Archivbild 2017: Transparent mit der Aufschrift "Kinderschutz braucht Kinderschützer" an einem Berliner Jugendamt (Quelle: GEW/Andreas Kraft)
Audio: Inforadio | 14.05.2018 | Stefan Ehlert

Studie zu Überlastung der Jugendämter - Überlastung, schlechte Arbeitsbedingungen, fehlendes Personal

Um herauszufinden, ob es nur in der Hauptstadt schlecht steht um die Jugendämter hat das Jugendamt Berlin-Mitte eine bundesweite Studie beauftragt. Die Ergebnisse sind alarmierend: Die Ämter sind fast überall mit dem Kinderschutz überfordert.

Eine aktuelle Studie belegt die schlechte Personalausstattung in deutschen Jugendämtern. Es sei die erste Untersuchung dieser Art, die den Status quo in den Jugendämtern aus Sicht der Fachkräfte aufzeigt und mit Vermutungen und Unterstellungen aufräume, teilte die Deutsche Kinderhilfe am Montag in Berlin mit. Für die Studie im Auftrag des Jugendamts Berlin-Mitte wurden in den vergangenen zwei Jahren 652 Mitarbeiter aus 175 Jugendämtern befragt.

Erst Anfang Mai hatte rbb|24 berichtet, dass die Familienbetreuung im Jugendamt Marzahn-Hellersdorf wegen Personalnot gefährdet war. Dort sind 16 von über 83 Planstellen unbesetzt. Berlinweit waren es zu diesem Zeitpunkt 140 unbesetzte Stellen.

Zu wenig Personal für zu viele Fälle

Aus der neuen Untersuchung geht hervor, dass die Jugendämter nicht nur in Berlin, sondern bundesweit in vielen Fällen mit dem Kinderschutz überfordert sind. Denn es gibt in zahlreichen Einrichtungen zu wenig Personal für zu viele Fälle. Ein gutes Drittel der Sozialarbeiter hat mehr Fälle zu bearbeiten, als die 35, die empfohlen sind. Sogar mehr als 100 Fälle sind keine Ausnahme. Und nur ein Bruchteil der Mitarbeiter hat ein Diensthandy und ist so für Klienten gut erreichbar.

Zudem sei die Ausstattung oft unzureichend. Die Ergebnisse zeigten, dass die strukturellen Rahmenbedingungen im System der Kinder- und Jugendhilfe eine professionelle sozialpädagogische Arbeit behindern, sagte der Vorsitzende der Kinderhilfe, Rainer Becker.

Becker erläuterte, dass es vor allem die fehlenden Finanzen seien, die in vielen Kommunen zu schlechten Arbeitsbedingungen, fehlendem Personal und damit auch zu Fachkräftemangel führten. Sozialpädagogen und Sozialarbeiter im "Allgemeinen Sozialen Dienst" der Behörden werde es oft schwergemacht, "die für die Familie bestmögliche Entscheidung zu treffen". "Kinderschutz darf nicht auf Kosten von Spardiktaten vernachlässigt werden", sagte Becker.

Zwei Drittel der Arbeitszeit für Fall-Dokumentationen

Der Studie zufolge bleibt etwa für Hausbesuche bei betroffenen Familien häufig zu wenig Zeit. 58 Prozent der befragten Mitarbeiter der Jugendämter verbringen den Angaben zufolge maximal eine Stunde bei Terminen in den Familien. Auch fehle in den Ämtern häufig der Raum für eine geschützte Gesprächsatmosphäre.

Etwa zwei Drittel der Arbeitszeit in den Jugendämtern werde für die Fall-Dokumentation aufgewendet. Nur jeder fünfte Sozialarbeiter schafft es laut der Studie, die für Fallübergaben und Verfahren wichtigen Gesprächsprotokolle während oder noch am Tag des Gesprächs auszufüllen. Mehr als jeder zweite Fall bleibe mindestens eine Woche unprotokolliert.

Auch fehle es in vielen Jugendämtern an Personal. Derzeit sind den Angaben zufolge rund 13.400 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) tätig - dem Bereich, der Kinder vor Gewalt, Verwahrlosung und Missbrauch schützen soll. Notwendig seien etwa 16.000 zusätzliche ASD-Mitarbeiter bundesweit, so die Autorin der Studie, Kathinka Beckmann.

Ausstattung hängt von finanzieller Lage der Stadt ab

Problematisch sei auch die Finanzierungsstruktur. Weil größtenteils die Kommunen für den Unterhalt der Jugendämter zuständig seien, hänge die Ausstattung von der finanziellen Lage der jeweiligen Städte und Gemeinden ab. Diese Verzahnung müsse aufgelöst werden, fordert Beckmann.

Vorgelegt wurde die Erhebung in Berlin von Kathinka Beckmann, Professorin für klassische und neue Arbeitsfelder der Pädagogik der Frühen Kindheit an der Hochschule Koblenz. Sie trägt den Titel "Zur Situation des ASD im Jugendamt: Soziale Arbeit in strukturellen Zwängen".

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Ob möglicherweise eine destruktive Wechselwirkung von eklatanter Armut der vielen Kinder sowie Jugendlichen in Berlin und der schlechten Behördenqualität von Jugendämtern besteht? https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/05/berlin-hartz-iv-kinder-minderjaehrige.html "Honi soit qui mal y pense"

  2. 1.

    Hauptsache mehr Geld für Rüstung, alles andere ist unwichtig :(

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