Symbolbild: Schüler und Lehrerin in einem Klassenzimmer in einer Grunschule in Berlin-Tempelhof (Quelle: imago/photothek)
Audio: Inforadio | 04.06.2018 | Martina Schrey | Bild: imago/photothek

Lücken in der Ausbildung - Worauf Lehrer an der Uni nicht vorbereitet werden

Sie sollen eingreifen und schlichten, wenn sich Schüler beschimpfen. Es geht um Deeskalation und Vermittlung. Doch auf diesen Teil ihres Jobs werden Lehrer nicht vorbereitet. Von Martina Schrey

Barbara Jürgens hat an ihrer Kreuzberger Grundschule ständig mit verhaltensauffälligen Schülern zu tun. Im Laufe ihres Berufslebens hat sie gelernt, damit umzugehen. Gerade eben erst hat sie einen Jungen von den Eltern abholen lassen. "Er hat mich geduzt und hat dieses komische Schnalzen gemacht", erzählt sie. Sie habe mehrfach betont, dass sie so etwas nicht akzeptiere. Wenn das nicht ankomme, müsse sie eben zu solchen Maßnahmen greifen.

Auch bei Konflikten zwischen den Schülern an der Jens-Nydal -Grundschule lässt Jürgens keinen Zweifel aufkommen, was geht und was nicht geht. Die 30-jährige Linda Tönnes, die an der Friedenauer Friedrich-Bergius-Schule Mathe, Arbeitslehre und Ethik unterrichtet, bevorzugt ebenfalls das Prinzip klare Kante: Sobald es um Mobbing, Cybermobbing, Antisemitismus oder Homophobie geht, "muss man einfach reagieren, weil das etwas ist, was man nicht dulden kann und auch nicht dulden muss."

Klare Grenzen: Im Zweifel gibt es eine Anzeige

Und genau deshalb schreckt die junge, engagierte Lehrerin auch nicht davor zurück, bei strafbaren Handlungen Anzeige gegen einen Schüler zu erstatten. Ihren Schulleiter Michael Rudolph weiß sie dabei hinter sich. Die Schule ist bekannt dafür, dass sie nicht nur Regeln aufstellt, sondern dass diese auch eingehalten werden müssen, und Linda Tönnes findet das gut. Sie weiß, sie kann jederzeit zu ihrem Schulleiter gehen, wenn sie selber bei den Schülern nicht weiterkommt.

Als Linda Tönnes frisch aus dem Referendariat kam, war das nicht so. Damals hatte sie für ein paar Monate an einer anderen Schule unterrichtet, wo dann ein Schüler zu ihr sagte: "Sie haben eine schöne Bluse an. Aber noch schöner wäre es, wenn Sie keine anhätten!" Gerade junge Lehrerinnen hören öfter solche Sprüche, sagt Tönnes. Und auch für sie war das schwer - vor allem deshalb, weil die Schulleitung hilflos war und, wie sie erzählt, nur entgegnete, sie solle zusehen, wie sie damit zurechtkomme.

Die Uni ist eine "Blase"

Doch junge Lehrerinnen können damit oft nicht umgehen, meint Tönnes. Viele wüssten oft nicht, wie man sich auch dauerhaft Respekt verschafft. An der Uni werde man darauf nicht vorbereitet, dort werde Unterricht nur simuliert: "Das bedeutet: Ich sitze mit Studenten in einem Raum und die simulieren, dass sie Schüler sind. Und ich simuliere, dass ich Lehrer bin. Das ist natürlich keine realistische Situation."

Zumal auch die Dozenten und Professoren in der Regel nie als Lehrer gearbeitet haben. "Die meisten waren als Schüler an der Schule und denken, sie wissen, wie das läuft", sagt Tönnes. "Aber: Die Uni ist 'ne Blase. Das können die da gar nicht!"  Dabei soll laut dem 2014 reformierten Lehrkräftebildungsgesetz den Studierenden nicht nur das Wissen in ihren jeweiligen Fächern vermittelt werden, sondern explizit auch, wie man mit gesellschaftlicher Vielfalt und interkulturellen Konflikten umgehen kann.

HU will zwei Professuren einrichten

Fragt man bei der Freien Universität (FU) nach, heißt es: "Der Erwerb dieser Qualifikationen erfolgt in der Fachdidaktik jeden Faches und im Studium der Bildungswissenschaften."  Einen extra Fachbereich für interkulturelle Bildungsarbeit und den pädagogischen Umgang mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gibt es offenbar nicht.

An der Humboldt-Universität (HU) wolle man jetzt zwei Professuren einrichten, um sich der Interkulturalität und der Heterogenität in der Berliner Schulpraxis anzunehmen, doch wann genau dies geschehe, sei noch fraglich, sagt die Vizepräsidentin Eva Inés Obergfell. "Die Verankerung eines so großen Schwerpunktthemas braucht Zeit", sagt sie. "Das ist nichts, was man von heute auf morgen erledigt hat."

Schon früher mehr praktische Erfahrungen

Die bildungspolitischen Sprecherinnen von Die Linke und der CDU wollen, dass die angehenden Lehrer vor allem viel früher Erfahrungen an einer Schule sammeln können. Es sei viel zu spät, dass das Praxissemester erst im Master stattfindet, sagt Hildegard Bentele (CDU). Das sieht auch Regina Kittler (Die Linke) so. Zudem stünden die Fächer viel zu sehr im Vordergrund, es müsse noch mehr Methodik, mehr Pädagogik und mehr Psychologie gelehrt werden.

Linda Tönnes ist skeptisch, ob das wirklich viel bringt. "Wir brauchen viel mehr Lehrer, die auch an den Unis unterrichten", glaubt sie. "Es gibt sehr viele Tricks und Lösungen für den Umgang mit Schülern. Das kann man erlernen. Aber da müssen Profis ran. Das können nur Lehrer."

Studierende konzentrieren sich zu sehr auf sich selber

Linda Tönnes selbst unterrichtet nicht nur an der Schule, sondern auch an der Technischen Universität (TU).  Vor kurzem habe sie während ihres Didaktik-Seminars Störaufträge verteilt – einige sollten einen Stift fallen lassen oder auf dem Handy herumtippen. Andere wiederum sollten Kurzvorträge halten und am Ende erraten, wer genau diese Störaufträge hatte. "Ganz wenige Studenten haben das geschafft. Weil sie immer nur auf sich selbst konzentriert sind!"

Tönnes schüttelt den Kopf. Klar müsse jeder Lehrer sein Fach exzellent beherrschen. Dies allerdings sein nur ein Schwerpunkt: "Das Wichtige in der Schule ist, dass da Menschen vor einem sitzen, 26 Schüler an der Zahl. Und ich muss jeden davon beobachten, und zwar in jeder Sekunde!"

In Zukunft werden aber womöglich eher weniger Lehrer an den Universitäten unterrichten statt mehr. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat es bereits angekündigt: An den Schulen wird jede Lehrkraft dringend gebraucht.

Sendung: Inforadio, 04.06.2018, 6.05 Uhr  

Beitrag von Martina Schrey

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Das konnte ich auch noch nie verstehen, dass die Lehrer nicht auf regelmäßiges Trinken im Laufe des Tages achten. Und ich spreche hier nicht von Regelschulen mit über 25 relativ normal entwickelten Schülern sondern von einer sogenannten Förderschule für geistige Entwicklung. Es sind ca. 8 Schüler in der Klasse mit 2 sogenannten Pädagogen und es gibt eine gemeinsame Frühstücksrunde. Trotzdem kommt mein Pflegesohn jetzt bei der Wärme fast jeden Tag mit der vollen Trinkflasche zurück. Ich habe ihnen gleich am Anfang erklärt, dass er aufgrund von Hunger und Vernachlässigung immer mal wieder ans Essen und Trinken erinnert werden muss. Da kam nur völlig desinteressiert zurück, dass sie das nicht machen könnten. Bei seinem Bruder in zwei verschiedenen Regelschulen gab es da keine Probleme. Da konnte man die Lehrer immer auf die Probleme des Kindes ansprechen und es wurde gemeinsam ein Weg gefunden.

  2. 9.

    Lehrer wissen in der Ausbildung auch noch nichts davon, was für ein bürokratischer Aufwand durch die Behörden verlangt wird: diese wollen ihre Statistiken füllen und vom Leuchtturm aus entscheiden. Man muss schon ein starkes und robustes Gemüht haben, um das neben dem "Kampf an der Front" auch noch auszuhalten. Wenn es Arbeit gibt, wie z.B. Lehrpläne u.a. erstellen, sollen dies die Lehrer gefälligst selbst erledigen - am besten in der Nacht.

  3. 8.

    .... niveauvoller differenzierter und vor allem billiger Beitrag!!! Erinnert irgendwie wie an das "faule Säcke "- Zitat eines ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten und Ex-Kanzlers.....

  4. 7.

    @Sebastian T. Entschuldigung, aber Sie haben leider keine Ahnung. Woher kenne Sie denn die meisten Lehrer? Wie können Sie solchen Unfug behaupten. Lehrer schauen sehr weit über den eigenen Horizont, weil sonst die Bewältigung der aktuellen Herausforderungen nicht möglich wäre. Und was ist das für ein Quatsch mit dem Trinken? Da achten Lehrer bei diesen Temperaturen drauf. Und soll ich den Jugendlichen verprügeln, wenn er wegen des Ramadan nicht trinken darf? Was haben Sie nur für seltsame Ansichten?

  5. 6.

    Interessanterweise werden Lehrer ja oft Pädagogen genannt. Weshalb eigentlich, wenn sie gar keine sind?

  6. 5.

    ... und so sinnvoll das von Fr Tönnes geforderte Unterrichten von Studenten durch Lehrer auch sein mag - unverständlich ist mir ihre Skepsis gegenüber mehr und früherer Unterrichtspraxis und einer Ausweitung des Didaktik-Unterrichts: Jeder, der schon mal versucht hat, anderen etwas zu vermitteln weiss doch, dass 'Learning by Doing' eine unschlagbar erfolgreiche Methode ist.

  7. 4.

    HU-Vizepräsidentin Obergfell grüßt im Artikel von ganz weit oben aus dem akademischen Elfenbeinturm: Die Probleme sind bereits seit Jahrzehnten bekannt, und nun verkündet sie, der akademische Apparat brauche ersteinmal Zeit, um sich auf die Situation einzustellen. Die universitäre Lehrerausbildung ist eine Maschinerie zur Verschwendung von Zeit, Geld und vor allem menschlichem Geist. Ein Bekannter von mir schreibt seit Jahren einsam in einem Büro an einer Doktorarbeit der Erziehungswissenschaften. Den Hauptteil der Zeit verbringt er mit statistischen Verfahren. Er selbst sagt, dass das Ergebnis seiner Arbeit wohl kaum jemanden interessieren wird. Das ist traurig, weil er eigentlich so ein brillianter und kluger Kopf ist, der näher am Leben viel besser aufgehoben wäre - und weil es eigentlich so viel zu tun gibt in der Didaktik, was man nicht banalisieren, aber auch nicht unnötig verkomplizieren sollte.

  8. 3.

    Die Situation in den Schulen ist für Lehrer kaum noch zu bewältigen. Inklusion, multikulturelle Herausforderungen, Drogen und der K(r)ampf mit den Sozialen Medien sind täglich zu bewältigen. Die meisten Lehrer sind bemüht. Viele Schulleiter fungieren inzwischen aber eher als Politiker, weniger als unterstützende und regulierende Instanz zwischen Lehrern, Eltern und Schülern. Das verkompliziert die Situation noch mehr. Als Mutter von 2 Kindern versuche ich eigentlich nur noch Schadensbegrenzung zu betreiben, denn Schüler(innen), die noch lernwillig sind und sich sozialkompetent verhalten, gehen meist unter. Sie müssen das alles täglich genauso mitertragen, sich durchkämpfen und es werden trotzdem konstant gute Leistungen erwartet. Dieser Aspekt geht meist völlig unter.
    Verständnis für die Lehrer? Auf jeden Fall.
    Das geht aber nur soweit, bis man feststellt, dass meist die Schulleitungen den größten Anteil daran haben, dass "Vogel-Strauß-Politik" betrieben wird und unterm Strich unsere Kinder wie in Lernfabriken lediglich durch die Schulpflicht geschleust werden, egal um welchen Preis.
    Liebe Lehrer, haltet durch und seid gewiss, es gibt auch Eltern die diese Missstände erkennen und mitfühlen, aber leider oft von Schulleitungen einen Maulkorb verpasst bekommen. Um seinem Kind nicht zu schaden, hält man sich dann doch zurück.
    Wie schön wäre es, wenn man gemeinsam etwas ändern könnte...

  9. 2.

    pers. Erfahrungen (40 Jahre Dienstdauer) an einer Gemeinschaftsschule: ja - klare Kante ist das beste - klare Regeln und deren Durchsetzung; das ganze funktioniert natürlich nur wenn auch die Dienstvorgesetzten (in wiederholten Fällen) mit dem Pädagogen an einem Strang ziehen und den von Pädagogen (Plural!) der betreffenden Klasse nicht misstrauischer begegnen als dem/ den betroffenen Schüler (n) und einmal getroffene Konsequenzen nicht wieder abschwächen, weil der/ die Schüler nur lange genug auf ihn eingeredet haben!. Für Berufsanfänger ist es natürlich manchmal sehr schwierig- zumal es Schüler gibt, die sofort eine "Traubenbildung" (Drohkulisse) aufbauen, wenn der Pädagoge Konsequenzen bei Regelbruch durchsetzen will; M a n c h e schwierige Schüler mit Migrationshintergrund versuchen Ermahnungen oder Sanktionen des Pädagogen mit dem Vorwurf des Rassismus zu begegnen! also für Berufsanfänger nicht einfach- vor allem wenn sie weiblich sind.

  10. 1.

    Man kann das alles auch noch viel deutlicher formulieren: Ein großer Teil des heutigen Lehrkörpers ist mit den Herausforderungen des Berufes vollkommen überfordert. Die wissen nur genau so viel, wie sie für ihren Unterricht wissen müssen und sind nicht in der Lage, auch nur geringfügig über ihren Horizont hinaus zu blicken. Mir macht das große Sorge. An sich muss heute jeder Lehrer und jede Lehrerin topfit sein, was sämtliche politischen und gesellschaftlichen Themen angeht. Aber ich kann mir in vielen Fällen vorstellen, dass solche dringend nötigen Diskussionen in der Klasse dann sofort abgewürgt werden, weil die Leute davor Angst haben, da sie sich damit nicht auskennen.

    Nebenbemerkung: Es sollte zur Pflicht gemacht werden, dass das Lehrpersonal darauf achtet, dass Schülerinnen und Schüler im Laufe des Tages genug trinken. Vor allem auch während des Ramadans. Die körperliche Unversehrtheit der Kinder hat meiner Meinung nach ein höheres Gewicht als die Religionsausübung der Eltern.

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