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Audio: Inforadio | 23.05.2018 | Tina Handel | Bild: rbb|24

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 3 - "Kita-Casting ist ein geflügeltes Wort unter suchenden Eltern"

Wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot, neigt der Mensch zu Schwindeleien. Das ist nicht nur bei der Wohnungssuche in Berlin so, hatTina Handel festgestellt, sondern lässt sich auf die Suche nach einem Kitaplatz übertragen. Ein Tagebuch aus der Kita-Krise.

Kopfsteinpflaster ist der kleine Betrug. Ich gebe zu: Ich schiebe Junior* vor einem Termin in einer Kita gern noch eine Runde über schön ruckelndes Kopfsteinpflaster. Davon schläft er meist schnell ein. Oder bekommt zumindest nicht gerade jetzt einen Schreianfall. Jede Erzieherin will doch ein möglichst entspanntes Kind - bei dem Betreuungsschlüssel!

Geschummelt wird wahrscheinlich überall dort, wo man sich einen Vorteil verschaffen will in dieser überrannten Stadt. Wo die Nachfrage fast immer deutlich größer ist als das Angebot. Das weiß ich spätestens, seit ich vor kurzem einen Nachmieter für eine ziemlich günstige und sanierte Altbauwohnung in Neukölln suchen "durfte". Ich war also auf der Anbieter-Seite: 17.593 "Personen mit Suchauftrag" erhielten eine E-Mail, weil sie das auf dem Immobilienportal so eingestellt hatten. An einem Abend bekam ich mehr als 200 Bewerbungen zurück. Wachstumsschmerzen einer Metropole, direkt in meinem Postfach.

Besondere Fähigkeiten bei Mutter oder Vater?

Eine junge Frau gab ihren Vater Bernhard, einen 30 Jahre älteren Studienrat aus Baden-Württemberg, als ihren Ehemann aus, wahrscheinlich um ihr Einkommen zu pimpen und super seriös zu erscheinen. Auch beliebt: sich einschleimen, indem man vermeintliche Ähnlichkeiten feststellt. Der Wickeltisch auf den Fotos meiner Anzeige ließ Dutzende Bewerber ungefragt von ihrem sehr starken Kinderwunsch erzählen. Das Klavier veranlasste einen Wohnungssucher, mir zu schreiben, dass er "jährlich über 150 Auftritte bundesweit als Keyboarder, unter anderem mit namhaften Künstlern wie Andrea Berg" spiele. Na dann.

Was kann ich also aus dieser Erfahrung mitnehmen für die Kitaplatzsuche? Dass wahrscheinlich alle irgendwie versuchen, sich im besten Licht darzustellen. Flunkern inklusive. "Kita-Casting" ist ja schon fast ein geflügeltes Wort unter suchenden Eltern. Darüber denke ich nach, als vor mir der Bewerbungsbogen einer kleinen Krippe im Prenzlauer Berg liegt. Eine ganze Seite fragt "freiwillige Angaben" ab: Haben Mutter oder Vater "besondere Fähigkeiten/Kenntnisse, die in den Kita-Alltag eingebracht werden können (Hobbys)"?

"Je kleiner die Kita, desto mehr Elternbeteiligung"

Ich könnte jetzt dick auftragen und schreiben, dass ich eine tolle Zaubershow drauf hätte oder ein Pony im Keller. Wahrscheinlich gibt es Eltern, die das tun. Aber was soll das? Ich sehe mich schon auf einem Klaviernachmittag mit den Kleinen. Oder meinen Mann beim wöchentlichen Bambini-Lauftraining.

Vor ein paar Tagen haben mir Eltern erzählt, dass sie jeden Monat einmal kochen müssen. Wenn man Pech hat, ist "Körnertag" und man rührt etwas aus Quinoa und Chia zusammen. "Je kleiner die Kita, desto mehr Elternbeteiligung", gibt mir dieses mehrfach kochtaggeprüfte Paar mit auf den Weg. Aber immerhin hätten sie nach jahrelanger Suche nun einen Platz. Als der Vater in der Kita sagte, dass er Tischler sei, habe es gleich mehrere Einsatzideen gegeben.

Klar möchten wir, dass die Kinder in der Kita viele tolle Sachen machen und wir sind auch durchaus dazu bereit, da mal mitzumachen. Aber die ehrliche Antwort im Bewerbungsbogen wäre: "Also eigentlich brauchen wir einen Platz, weil wir in der Zeit etwas anderes zu tun haben."

Mit Rosenkranz und Kreuz zur katholischen Kita?

Wie weit also gehen, wenn es darum geht, sich einen Vorteil zu verschaffen oder schlicht zu gefallen? Bei der katholischen Kita ein paar Straßen weiter mit Rosenkranz und Kreuz um den Hals vorstellig werden? Wahrscheinlich schon probiert worden. Bei der deutsch-polnischen Kita im Kiez meine schlesischen Vorfahren erwähnen, ein paar Brocken polnisch lernen und mich unter meinem Geburtsnamen Rohowski bewerben? Heikel! Auch politisch und so.

Auf dem Bewerbungsbogen der kleinen Krippe entscheide ich mich am Ende dafür, keine Superheldenfähigkeiten einzutragen. Unten auf dem Blatt steht der Satz: Die Angaben hätten "keine Auswirkung auf die Zu- oder Absage für einen Kitaplatz". An dieser Stelle würde ich gern dieses Emoji einfügen, das eine Augenbraue hochzieht und den Zeigefinger fragend an den Mund legt. Aber die Kita-Bewerbung per Whats-App-Chat gibt es zum Glück noch nicht.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet so macht, soll er später selbst entscheiden.

Beitrag von Tina Handel

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