Erzieherin mit Kindern in einer Berliner Kita (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Bild: dpa/Britta Pedersen

Kampf gegen die Kita-Krise - Berliner Jugendämter erhöhen Druck auf städtische Kitas

Die Sommerferien rücken näher, doch noch fehlen in Berlin Hunderte von Kitaplätzen. Nun haben sich auch die Jugendämter eingeschaltet. Die städtischen Kitas sollen freie Plätze melden. Viele Eltern verunsichert das. Von Tina Handel

Die Jugendämter in Berlin erhöhen den Druck auf die städtischen Kitas: Als Reaktion auf die Kitakrise haben die Bezirke Vereinbarungen mit den Eigenbetrieben geschlossen, die einen stärkeren Zugriff des Jugendamtes auf die Plätze vorsehen. Die städtischen Kitabetriebe bieten berlinweit rund 33.000 Plätze an und haben diese bislang meist selbst an Eltern vergeben.

Derzeit laufen Abfragen, wie viele Plätze zum kommenden Kitajahr ab August überhaupt noch vergeben werden können, heißt es aus der Senatsverwaltung für Jugend und Bildung. "Wir müssen einen Überblick bekommen, wo es freie Plätze es gibt", sagte Sprecherin Beate Stoffers rbb|24 am Freitag.

"Mit so einer Panik hatten wir nicht gerechnet"

Das Vorgehen sorgt bei Eltern für Verunsicherung und Zeitdruck. "Auf einmal mussten wir ganz schnell den Vertrag fertig machen, damit der Platz nicht vielleicht weg ist", berichtet Marika Schreiber aus Lübars.

Sie hatte für ihre Tochter schon eine Zusage einer Eigenbetrieb-Kita in Reinickendorf. "Unsere Kitaleiterin sagte uns, dass sie am 15. Juni die freien Plätze melden müsse", erzählt Marika Schreiber. "Zum Glück hatten wir schon einen Kita-Gutschein und konnten uns den Platz sichern."

Andere Eltern ohne Kita-Gutschein und Vertrag hätten nun Angst, dass ihr Platz auf der Warteliste oder die mündliche Zusage nichts mehr zähle, sagt eine Mitarbeiterin des zuständigen Eigenbetriebs Kindertagesstätten Nordwest, die nicht genannt werden will. "Das hat unglaublichen Druck ausgelöst, wir hatten nicht mit so einer Panik gerechnet", heißt es. Jetzt arbeite man an einer Lösung, die freien Plätze fair zu verteilen.

Unterschiedliche Regelungen für jeden Bezirk

Jeder Bezirk hat unterschiedliche Regelungen zwischen Kitas und Jugendamt getroffen: "Wir haben mit Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte vor einigen Tagen eine Vereinbarung unterschrieben", sagt Katja Grenner vom Eigenbetrieb Kindergärten City, der mehr als 7.000 Kitaplätze anbietet. "Die Bezirke melden uns nun am Monatsanfang ihre dringendsten Fälle und wir versuchen, die Kinder unterzubringen."

Das Jugendamt entscheide vor allem danach, ob ein Kind dringend Förderbedarf habe. Bislang gehe es um eine "überschaubare Zahl" an Plätzen, sagt Grenner. "Unseren Kitaleitungen war es wichtig, dass es keine massenhafte Belegung von außen gibt, sondern dass sie selbst entscheiden können."

Pankow meldet drei Prozent der Plätze ans Amt

Pankow hat sich für eine Quotenregelung entschieden: "Drei Prozent der Plätze sollen die Kitas dem Jugendamt anbieten", sagt Jugend-Bezirksstadträtin Rona Tietje. Das seien 135 Plätze, die man mit Härtefällen von der Warteliste des Bezirksamtes belegen wolle. "Drohender Arbeitsplatzverlust ist zum Beispiel ein Faktor, den wir berücksichtigen", so Tietje. Auch Geschwisterkinder würden bevorzugt behandelt. Der Bezirk schließt nicht aus, dass das Jugendamt  künftig noch mehr Plätze vergibt. "Aber wir müssen erst einmal schauen, wie es mit der momentanen Quote läuft", sagt Rona Tietje. "Was wir in jedem Fall vermeiden wollen, ist noch mehr Unruhe unter den Eltern."

Eltern-Bündnis fordert Planungssicherheit

Das unterschiedliche Vorgehen der Bezirke verstärke für Eltern die Unübersichtlichkeit bei der Platzsuche, kritisierte das Bündnis Kitakrise, das Ende Mai eine Demo in Berlin organisiert hatte. "Der Druck auf die Kitas wird erhöht", sagt Ann-Mirja Böhm von der Elterninitiative. "Was ist mit Eltern, die noch keinen Vertrag unterschrieben haben, vielleicht, weil sie gerade verreist sind", fragt Böhm. "Wird deren Platz jetzt an das Jugendamt gegeben?"

Es sei gut, dass an einer Lösung gearbeitet werde, um alle Eltern mit Kita-Gutschein zu versorgen. "Aber die Eltern müssen planen können", fordert Böhm. Es dürfe auf keinen Fall passieren, dass Wartelisten oder Zusagen der Kitas wertlos werden.

Sendung: Inforadio, 15.06.218, 17:00 Uhr

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 4.

    Dass das Budget in vielen Familien nicht ausreicht, impliziert nicht automatisch, dass sie nicht verläßlich sind und keine Steuern zahlen.
    Im Gegenteil.
    Der Kitaplatz wird ja deswegen dringend gebraucht, um arbeiten gehen zu können. Arbeiten zu gehen beinhaltet das Zahlen von Steuern.
    Daher ist Ihr Kommentar nicht nachvollziehbar.
    Und ja, es wäre so schön und verantwortungsbewußt, wenn die "Stärkeren", die es sich leisten können, für die Anderen, die ein existenzielles Problem bewältigen müssen, einstehen würden.
    Aber sobald es an die Mehrung des eigenen Wohlstands geht, die immer im Vordergrund steht, wird scharf geschossen.
    Schade schade...

  2. 2.

    Die Vergabekriterien sind nicht fair.
    Kinder mit Förderbedarf und Eltern, die arbeiten gehen müssen, weil das Familienbudget sonst nicht ausreicht müssen unbedingt bevorzugt werden.
    Eltern, die es finanziell auffangen können noch zu warten, müssen sich hinten anstellen oder können Tagesmütter finanzieren und/oder private Einrichtungen. Natürlich ist es nachvollziehbar, dass auch diese Elternteile den Wunsch haben, in den Job zurück zu kehren, es handelt sich dabei aber nicht um ein existenzielles Problem.
    Eltern die nicht arbeiten gehen, haben die Zeit und Möglichkeit, sich tagsüber mit Anderen zu treffen, damit ihr Kind Sozialkontakte aufbauen kann. Das geht auch ohne Kindergarten. Krabbelgruppen, Singstunden, Spielplätze und selbst organisierte Mutter-Vater-Kind-Gruppen sind Alternativen.
    In der Kita meines Enkels sind mindestens ein Drittel Kinder, deren Mütter Hausfrauen sind.
    Warum kann nicht wieder mehr Eigeninitiative gefordert werden? Das klappte früher auch.
    Heute sind die Spielplätze vormittags verwaist, die Kitas aber überfüllt. Schade!
    Das Problem der fehlenden Kitaplätze ist damit nicht gelöst, es könnte aber bis dahin fairer damit umgegangen werden.

  3. 1.

    Also wir suchen auch noch einen Platz ab August. Die Plätze wurden aber schon im März/April vergeben. Tja... alles voll. Verträge dürfen meines Wissens Frühstens 3 Monate vor Beginn unterzeichnet werden. Also wird es langsam echt knapp... die Kitasuche ist einfach nur Schrecklich. An den anmelde System muss dringend was geändert werden. Es kann nicht sein das man auf Listen gesetzt wird wo 200 Kinder vor einem drauf stehen.

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