Am Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie in Berlin (Quelle: dpa/Gellguth)
Video: Aktuell | 15.05.2018 | Bild: dpa/Ellguth

Berliner Anti-Gewalt-Projekt - Maneo zählt so viele Übergriffe auf queere Menschen wie nie

324 Übergriffe auf queere Menschen wurden dem Berliner Anti-Gewalt-Projekt Maneo im letzten Jahr gemeldet - das ist ein neuer Rekord. Die Zahlen der Polizei allerdings liegen deutlich niedriger. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Vorletzte Woche Freitag auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln: Svenja Maria H. steht an einer Bushaltestelle. Plötzlich läuft ein Unbekannter auf sie zu und schlägt ihr mit der Faust ins Gesicht. Als sie am Boden liegt, tritt er ihr noch mit dem Fuß gegen den Kehlkopf – denn Svenja Maria H. ist eine Transfrau. Es ist ein Fall, der große Aufmerksamkeit erregt hat, aber er ist bei weitem nicht der einzige: 324 Übergriffe und Gewalttaten gegen queere Menschen – also Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen – zählte das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo im letzten Jahr in Berlin. Das sind so viele wie noch nie. 2016 hatte Maneo 291 Fälle erfasst.

Bastian Finke (Quelle: dpa/Reetz)
Maneo-Leiter Bastian Finke | Bild: dpa/Reetz

Rund ein Drittel der Taten sind Körperverletzungen, 27 Prozent sind Beleidigungen, ein Viertel machen Nötigungen und Bedrohungen aus, und 14 Prozent der Fälle sind Raubstraftaten. "Sichtbar wird nur die Spitze eines Eisberges", so Maneo-Leiter Bastian Finke. "Gesamtgesellschaftliche Anstrengungen müssen verstärkt werden, homo- und transphobe Angriffe zu sanktionieren und Betroffenen zu helfen."

"Gesamtgesellschaftliche Anstrengungen müssen verstärkt werden, homo- und trans*phobe Angriffe zu sanktionieren und Betroffenen zu helfen.

Maneo-Leiter Bastian Finke

Polizei hat nur halb so viele gemeldete Fälle

Der Berliner Polizei wurden im vergangenen Jahr 164 Straftaten gegen queere Menschen gemeldet. Das sind genauso viele wie im Jahr 2016 – damit verharrt die Zahl auf einem Rekordhoch. Trotzdem ist sie nur halb so hoch wie der Wert von Maneo. "Wir sind mehr mit den Szenen vernetzt, vor allem aber sind wir eine unabhängige Stelle", erklärt sich Bastian Finke den Unterschied. Anne Grießbach-Baerns, eine von zwei Ansprechpersonen der Berliner Polizei für queere Menschen, verweist außerdem auf das große Dunkelfeld: "Wir schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Fälle nicht angezeigt werden." In Wahrheit werden also wohl deutlich mehr Taten begangen.

Über die möglichen Gründe für die fehlenden Anzeigen kann Grießbach-Baerns nur spekulieren: "Ich vermute, dass viele Opfer die Straftat zu gering finden oder möglicherweise denken, dass die Polizei nichts macht." Dabei könne etwa jede zweite Straftat aufgeklärt werden. "Vielleicht haben einige auch noch Vorurteile gegen die Polizei aus der Vergangenheit." Jahrzehntelang verfolgte die Polizei vor allem homosexuelle Männer wegen des früheren Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch, der erst 1994 abgeschafft wurde.

Häufigster Tatort: die Öffentlichkeit

Die meisten von der Polizei erfassten "Straftaten gegen die sexuelle Orientierung", wie sie offiziell heißen, gab es letztes Jahr in Mitte, Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Neukölln, also dort, wo viele queere Clubs und Bars zu Hause sind oder queere Großveranstaltungen wie der CSD stattfinden.

Auch die meisten Gewaltdelikte wurden in Mitte begangen, vor Tempelhof-Schöneberg und Neukölln. Weniger schwere Straftaten fließen – wenn sie angezeigt werden – ebenfalls in die Polizei-Statistik mit ein: Wenn zum Beispiel "schwule Sau" an eine Wand geschrieben wird, zählt dies als Sachbeschädigung mit homofeindlichem Hintergrund. Solche und andere "sonstige Delikte" wie Beleidigungen machen knapp zwei Drittel der Straftaten gegen queere Menschen in Berlin aus, Gewaltdelikte etwas mehr als ein Drittel.

Die Opfer, aber auch die Täter bei homo- und transfeindlichen Taten, sind fast immer Männer. "Wir leben noch immer in einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der der öffentliche Raum ein männlich dominierter Raum ist", glaubt Finke. "Männer, die aus den Rollen tanzen, bekommen die Folgen zu spüren. Sie werden quasi sanktioniert." Tatort ist meist der öffentliche Raum. Mehr als die Hälfte der von Maneo gesammelten Fälle geschahen dort.

Auch die Zahlen von Maneo sind wohl zu niedrig

Insgesamt erhielt Maneo im vergangenen Jahr mehr als 800 Hinweise auf homo- und transfeindliche Fälle: "Allerdings nicht nur aus Berlin, sondern aus der gesamten Region, teilweise sogar aus ganz Deutschland", erzählt Bastian Finke. Diese werden mit vielen ehrenamtlichen Helfern ausgewertet. Da sich Maneo vor allem an schwule Männer und weniger an lesbische Frauen oder transgeschlechtliche Menschen richtet, sind aber wohl selbst die Maneo-Zahlen zu niedrig und bilden noch lange nicht das wahre Ausmaß der Realität ab.

Sendung: Radioeins, 15.05.2018, 16:05 Uhr

Beitrag von Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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31 Kommentare

  1. 31.

    Ich weiß worauf Sie hinauswollen mit solch einen Kommentar. Meine Antwort würde leider der Netiquette zum Opfer fallen. Schade bei solch Dreistigkeit ihrerseits.

  2. 30.

    Normal ist das Gegenteil von unnormal.
    Unnormal bedeutet: nicht so, wie es üblich ist.
    Synonyme: abartig, abnorm, abseitig, anormal, pervers
    Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/unnormal
    Ich hoffe mich trift keine Zensur das ist ja immer so eine Sache...

  3. 28.

    "Aber ich reagiere empfindlich, besonders zu diesem Thema. "

    Das verstehe ich voll und ganz.
    Danke für die Rückmeldung und die Information.

  4. 27.

    Mit Verlaub Herr Krüger, nun verstehe ich zumindest wie und was Sie meinen. Wieso nicht gleich so? Ich habe schon in einen anderen Beitrag im Forum dargelegt, dass ich zuersteinmal jeden Menschen egal welche Zugehörigkeit, Aussehen u.s.w. dieser angehört respektiere. Umgekehrt erwarte ich das gleiche. Mein Vorschlag an Sie zur Güte, sich mal zu Informieren z.B. über die“ Siegessäule.de“ dem Schwulen Stadtmagazin, ist nicht abfällig gemeint. Ganz im Gegenteil. Bitte um Nachsicht wenn dies falsch angekommen ist. Aber ich reagiere empfindlich, besonders zu diesem Thema. Gewalt gegenüber Minderheiten ist vollkommen inakzeptabel.

  5. 26.

    "... höchstens was für Nichtschwule."

    Ich habe den vorhergehenden Text von Ihnen, auf den ich mich jetzt beziehe, glatt übersehen.

    So viel vielleicht dazu:
    Ja, ich bin weder homosexuell, noch wäre ich (darum) Mitglied der Gay-Community. Meine Beiträge schreibe ich mit Sympathie und bei Abwehr gegen jene, die das alles denunzieren. sichtlich aus der Perspektive eines Außenstehenden.

    Ich wüsste allerdings nicht, warum das nicht statthaft sein soll. Nicht statthaft wäre es nur dann, wenn Gleich- und Andersgeschlechtliche sichtbar unter sich bleiben wollten und in Beziehung zu ihrer Mitwelt von der verlangen würden, ihr 1 : 1 zu folgen.

    Da ist niemand "Nabel der Welt". Ich nicht, Sie nicht und die "Schwulen-Community" auch nicht. Mit Verlaub.

  6. 25.

    "Mann + Frau = Kind, nur so funktioniert die Natur."

    Das ist die menschliche Instrumentalisierung der Natur, der 95 % für 100 % und "den Rest" für verzichtbar erklärt.
    Die Natur ist gerade dadurch Natur, dass sie immer schon mehr beinhaltet hat als jene rein technische Zurichtung, ausgedacht vom Menschen.
    Sonst würde sie - wie das bei gentechnischen Patenten bspw. der Fall sein wird - im Nu umkippen.

  7. 24.

    "Normal" lässt sich nur anhand einer Norm, eines Maßstabes festlegen.
    Die Diskussion hier scheint sich um zwei unterschiedliche (wenngleich sich gegenseitig beeinflussende) Themenkreise zu drehen.
    Bei der einen Diskussion geht es um den Artikel, um individuelles Verhalten, die allgemeine Handlungsfreiheit, die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, und die Akzeptanz dieses Verhaltens durch andere Individuen.
    Bei der anderen Diskussion geht um die Enbettung von Lebensentwürfen in die Gesamtgesellschaft, um die Frage, ob und inweiweit man individuellen Lebensentwürfen neben dem Schutz der allgemeinen Handlungsfreiheit weitere Privilegien zukommen lassen möchte.

  8. 23.

    Die Gegenwart in der Fauna auf Erden schaut weltweit so aus, wie sie es schreiben: Männchen + Weibchen = Junges, bei den Schweinen dann Eber + Sau = Ferkel, bei den Rindern dann Stier + Kuh = Kalb, bei den Hühner dann Hahn + Henne = Küchlein und bei den Menschen dann Mann + Frau = Kind.
    Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates, sagt das Grundgesetz. Jean Bodin (1529-1596) schreib in Buch II Kapitel 2 seiner "De Re Publica" sinngemäß, dass die Familie Grundlage des Staates sei und weiter, dass wie der Leib auf die Funktionsfähigkeit seiner Glieder angewiesen sei, so sei der Staat auf die Funktionsfähigkeit seiner Familien angewiesen und beschreibt die Familie als Nukleus der Gesellschaft.
    Die Zukunft sieht vielleicht anders aus und besteht einer (vielleicht staatsgelenkten) künstlichen Produktion von Menschen. Wer weiß. Vielleicht ist in Europa auch bald wieder Steinzeit.

  9. 22.

    "Diskussionswürdige ..."

    Wer bestimmt das?
    Sie?

    Was mich anbelangt, bin ich da sehr zurückhaltend und habe anderen gegenüber einen derartigen Begriff noch nie gebraucht. Ich möchte Sie bitten, das auch zu tun.

    In der Endzeit der Regierung Kohl - so um 1997/98 - standen sehr ähnliche Begriffe, mit der die Regierung seinerzeit ihre schlichte Unlust verklausulieren wollte, sich überhaupt mit Dingen zu befassen, die ihnen sichtlich in die Quere kamen.

  10. 21.

    In den Gesellschaften der Griechen und Römer waren Bi- und Homosexualität etwas völlig normales und es gehörte dazu. Erst durch das Aufkeimen diverser Religionen wurde es auf einmal "unnormal, krank" oder etwas ähnlich absurdes.
    Wir schreiben nunmehr das 21. Jahrhundert und ich haben Berlin bisher u.a. dafür geliebt, das sich niemand dafür interessiert hat wenn ein Homo-Pärchen Hand in Hand über den Ku´damm gelaufen ist und sich geküsst hat. Derzeit scheinen wir aber wieder, aus welchen Gründen auch immer, Rückschritte in Richtung Mittelalter zu machen.

    Wer erdreistet sich denn über die Lebensweise von anderen Menschen derartig zu richten? Wer nimmt für sich infantilerweise in Anspruch einen allgemeingültigen Normalitätsbegriff definieren zu wollen? Wer wird denn verprügelt wenn sich Schwule nicht mehr zu erkennen geben? Sind es dann wieder Juden?

    Der begrenzte Horizont von manchen Menschen die auch noch wählen dürfen, ist erschreckend.

  11. 19.

    Habe schon genug zum Thema Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transgenter hier im Forum geschrieben. Stehe zu meinem Schwulsein. Ihre Aufsätze, oh sorry, intellektuellen Ansätze hierzu sind ja so Bahnbrechend für die Gay Community, höchstens was für Nichtschwule. Wieso Informieren SIE sich nicht erst mal? Hierzu ein guter Tipp zur Güte“ Siegessäule.de“ .

  12. 18.

    Ich habe nicht über Quoten oder hypothetische Zurechtlegungen gesprochen, sondern über Normalität.
    Mann + Frau = Kind, nur so funktioniert die Natur. Der Zeitgeist es anders zu sehen wird bald wieder verschwinden.

  13. 17.

    Vielleicht werden Sie etwas konkreter, als dass Sie - pardon - doch im Nebulösen blieben?
    Ich habe hier bislang keinen gelesen, der sich selbst als einer der Fachleute bezeichnet hat. Eher ist es schon so, dass mal der eine, mal eine andere spezifische Erfahrungen einbringt, was einer Diskussion hoffentlich nur gut tun kann.

  14. 16.

    Die Frage und die Antwort darauf ist hypothetisch. Bei dem recht geringen Anteil nicht zeugungsfähiger Paare braucht sich eine Gesellschaft um ihre Fortpflanzungsfähigkeit ebensowenig Sorgen machen wie alle Gattungen und Arten der Natur.

  15. 15.

    Das müssen ja irgendwie Gestörte sein .
    Obwohl es mich wundert warum es in letzter Zeit so zu genommen hat?
    Oder auch nicht.

  16. 13.

    Stimme Ihnen als Schwuler voll zu. Besonders einige Kommentatoren bezeichnen sich als Fachleute für alles und jeden Bereich. So auch hier wieder.

  17. 12.

    Das war und ist keine Relativierung, das ist die Begründung, warum dieser Staat ZUM GLÜCK derartige Erhebungen im Erfassuangsbogen nicht macht. Nacherhebungen gemäß spezifischer Annahmen sind dabei nicht ausgeschlossen, wenn es um gezielte Einflussnahme und Veränderungen geht.

    Ich teile dieses Vorgehen voll und ganz, dass diese Gesellschaft nicht in die Fußstapfen derjenigen tritt, die das faktisch auf dem Marktplatz bzw. im Sinne eines politischen Durchgriffs das anders für sich geregelt haben. Völlig gleich des Vergehens, denn da heiligt der Zweck nicht die (überbordenden) Mittel.

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