Rabbiner Yehuda Teichtal (l), Vorsitzender des Chabad Jüdischen Bildungszentrums und Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, und Sergei Tchoban, Architekt des Campus, stehen 22.05.2018 nebeneinander auf dem Baugelände des künftigen Jüdischen Campus. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
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Audio: Inforadio | 09.06.2018 | Miron Tenenberg | Bild: dpa/Soeren Stache

Orthodox, aber offen für alle - Chabad-Gemeinde baut jüdischen Campus in Berlin

Spatenstich in Berlin-Wilmersdorf: Am Sonntag hat die Chabad-Gemeinde offiziell mit dem Bau ihres jüdischen Bildungscampus begonnen. Orthodoxe Regeln sollen dort gelten, aber die Einrichtung soll offen sein für alle, verspricht der Rabbiner. Von Miron Tenenberg

Rabbiner Yehuda Teichtal von der Berliner Chabad-Gemeinde zeigt sich erfreut. Der "Pears Jüdischer Campus", für den am Sonntag in Wilmersdorf der erste Spatenstich gesetzt wurde, werde ein Zeichen setzen, sagt er. "Der Campus wird ein Ort sein, welcher gerade jetzt eine besondere Bedeutung hat", so Teichtal. "Gerade jetzt, wo es so viele Berührungsängste gibt und so viele Schwierigkeiten und Herausforderungen mit Antisemitismus, brauchen wir einen Ort, wo Menschen gemeinsam zusammen spielen, lernen und miteinander Zeit verbringen."

Immer wieder wiederholt der Rabbiner, dass der Campus von Bildung, Kultur und Sport getragen werden solle – offen für alle Menschen. Juden und Nicht-Juden sollen sich hier treffen und miteinander lernen und wirken.

Miteinander unter jüdisch-orthodoxen Bedingungen

Der Campus werde Bildung von der Kita bis zum Abitur und auch Erwachsenenbildung anbieten, erklärt Teichtal. Auch Kino, Musik, Tanz und Aufführungen seien geplant. "Unser Traum ist: Das jüdische Leben in Deutschland soll ein lebendiges, positives Miteinander sein", sagte der Rabbiner,  "nicht nur ein Ort von Erinnerungen an die Vergangenheit, sondern ein Ort der Gegenwart und des Lebendigen".

Das Miteinander hat Grenzen. Die Weltoffenheit auf dem Campus wird unter jüdisch-orthodoxen Rahmenbedingungen stattfinden. Was die Leute woanders machen, sei ihm egal, sagt Teichtal. Das bedeutet, dass Chabad zweigleisig verfährt. Es gibt einerseits Veranstaltungen der eigenen Organisation und ihrer Schule. Dort gilt ein Codex, zum Beispiel bezüglich der Kleidung: Mädchen tragen Röcke, die zumindest das Knie bedecken und auch die Arme sollten bis über den Ellbogen bedeckt sein. Tanzveranstaltungen von Chabad sind geschlechtsgetrennt.

Zugleich soll der Campus auch nicht-jüdischen und nicht jüdisch-orthodoxen Menschen und Organisationen offen stehen. Bei deren Veranstaltungen gelten deren Regeln. Dennoch sind die Grenzen nicht immer klar. Integration sei ein wichtiger Teil des Ganzen, sagt Teichtal. "Aber Integration heißt nicht automatisch Assimilation."

In der Grund- und Oberschule wird klar getrennt zwischen weltlichen und religiösen Fächern. Die allgemeinbildenden Fächer unterrichten Fachlehrer, wie an jeder anderen Schule. Chabad richtet den Religions- und Hebräischunterricht aus. Natürlich werden jüdische Feiertage und Speisevorschriften eingehalten. Schulleiterin Heike Michalak betont, dass es dabei um einen kleinsten gemeinsamen Nenner geht. Es gebe eine Kleiderordnung und auch die strengsten Koschergesetze, damit kein Kind ausgegrenzt werde, sondern nach seinen Traditionen leben könne.

"Orthodox, aber offen"

Die Logik ist klar: Wo die Regeln in der Schule jüdisch-liberal sind, könnten orthodoxe Kinder nicht teilnehmen. Ist aber das Konzept orthodox, können alle mitmachen und danach praktizieren, was auch immer sie wollen, also zu Gottesdiensten gehen, bei denen Männer und Frauen gleichberechtigt sind oder auch Schweinefleisch essen.

Rabbiner Yehuda Teichtal sieht Chabad Lubawitsch nicht als klassisch orthodoxe oder gar ultraorthodoxe Bewegung an. Ganz im Gegenteil, "ultraorthodox" sei ihm zu negativ konnotiert, damit hätte Chabad nichts zu tun. "Tatsächlich gibt es innerhalb der jüdischen Welt Menschen, die eher orthodox sind und es gibt Menschen, die eher liberal sind. Die Welt von Chabad ist vielleicht ein dritter Weg: Er ist orthodox, aber offen", sagte er. Selbstverständlich seien die Rabbis traditionell. Aber alle Menschen würden respektiert, egal woher sie kämen. "Die Erwartung ist nicht, dass man, wie in vielen orthodoxen Organisationen üblich, einem bestimmten Ritus folgen oder eine bestimmte Ebene der Praxis haben muss, um teilzunehmen."

Rabbiner Yehuda Teichtal und Architekt Sergej Tchoban stehen auf dem Baugrundstück für das Chabad Jüdische Bildungszentrum. (Quelle: dpa/Soeren Stache)
Gebaut wird auf einem Grundstück in der Westfälischen Straße. | Bild: dpa/Soeren Stache

Eröffnung für 2020 geplant

Dennoch stehen vor allem Liberale und bewusst säkulare Juden Chabad kritisch gegenüber. Von den 70 Mitarbeitern von Chabad ist zwar der Großteil weiblich, aber geistliche Führungspositionen werden ausschließlich von Männern ausgeübt, auch die Homepage von Chabad zeigt fast nur Männer. Doch das Angebot von Chabad ist für viele verlockend. Dort werden alle mit offenen Armen empfangen beziehungsweise wird stark um Jüdinnen und Juden geworben. Ein Service, den die jüdischen Gemeinden in Deutschland viel zu oft und über Jahrzehnte versäumt haben. Zuguterletzt sind Chabadniks perfekte Fundraiser und haben vermögende Spender. Das heißt, es gibt immer gutes Essen und großzügige Hilfspakete zu Feiertagen.

Durch die Einzigartigkeit des Jüdischen Campus ist Rabbiner Teichtal deutschlandweit und international ein Coup gelungen. Es werden sich vermutlich viele Interessenten anmelden und sicher wird sich Chabad ein ansprechendes und umfangreiches Programm ausdenken. Die Eröffnung ist für Ende 2020 geplant.

Beitrag von Miron Tenenberg

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Es stört mich ehrlich gesagt, dass sich hier bei uns diese Radikalreligiösen zunehmend breit machen. Ob nun jüdisch oder nicht... :(

  2. 7.

    Schlachten ist nie nett, das industrielle Schlachten erst recht nicht. Werden die Maschinen angehalten, wenn der Bolzenschuss nicht richtig betäubt hat? Als Schächter darf im Judentum nur jemand arbeiten, der in einem schnellen Schnitt sowohl die Blutversorgung zum Gehirn als auch Luft- und Speiseröhre zu durchtrennen vermag. Die tierärztlich beründete Annahme ist, dass das zu einem schnellen und schmerzlosen Ausbluten des Tieres führt.

    Ich lebe vegetarisch. Aber nicht jeder will so leben, sicher auch nicht jeder Tierrechtler. Wer wirklich jüdisch-orthodox lebt, wird kaum Fleisch essen, denn es ist viel teurer ist als das Billigfleisch aus dem Supermarkt. Insofern würden sie vielen Tieren ersparen, überhaupt geschlachtet zu werden - gäbe es nicht die industrielle Schlachtung.

    Im übrigen ist "rein" keine sinnvolle Übersetzung des hebräischen "koscher". Es bedeutet "unbedenklich".

  3. 6.

    Unter Tierschutzaspekten finde ich die Art wie Orthodoxe zu ihren "Reinen" Speisen kommen einfach unausstehlich. Das sind Vetbohrtheiten des orthodoxen Rechthabertums die für mich in unserer "Willkommenskultur" gar nicht willkommen sind.

  4. 5.

    Ich freue mich, dass Juden in Berlin wieder Fuss fassen. Auch empfinde ich es als eine Ehre, dass Juden sich überhaupt für Berlin interessieren. Nicht mal die Bundesregierung, nicht mal Westdeutschland, nicht mal die Berliner interessieren sich für Berlin, sondern lassen es an allen Ecken verrotten und vermüllen. Wer hier eine Zukunft sieht, toi, toi, toi.

  5. 4.

    Vollkommen dacor
    Es ist immer wieder interessant ,dass sich Mehrheiten von Minderheiten Dinge gefallen lassen müssen , die die Mehrheit in umgekehrter Richtung nicht mal ansatzweise fordern dürfen.

  6. 3.

    Liest sich überzeugend, vor allem wegen der angekündigten Qualitätsmaßstäbe. Gutes Gelingen!

  7. 2.

    Sachlich fundierte Kenntnisse!
    Wir sind gespannt!

  8. 1.

    Mir ist es egal, welche Religionsgruppe wie ihren Glauben ausübt...- solange ich als Atheist nicht belästigt werde und die Religionsausübung mit den Grundrechten übereinstimmt....
    Und da habe ich jetzt z.B. meine Probleme, wenn Kleidungsvorschriften ausschließlich für Mädchen gelten ...
    In Israel erkennen die "Ultraorthodoxen" den israelischen Staat nicht an (leisten keinen Wehrdienst, missachten Hymne und Flagge,...), weil er nach ihrem Verständnis kein "Gottesstaat ist(auf den Messias wird noch gewartet) . Das führte im letzten Jahr sogar zu ungewöhnlichen Kooperationen: Ultraorthodoxe liefen beim AlQuz in Berlin bei den "Israelgründen" mit!. In Israel werden auch säkulare Juden beschimpft und teilweise angegriffen, wenn sie sich nicht an die Feiertagsverbote halten (absolutes Verbot zu arbeiten, Kinobesuch, Tanzveranstaltungen,....)! Deshalb sind sie von der Mehrheitsgesellschaft auch nicht unbedingt wohlgelitten, weil sie überproportional Sozialleistungen beziehen (auch wenn die nicht vom "Gottesstaat" kommen!) und zum gesellschaftlichen Reichtum nichts beitragen (wollen)!!
    Ich habe im Prinzip nichts gegen den Campus und finde es auch ungeheuerlich, dass der wahrscheinlich von der Polizei schwer bewacht werden muss! Und ich weiß natürlich auch nicht, wie entfernt diese Religionsgemeinschaft an den von mir oben dargestellten Wertvorstellungen entfernt ist...
    Ich halte es aber für bedenklich, dass unsere Gesellschaft zunehmend ihren säkularen Charakter verliert, die Religionen in unterschiedlichem Maße, verschiedene gesellschaftliche Felder prägen möchten....Das fängt bei der Bekämpfung des Neutralitätsgebotes an ( sekundiert u.a. von Justizsenator Behrendt), setzt sich mit seltsamen islamistischen Weiter"Bildungs"Veranstaltungen in einigen Moscheen fort, zeigt sich an der überproportionalen Einflussnahme der christlichen Kirchen (Rundfunkrat, Sonntagsarbeit, säkulare Feierverbote an Karfreitag, Ansteckkreuze für Berlin-Brandenburgische Religionslehrer, Disk. um die Garnisonkirche, eigenes Arbeitsrecht, ....) Und unterstützt wird das alles durch staatliche finanzielle Zuwendungen (Lutherjahr!) und absoluter Toleranz bei Regelüberschreitungen von Religionsgruppen....
    Ist schon bekannt, aus welchen Quellen der Campus finanziert wird?

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