Eine Treppe innerhalb einer Kita in Berlin, Neukölln (Bild: dpa/Volkmar Heinz, Signet: rbb24/Winkler)
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Audio: Inforadio | 24.05.2018 | Tina Handel | Bild: dpa/Volkmar Heinz

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 2 - "Ich darf Sie nicht mal auf eine Warteliste setzen"

Ende März erstritten Eltern vor dem Berliner Oberverwaltungsgericht einen Kitaplatz. Seitdem ist die Suche für alle anderen noch ein bisschen schwieriger geworden. Das muss auch Tina Handel bei ihrer Kitajagd erfahren. Ein Tagebuch aus der Kita-Krise.

Mein Eindruck ist: Irgendwie sind jetzt alle erst recht verwirrt und wissen nicht mehr, was sie dürfen oder nicht. Das merke ich, als ich eine städtische Kita in Friedrichshain besuche – natürlich um hier vielleicht in ein paar Monaten einen Platz zu haben.

Ost-Kitas haben Vorteile

Kitas in Ost-Berlin, diese typischen zwei- oder dreigeschossigen DDR-Bauten, erinnern mich immer an meine eigene Kindergarten-Zeit: An den Wänden sozialistischer Realismus oder Märchen-Mosaike. Oft riecht es nach einer Mischung aus Grießbrei und Kartoffelbrei. Und auch als ich eine Kita in Friedrichshain besuche, wuchtet gerade eine Mitarbeiterin Tröge mit irgendeiner Art von Brei aus einem kleinen Fahrstuhl. Meist sehen so die Kitas aus, die Berlin im Eigenbetrieb managt. Ganz schön ostig, einerseits.

Der Vorteil andererseits: Hier gibt es viele Plätze, teils 200 pro Haus. Die Öffnungszeiten erlauben es auch Eltern, die keinen Minijob im Büro um die Ecke haben, einem Beruf nachzugehen. Und die großen Gärten sind schön – auf die wäre so mancher Kreuzberger Kinderladen neidisch.

Seit einer Woche sind die Schotten dicht

Eine Treppe hoch, da sitzt die Leiterin, Frau S., und telefoniert permanent. Sie ist der "Ich-mach-das-hier-schon-ein-paar-Jahrzehnte"-Typ. Freundlich, aber resolut. Kurze graue Haare, praktischer Schnitt. Auflegen, Durchatmen, dann setzt sie sich zu mir und schaut auf das Baby in der Trage. "Seit einer Woche darf ich gar nichts mehr tun", sagt sie: "Ich darf keine Zusagen machen. Ich darf Sie nicht mal auf eine Warteliste setzen."

Ich schaue sie fragend an. Vor ein paar Wochen hatten wir noch E-Mails geschrieben und sie hatte mich gebeten, einfach vorbeizukommen, wenn ich mich für einen Platz anmelden möchte. Jetzt ist also alles anders – und das liegt wohl an der von Eltern gewonnenen Klage: "Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat selber Leute auf der Warteliste. Die möchten sie jetzt auf die städtischen Kitas verteilen", erklärt Frau S.

Heulende Eltern im Treppenhaus

Und jetzt habe sie als Kitaleiterin den Schwarzen Peter. Sie habe nämlich auch schon Eltern Zusagen gegeben, Wartelisten geführt. Nun seien die Kindergärten total verunsichert: Ist das jetzt vielleicht auch justiziabel? Werden bald Kitaleiterinnen von Eltern verklagt, ihre Zusagen einzuhalten? Bislang habe sie keine Klage im Briefkasten gehabt, aber "heulende Eltern im Treppenhaus".

Todesdrohungen gegen eine Kitaleiterin

Und Heulen sei noch die milde Form der Verzweiflung. "In Kreuzberg ist letztens eine Kollegin mit dem Tod bedroht worden!", erzählt Frau S. "Ich bringe Sie um, wenn wir keinen Platz bekommen", habe ein Vater ziemlich glaubhaft gezischt. Daumen und Zeigefinger von Frau S. bilden jetzt einen  Abstand von vielleicht zehn Zentimeter: "Der stand so nah vor ihr, das war richtig körperlich."

Daraufhin versuche ich einen Witz: "Naja, ich könnte ja andere Eltern ihre schöne bunte Treppe herunterstoßen, wenn die meinen Platz wollen." Wir lachen beide. Auf diesem Niveau führt man Gespräche.

In Pankow gibt es noch Hoffnung

Ein paar Tage später will ich im Jugendamt Pankow herausfinden, ob auch der Bezirk seine Kitas zwingt, keine Plätze mehr eigenhändig zu vergeben. Dort treffe ich eine alte Bekannte aus der Schulzeit. Ihr Problem: Sie habe eine mündliche Zusage einer Kita in Mitte, wohne aber in Pankow. Jetzt wolle das Jugendamt Mitte ihr den Platz wegnehmen und an Leute auf der eigenen Liste verteilen. Natürlich nur an solche, die im eigenen Bezirk wohnen. Alles auf Anfang. Auf die falsche Kita gesetzt. Und jetzt?

Immerhin ergibt meine Recherche: Pankow macht es nicht so, hat keine eigene Liste, die alle anderen aussticht. Das versichert mir Frau T., eine Mitarbeiterin, die sich - ohne Terminvereinbarung - 15 Minuten Zeit für ein persönliches Gespräch nimmt. Am Ende sagt sie aber auch: "Also das ist der Stand jetzt, wer weiß, was in vier Wochen ist." Und fügt mal so grundsätzlich hinzu: "Machen Sie sich schon mal einen Notfallplan für die nächsten zwei Jahre." So schnell werde sich nämlich die Lage nicht ändern, trotz aller politischen Ideen, die jetzt auf dem Tisch liegen.

Vor ein paar Jahren wurden noch Kitas geschlossen

Der Erfolg der Kita-Klage heißt also für viele Eltern auch: Der sicher geglaubte Platz ist womöglich futsch. Und für uns bedeutet das: Bei den Eigenbetrieb-Kitas, die wir in Friedrichshain-Kreuzberg besucht haben, waren wir wahrscheinlich umsonst. Stehen auf Listen, die nichts mehr gelten. Zeit vertan. Man hat ja sonst nichts zu tun mit Baby.

Die alten Ost-Kitas, zum Beispiel in meiner alten Hood Lichtenberg, wurden übrigens vor Jahren massenhaft geschlossen. Spaßeshalber habe ich noch einmal in alten Papieren der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung von 2002 nachgelesen. Da steht der schöne Satz: "Aus den prognostizierten Daten der Bevölkerung ist zu schließen, dass es in den nächsten zehn Jahren keinen weiteren Bedarf an Kindertagesstätten geben wird." Was es stattdessen brauche: "Umnutzungen, Nachnutzungen, Abrisskonzepte."

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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1 Kommentar

  1. 1.

    Vielleicht brauchen wir gemeinsame Lobbyarbeit als Eltern. Wenn wir weiterhin in den anderen Eltern nur Konkurrenz im Streit um die wenigen Plätze sehen, können wir nie den nötigen Druck aufbauen, endlich an dieser fatalen Situation etwas zu ändern.

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