Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verneigt sich am 03.06.2018 nach einem Festakt im Tiergarten vor dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
Video: rbb|24 | 03.06.2018 | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Zehn Jahre Homosexuellen-Denkmal - Steinmeier: "Ich bitte um Vergebung für all das Leid"

Auch nach 1945 wurden Homosexuelle nach Paragraph 175 verhaftet, verurteilt und eingesperrt. Bundespräsident Steinmeier hat sich für die Verfolgung von Schwulen und Lesben in der NS-Zeit, aber auch in den folgenden Jahrzehnten entschuldigt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat für das Unrecht an Homosexuellen in Deutschland um Vergebung gebeten. Der deutsche Staat habe diesen Menschen schweres Leid zugefügt; vor allem unter den Nationalsozialisten, aber auch danach noch - sowohl in der DDR wie auch unter dem Grundgesetz -, sagte der Bundespräsident am Sonntag. So habe der Paragraf 175 die NS-Zeit noch über 20 Jahre unverändert überdauert.  Der 8. Mai 1945 sei für Homosexuelle "nicht der Tag der völligen Befreiung" gewesen, sagte der Bundespräsident.

"Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen"

Auch nach Gründung der Bundesrepublik seien zehntausende Männer nach dem Paragraphen 175 verhaftet, verurteilt und eingesperrt worden. Sie hätten sich weiter verstecken müssen, wurden weiterhin bloßgestellt und hätten ihre wirtschaftliche Existenz riskiert. An die Betroffenen gerichtet, sagte Steinmeier: "Ihr Land hat Sie zu lange warten lassen. Deshalb bitte ich heute um Vergebung - für all das geschehene Leid und Unrecht, und für das lange Schweigen, das darauf folgte."

Günter Dworek vom Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) sagte unter dem Applaus der Gäste, die Worte des Bundespräsidenten bedeuteten den Betroffenen "sehr, sehr viel". Erstmals habe mit Steinmeier ein Staatsoberhaupt an dem vor zehn Jahren eingeweihten Denkmal gesprochen. Schwule und Lesben hätten es auch nach der NS-Zeit alles andere als leicht gehabt. Der Rechtlosigkeit sei eine lange Phase widerwilliger Duldung gefolgt. "Aber wir haben uns durchgebissen, Schritt für Schritt mehr Akzeptanz und Rechte erkämpft. Das hat unsere ganze Gesellschaft freier und unser Land lebenswerter gemacht", betonte Dworek.

Ein Kranz des Bundespräsidenten steht vor dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Tiergarten (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)
Seit Sonntag läuft als insgesamt dritter Film ein Schwarz-Weiß-Video der israelischen Multimediakünstlerin Yael Bartana. | Bild: dpa/Ralf Hirschberger

Kuss in der Öffentlichkeit bedeutet auch heute noch Gefahr

Trotz der vor einem Jahr beschlossenen Ehe für alle und der rechtlichen Gleichstellung könne ein Kuss in der Öffentlichkeit aber auch heute noch Gefahr bedeuten. Woche für Woche gebe es homophobe und transfeindliche Übergriffe. "Das darf eine demokratische Gesellschaft nicht kalt lassen", mahnte Dworek.

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) äußerte sich besorgt über steigende Zahlen homophober Angriffe. Berlin müsse dagegen als "Regenbogenhauptstadt" Position beziehen. Müller nannte das Denkmal einen wichtigen Ort für das mahnende Gedenken an die verfolgten Homosexuellen in der Hauptstadt. Vor den Opfern verneige man sich gemeinsam. Es habe viel zu lange gedauert, ehe sich Schwule und Lesben frei lieben konnten, sagte der Regierende Bürgermeister.

Ein Film in Endlosschleife

Das zentrale Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen war am 27. Mai 2008 eingeweiht worden. In dem grauen Kubus gegenüber dem Holocaust-Mahnmal läuft in Endlosschleife ein Film, der durch ein Fenster betrachtet werden kann und der alle paar Jahre gewechselt wird. Seit Sonntag läuft nun als insgesamt dritter Film ein Schwarz-Weiß-Video der israelischen Multimediakünstlerin Yael Bartana. Ihr Film war von einem internationalen Gutachtergremium aus elf Vorschlägen ausgewählt worden. Er zeigt zwei sich küssende Frauen und zwei sich küssende Männer.

Schätzungen zufolge wurden in der NS-Zeit rund 54.000 Homosexuelle verurteilt. Etwa 7.000 von ihnen, darunter mehrheitlich schwule Männer, kamen in Konzentrationslagern aufgrund von Hunger oder Krankheiten, durch Misshandlungen oder gezielte Mordaktionen um. Der in der NS-Zeit verschärfte Homosexuellen-Paragraf 175 wurde in der Bundesrepublik erst 1969 reformiert und damit Homosexualität unter Erwachsenen straffrei. Endgültig aufgehoben wurde der Paragraf 175 aber erst 15 Jahre später.

Sendung: Inforadio, 03.06.2018, 8 Uhr

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1 Kommentar

  1. 1.

    Ich bezweifle die Kompetenz des derzeitigen deutschen Bundespräsidenten Steinmeier, die homosexuellen Menschen Deutschlands für die Unrechtstaten des Deutschen Staats in der Zeit des III. Reichs und der DDR um Verzeihung zu bitten, weil mMn die Bundesrepublik Deutschland hierfür keine Verantwortung trägt. Ursächlicherweise, müsste er für den bundesdeutschen Gesetzgeber ab 1945 um Verzeihung bitten, aber auch dafür fehlt ihm meiner Meinung nach die Zuständigkeit, denn die Gesetzgebungskompetenz lag bei den verantwortlichen Parteien des Bundestags und des Bundesrats, die keinen Handlungsbedarf erkennen wollten.

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