Schülerinnen und Schüler einer Sekundarschule in Berlin-Charlottenburg (Quelle: Imago)
Video: Abendschau | 16.05.2018 | Norbert Siegmund | Bild: imago

Kriminalität - Polizei registriert deutlich mehr Straftaten an Berliner Schulen

Berliner Schüler werden laut Statistik zunehmend mit Kriminalität konfrontiert. Das geht aus Zahlen des Senats hervor, die dem rbb vorliegen. So wurden in und an Schulen zuletzt deutlich mehr Körperverletzungen zur Anzeige gebracht.

Berliner Schüler werden immer öfter mit Straftaten im Umfeld ihrer Schule konfrontiert. Das geht aus einer detaillierten Antwort des Senats auf eine parlamentarische Anfrage der FDP hervor. Demnach registrierte die Polizei 2017 in und um die 700 Berliner Schulen fast 1.000 Delikte mehr als noch im Jahr 2014.

Besonders auffällig ist, dass es eine starke Zunahme an Körperverletzungen innerhalb dieser Zeit gab (+24,1 Prozent). Diese Entwicklung ist bemerkenswert, da im gleichen Zeitraum berlinweit Körperverletzungen weitaus geringer zugenommen haben (+5 Prozent). Auch Delikte, die unter Nötigung, Freitheitsberaubung und Bedrohung zusammengefasst sind, haben massiv zugenommen (+55,8 Prozent). In absoluten Zahlen spielen diese allerdings nur eine untergeordnete Rolle.

Es gibt auch erfreuliche Nachrichten. Schwere Straftaten wie Raub, Sexualdelikte oder Straftaten, die in Verbindung zu Drogen stehen, wurden sehr selten erfasst. Die Zahl der Diebstähle im Umfeld von Schulen ging insbesondere zwischen 2016 und 2017 massiv zurück.

Ist der Alltag an Berliner Schulen härter geworden?

Diese Frage lässt sich anhand dieser Zahlen nicht abschließend beantworten. So ist es zum Beispiel möglich, dass Lehrer, Schüler und Eltern heute weitaus sensibler reagieren und Problemen mit mehr Ernst begegnen. Einige Schulen fallen in der Statistik nur deshalb durch besonders hohe Fallzahlen auf, weil die Schulleitung eine Null-Toleranz-Strategie verfolgt und jeden Verdachtsfall zur Anzeige bringt.

Die Zahlen des Senats basieren zudem auf der Polizeistatistik. Es geht somit um Anzeigen und nicht um abgeschlossene juristische Fälle, die aufgeklärt und durch Richter beurteilt wurden. Zudem registriert die Polizei bei Straftaten den Verbrechensort mit dessen Adresse. Das heißt, ein Autodiebstahl, der an sich nichts mit dem Alltag der dahinter liegenden Schule zu tun hat, kann auch Teil dieser Statistik sein.

Warum eine Schule in der Charité die Statistik verfälscht

Wie sehr die Adresse einer Schule diese Statistik verzerren kann, zeigt das Beispiel der Schule an der Charité, an der kranke Kinder im schulpflichtigen Alter unterrichtet werden. Laut der nun verfügbaren Zahlen fanden hier mit Abstand die meisten Delikte statt. Allerdings hat die Schule dieselbe Adresse wie der riesige Virchow Campus des Krankenhauses. Dass diese Schule, an der vergleichsweise wenige Kinder unterrichtet werden, die sich zudem quasi rund um die Uhr in Betreuung befinden, besonders gefährlich ist, kann ausgeschlossen werden.

Es ist auch schwierig, einzelne Schulen miteinander zu vergleichen, da sie sich allein aufgrund der Anzahl ihrer Schüler massiv unterscheiden können. Da sich die registrierten Delikte meist bei weniger als 30 pro Jahr pro Schule bewegen, ist es auch möglich, dass die Statistik durch Einzelpersonen besonders stark beeinflusst werden kann. Etwa durch einen einzigen verhaltensauffälligen Schüler oder ein Elternteil, dass besonders anzeigefreudig agiert.

Was sich dennoch sagen lässt

Diese Zahlen sind allerdings keinesfalls wertlos. Im Gegenteil. Dass im Umfeld von Berliner Schulen die Zahl der polizeilich regisitrierten Delikte steigt, teilweise sogar stark, steht in einem krassen Widerspruch zur generellen Entwicklung. Denn zuletzt meldete die Polizei, dass Berliner seltener mit Gewalt- und Straftaten konfrontiert werden. Warum scheinen also ausgerechnet Kinder einen anderen Alltag zu erleben als der Rest der Bevölkerung? Diese Frage sollte jetzt dringend politisch beantwortet werden.

Zudem lohnt es sich, den Durchschnitt der Delikte innerhalb der Berliner Bezirke miteinander zu vergleichen. Dann zeigt sich, wo mehr für die Sicherheit von Schülern getan werden sollte. "Wir sehen zumindest jetzt erstmalig welche Schwerpunkte es bei Straftaten an Schulen gibt", sagte der Berliner FDP-Abgeordnete Marcel Luthe dem rbb. "Und damit haben wir erstmalig auch die Möglichkeit gezielt zu reagieren und bei den Schulen, bei denen es ganz offensichtlich auch einen Bedarf gibt, für Sicherheit zu sorgen." Luthe hatte die Innenverwaltung aufgefordert, die Polizeidaten zu den Adressen der Berliner Schulen herauszugeben.

Gegenüber der rbb Abendschau hob Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) etwa lobend hervor, dass in Neukölln die Zahl der registrierten Delikte rückläufig ist. Hier setzt der Bezirk bereits seit zehn Jahren an krieselnden Schulen Wachschützer ein. "Es gibt eben Fälle, auch von Gewalttätigkeit sowohl von Schülern als auch von Eltern. Das kann man nicht tolerieren und das kann man dann auch nicht mehr pädagogisch lösen. Da muss man die Polizei einschalten", so Scheeres. In solchen Fällen seien die Bezirke gefordert, sich mit den Sicherheitsmaßnahmen an den Schulen auseinander zu setzen.

Text: Oliver Noffke, Datenanalyse: Kira Schacht und Dominik Wurnig

 

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Was mir bei der gesamten Berichterstattung nicht gefällt, ist der Fokus auf die Schulen. Die Schule darf nicht als Sündenbock für die Versäumnisse der Eltern und der Politik!
    In Stadtteilen in schwierigen Problemlagen ist die "Schuld" nicht bei den Schulen zu suchen!! Diese Schulen leisten in der Regel eine sehr gute Arbeit, jedoch sind diese aufgrund der Masse an problematischen Schülern und Schülerinnen mit den Aufgaben mehr als ausgelastet. Würden die Kollegien dieser Schulen nicht so ausgezeichnet arbeiten, so wären die Zahlen an Gewalttaten an diesen Schulen wesentlich höher.
    Während eine Schule in einem Problembezirk mehrere Dutzend Konzepte und Maßnahmen beschlossen hat, um der Realität zu begegnen, braucht eine Schule in einem bürgerlichen Gebiet kein einziges Konzept, da es dort einfach andere Schüler_innen gibt.
    Wir brauchen daher Lösungen im Sozialraum und unterstützung von Eltern bei einer Erziehung!

  2. 3.

    Aussage des Rektor der örtlichen Grundschule bei körperlicher Gewalt eines "aufbrausenden" Schülers: zeigen Sie den Schüler bei der Polizei an, wir werden als Schule nichts unternehmen. Dann, als er als Zeuge auftreten sollte, konnte er sich an nichts mehr erinnern, habe nie etwas kritisches über diesen Schüler geäußert - nichts.
    Sorry, was lernen Eltern daraus?
    - die Schulen WOLLEN nichts unternehmen gegen Rüpel
    - die Eltern werden gezwungen, eine Anzeige zu erstatten, damit die Polizei die Erziehungstätigkeit der Eltern und der Schulen übernimmt.
    - die Schulen kneifen, wo sie können, zu Zeugenaussagen sind sie nicht zu bewegen aus Angst vor einer Anzeige der Eltern der Rüpel
    - das Rechtssystem und die Polizei sind für derartige Erziehungsstreitigkeiten nicht geeignet... logisch.
    - am Schluss bleibt ein geschädigter Schüler nebst zum Affen gemachten Eltern zurück, der Rüpel rüpelt weiter. Er ist ja nicht strafmündig.

  3. 2.

    Schon lange überfällig: Sicherheitsdienst und/oder Polizisten müssen Taschenkontrollen, Pausenaufsicht, Gangaufsicht etc machen. Gewalttäter fassen, schnell aburteilen, bei Wiederholung Verweis, in letzter Konsequenz von allen normalen Schulen ausschliessen. Sonst setzen sich Gewaltgruppen an den Schulen fest und "beherrschen" diese Schulen. Mit Watte werfen wird das nichts.

  4. 1.

    Was ist daran so schwierig, die Anzahl der Straftaten ins Verhältnis zur Schülerzahl zu setzen .....??
    So,zur besseren Vergleichbarkeit! Aber vielleicht wollen das ja die staatlichen Stellen gar nicht...... Bei den Prüfungsnoten wird ja auch verglichen und da interessiert nicht, ob die Schule in Zehlendorf oder Neukölln liegt oder wie hoch der Anteil der Kinder aus sog. "bildungsfernen" Schichten ist!!!

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