Ein kleines Mädchen schaut nachdenklich aus einem Fenster in "Jona's Haus", aufgenommen in Berlin (Quelle: dpa/Breloer)
Video: Aktuell | 25.06.2018 | Bild: dpa/Breloer

Datenauswertung | Jugendämter in Berlin - Kinderschutz leidet unter Mangel an Sozialarbeitern

Familienhilfe und Kinderschutz-Vorsorge laufen in Berlin auf Sparflamme: In allen Bezirken fehlen Mitarbeiter - und die Kräfte, die da sind, kommen kaum noch hinterher. Wie prekär die Lage ist, spüren vor allem die Familien. Von Bettina Rehmann

Hohe Arbeitsbelastung, unbesetzte Stellen, fehlende Bewerber: Seit Langem arbeiten die Mitarbeiter der Regionalen Sozialen Dienste in den Jugendämtern der Berliner Bezirke unter schwierigen Bedingungen. Leidtragende sind vor allem auch Kinder und Familien in Problemsituationen, die Hilfe brauchen. Sie müssen immer länger auf immer weniger Termine warten, Gespräche fallen kürzer aus, bei Gerichtsterminen werden sie häufiger allein gelassen. Bis Hilfsmaßnahmen beginnen, vergeht oft lange Zeit.

Besonders wenig Personal in Tempelhof-Schöneberg

Berlinweit sind knapp 142 von 889 Stellen unbesetzt. Die Personalsituation ist vor allem in Tempelhof-Schöneberg gravierend: Dort sind von 90 Stellen derzeit knapp 29 nicht besetzt. Das ist beinahe ein Drittel aller vorgesehenen Stellen im Sozialen Dienst des Jugendamtes. Im Januar lag der Anteil der unbesetzten Stellen noch bei knapp einem Fünftel.

Das hat Konsequenzen: Im ersten Quartal 2018 wurden Sprechstunden in den drei Regionen des Bezirks jeweils eine Woche im Monat ausgesetzt. Diese Schließzeiten wurden nun massiv ausgeweitet: Derzeit ist in jeder Woche eine der drei Regionen geschlossen, berichtet Bezirksstadtrat Oliver Schworck (SPD).

Auch wenn Schworck betont, der Kinderschutz sei sichergestellt, fallen andere dringende Aufgaben oder Maßnahmen unter den Tisch. So könnten regelmäßige Kontakte zu Kindern, Jugendlichen und Familien in Hilfsmaßnahmen derzeit "nur eingeschränkt realisiert werden". Die Dauer zwischen Hilfeantrag und Bewilligung sei derzeit insbesondere bei neuen Fällen zu hoch; gerichtliche Stellungnahmen im Rahmen der Jugendhilfe könnten in Strafverfahren nur "in besonders schwerwiegenden Fällen" erfolgen. Zudem finde derzeit keine kontinuierliche Kontrolle der freien Träger statt.

Anteil der unbesetzten RSD-Stellen in den Bezirken:

Karte der Berliner Bezirke mit den besetzten und unbesetzten Stellen im RS, Stand März 2018.(Quelle: rbb|24/Caroline Winkler)

Kind im Heim - Familie im Stich gelassen

Die familienpolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Marianne Burkert-Eulitz, hat zuletzt die aktuellen Zahlen zu Personalmangel und Arbeitsbelastung der Jugendamtsmitarbeiter bei der Familienverwaltung angefragt [marianne-burkert-eulitz.de]. Als Familienrechtsanwältin hat sie immer wieder auch mit Kinderschutzsachen zu tun.

Archivbild: Marianne Burkert-Eulitz (Bündnis 90/Die Grünen), Sprecherin für Familie und Bildung, während einer Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses. (Quelle: dpa/Fischer)
Marianne Burkert-Eulitz (Grüne) | Bild: dpa/Fischer

Sie berichtet von Fällen, in denen Kinder aus Familien genommen werden, dann aber nicht mit der Herkunftsfamilie gearbeitet wird, damit das Kind so schnell wie möglich wieder zurück zu seinen Eltern kommt und die Probleme in der Familie gelöst werden. Sobald der Kinderschutz durch die Entnahme des Kindes sichergestellt ist, rutscht der Fall auf der Dringlichkeitsliste des Jugendamtes nach unten. Derzeit komme es vor, so Burkert-Eulitz, dass die Planung für Hilfsmaßnahmen für Familien nicht mehr wie bisher alle drei oder sechs Monate, sondern vielleicht einmal im Jahr stattfinde.

Treptow-Köpenick fährt Kinderschutz-Prävention herunter

Auch Iris Hölling, Jugendamtsleiterin in Treptow-Köpenick, hat in ihrem Regionalen Sozialen Dienst mit Personalmangel und hoher Fallbelastung zu kämpfen. Laut den Zahlen von März kommen auf einen Mitarbeiter bzw. eine Mitarbeiterin 83 Fälle - berlinweit ist das der Spitzenwert. Die tatsächliche Fallzahl variiere zwischen den einzelnen Mitarbeitern, so Hölling. "Da der RSD Treptow-Köpenick die wenigsten Stellen im RSD hat, ist die Relation besonders ungünstig." Konstant sei die Arbeitsbelastung sehr hoch und es gebe Überlastungsanzeigen der Mitarbeiter.

Derzeit gebe es zwar keine Schließzeiten, jedoch befinde sich der RSD weiterhin im "Notprogramm", berichtet die Jugendamtsleiterin. Das bedeutet auch, dass beispielsweise Präventionsmaßnahmen im Bereich Kinderschutz "nur eingeschränkt" stattfinden. Im Bereich der strukturellen Prävention von Gewalt und Machtmissbrauch, etwa in Kitas oder Schulen, investiere das Jugendamt - trotz der Notmaßnahmen, betont Hölling. Präventiver Kinderschutz bedeute aber auch "gute frühzeitige Beratung von Familien, bevor Gefährdungslagen bestehen. Dazu haben wir momentan zu wenig Zeit".

Darüber hinaus würden Fälle mit geringerer Dringlichkeit verzögert bearbeitet, Zeiträume für Hilfekonferenzen zum Teil verlängert, auch an Schulhilfekonferenzen, zu denen das Jugendamt eingeladen werde, wenn dort die eigenen Maßnahmen, um ein Kind zu unterstützen, ausgeschöpft seien, nehme das Jugendamt derzeit nur "eingeschränkt" teil. Weiterhin muss die Netzwerkarbeit leiden: An Gremien oder Netzwerkrunden im Bezirk, in denen sich Akteure aus Jugend- und Familienarbeit austauschen, könnten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen "derzeit nicht oder nur eingeschränkt teilnehmen", so Hölling.

Burkert-Eulitz: Situation in Familien könnte sich verschlimmern

Aus Sicht der Familienrechtsexpertin Burkert-Eulitz ist diese Entwicklung in den Regionalen Sozialen Diensten bedenklich. Es bestehe die Gefahr, dass sich - etwa bei verzögerten Hilfsmaßnahmen für Familien, deren Probleme als nicht so dringend eingestuft werden - die Situation zuhause verschlimmert. Konflikte könnten sich verfestigen und Probleme seien somit immer schwieriger zu lösen - ein Teufelskreis. Kritisch sieht sie auch, dass Maßnahmen, die an freie Träger ausgelagert werden, zum Teil nicht überprüft werden. Für die externe Familienhilfe hat das Land im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert.

Burkert-Eulitz will dennoch nicht alles schwarz sehen. Es gebe heute mehr Stellen und weniger Fälle pro RSD-Mitarbeiter als noch vor einigen Jahren. Neue Stellen seien geschaffen worden, das sei positiv. Als gutes Beispiel nannte die Abgeordnete Friedrichshain-Kreuzberg: Dort hat sich im Vergleich zu den Zahlen von Januar der Anteil an unbesetzten Stellen deutlich verringert: Während im Januar 16,6 Prozent der Stellen unbesetzt waren, so betrug der Anteil im März lediglich 5,5 Prozent, dabei sind sogar drei Stellen hinzugekommen.

Doch geeignete Bewerber fehlen vielfach, das sei zugegebenermaßen im gesamten sozialen Sektor der Fall, so die Grünen-Abgeordnete. Aber die Bezirke könnten dennoch an einigen Stellschrauben drehen: Es vergehe etwa zu viel Zeit zwischen der Ausschreibung einer Stelle und dem tatsächlichen Einstellungstermin, das verprelle möglicherweise geeignete Bewerber. Auch nutzten einige Bezirke Spielräume, die der Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder (TV-L) etwa bei den Entgeltstufen biete, nicht mutig genug aus. Burkert-Eulitz verwies in dem Zusammenhang auch auf Verhandlungen im kommenden Jahr, wo es auch um eine bessere Eingruppierung von Erziehern und Sozialarbeitern im TV-L gehen soll.

Beitrag von Bettina Rehmann

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Das sieht in Treptow-Köpenick nicht besser aus und ich gehe davon aus das alle Randbezirke das selbe Problem haben. Wie sollen diese Jugendämter Personal gewinnen wenn sie konkurrenzlos in puncto Bezahlung sind.

  2. 5.

    Nicht nur auf die Fallzahlen kommt es an, sondern auch auf die „Qualität“ der Fälle. Immer kompliziertere Fälle, Multiproblemfamilien, Alkohol, Drogen,etc.. Auch sagen Fallzahlen nichts über die wirkliche Belastung der Fachkräfte an Jugendämtern aus. Kurzfristige langwierige Erkrankungen, Urlaubsvertretungen, in Elternzeit befindliche Kolleginnen, Co-Arbeit, etc. lassen die Fallzuständigkeiten schnell in die Höhe schnellen, ohne dass etwas dagegen getan werden kann oder wird. Auch wie gezählt wird, ist oft fragwürdig. Wann ist ein „Fall“ ein „Fall“, welche Bereiche des Jugendamts werden noch in den Mitarbeiterstamm miteinberechnet (ohne Fallzuständigkeiten zu übernehmen) u.v.m. beeinflußen die Fallzahlen. Der RSD Steglitz-Zehlendorf beispielsweise bräuchte nicht nur die oben erwähnten 12 Stellen, sondern, um bürgerfreundlich, gut und vor allem kinderschützend arbeiten zu können einige Stellen mehr (wie alle anderen RSDs).

  3. 4.

    80 zu bearbeitende Fälle wären mein Wunsch. Meine Kollegen und ich bearbeiten in Pankow seit Jahren über hundert Fälle. Rot Rot Grün versagt in der langjährig bekannten sich immer weiter verschärfenden Problemlage. Warme Versprechen aus dem Koalitionsvertrag werden einfach nicht umgesetzt. Bezirke und Senat schieben sich den schwarzen Peter zu. Auf der Strecke bleiben Kinder, Familien und Jugendämter...
    Fortsetzung folgt

  4. 3.

    ...die seit 20 Jahren anhält. Teils selbst verschuldet durch völlig überforderte und inkompetente Vorgesetzte in den Jugendämtern.

    Fähige Mitarbeiter, die auf Mißstände hinweisen oder die gar "nur" ihre Arbeit gewissenhaft nachgehen werden weggemobt. Wer nicht abstumpft brennt aus. Fehlzeiten sind die Folge.

    Übrig bleiben dann zwangsläufig die Mitarbeiter die aufgrund ihrer fehlenden Fachkompetenz und Empathie ihren Job wie eine Maschine ausführen.

    Ein Teufelskreis.

  5. 2.

    Wir haben innerhalb der Familie mit dem Jugendamt eine sehr positive Erfahrung machen dürfen.
    Eine schwierige Trennung vom psychisch kranken Kindsvater war Ursache. Es wurde dort kompetent und empathisch vorgegangen und unterstützt. Aber die Probleme mit den nicht so gut zu kontrollierenden freien Trägern kann ich nur bestätigen.
    Nach völlig veralteten Standarts ausgebildete Sozialarbeiterinnen haben zu wenig Rücksprache mit dem Amt gehalten und leider falsche Rückschlüsse gezogen.
    Nur durch Beharrlichkeit der Kindsmutter und deren Familie konnte verhindert werden, dass der kranke Vater weiterhin Unheil anrichtet.
    Statt hilfreich zu unterstützen hat der freie Träger, der einen "begleiteten Umgang" betreuen sollte, noch mehr Wirrniss gestiftet und die Sache dadurch erschwert.
    Der Personalmangel und die dadurch fehlende Zeit für den Einzelfall hat zur Folge, dass schwierige Familiensituationen, die begleitet werden müssten, oft als lapidar eingestuft und vernachlässigt werden, weil der Fokus auf den ganz brisanten Fällen liegt.
    Eine gefährliche Entwicklung!

  6. 1.

    In Lichtenrade ist das Jugendamt sehr schlecht besetzt es ist ja auch kein Wunder denn ca.1 Kilometer weiter beginnt Brandenburg und dort ist der Verdienst um einige Euro höher als in Berlin.Es sollte mal geprüft werden ob alle Jugendämter an den Randgebieten von Berlin das selbe Problem haben ich würde auch für 400 Euro mehr im Monat 30 Minuten länger zur Arbeit fahren

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