Junge polnische Paramilitärs © rbb/Adrian Bartocha/Jan Wiese
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Video: rbb|24 | 08.05.2018 | Adrian Bartocha & Jan Wiese | Bild: rbb

rbb-Reportage "Grenzerfahrung" - "Eine kontrollierte Grenze schafft mehr Sicherheit"

Seit zehn Jahren gibt es zwischen Deutschland und Polen keine Grenzkontrollen mehr. Was bedeutet das für die Menschen, die an der Grenze leben und arbeiten? Adrian Bartocha und Jan Wiese haben sich entlang der Oder auf die Reise gemacht und Polen und Deutsche gefragt.

Braucht Heimat Grenzen? Und was ist eine Nation? Vor über 70 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Vor 3 Jahrzehnten fiel der Eiserne Vorhang. Vor zehn Jahren ist Polen dem Schengen-Raum beigetreten. Was haben die Menschen, die an der Grenze leben davon?

Die Filmemacher Adrian Bartocha und Jan Wiese waren einen Tag lang sowohl auf polnischer und deutscher Seite unterwegs und wollten wissen: Was denken und wollen die Menschen heute? Sie treffen auf junge Paramilitärs in Polen, und auf internationale IT-Konzerne, die in grenznahen Sonderwirtschaftszonen ihre Gewinne mehren. Insgesamt, so ihr Fazit, wird der Ruf nach Grenzen lauter. Das belegt auch eine Umfrage von Infratest Dimap im Auftrag des rbb, nach der 42 Prozent aller Brandenburger sich wieder Kontrollen an der Grenze zu Polen wünschen.

Die Pragmatischen: "Wirtschaftlich ist das ein Vorteil"

Steffen Kucklick hält nicht viel von offenen Grenzen (Quelle: rbb)
Stahlarbeiter Steffen Kucklick arbeitet seit 1990 im Hüttenwerk in Eisenhüttenstadt | Bild: rbb

"Der normale Bürger merkt davon recht wenig. Außer, dass er billig tanken kann. Das ist der Vorteil, der sich uns eröffnet hat. Aber dann kommt die Sache mit diesen Einbrüchen, Diebstählen und so weiter. Das macht die Leute sehr wütend. Und die hätten auch schon lieber mal wieder Grenzkontrollen." Der Stahlarbeiter Steffen Kucklick arbeitet seit 1990, dem Jahr des Umbruchs, im Hüttenwerk in Eisenhüttenstadt. Die Zahl der Mitarbeiter sank nach der Wende von 16.000 auf 3.000. Und das in einer Stadt, die nur für dieses Werk errichtet wurde, direkt an der Grenze zu Polen. Heute lebt Eisenhüttenstadt immer noch vom Stahlwerk. Lange bemühte man sich um einen eigenen Grenzübergang nach Polen. Doch inzwischen sind die Planungen fallen gelassen worden. Die Euphorie ist dahin, auch bei den Stahlarbeitern. "Als ich noch Raucher war, bin ich regelmäßig rüber gefahren, hab da billig Zigaretten gekauft. Rauchen tu ich nicht mehr seit etlichen Jahren – da fahre ich eigentlich so gut wie gar nicht mehr", sagt Kucklick.

Sein Kollege vom Warmwalzwerk, Reinhard Netzker, fügt hinzu: "Inzwischen sehe ich´s so: Wenn die Polen hier einkaufen, ist das in Ordnung. Sie sichern hier auch Arbeitsplätze. Was man nicht haben muss, ist natürlich die Kriminalität. Da weißt man nicht: Wünscht man sich die Grenzkontrollen zurück? Und: Kriegt man die ohne LKWs-Staus?"

Heute gehört das Stahlwerk zum Imperium eines indischen Milliardärs. In seinem geräumigen Büro und in Anwesenheit eines Presseberaters erzählt der aus Luxemburg stammende Vorsitzende der Geschäftsführung, Pierre Jacobs: "Unser  Werk hat seine größten Absatzgebiete im Osten Europas, 75 Prozent unserer Ware gehen dahin. Polen ist unser wichtigster Partner. Und natürlich befürworten wir die offenen Grenzen. Das ist für uns hier ein Riesenvorteil, anders würde es nicht gehen."  

Der Nationale: "Es sollen Grenzen der Identität sein"

Der Hotelier Werner Molik fordert Ausweiskontrollen (Quelle: rbb)
Werner Molik ist für die Wiedereinführung der GrenzkontrollenBild: rbb

Zwei Hotels in Heringsdorf auf Usedom, große Ländereien, eigener Wald, eigene Jagd, dazu als Hobby eine Herde Angus Rinder. Werner Molik geht es gut. In der DDR saß er eineinhalb Jahre im Gefängnis. Er wollte raus aus dem "langweiligen System", stellte immer wieder Ausreiseanträge. Später, frei gekauft von der BRD, machte er im Westen Karriere als Investmentbanker. Um sich "neu zu orientieren" kam er nach der Wende nach Usedom. Molik ist Mitglied der AfD, unterstützte die Partei auch finanziell.

Die Ferieninsel Usedom ist eine Hochburg der AfD, Pommern ist jetzt seine Heimat. Darüber hinaus aber steht "die deutsche Nation", sagt Molik. Und die müsste notfalls durch Grenzen geschützt werden.  

Polnische Putzfrau im Nobelhotel auf Usedom © rbb/Adrian Bartocha/Jan Wiese
Polnische Putzfrau im Nobelhotel auf Usedom | Bild: rbb

In seinen Hotels arbeiten viele Polen: in der Küche, als Kellnerinnen, die meisten als Putzkräfte. "Wir haben hier Hunderte von Mitarbeiter aus Swinemünde auf der ganzen Insel. Ohne sie würden wir das gar nicht schaffen", erzählt Molik. Das polnische Swinemünde liegt rund fünf Kilometer von seinem Hotel entfernt. Werner Molik ist für die Wiedereinführung der Grenzkontrollen. Vor einiger Zeit ist in sein Haus eingebrochen worden, auch sein Auto wurde gestohlen. "Eine kontrollierte Grenze schafft mehr Sicherheit. Aber es sollen auch Grenzen der Identität sein. Das hat etwas mit Kultur zu tun. Die Polen sind natürlich anders als wir".

Der Empörte: "Wir wollen keine polnische, billige Arbeitsmasse sein."

Thomnas Voss (Quelle: rbb)
Thomas Voss ist Gewerkschafter | Bild: rbb

"Viel Überdruss, Unwillen und Unbehagen gipfelt in so etwas wie Front National, die AfD oder in Polen die PiS: Das beruht darauf, dass die Leute gar nichts davon haben oder viel zu wenig" – Thomas Voss ist sichtlich empört. Der Gewerkschafter fährt gerade über die offene Grenze, um seine polnischen Kollegen zu treffen. Seit Jahren organisiert Voss den Arbeitskampf bei Amazon. Vor ein paar Monaten eröffnete der Internet-Riese sein neuestes, modernstes Logistikzentrum in Polen.

Gleich hinter der deutschen Grenze, in einer steuerbegünstigten Sonderwirtschaftszone mit Autobahnanschluss: 150.000 Quadratmeter, 1.000 Mitarbeiter, dazu 3.000 Roboter. Das neue Werk ist Teil eines europaweiten Logistikzentren-Netzes. "Amazon hat gar keine polnische Internetseite. Von hier aus wird Deutschland beliefert", erzählt Voss vor dem gigantischen Amazon-Werk. Er erzählt es an einer Tankstelle – denn sonst gibt es hier weit und breit nichts. "Die Leute werden mit Bussen angekarrt. Die Löhne liegen hier knapp über dem polnischen Mindestlohn, vier Euro pro Stunde. Die Schichten sind länger, zehn Stunden am Tag, und es gibt hier kein Verbot der Sonntagsarbeit."

Gewerkschafter vor dem modernsten Amazon-Logistikzentrum in Polen © rbb/Adrian Bartocha/Jan Wiese
Gewerkschafter vor dem modernsten Amazon-Logistikzentrum in Polen | Bild: rbb

Seine polnischen Kollegen trifft Voss einige Kilometer weiter in einer Pizzeria. Sie berichten vom enormen Arbeitstempo, dem Druck auf Mitarbeiter und vom Umgang des Unternehmens mit den Gewerkschaften vor Ort. "Die tun so, als ob es uns nicht gäbe. Sie versuchen, uns außerhalb der Werke zu halten. Man erschwert uns den Zugang zu den Arbeitern in den Hallen", erzählt Agnieszka Mróz von der polnischen Gewerkschaft Inicjatywa Pracownicza: "Wir schicken die Sachen nach Deutschland, das sind deutsche Produkte, deutsche Bücher. Aber wir haben polnische Löhne. Also verdient sich doch Amazon, der reichste Mann der Welt, eine goldene Nase an uns. Nur, weil wir in Polen arbeiten! Wir wollen keine polnische, billige Arbeitsmasse sein."

Wer also profitiert hier von der offenen Grenze? "Natürlich Amazon!" antwortet Piotr Slawkowski, einer der polnischen Gewerkschafter: "Wenn wir in Polen streiken, verlagert Amazon die Arbeit schlicht in ein Werk nach Deutschland, und wenn die Deutschen streiken, dann machen wir hier Überstunden. Das ist ein Katz-und-Maus Spiel, das durch die offene Grenze möglich wird. Wenn wir in Europa nicht zusammenhalten, wird Amazon immer einen Ausweg finden. Diese Struktur zielt doch darauf ab." Amazon bestreitet übrigens in einer schriftlichen Stellungnahme die Vorwürfe der Gewerkschafter und verweist auf die Teamorientierung des Unternehmens.

Der Kämpferische: "Wenn der Krieg kommt, kann ich nicht mit Platzpatronen töten"

Kacper Krukowski befehligt junge polnische Paramilitärs (Quelle: rbb)
Kacper Krukowski, Befehlshaber einer paramilitärischen Einheit | Bild: rbb

"Für mein Vaterland bin ich bereit zu sterben", sagt der 18-jährige Kacper Krukowski, während er seine Uniform anzieht, die Waffe in die Hand nimmt und sein Zimmer verlässt. Eigentlich will er Schauspieler werden oder Tänzer. Doch er ist auch Befehlshaber einer paramilitärischen Einheit, wie es sie immer mehr in Polen gibt.

Junger polnischer Paramilitär © rbb/Adrian Bartocha/Jan Wiese
Junger polnischer Paramilitär | Bild: rbb

Gegründet wurde seine Einheit vom jetzigen Bürgermeister von Witnica, einer Kleinstadt 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Die jüngsten Mitglieder sind zwischen 11 und 13 Jahren alt, Adler genannt. Mehrmals die Woche üben sie Krieg: im Kulturhaus oder im Wald, in Uniformen, mit Gasmasken und Handschellen. "Wir müssen doch vorbereitet sein", sagt Kacper und befiehlt in scharfem Ton den Kindern auf dem Boden zu kriechen. Es sind Minusgrade im Wald von Witnica. Die jungen Paramilitärs üben aber auch auf Schießständen, mit scharfen Waffen: "Wenn der Krieg kommt, kann ich niemanden mit Platzpatronen töten. Mit Platzpatronen kann ich nicht mein Haus verteidigen, nicht meine Familie, nicht unsere Grenze. Ihr Deutschen, genauso wie wir Polen, sollten das jeweils UNSERE verteidigen", sagt Kacper. Die Grenze verteidigen? Vor wem? Kacper zögert keine Sekunde lang. "Es ist diese Situation mit den Flüchtlingen, nicht wahr? Sie negieren die christliche Gesellschaft. Ich sehe im Internet, was in Berlin los ist. Es sind Muslime, und manche, wie die vom IS oder Al-Qaida, töten unschuldige, wehrlose Menschen. Hier in Polen aber haben sie keine Chance, wir lassen uns nicht ans Bein pinkeln".

Die Warnende: "Neue Grenzen - das muss nicht sein"

Sigrid Albeshausen will offene Grenzen (Quelle: rbb)
Sigrid Albeshausen will offene Grenzen | Bild: rbb

An Konrad Schulze erinnert sich die 78-jährige Sigrid Albeshausen immer noch genau. Konrad Schulze stand oft nach dem Krieg an der Oder und schaute mit "großem Wehmut" auf die andere Seite des Flusses, nach Polen, rüber. In Sichtweite stand sein Haus, das er als Vertriebener nach dem Krieg verlassen musste. In der DDR aber, erzählt Albeshausen, war dieses Thema tabu "Die Politik der DDR war so, dass die Leute untereinander diese Dinge besprochen haben. Aber es durfte eben nicht politisch thematisiert werden".

Welche Auswüchse diese Politik annahm, zeigt die ehemalige Frankfurter Architektin an einem Plattenbau direkt an der Oder. "Als diese Bauten konzipiert wurden, war der Blick Richtung Polen nicht gewünscht. So hat man entschieden, die Balkons in Richtung Innenhof zu bauen und nicht mit Blick über die Landschaft."

Sigrid Albeshausen geht heute gerne über die Brücke nach Slubice: zum Einkaufen, zum Spazieren, zum Gucken. Wie sieht sie den neuen Ruf nach Grenzen in Europa? "Ich möchte eigentlich gar nicht darüber nachdenken. Was Grenzen, neue Grenzen bedeuten, die umkämpft werden, die verteidigt werden müssen, an denen Extreme aufeinanderprallen, möchte man sich eigentlich gar nicht so gerne vorstellen. Denn das haben wir ja hinlänglich in den vergangenen Jahrzehnten erlebt: mit Krieg, Vertreibung, Armut und Isolation. Muss nicht sein!"

Sendung: Die rbb Reporter - Grenzerfahrung, 08.05.2018, 21 Uhr

Beitrag von Adrian Bartocha, Jan Wiese

Kommentar

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Antwort auf [Lothar] vom 10.05.2018 um 17:52
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8 Kommentare

  1. 8.

    Nach meiner Erfahrung sind Menschen nur solange für Multi-Kulti, solange sie nicht im Ruhrgebiet wohnen, bzw. kein Geld mehr für die Privatschule der Kinder haben.

  2. 7.

    Auch wenn die polnische Regierung nicht richtig tickt, muß dies noch lange nicht die gesamte Bevölkerung uneingeschränkt so hinnehmen. Seien wir doch froh, so wie es jetzt ist. Grenzen offen und freie Kommunikation( noch).

  3. 6.

    Zurückgehende Kriminalität in Deutschland zeigt die das die Sicherheit gegeben ist. Nur Menscjen ohne Visionen können die Rückkehr zu Grenzkontrollen fordern. Ein einiges Europa wird die Zukunft einer weiteren Entwicklung sein und es wird kommen mit einer eiropäischen Tegierung und einheitlichen Standards. Auch der gegenwärtige Euroskeptizismus wird diese Vision nicht aufhalten. Ich bin und ich fühle als Europäer!

  4. 5.

    Die EU hat eine gute PR, daher verbinden viele Menschen mit den offenen Grenzen "Frienden". Das aber ist ein bewusst herbeigeführter Irrglaube. Genau dieses Sozial- und Lohndumping und die grenzüberschreitende Kriminalität führt erst zur Verarmung und zur Radikalisierung der direkt betroffenen Arbeiter (aber nicht nur der). Profitieren tun von liberalisierten Märkten vorwiegend eine immer dünner werdende Schicht der Steinreichen und der Hochgebildeten (zb der Boss von Amazon).

    Grenzen müssen vor Grenzüberschreitender Kriminalität gesichert werden. Da geht es nicht nur um Diebe, Einbrecher und Schleuser. Sondern auch um Sozial- und Lohndumping.

    Die offenen Grenzen führen dazu, dass Unternehmen ein leichtes Spiel haben an die teuersten Märkte zu liefern, aber in den Ländern mit dem billigsten steuerlichen und sozialen Rechtsrahmen zu produzieren bzw nur dort Steuern und Abgaben zu zahlen.

    Die steigenden Mieten werden ihr übriges zur Massenverarmung beitragen.

  5. 4.

    Über den Anblick der Grenze ohne Kontrollen freue ich mich jeden Tag. Endlich können wir frei und unbeschwert miteinander leben. Dass die meisten meiner Nachbarn sich nur bis zur nächsten Tankstelle oder zum Zigarettenholen wagen, finde ich traurig. Ein paar Brocken Polnisch reichen doch schon, um die Welt östlich der Neiße zu erkunden und um viel mehr Gemeinsamkeiten als Trennendes zu entdecken. "Die Polen" habe ich bisher nicht kennengelernt. Nur viele interessante Menschen. Woher kommt hier nur diese Angst vor dem Unbekannten?

  6. 3.

    Es gibt anscheinend immer noch viele, die dem Antifaschistischen Schutzwall hinterhertrauern. Da war noch alles gut und es kamen keine Verbrecher rein.

  7. 2.

    "Vor zehn Jahren ist Polen dem Schengen-Raum beigetreten. "
    Wir müssen mit der polnischen Entscheidung leben.
    Im Grunde muss man Polen fragen, ob es richtig war dem Schengen-Raum beizutreten.

  8. 1.

    Wenn man so manch einen reden hört, waren 73 Jahre Frieden zuviel des Guten, anders kann ich mir die nationalistischen und populistischen Geschwüre nicht erklären.

    Libertatem diu vivere 08.05

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