Collage: Kita-Ausflug im Treptower Park (Quelle: rbb|24/dpa/Thalia Engel)
Video: rbb Fernsehen | Vor Ort: Kita verzweifelt gesucht | 17.05.2018 | Bild: dpa/Thalia Engel

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 5 - "Unser Kita-Anwalt hilft Ihnen - versprochen!"

Wenn sich bei der Suche nach einem Kita-Platz die Verzweiflung breit macht, kann man sich Profi-Hilfe holen. Anwälte und Agenturen werden eingeschaltet. Zum Schrecken einer Kita-Leiterin: "Wer will sich denn so stressige Eltern ins Boot holen?" Von Tina Handel

Ein Mann drückt mir einen Flyer in die Hand. Darauf sind ein Bild einer leeren Kita und viel Text in der kleinstmöglichen Schriftgröße. Wir sind mit der Demo für mehr Kitaplätze gerade am Brandenburger Tor angekommen. Ich schaue kurz auf den Flyer: "Hat Ihr Kind bereits einen Kitaplatz? Wahrscheinlich noch nicht", steht da - und um mich herum könnten wohl gerade sehr viele Mamas und Papas nicken.

Der Flyer macht Werbung für eine Neuköllner Anwaltskanzlei, die für Eltern Schadensersatz einklagt oder einen Kitaplatz klarmacht. Hier auf dieser Demo sind mehr als 3.000 potentielle Kunden, haben sich die Anwälte wahrscheinlich gedacht.

100 Prozent Platzerfolg wird versprochen

Es kommt mir so vor, als gäbe es immer mehr Anwaltskanzleien oder ganze Agenturen, die nicht in Baurecht oder Strafverteidigung machen, sondern sich auf das Thema Kitaplätze spezialisiert haben. Das muss gerade ein gutes Geschäft sein. Auf ihren Internetseiten turnen Windelbabys herum, sie werben: "Unser Kita-Anwalt hilft Ihnen - versprochen!"

Überhaupt diese ganzen Versprechen: "100 Prozent Platzerfolg!", ruft mir die Seite einer Kitaplatz-Agentur zu. Man habe schon 1.000 erfolgreiche Eilverfahren betreut, mehr als 3.000 Familien hätten ihren Platz bekommen. Falls die Agentur nicht erfolgreich sei, bekäme ich mein Geld zurück. Am Anfang könne ich schon mit 19,95 Euro dabei sein. Später werde es natürlich im Falle eines Verfahrens deutlich teurer.

Wer will denn stressige Eltern?

Wie machen diese Anwälte und Agenturen das? Und wäre das etwas für uns? Ich treffe mich mit einer jungen Kita-Leiterin, die derzeit genau die andere Seite erlebt: wie es ist, wenn neben den Eltern auch noch Juristenprofis Druck machen.

Frau S. leitet eine kleine Kita mit 28 Kindern in Friedrichshain-Kreuzberg und hat vor einigen Wochen meinen Tagebuch-Artikel über die steigende Verunsicherung auch unter Erziehern gelesen - ihr kam einiges davon bekannt vor: "Ich habe im März zum ersten Mal so eine Mail von einer Kitaplatzagentur bekommen", erzählt sie. Beim ersten Lesen sei sie schockiert gewesen. Alles klang fast so wie die üblichen Abmahnschreiben obskurer Anwälte. "Sehr geehrte Damen und Herren", begann die Mail, um dann genauso anonym fortzufahren, mit Aktenzeichen und Rückmeldeformular: "Hiermit melden wir das minderjährige Kind (…) zum Oktober 2018 in Ihrer Kindertagesstätte an."

Frau S. sollte dann auf einem Bogen ausfüllen, zu welchen Uhrzeiten das Kind betreut werden kann und welcher Erzieher für den weiteren Kontakt zuständig ist. Alles so, als ob das Kind schon einen Platz hätte. "Dabei kannte ich die Eltern gar nicht", sagt die junge Kitaleiterin. Beratung holte sie sich beim Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). Dort hieß es, solche Fälle würden in den letzten Monaten zunehmen. "Ich habe dann das Formular zurückgesendet und geschrieben, dass wir keine Plätze haben."

Sie rät Eltern davon ab, so eine Agentur einzuschalten: "Selbst wenn ich einen Platz frei hätte, würde ich nicht wollen, dass ihn diese Eltern bekommen", sagt Frau S. "Da ist doch von Anfang an das Vertrauensverhältnis zwischen Kita und Familie gestört." Außerdem sei es gerade in einer kleinen Kita wichtig, dass die Chemie stimmt: "Wer will sich denn so stressige Eltern ins Boot holen?"

Die Gespräche könnten aufgezeichnet werden

Neben solchen Mails bekommen Kitaleiterinnen wie sie auch zunehmend Post von Eltern, die schon fast wie die Vorbereitung einer Klage klingen: "Eltern schreiben zum Beispiel, dass sie sich um 0:01 Uhr zum Anmeldestart online registriert haben und fragen, wieso sie nicht auf dem ersten Platz der Warteliste stehen", sagt Frau S.

In den letzten Monaten ist Frau S. in ihrer Arbeit deutlich vorsichtiger geworden: "Früher habe ich mit Eltern spontan am Telefon geplaudert", erzählt sie. "Heute passe ich bei jedem Wort ganz genau auf: Können die mich jetzt auf etwas festnageln? Werden die das gegen mich verwenden?“ Es könne ja sein, dass das Gespräch aufgezeichnet werde.

Nun verbringt sie ihren Alltag viel stärker damit, die Platzvergabe und überhaupt den Kontakt zu den Eltern zu dokumentieren. "Wir rechnen alle damit, dass das zunehmen wird und dass auch die Kitas von privaten Trägern ihr Vergabeverfahren transparenter machen müssen", sagt Frau S. Im Moment schaue sie auf Alter und Geschlecht der Kinder, um eine gute Mischung in der Gruppe zu haben. "Aber natürlich wollen wir auch Eltern, die zu unserer Kita passen und die mit unserem Konzept etwas anfangen können."

Eins will Frau S. trotz aller Verunsicherung beibehalten: Auf all die Mails und Fragen der verzweifelten Eltern will sie weiter individuell antworten. Wie viele freie Kitaplätze sie im kommenden Jahr haben wird und wie die Chancen stehen, einen davon zu bekommen, kann sie aber noch nicht abschätzen. Bislang melden sich etwa fünf Interessenten - pro Tag.

Sendung: Inforadio, 25.05.2018, 09:45 Uhr

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels wurde der DaKs als Kita-Dachverband bezeichnet. Der DaKs ist jedoch der Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden, zu dem auch Kitas gehören.

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Ich kann die Eltern verstehen. Die sind verzweifelt. Und wer klagt, muss ja nicht ein Querulant in allen Dingen sein.
    Wenn pro Jahr tausende Euro Einkommen des zweiten Verdieners wegfallen, kann das schon dramatisch oder auch existenzbedrohend sein.

  2. 4.

    Danke für Ihren Hinweis. Die Information kam direkt von der Kitaleiterin, die sich an den DaKs gewandt hatte.

    Wir haben es aber zum besseren Verständnis konkretisiert: "Der DaKs ist der Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden, zu dem auch Kitas gehören."

  3. 3.

    Es gibt auch freie Plätze:
    http://ratzefatze.org/

  4. 2.

    Lieber RBB,

    bitte genauer recherchieren, der DaKs ist nicht der Kita-Dachverband von Berlin sonder der Dachverband Berliner Kinder- und Schülerläden. Das sind in der Regel die Kitas kleiner freier Träger, die großen Träger und Eigenbetriebe des Landes sind da nicht Miglied. Nochtsdestotrotz machen die eine tolle Arbeit, können aber eben nicht für alle Berliner Kitas sprechen.

    Ciao
    lolo

  5. 1.

    Ein KITA-Anwalt. Soso. Da bekommt das Kind gleich mal ein gutes Vorbild, einen Prozesshansel.....

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