Räder vor der Kita
Video: Abendschau | 17.05.2018 | Agnes Taegener und Raiko Thal | Bild: Tina Handel / Grafik: rbb|24

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 4 - "Wir melden uns"

In der Regel versuchen die Berliner Kitas der Masse an Bewerbern am Telefon oder per Mail Herr zu werden. Ein persönlicher Termin ist ein Sechser im Lotto. Tina Handel  hat ihn zum ersten Mal gewonnen. Ein Tagebuch aus der Kita-Krise.

Wir haben es geschafft: Wir haben die erste Hürde genommen! So fühlt es sich zumindest an. Wir sind beim ersten Besichtigungs- und Kennenlern-Termin einer Kita eingeladen. Das klingt unspektakulär, aber dieser Termin stand nirgends im Netz und war auch nicht am Telefon zu erfahren.

Wir mussten persönlich vorbeikommen, um dann zu erfahren, wann wir mal so richtig persönlich vorbeikommen und auch einen Anmeldebogen ausfüllen können. Wir haben sozusagen die erste Runde bestanden.

16 Plätze sollen frei werden

Aber wir sind natürlich nicht alleine. An diesem Morgen stehen 22 Mamas und Papas im Foyer einer großen Kita im Prenzlauer Berg. Die Hälfte hat das Baby mitgebracht. Ein klitzekleines Mädchen in einem roten Overall ist erst zwei Wochen alt. Die Eltern wippen mit ihren Kindern im Tragetuch auf und ab, damit alle schön entspannt bleiben.

Schön entspannt? Na ja, zumindest die Kinder. Bei den Erwachsenen ist es mit der Entspannung spätestens vorbei, als die Leiterin, Frau S., sagt: "Wir haben im nächsten Jahr voraussichtlich 16 Plätze zu vergeben."

"Da kann man jetzt mal in der Runde durchzählen", sagt ein Papa neben mir. Und das seien ja nur die Besucher dieser einen Kennenlern-Runde. Weitere folgen nächsten Monat und übernächsten Monat.

Garderobe in der Kita

So ein Termin ist natürlich ganz interessant, um mal zu sehen, wie sich andere Eltern verhalten. Werden wir uns gegenseitig übertrumpfen mit schlauen Fragen oder Lob für das Bioessen?

"Wie kann man sich hier denn als Eltern einbringen?", fragt tatsächlich ein Papa ziemlich am Anfang. Also die Elternvertreter seien natürlich ganz wichtig und müssten auch immer alle Infos an die anderen Eltern weitergeben, antwortet die Leiterin. "Im Herbst haben wir so viel Laub hier, da brauchen wir beim Harken Hilfe", erzählt sie weiter. "Und unser Spendenkonto ist auch gut gefüllt – davon finanzieren wir hier eine ganze Menge."

Die Eltern haben sowieso keine Wahl

Die Kita ist wirklich sehr schön. Jeder im Elterntross, der sich durch die Räume der Schneckengruppe oder der Apfelgruppe bewegt, würde hier gern sein Kind lassen. Aber mein Eindruck ist: Die meisten sind einfach zu erschlagen von der Situation, um jetzt vor Ort die Ellenbogen auszufahren. Sie haben genug damit zu tun, ihre Babys – bei den meisten sind es die ersten – zufrieden durch diese anderthalbstündige Führung zu lotsen. "Guck mal, so viele Türme", sage ich zu Junior* und lasse ihn ein Bauklötzchenschloss mit Glitzersteinen ausführlich betrachten, damit er nicht aus Langeweile quengelig wird.

Die Leiterin erzählt von den Obstwochen, vom "Tag ohne Strom" und der "Woche ohne Spielzeug". Sie redet über Demokratie in der Kita und die Mariechenkäferplage im Garten. Sie wirbt wirklich für ihr Haus. Ist total begeistert dabei. Aber sie tut mir auch etwas leid: Die Eltern hier haben gar nicht die Wahl. Sie würden fast jede Kita nehmen – nur eine "Woche ohne Erzieher" würde sie wohl abschrecken.

Elternleistungen werden groß geschrieben

Interessierter hören die Eltern zu, als es darum geht, die Leiterin auszufragen. Kitakrise und so. Wie ist es mit dem Politiker-Vorschlag, mit Überbelegungen Plätze zu schaffen? Einfach ein Kind mehr pro Gruppe? Dauerhaft? "Das würde uns überfordern", sagt Frau S. "Das ist in der Praxis schon allein schwierig, weil wir dann zum Beispiel viel mehr Garderobenschränke brauchen - wo sollen die hin?", erklärt sie. Hier hat jedes Kind sein eigenes Fach, seinen eigenen Haken: Bruno, Rosa, Ayane. "Und am Ende bräuchten wir wahrscheinlich auch mehr Waschbecken."

Und was heißt das für die Kitas, wenn Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte sich abschotten und nur noch Kinder aus dem eigenen Bezirk in die städtischen Kindergärten lassen? "Wir glauben, rechtlich geht das gar nicht", sagt die Kitaleiterin. "Die Eltern kriegen schließlich einen Kitagutschein für ganz Berlin und nicht nur für einen Bezirk." Allerdings meint sie auch: "Falls Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte damit durchkommen, wird Pankow ganz bestimmt nachziehen. Und andere Bezirke vielleicht auch."

Am Ende geben alle ihre Bewerbungsbogen ab. "Bitte melden Sie sich nicht ständig", sagt Frau S. noch. "Wir melden uns!"

Draußen vor der Kita kommt mir eine junge Mama entgegen. Ihr Kind, etwa ein Jahr alt, döst im Kinderwagen. Sie hat vor einem Jahr ihre Bewerbungen abgegeben. Doch die Kitas würden sich nicht zurückmelden. "Jetzt hake ich selbst alle zwei Monate nach und mache die Runde", sagt sie und geht in die, wie gesagt, wirklich sehr schöne Kita.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet so macht, soll er später selbst entscheiden.

Sendung: Inforadio | 21.05.2018 | 09:45 Uhr

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereNetiquette zum Kommentieren von Beiträgen sowie unsere Richtlinien zum Datenschutz.

1 Kommentar

  1. 1.

    Wenn in Berlin jemand "wir melden uns" aagt kann man sicher sein das nie wieder angerufen wird. Ausnahme Techniker Krankenkasse.

Das könnte Sie auch interessieren