-Träger: Das Problem ist, dass Erzieher sowohl vom Stellenschlüssel , von der Planung der Arbeitszeit, von den Anforderungen an das Personal sehr viel schlechter gestellt sind als Lehrer, egal ob staatlich oder privat. Die freien Träger zahlen schlechter als die staatlichen, sind dafür etwas flexibler in manchen Dingen. Aber das Grundproblem haben beide. Und nur mal zur Relation: in Berlin verdient die Leitung einer großen Kita (180 Kinder / Jahresumsatz von 1,5-2 Mio / Personalverantwortung für 25-30 Menschen) weniger als ein Grundschullehrer im ersten Berufsjahr...

  5. 10.

    Ein Segen für jeden der es sich leisten kann, mein Mann und ich haben zu dieser Zeit ausschließlich von meinem Gehalt (Elterngeld) gelebt da er Student war. Wir sind da auch kein Einzelfall. Es ist indiskutabel da über 3 Jahre Elternzeit überhaupt nur nachzudenken. Das können sich die wenigsten leisten. Dieser Post erscheint mir ignorant gegenüber einer Überzahl der Bürger in diesem Land.

  6. 9.

    Im derzeitigen System bzg. Krippen und Kitas scheint mir dass privater Betrieb besser geregelt sein könnte - u.a. was Zuschuß öff. Mittel betrifft. Sowas löst den Platzmangel zwar nicht unbedingt, insb. wenn Personalmangel und/oder selbst mit dem Zuschuß kaum betrieblich rentabel bei relativ hoher Miete (wenn auch manche Firma Betreiber Räumlichkeit umsonst anbieten würde um Kita vor Ort zu haben). Aber privater scheint sich eher ins Zeug zu legen um z.B. Azubis ranzuholen, z.B. mit auch gleich Wohnungsvermittlerangebot und vielleicht auch Deutsch-Kursangebot wenn im Schengen-Ausland wirbt (wo in manchen Ländern Deutsch als Fremdsprache an Schulen gelehrt wird), statt wenn der ganze Apparat der öff. Kitas an der einen Politikerbüroentscheidung hängt. Und des weitern gibt es dann eben auch Thema bzg. Au-Pairs, welche zwar nicht Erzieher an für sich, aber wenn wie z.B. in UK und des weitern eben (zum Teil) durch Zuschuß gedeckt, Mehrkosten durch solche Aushilfe sind nicht unbedingt.

  7. 8.

    "Kampf" - "Eskalation" - "Notfallplan" - "Panik"

    Ein Kindlein ist geboren worden oder soll bald geboren werden. Was für ein schönes Ereignis! Freuen wir uns an dem Kindchen, genießen wir das Zusammensein, unterstützen es beim Wachwerden, Weltentdecken, Bindungen bauen.
    überlegen wir, wie wir zurechtkommen können mit dem vorhandenen Geld, ein Frischling muss nicht teuer sein, bis auf die Windeln bekommt man vieles geschenkt oder second hand (ist auch ökologischer!), wenn man stillt, hat man im ersten halben Jahr keine Ernährungskosten, die dann folgenden sind zu vernachlässigen, wenn in der Familie gekocht wird, Reisen außerhalb der Ferienzeiten sind günstig und die Kleinchen sind oft kostenlos dabei.

    Man kann sich ja anmelden in den Kindereinrichtugen, vielleicht gibt es ja einen Platz, spätestens ja am 3. Geburtstag. Aber die Zeit bis dahin sollte Mama oder Papa, je nachdem, wer zu Hause bleibt, als gute Zeit, als Geschenk empfinden und genießen. Finde ich.

  8. 6.

    Oh, ja genau. Der Mann, der im Idealfall schon das Weite gesucht hat, bevor das Kind auf der Welt ist.
    Was ist daran falsch, dem Kind vorzuleben, das jeder Elternteil gleichwertig Verantwortung übernimmt ohne sich vom Anderen abhängig zu machen?
    Dann kann das Kind am Vormittag Gesellschaft gleichaltriger genießen, Dinge lernen, die die Kleinfamilie nun einmal nicht bieten kann und hat am Nachmittag ein Elternteil, das es versorgt.
    Und historisch gesehen war nie allein die Mutter für ihr Kind verantwortlich. Junge Frauen waren schon immer wertvolle Arbeitskräfte. Die Großfamilie hat es aufgefangen.
    Ihr Idealbild stammt aus der Zeit des Wirtschaftswunders und den zwei Jahrzehnten davor.

  9. 5.

    Schön, wenn sie es schaffen, von einem Gehalt Miete und Familie zu finanzieren. Das ist nicht allen Familien gegeben. Aber vermutlich dürfen diese dann keine Kinder bekommen?! Davon abgesehen, bedeutet berufstätig zu sein, nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch Bestätigung und nicht zuletzt auch als Frau und Mutter unabhängig zu bleiben. Bei den Scheidungsraten ein nicht von der Hand zu weisender Faktor. Willkommen im 21ten Jahrhundert

  10. 4.

    ...und der Bankangestellte, der mein Geld verwaltet, bekommt weit mehr Geld, als die Erzieherin, die sich um mein Kind kümmert... DAS ALLES IST DEUTSCHLAND-DAS ALLES SIND WIR...

  11. 3.

    Oder die Frau kümmert sich um das Geld und der Mann ums Kind. Mich würde Ihr Alter und Ihre Sozialisierung interessieren.

  12. 2.

    So reich ist Deutschland, es kann sich seine eigenen Kinder und eine angemessene Bezahlung für die Erzieherinnen nicht leisten. Wir müssten hier eigentlich "blühende Landschaften" haben.

  13. 1.

    Als Mutter sollte man dazu bereit sein sich um seine Kinder zu kümmern und sie nicht bei der ersten Gelegenheit beim Kindergarten oder Hort zu entsorgen. Um das Geld muss sich der Mann kümmern. Ist meine Meinung.

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